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KULT_online: Maase, Kaspar: Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur. Tübingen: Tübinger Verein für Volkskunde, 2011.

Maase, Kaspar: Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur. Tübingen: Tübinger Verein für Volkskunde, 2011.
Eine Rezension von:
Justyna A. TurkowskaMail
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Maase, Kaspar: Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur. Tübingen: Tübinger Verein für Volkskunde, 2011.
Abstract:
Der Band Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur – eine Sammlung von vielen bislang nur verstreut zugänglichen kulturanalytischen Aufsätzen von Kasper Maase – lädt dazu ein, die kulturellen Aneignungs-, Zuordnungs-, Abgrenzungs- und Distinktionspraktiken der deutschen Nachkriegsgesellschaft erneut, unter stärkerer Berücksichtigung ihrer ästhetischen Orientierung, zu deuten und zu (de)kontextualisieren. Die thematischen Schwerpunkte bilden Fragen nach der Amerikanisierung der deutschen populären Kultur, nach der Ästhetisierung der Alltagswelt, nach einem kulturellen Referenzsystem und nach der Prägung und Homogenisierung des Populären. Die Analyse orientiert sich dabei an den Akteuren der Jugend- und Unterhaltungskultur und liefert historische Beispiele, die die Geschichte der westdeutschen Massenkultur und ihrer Verwestlichung plakativ illustrieren. Statt einer komplexen historischen Darstellung der populären Kultur, eines methodologischen Wegweisers oder systematisch aufgebauter theoretischer Überlegungen bietet der facettenreiche Band vielmehr analytische Inspiration auf dem Weg zur Entdeckung des Populären in der Welt der alltäglichen Erlebnisse.

Rezension:

Die Wiederentdeckung des Gewöhnlichen! – über Allgegenwärtigkeit und Ästhetik des Populären

"Aus der Volkskultur über die Gegenkultur in die Massenkultur" (S. 311) – so skizziert Maase den Weg der Gemeinkultur von der Arbeiterkultur bis hin zur populären von Alltagsmenschen geprägten und gesellschaftlich von allen Schichten geteilten Kultur. Dabei richtet er den Blick nicht nur auf die Produzenten, Produkte, Selbstinszenierungen und die Rezeptionsgeschichte. Vielmehr wird der Fokus auf die in der Forschung, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch immer wenig berücksichtigte Analyse der ästhetischen, genussorientierten Erfahrung und der situativen, einmaligen Alltagspraktiken gesetzt, von denen die gesellschaftlichen Dynamiken und Veränderungen ebenso stark beeinflusst werden. Die Fragen nach der Wirkung und Bedeutung der ästhetischen Orientierung des Alltagsmenschen für die Gesellschaft erscheinen dabei als zentral und versuchen die Tradition der heutigen "Populärkultur als Repräsentativkultur" (S. 230) aufzuspüren. Die Aufsätze sind in drei thematische Einheiten aufgeteilt – "Amerikanisches", "Populäre Praktiken" und "Alltagserfahrungen".

Unter dem Obertitel "Amerikanisches" finden sich Texte, die sich mit der angeblichen Amerikanisierung der deutschen Kultur der Nachkriegsjahre und dem vermeintlichen amerikanischen Kulturimperialismus auseinandersetzen. Beide Thesen de-legitimierend, macht Maase ("Wie deutsch ist Elvis...", S. 12-30) den Fall diverser Amerikanismen auf, die als Lebens- und Denkmuster die Linien der Aneignung wie auch der Ablehnung der amerikanischen Kulturelemente vorgaben – vom technokratischen über den egalitären bis hin zum hedonistischen Amerikanismus. Die Begriffe des 'Amerikanismus' und der 'Amerikanismen' werden hier anstelle des eine Passivität ausdrückenden Begriffs der 'Amerikanisierung' eingeführt, um die dezidierte Zuwendung und Handlung der Akteure in den Vordergrund der Untersuchung zu stellen. Mit seinen Studien zu angeblich amerikanisch inspirierter musikalischer (Neu)Orientierung, zur Rundfunkgeschichte ("Vom Schreckbild zum Vorbild", S. 31-58) oder zur aktuellen Konsumgüternutzung ("Entamerikanisierung des Amerikanischen?", S. 59-77) verdeutlicht Maase, dass sich die Nachkriegsjahre, wie die heutige Zeit auch, neben vielen amerikanischen Inspirationen "durchaus als endlose Kette von Misserfolgen darstellen beim Versuch, den Deutschen (...) Filme, Konsumgüter aus den USA schmackhaft zu machen" (S. 17). Das Amerikanische durchlief nämlich mehrere, je nach Kontext verschieden ausgerichtete Bedeutungs- und Zuschreibungswandel, wurde funktionalisiert, instrumentalisiert sowie als eine semiotische Auseinandersetzung projiziert.

Im Abschnitt "Populäre Praktiken" werden Aufsätze zur Alltagskultur, deren Praktiken, Inszenierungen, Zwängen und Ordnungskategorien zusammengefasst und die lange als die Kultur der Unterschichten geltende populäre Kultur aus einer sie historisierenden Sicht betrachtet. Entlang der These, dass ästhetisierende Erlebnisse und Projektionen bei allen sozialen Schichten sichtbar und existenziell unverzichtbar sind, thematisiert Maase am Beispiel jugendlicher Stilisierung der Halbstarken oder der Umdeutung von Gender-Bildern die Differenzierungskonzepte und -kompetenzen und deren Rezeption bei der Nachkriegsgesellschaft. Ferner skizziert er die Annährungsmomente der Hoch- und Volkskultur, die zur Legitimierung und Homogenisierung des Populären führten.

Die Texte des dritten Teils – unter dem Titel "Alltagserfahrungen" – plädieren mit ihrem breiten Spektrum der thematischen Exemplifizierung für eine vertiefte und ernst gemeinte Sensibilisierung für die Erfahrungen des Alltagsmenschen, für dessen Wahrnehmungen und Umgangsweisen mit der populären Kultur. Schließlich ist diese in vielerlei Hinsicht als Gemeinkultur zu betrachten. Es ist, so könnte man ferner sagen, ein Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung der Stimme eines Menocchios in der zu häufig von oben herab gedeuteten Medien- und Kulturgeschichte und für eine Aufwertung des Populären (vgl. Carlo Ginzburgs kulturgeschichtliche Studie über Menocchio – einen von der Inquisition verhörten und verurteilten Müller aus einem italienischen Bergdorf – und über die vom ihm repräsentierte volkstümliche Tradition: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600. Frankfurt a. M. 1979). Aufmachend mit Überlegungen zur Kategorisierung des Schönen und mit einem Aufruf zum methodologischen Banausentum ("Der Banause...", S. 238-271), d.h. zu einer methodologischen Perspektive, das Schöne als "eine vom Subjekt produzierte angenehme Erfahrung" (S. 245) zu verstehen, bekundet der Autor das Begehren nach dem Schönen, nach einem ästhetischen Erlebnis und ästhetischer Befriedigung als eines der wichtigsten Handlungsmotive und als "eine erstrangige Determinante des Alltagshandelns von Menschen in westlichen Industriegesellschaften" (S. 239). Körperlichkeit und Sinnlichkeit nennt er dabei als signifikante Aspekte der ästhetischen Erfahrung; einer ästhetischen Erfahrung, die sich nicht nur im Rahmen einer kanonisierten Kunst abspielt, sondern weit über sie hinausgreift – in Bereiche der Sachkultur, der 'trivialen' Künste, der alltäglichen Perzeptionen, Praktiken und Erlebnisse.

Dieser von den Herausgebern zu Maases Verabschiedung und zur Ehrung seiner langjährigen Tätigkeit am Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen konzipierte Band öffnet eine Breite von thematischen und methodologischen Zugängen zur Erforschung der Alltagskultur, ein reiches Panorama spannender kulturwissenschaftlicher Analysen, die als Einladung zu weiteren Studien und als Impulsgeber zu verstehen sind. Er macht Lust auf mehr. Man will mehr erfahren, tiefer in die vorgestellten Beispiele eindringen und mehr von den von Maase mit Absicht nur aufgeworfenen, aber nicht vollständig ausgeführten Fragen methodisch und historisch aufgreifen. Er skizziert Entwicklungslinien und gibt Einblicke in die Archäologie des Populären. Für den historisch stark interessierten und komplexere Studien suchenden Leser bleibt allerdings vieles nur leicht berührt und zu wenig belegt. Der Band ist vielmehr als ein Aufruf zur Aufwertung der populären Kultur und der ästhetisierenden symbolischen wie auch situativen Alltagspraktiken zu lesen; als eine Aufforderung nicht nur zum methodologischen Banausentum, sondern zu einer kritischen Reflexion über unsere eigene kulturanalytische Sicht, ihre Einschränkungen und Wertungen.


Maase, Kaspar: Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur. Tübingen: Tübinger Verein für Volkskunde, 2011 (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen; Bd. 111). 348 S., broschiert, 23 €. ISBN: 978-3-932512-68-1


Inhaltsverzeichnis


Vorwort 7

Amerikanisches


Wie deutsch ist Elvis Presley, wie amerikanisch die Amerikanisierung? Volkskundlich-kulturwissenschaftliche Überlegungen zum Spiel der Amerikanismen 12

Vom Schreckbild zum Vorbild. Wie und warum sich der deutsche Rundfunk amerikanisierte 31

Entamerikanisierung des Amerikanischen? Eine Lokalstudie zur Nutzung von Kulturimporten in Tübingen 59

A Taste of Honey. Adorno's reading of American Mass Culture 78

Populäre Praktiken


"Stil" und "Manier" in der Alltagskultur – Volkskundliche Annährungen 91

"Schundliteratur" und Jugendschutz im Ersten Weltkrieg. Eine Fallstudie zur Kommunikationskontrolle in Deutschland 119

Rhythmus hinter Gittern. Die Halbstarken und die innere Modernisierung der Arbeiterkultur in den fünfziger Jahren 145

"Lässig" kontra "zackig". Nachkriegsjugend und Männlichkeit in geschlechtergeschichtlicher Perspektive 189

"Wer findet denn so etwas komisch?" Die Massen und ihr Lachen 213

Populäre Kultur als repräsentative Kultur. Auch: Michel im Glück 228

Alltagserfahrungen

Der Banause und das Projekt schönen Lebens. Überlegungen zu Bedeutung und Qualitäten alltäglicher ästhetischer Erfahrungen 238

"Jetzt kommt Dänemark". Anmerkungen zum Gebrauchswert des frühen Rundfunks 272

Das Recht der Gewöhnlichkeit. Zur Durchsetzung von Gemeinkultur in der Bundesrepublik 297

"Der Feind, den wir am meisten hassen...". Über gutes Leben, Intellektuelle und den Unverstand der Massen 319


Brigitta Schmidt-Lauber: BRAVO Maase! – Ein Nachwort 336

Veröffentlichungsnachweis 346


© bei der Autorin und bei KULT_online

Zitation:
Maase, Kaspar: Das Recht der Gewöhnlichkeit. Über populäre Kultur. Tübingen: Tübinger Verein für Volkskunde, 2011.

ISBN: 9783932512681
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