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KULT_online: North, Michael (Hg.): Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2009

North, Michael (Hg.): Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2009
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KULT_wissenschaft
North, Michael (Hg.): Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2009
Abstract:
'Kultureller Austausch' ist in aller Munde und nimmt inzwischen viel Raum in den Geisteswissenschaften ein – so auch in der historiographischen Forschung zur Frühen Neuzeit. Die verschiedenen Theorien und Methoden, die in den letzten 20 Jahren entwickelt wurden, sind unter dem Dach der Kulturtransferforschung zusammengefasst. Zunehmend wird der Austausch von Wissen, materiellen Gütern oder auch Personen als ein komplexer Prozess verstanden, in dem die Gegenstände des Transfers permanent neu verhandelt werden. Aber nicht nur das transferierte Objekt wandelt sich ständig, sondern durch den Transfer verändern sich auch 'Sender' und 'Empfänger', die ebenfalls als ein Konstrukt verschiedener Transferprozesse gesehen werden können. Die Autoren im vorliegenden Sammelband widmen sich diesen Zugängen aus verschiedenen Perspektiven: Neben theoretischen Diskussionen um Begriffe wie Transfer und Austausch werden empirische Studien vorgestellt, die zeigen, wie der kulturelle Austausch von Wissen und Waren betrachtet werden kann.
Rezension:

Transfer, Austausch, Verflechtung – und weiter?

"Dem kulturellen Austausch kann niemand entfliehen […]", so beginnt Georg Schmidts Aufsatz in dem Band Kultureller Austausch, der die Beiträge der 7. Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit 2007 in Greifswald präsentiert. Schmidt drückt mit seinem Zitat die Position vieler der beteiligten Autoren aus, wobei sich eine Tendenz abzeichnet, den Transfer als Kommunikationsprozess zu betrachten.
Das 2009 vorgelegte Werk ist nach den Tagungssektionen in sechs Abschnitte untergliedert, deren Beiträge jeweils trotz großer formaler Varianz (etwa in der Länge der Aufsätze zwischen dreieinhalb bis zu 19 Seiten) inhaltlich kohärent wirken.
In der Einleitung skizziert der Herausgeber Michael North, welche Theoriemodelle bisher entwickelt und verbreitet wurden, u.a. transfers culturels (Espagne/Werner), cultural exchanges (Burke), entangled history und histoire croisée (Werner/Zimmermann). Als vorrangige Desiderata sieht er, der oft asymmetrischen Quellenverteilung entgegen zu arbeiten und vermehrt auf die Bedeutungen der Objekte zu achten, die sich in der Aushandlung des Austauschprozesses konstant wandeln.

Unter Kultureller Austausch theoretisch, eingeleitet von Wolfgang Schmale, werden Begriffe und Konzepte diskutiert. Martina Steer geht der Frage nach, wie das Konzept des Kulturtransfers sinnvoll in der jüdischen Geschichte der frühen Neuzeit eingesetzt werden könnte. Wie sich die Transfergeschichte und der spatial turn zum Epochenkonzept Frühe Neuzeit verhalten, untersucht Cornel Zwierlein in seinem Beitrag und konkretisiert dies mit einem Fallbeispiel.
Souverän präsentiert Michael Werner vier – für ihn hervorstechende – Spannungsverhältnisse der Kulturtransferforschung: Universalität versus Spezifität, interkulturelle versus akteurzentrierte Bestimmung, friedlicher versus agonaler Transfer, Transfer und Verflechtung. Dabei spricht er die Entwicklungen und Auseinandersetzungen der Kulturtransferforschung seit ihren Anfängen an, etwa über unterschiedliche Kulturbegriffe und Transfervorstellungen, und kommt schließlich zur Histoire croisée oder Verflechtungsgeschichte als neueres und besser geeignetes Modell für einige Gegenstände in mehrdimensionaler Verknüpfung, die wiederholt aufeinander ein- und rückwirken und im Transferprozess zugleich das analytische Bezugssystem verändern. Damit die Verflechtungsgeschichte sich nicht in der Relativität verliere, müsse sie allerdings objektzentriert bleiben. Des Weiteren begegnet Werner dem Vorwurf, dass die Transferforschung den 'Kulturimperialismus' verharmlose. Machtverhältnisse und Kommunikationstechniken spielten in Transferprozessen immer eine Rolle. Nicht zu vernachlässigen sei jedoch auch wie die 'Kolonialisierten' die 'Kulturimperialisten' beeinflussten und der Austausch auf die Ausgangsgesellschaften rückwirke.
Peter Burke spricht sich in seinem Beitrag dafür aus, statt 'Transfer' (von einem Ort zum anderen) lieber 'Austausch' (exchange) oder noch besser 'Austausche' (exchanges) zu benutzen. Für ihn ist kultureller Austausch eng verbunden, wenn nicht sogar identisch mit kultureller Übersetzung, die er dann in ihrer literarischen und metaphorischen Form erläutert.

Auch in den anderen Sektionen werden die unterschiedlichen Theoriemodelle wieder aufgegriffen.
In der Einleitung zu Kultureller Austausch innerhalb der deutschen Nation macht Georg Schmidt deutlich, dass Nation ebenfalls eine zu verhandelnde Kategorie ist. Die vorgestellten Beiträge zeigen exemplarisch, dass zwischen nationalem und transnationalem Wissens- und Wertetransfer kaum getrennt werden kann. Die Themen, die dabei aufgegriffen werden, sind Migration (Matthias Asche), Bildung und Raumbegriff (Thomas Töpfer) sowie Rechtswesen (Nicole Grochowina).

Heiko Droste fasst die Ergebnisse der Sektion Herrschaftsvermittlung als kultureller Austausch (vorgestellt von Stefan Brakensiek) in einem ausführlichen Kommentar zusammen. Wesentlich sei dabei, Herrschaftsvermittlung in der frühen Neuzeit als Kommunikationsprozess zu begreifen. Die Breite möglicher Machtbeziehungen dürfe nicht als ein einziges Werkzeug der Machtdurchsetzung missverstanden werden. Die einzelnen Beiträge beleuchten Formen der Herrschaftsvermittlung mit dem Schwerpunkt im 18. Jahrhundert in verschiedenen Regionen: Hessen-Kassel (Karin Gottschalk), Polen-Litauen (Bogusław Dybaś) und Ungarn (András Vári).

Die Sektion Kommunikation professionellen Wissens leitet Wolfgang E. J. Weber damit ein, dass – nach Burke – Wissen, anders als Information, immer schon in einen speziellen Kontext eingebunden sei, im Falle des professionellen Wissens in einen spezifischen, nur durch Vorwissen zugänglichen Kontext. Die drei Beiträge zeigen in unterschiedlichen Wissensgebieten, dass die 'Professionswissensmuster' europaweit in vergleichbarer Form verbreitet waren. Sie behandeln schwerpunktmäßig das 16. Jahrhundert, und zwar den italienischen Einfluss auf deutschsprachige Architekturtraktate (Stefan Paulus), auf einen medizinischen Traktat (Hans-Uwe Lammel) und auf das süddeutsche Kaufmannswissen (Mark Häberlein). In allen Fällen handelt es sich nicht um einen einfachen, sondern um komplexen Wissenstransfer, oft über einen längeren Zeitraum und aus mehreren Quellen.

Während die von Dagmar Freist eingeleitete Sektion Netzwerke des transnationalen Kulturtransfers eher innereuropäische Formen des kulturellen Austauschs betrachtet, widmet sich die sechste Sektion dem Thema Kultureller Austausch zwischen Europa und Außereuropa, eingeführt von Renate Pieper. In den Beiträgen zu den Netzwerken werden die Akteure des kulturellen Austausches betont. Sie verkörpern ihn geradezu als cultural agents in den Aufsätzen zum frühmodernen Buchhandel (Marika Keblusek), zur Elite von Skeppsbron in Stockholm (Klas Nyberg) und – eine Überleitung zu den außereuropäischen Transfers – zum Juwelenhandel zwischen Indien und Europa (Kim Siebenhüner). Auch bei Mark Meadows Studie über die aztekische Federkrone ist dies der Fall. Gemeinsam sind den Beiträgen zu den außereuropäischen Transfers ihre beeindruckenden Objekte: neben der Federkrone indigene Bilder und Karten Lateinamerikas (Horst Pietschmann), Kunstobjekte aus aller Welt (Markus Neuwirth) sowie Häuser und Möbel an der Koromandelküste (Martin Krieger). Sie weisen auf die globale Verflechtung Europas in der frühen Neuzeit hin und stellen diese gekonnt in konkreten Beispielen dar.

Vergleicht man allerdings zum Beispiel die Interpretationen von Transfer bei Werner (ein Austausch, der in beide Richtungen wirkt) und Burke ('Transport' von A nach B) wird eine Schwachstelle des Sammelbandes deutlich: Unterschiedliche Begriffe werden für Gleiches und gleiche Begriffe für Unterschiedliches verwendet. Das, was Werner als Transfer bezeichnet, möchte Burke exchanges nennen. Damit spiegelt der Band durchaus die Problematik der Forschung wider. Eher selten wird zum Beispiel der erweiterte Transferbegriff wie in 'Transferforschung' unterschieden von dem speziellen wie in einem einzelnen 'Transferprozess'. Ersterer subsumiert die weiterentwickelten Konzepte wie Verflechtung, Austausch etc., letzterer entspricht dem anfänglichen Konzept des Transfers und kann konkrete Fallbeispiele beschreiben.
Es hätte weiter geführt, auf der Arbeitstagung an einer klareren Abgrenzung der Begriffe zu arbeiten – sofern dies geschehen ist, sind diese Diskussionen wenig sichtbar in den Sammelband eingegangen. Ein ausführlicheres Resümee, in dem die verschiedenen Definitionen nebeneinander gestellt werden, wäre in dieser Hinsicht eine wertvolle Ergänzung gewesen. Eine Schwierigkeit dabei bliebe natürlich dennoch, dass diese Begriffe und Konzepte einen viel größeren Forschungsbereich betreffen als nur die Frühe-Neuzeit-Forschung.
Abgesehen davon schafft der Band jedoch für Historiker und Historikerinnen einen sehr guten Zugang zur Kulturtransferforschung. Die Beiträge sind durchgehend anregend und gut zu lesen. Sehr bereichernd und eine Stärke des Bandes ist es, dass hier theoretische Diskussionen durch empirische Beispiele ergänzt oder anschaulich gemacht werden. Da die zeitlichen, thematischen und geographischen Schwerpunkte der Artikel weit gestreut sind, ergeben sie zusammen ein lebhaftes Bild des kulturellen Austauschs in der Frühen Neuzeit.


Michael North (Hg.): Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2009. VII + 432 S., € 49.90. ISBN 978-3-412-20333-7 Pick It!


Inhaltsverzeichnis


Kultureller Austausch in der Frühen Neuzeit (Michael North) 1

Kultureller Austausch theoretisch

Kulturaustausch und kulturelle Transfers in der Frühen Neuzeit (Wolfgang Schmale) 11
Zum theoretischen Rahmen und historischen Ort der Kulturtransferforschung (Michael Werner) 15
Kultureller Austausch in der jüdischen Geschichte der Frühen Neuzeit (Martina Steer) 25
Die Auswirkung von spatial turn und Kulturtransferheuristiken auf das Epochenkonzept 'Frühe Neuzeit' (exemplifiziert anhand der Transfers des Versicherungsprinzips) (Cornel Zwierlein) 43
Translating Knowledge, Translating Cultures (Peter Burke) 69

Kultureller Austausch innerhalb der deutschen Nation
Kultureller Austausch innerhalb der deutschen Nation (Georg Schmidt) 81 Glaubensflüchtlinge und Kulturtransfer. Perspektiven für die Forschung aus der Sicht der sozialhistorischen Migrations- und der vergleichenden Minderheitenforschung (Matthias Asche) 89
Bildungsgeschichte, Raumbegriff und kultureller Austausch in der Frühen Neuzeit. 'Bildungslandschaften' zwischen regionaler Verdichtung und europäischer Ausstrahlung (Thomas Töpfer) 115
Wertetransfer durch Rechtsprechung. Aspekte der nationalen Rechtskultur um 1800 (Nicole Grochowina) 141

Herrschaftsvermittlung als kultureller Austausch
Herrschaftsvermittlung als kultureller Austausch (Stefan Brakensiek) 163
Herrschaftsvermittlung als kultureller Transfer? Lokalverwaltung und Verwaltungskultur in der Landgrafschaft Hessen-Kassel im 18. Jahrhundert (Karin Gottschalk) 175
Zwischen Warschau und Dünaburg. Die adligen Würdenträger in den livländischen Gebieten der Polnisch-Litauischen Republik (Bogusław Dybaś) 193
Herrschaftsvermittlung im Ungarn des späten 18. Jahrhunderts. Ein Magnat, der technische Fortschritt, die Bauern, der Komitatsadel und ein Komitatsbeamter zwischen allen Fronten (András Vári) 201
Kommentar (Heiko Droste) 217

Kommunikation professionellen Wissens
Zur Kommunikation professionellen Wissens im frühneuzeitlichen Europa. Ansätze, Medien, Transformationen (Wolfgang E. J. Weber) 229
Zwischen Kontinuität und Wandel. Deutschsprachige Architekturtraktate an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit (Stefan Paulus) 235
Medizinisches Wissen zwischen Text und Bild am Beispiel des Rostocker Humanisten Nikolaus Marschalk (Hans-Uwe Lammel) 251
Aneignung, Organisation und Umsetzung von Kaufmannswissen in Süddeutschland im 16. und 17. Jahrhundert (Mark Häberlein) 271

Netzwerke des transnationalen Kulturtransfers
Netzwerke und Kulturtransfer in der Frühen Neuzeit (Dagmar Freist) 289 Commerce and Cultural Transfer. Merchants as Agents in the Early Modern World of Books (Marika Keblusek) 295
Cultural Transfer and the Skeppsbron nobility in 18th Century Stockholm. Foreign Merchants as Intermediaries in the Introduction of New Wares (Klas Nyberg) 307
Kostbare Güter globaler Herkunft. Der Juwelenhandel zwischen Indien und Europa (Kim Siebenhüner) 325

Kultureller Austausch zwischen Europa und Außereuropa

Kulturaustausch zwischen Europa und Außereuropa in der Frühen Neuzeit (Renate Pieper) 343
The Aztecs at Ambras. Social Networks and the Transfer of Cultural Knowledge of the New World (Mark Meadow) 347
"Kulturtransfer" im kolonialen Mexiko. Das Beispiel von Malerei und Bildlichkeit im Dienste indigener Konstruktionen neuer Identität (Horst Pietschmann) 367
Diplomatischer Austausch und globaler Kunsthandel um 1600 (Markus Neuwirth) 389
Koloniale Wohnkultur an der Koromandelküste zwischen 17. und 19. Jahrhundert. Von der Faktorei-Epoche zur territorialen Expansion (Martin Krieger) 407
Abbildungsverzeichnis 429


© bei der Autorin und bei KULT_online
Zitation:
North, Michael (Hg.): Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2009

ISBN: 9783412203337
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