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KULT_online: Ryback, Timothy W.: Hitlers Bücher: Seine Bibliothek - sein Denken. Köln: Fackelträger, 2010.

Ryback, Timothy W.: Hitlers Bücher: Seine Bibliothek - sein Denken. Köln: Fackelträger, 2010.
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Rubrik:
KULT_wissenschaft
Ryback, Timothy W.: Hitlers Bücher: Seine Bibliothek - sein Denken. Köln: Fackelträger, 2010.
Abstract:
Timothy W. Ryback hat an der Harvard Universität (USA) promoviert und als Journalist für The New Yorker, The New York Times und International Herald Tribune geschrieben. Seine vorliegende Studie Hitlers Bücher behandelt das Leseverhalten Hitlers und gibt eine Übersicht über seine Bibliothek. Ryback konzentriert sich vor allem auf zehn Bücher, die Hitler entweder als Geschenk bekam (z. B. von Leni Riefenstahl oder von Dietrich Eckart) oder selbst kaufte. Der Autor rekonstruiert jeweils die Gelegenheit, bei der Hitler die Bücher bekam oder sie sich verschaffte, sowie Einflüsse der Lektüren auf sein eigenes Denken. Ein spannendes Buch, das Geschichte, Biographie und Kuriositäten miteinander verbindet, wodurch es dem Leser eine unkonventionelle Schilderung des Diktators bietet.
Rezension:

Lektüren eines Diktators

Das Datum des 10. Mai 1933 ist für die Kulturgeschichte Europas und Deutschlands von großer Bedeutung: Der nationalsozialistische Staat versetzte der angeblich 'entarteten' und 'un-deutschen' Kultur einen ersten Schlag: Hunderte Bücher von Juden, Kommunisten, Pazifisten und anderen 'Unbequemen' wurden auf zahlreichen deutschen Plätzen als 'gegen den deutschen Geist' verbrannt. Damals wurde eine Art ritueller und geistiger 'Reinigung' inszeniert: Das Feuer sollte nicht nur die Bücher vernichten, sondern auch einen starken und bleibenden Eindruck hinterlassen. Was der nationalsozialistische Apparat mit der Bücherverbrennung zeigen wollte, war sein Wille zur Zerstörung, und zwar zur physischen sowie zur geistigen, zum Auslöschen der Erinnerung an die Verfasser. Die Bücherverbrennung war ein Akt echten Nihilismus, der sich paradoxerweise gegen die angeblich 'nihilistische' Kultur der Moderne richtete.

Es ist auffällig, dass Hitler sowohl ein Bücherverbrenner als auch ein begeisterter Büchersammler war. Auf diesen Umstand macht auch Timothy W. Ryback aufmerksam, der sich in seiner vorliegenden Studie Hitlers Bücher[n] widmet. Hitler baute im Laufe der Jahre eine umfangreiche und erstaunliche Bibliothek mit den unterschiedlichsten Inhalten auf: Romane und Abenteuerromane, Texte zur Kunstgeschichte und Architektur, historische und biographische Werke, Kriegserinnerungen, Lexika zur Waffentechnik, Gedichtsammlungen, mehrere Handbücher zur Konstruktion von Kriegsschiffen, Flugzeugen und Panzern, und sogar eine wertvolle Ausgabe der gesammelten Werke Johann Gottlieb Fichtes mit einer Widmung der Regisseurin Leni Riefenstahl aus dem Jahre 1933 (vgl. auf S. 157 das Bild des Buches mit der Widmung Riefenstahls).

Die Studie Rybacks dringt tief in die Problematik des Gegenstandes ein. Ryback untersucht die Geschichte, die sich hinter diesen Büchern versteckt, und seine Nachforschung wird von einer biographischen bzw. einer anekdotischen Perspektive auf Hitler geleitet. Der Hintergrund der Ideen und der Vorstellungen, die damals üblich und verbreitet waren, spiegelt sich in dessen Persönlichkeit wider: Grundlegend ist also Rybacks Überzeugung, dass Hitler, obwohl er in der kollektiven Vorstellungswelt der Nachkriegszeit als die Verkörperung des Bösen schlechthin gilt, eigentlich ein Mann wie viele andere war, der eine Leidenschaft zu Büchern und zum Büchersammeln hatte. Seine Bibliothek spielte eine wichtige Rolle in seiner politischen Bildung und Reifung: "Sie gab ihm viel, half ihm, seine intellektuellen Unsicherheiten zu überwinden, und nährte seine fanatischen Ambitionen. Er verschlang die Bücher, las mindestens eins pro Nacht […]" (S. 14). Hitler hatte keine wirkliche Ausbildung: Er verließ früh die Schule, um seine künstlerischen Träume zu realisieren, die aber bloße Träume blieben. Es blieb also ein Hunger nach Wissen, den er durch eine autodidaktische Bildung zu stillen versuchte.

Die Arbeit Rybacks konzentriert sich bei jedem Kapitel auf ein bestimmtes Buch, das in der politischen und weltanschaulichen Entwicklung und Konsolidierung Hitlers eine Rolle gespielt hat, und er rekonstruiert auch die Hintergründe dieser 'Begegnung' Hitlers mit einem Buch. Daraus ergibt sich, dass Hitler trotz seines Eklektizismus kein 'besonderer' Leser war und dass er nicht unbeeinflusst von den literarischen, kulturellen und politischen Moden seiner Zeit blieb.

Interessant ist das zweite Kapitel Rybacks, "Der Mentor" (S. 53-87), welches die Beziehung Hitlers zu dem Publizisten und Dramaturgen Dietrich Eckart, dem geistigen Vater seiner politischen Weltanschauungen, behandelt. Eckart hatte ihm Ibsens Peer Gynt geschenkt: "Hitlers Ausgabe von Peer Gynt wirkt stark mitgenommen […]. Schlägt man das Buch auf, sieht man eine persönliche Widmung Dietrich Eckarts an Adolf Hitler […]: 'Seinem lieben Freund', abgekürzt mit 'S. L. Freund'" (S. 53).

Das dritte Kapitel "Die Hitler-Trilogie" (S. 88-125) rekonstruiert die Umstände und die Entstehung seines zweibändigen Werkes Mein Kampf, wobei es die "peinlich fehlerhafte" Grammatik des Buches nachweist: Hitler wird nämlich als ein Mann "mit Halbbildung" beschrieben (vgl. S. 102).
Besondere Aufmerksamkeit wird den Quellen des Buchs geschenkt; hier erkennt Ryback Einflüsse anderer Schriftsteller, z.B.: "Neben Günthers Rassenkunde des deutschen Volkes kann Henry Fords Der internationale Jude als wichtige Inspirationsquelle für den Inhalt von Mein Kampf gelten" (S. 99).

Ryback ermittelt unter den Büchern, die in Hitlers Besitz waren, eine deutsche Ausgabe (1925) des bekannten amerikanischen Titels von Madison Grant Der Untergang der großen Rasse, das damals ein verbreitetes Beispiel der eugenischen Bewegung war. Diesem Buch widmet Ryback das gesamte vierte Kapitel ("Eine amerikanische Bibel", S. 126-149), in dem er mehrere Anspielungen Hitlers auf das Buch Grants analysiert.

Aus politischer Sicht ist das neunte Kapitel bedeutend ("Hitlers Geschichte des Zweiten Weltkrieges", S. 250-266), welches die Figur des bekannten schwedischen Geographen, Forschers und Reiseschriftstellers Sven Hedin behandelt. Hitler und Hedin haben sich mehrmals getroffen, und Hedin wurde als Festredner zu den Olympischen Spiele 1936 eingeladen. Sie waren von einem ähnlichen Anliegen für die soziale und politische Zukunft Europas und Deutschlands sowie von der Furcht vor der 'Bolschewisierung' Europas geprägt. Hedin zögerte nicht, Deutschland politisch zu unterstützen: In Amerika im Kampf der Kontinente (dt. 1942) warnte er die USA sogar, dass ein Krieg gegen Deutschland in einer amerikanischen Niederlage münden würde. Das Buch, das "im besten Interesse des amerikanischen Volkes" verfasst wurde, ging auch "mit persönlicher Widmung […] natürlich an den deutschen Reichskanzler" (S. 258).

Die Studie Rybacks schließt mit einem "Nachwort. Bücherschicksale" (S. 288-296), welches das Schicksal der Bibliothek Hitlers darstellt. Ein großer Teil der Bibliothek ist verschwunden: Nach offizieller Schätzung bestand die gesamte Bibliothek aus etwa 16.000 Büchern. Jedoch sind heute nur noch etwa 1200 Bände erhalten, von denen die meisten in Washington liegen (vgl. z. B. das Bild auf Seite 295). Der größte Teil von Hitlers Bibliothek ging nach dem amerikanischen bzw. dem sowjetischen Einmarsch verloren. Amerikanische Soldaten haben die drei Bibliotheken Hitlers (die in seiner privaten Wohnung in München, die im Führerbunker in Berlin und die im Berghof am Obersalzberg) geplündert und viele Bücher als 'Kriegssouvenirs' in die USA mitgenommen. Es ist so gut wie sicher, dass sich noch einige Tausend Bücher Hitlers irgendwo in den USA befinden, vor allem in privaten Bibliotheken.

Rybacks Arbeit eignet sich sowohl für den Spezialisten der Nazizeit und der Biographie Hitlers als auch für den neugierigen Leser: Sprache und Ausdrucksweise Rybacks sind klar und anschaulich, sodass das eher populärwissenschaftlich geschriebene Buch für ein breites Publikum zugänglich ist. Das Thema ist faszinierend und die nützliche und gelungene Studie ist insgesamt in der Lage, den Leser mitzureißen und ihn über Hitlers Faszination für Bücher und sein Leserverhalten zu unterrichten.


Timothy W. Ryback: Hitlers Bücher: seine Bibliothek - sein Denken. Köln: Fackelträger-Verlag, 2010. 345 S., gebunden, Euro 22,95. ISBN-978-3-7716-4437-6


Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Norbert Frei 11

Einleitung - Der Mann, der Bücher verbrannte 14

Buch 1 - Frontlektüre, 1915 27

Buch 2 - Der Mentor 53

Buch 3 - Die Hitler Trilogie 88

Buch 4 - Eine amerikanische Bibel 126

Buch 5 - Der verlorene Philosoph 150

Buch 6 - Bücherkriege 179

Buch 7 - Göttliche Inspiration 202

Buch 8 - Frontlektüre,1940 227

Buch 9 - Hitlers Geschichte des Zweiten Weltkrieges 250

Buch 10 - Ein ausgebliebenes Wunder 267

Nachwort - Bücherschicksale 297

Danksagung 297

Anhang 301

Aus Frederick Oechsner, This is the Enemy,1942 303

Aus einem geheimen Bericht des 21.US-Counterintelligence Corps, Mai 1945 308

Hans Beilhack, »Die Bibliothek eines Dilettanten. Ein Blick in die Privatbibliothek des Herrn Hitler«, in: Süddeutsche Zeitung, 9. November 1945 309

»Bericht über die Sammlung Adolph [sic] Hitler und Empfehlungen zu ihrer Anordnungen« von Arnold J. Jacobius, interner Mitarbeiter, an Frederick R. Goff, Leiter der Rare Book Division, Library of Congress, 9. Januar 1952 313

Anmerkungen 315

Literaturverzeichnis 331

Register 336

Bildnachweis 345


© beim Autor und bei KULT_online
Zitation:
Ryback, Timothy W.: Hitlers Bücher: Seine Bibliothek - sein Denken. Köln: Fackelträger, 2010.
ISBN: 9783771644376
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