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KULT_online: Hornung, Alfred (Hg.): Auto/Biography and Mediation. Heidelberg: Winter, 2010.

Hornung, Alfred (Hg.): Auto/Biography and Mediation. Heidelberg: Winter, 2010.
Eine Rezension von:
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Hornung, Alfred (Hg.): Auto/Biography and Mediation. Heidelberg: Winter, 2010.
Abstract:
Der Konferenzband Auto/Biography and Mediation, herausgegeben von dem Mainzer Amerikanisten Alfred Hornung, versammelt eine Auswahl der fast 200 Beiträge der fünften Konferenz der International Auto/Biography Association (IABA), die im Sommer 2006 in Mainz stattfand. Von Craig Howes' Selbstreflexion über Arbeit und Leben eines Autobiographieforschers über Formen autobiographischen Erzählens in Photographie, Tanz und Internet bis hin zur Bedeutung von Grabsteinen für die Geschichte der Biographie in China bieten die Aufsätze einen interdisziplinär, medial und thematisch breitgefächerten Überblick über die Mediationsprozesse, die in der gegenwärtigen Autobiographieforschung untersucht werden.
Rezension:

Zwischen Quilts, Büchern und Weblogs – Die Autobiographie als Vermittlungsprozess

Die Autobiographieforscherinnen Sidonie Smith und Julia Watson weisen in ihrem Handbuch Reading Autobiography – A Guide for Interpreting Life Narratives darauf hin, dass die Autobiographie weniger als ein bestimmtes literarisches Genre, sondern vielmehr als ein "umbrella concept" verstanden werden müsse. Die Aufgabe der Autobiographieforschung bestehe dementsprechend darin, die Bandbreite autobiographischer Akte (zeitgenössischer und historischer) zu identifizieren und so nuancierte Lesarten verschiedenster autobiographischer Zeugnisse zu ermöglichen (Smith/Watson 2010, S. 218). Die 43 Aufsätze amerikanischer, asiatischer, australischer und europäischer WissenschaftlerInnen im vorliegenden Konferenzband geben ein Beispiel dafür, wie diese weit über die literarische Auto/Biographie hinausreichende Auseinandersetzung mit Lebenszeugnissen aussehen kann. Die Aufsätze behandeln diverse Modi der Lebenserzählung wie etwa Photographien, Quilts, transkribierte Interviews, Filme und Websites.

Unter dem Titel Auto/Biography and Mediation fördert der Konferenzband eine Konzeption von Auto/Biographien, welche sich auf die literarischen, kulturellen, psychologischen, legalen und politischen Vermittlungsprozesse innerhalb von autobiographischem Erzählen konzentriert und dabei den Autobiographen selbst als einen Mediator in interkulturellen und interethnischen Angelegenheiten konzeptionalisiert (vgl. S. xii). Die schier unendliche Bandbreite der Vermittlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten, die in autobiographischem Erzählen inszeniert werden, mündet in eine geradezu kaleidoskopische Auffächerung der in diesem Band versammelten Beiträge, die nur schwer einer eingängigen Gliederung zu unterwerfen sind. Gerade aufgrund der Fülle unterschiedlichster Untersuchungsgegenstände und des sehr weit gefassten Konferenzthemas hätte der Band von einem Beitrag profitiert, der sich dezidiert einer Theorie der Mediation im Kontext der Autobiographieforschung widmet. Die theoretische Fundierung wird so allein durch die Einleitung des Herausgebers geleistet, dem es schließlich gelingt, mithilfe von "thematic cross-sections" (S. xiii) eine sinnvolle Zusammenführung der einzelnen Beiträge zu gestaltet.

Das erste Unterkapitel "Writing and Reading Lives" zeigt, dass die gegenwärtige Auto/Biographieforschung sich u.a. als Vermittlungsinstanz zwischen Medien der Lebensdarstellung und politischen Wirklichkeiten versteht.
So beschäftigt sich Susan Tridgell mit den autobiographischen Zeugnissen von politischen Flüchtlingen und AsylbewerberInnen, die die inhumanen Zustände in australischen Internierungslagern dokumentieren. Tridgell bezweifelt die politische Wirksamkeit von Auto/Biographie als Witnessing – also einer Form der Zeugenschaft, die sich auf die Schilderung der erlebten Ungerechtigkeit konzentriert. Demgegenüber stellt sie eine Konzeption des Autobiographischen als Testimony und Performance, die sich dadurch auszeichnet, dass erfahrene SchriftstellerInnen ihre Kunst einsetzen, um die Geschichten unüberhörbar und unvergesslich zu gestalten (" ...it is the biting touch of the artist's scalpel which etches these stories into the memories of their readers", 69). Diesen professionell überarbeiteten und von KünstlerInnen verfassten Texten könnte es gelingen, so Tridgell, ihre Leserschaft zu aktiven politischen Stellungnahmen zu motivieren.
Kay Schaffer und Sidonie Smith hingegen setzen sich in ihrem Aufsatz mit dem Bericht der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission auseinander und kommen zu dem Fazit, dass die abstrakten Kategorien von Opfer und Täter oft den widersprüchlichen Wirklichkeiten erlebter Erfahrung, wie sie in den Zeugenberichten geschildert wurden, nicht gerecht werden.

Im Anschluss an "Mediating Histories", einer Sektion, die sich mit der Auswertung von historischen auto/biographischen Materialien sowie epochenspezifischen Lebens- und Vergangenheitsinterpretationen auseinandersetzt, folgt mit der Sektion "Media Loops" ein sehr heterogenes Unterkapitel, das sich Fragen der Authentizität, der kulturellen Funktion, des Marktwertes und der kontextgebundenen Interpretation von Auto/Biographien widmet.
In der Sektion "Relational Selves" erscheinen Beiträge, die sich auf die Rolle des Autobiographen als Mediator zwischen unterschiedlichen Standpunkten, Lebenskonzepten oder auch "choices in life" (S. xii) konzentrieren. Die Konfrontation von Wertmaßstäben findet dabei nicht nur zwischen Generationen, Kulturen oder Nationen, sondern ebenso innerhalb des Selbst statt, das sich – wie etwa Leili Golafshani am Beispiel von Doris Lessings Autobiographien zeigt – als plural und inkonsistent erlebt.
In den weiteren Sektionen des Konferenzbandes finden sich vermehrt intermediale Forschungsansätze, wie etwa Analysen performativer Selbstinszenierungen im Kontext von Film, Theater und Photographie. Daneben stehen Beiträge, die sich mit multimodalen und intermedialen Erzählstrategien und deren Implikationen für die autobiographische Gattungsdefinition auseinandersetzen.
Hervorgehoben sei an dieser Stelle der Aufsatz von Alexander J. Beissenhirtz zu "Jazz Autobiographies as Vernacular Literature", der schon im Titel darauf hinweist, dass bei seinem Untersuchungsgegenstand intermediale und interkulturelle Mediationsprozesse einander bedingen. Mit seinem Beitrag belegt Beissenhirtz, dass das Genre der Jazz-Autobiographie bisher zu wenig erforscht ist.

Die Aufsätze des vorliegenden Konferenzbandes repräsentieren die innovative und interdisziplinäre Ausrichtung der gegenwärtigen Autobiographieforschung. Wünschenswert wäre allein eine stärkere Präsenz postkolonialer und naturwissenschaftlicher Stimmen gewesen. So wird die Vermittlung zwischen angloamerikanischer Autobiographieforschung und den Ansätzen von ForscherInnen aus anderen Teilen der Erde für den vorliegenden Band zwar hervorgehoben (vgl. S. xvi), lässt aber sowohl afrikanische als auch südamerikanische Stimmen vermissen. Bedauernswert ist auch, dass der Konferenzband keine Beiträge aus neurologischer und kognitionswissenschaftlicher Perspektive enthält. Vor allem weisen diese kleineren Defizite allerdings auf gegenwärtige Forschungslücken hin und zeigen auf, dass die bereits stark ausgeformte Interdisziplinarität der Autobiographieforschung von einer verstärkten Präsenz naturwissenschaftlicher und postkolonialer Betrachtungswinkel sicher profitieren würde. Insgesamt garantiert der vorliegende Tagungsband eine bereichernde wie spannende Lektüre und eröffnet viele neue Horizonte und Ansätze für die eigene Forschungstätigkeit.


Alfred Hornung (Hg.). Auto/Biography and Mediation. Heidelberg: Winter, 2010. 569 S., kartoniert, 56,00 Euro. ISBN 978-3-8253-5736-8 Pick It!


Inhaltsverzeichnis


Alfred Hornung
Auto/Biography and Mediation: Introduction xi

1. Writing and Reading Lives

Craig Howes
Doing Biography: Mediating Between Life Writing Studies and Lives 3

Manuela Constantino
The Sensational Life Story of Latifa: Mediating "Forbidden" Knowledge and Identities 15

Emily Hipchen
Mediating Truths in Adoption Search Narratives 21

Mediational Failures

Kay Schaffer and Sidonie Smith
Intimacies of Power: Mediating Victim, Perpetrator, and Beneficiary Positions after the South African Truth and Reconciliation Commission 33

Laurie McNeill
Memory Failure: The Limits of Memorial Writing as Collective Auto/Biography 51

Susan Tridgell
Autobiographies of Asylum and Detention: The Limits of Mediation 61

2. Mediating Histories

Gabriele Linke
"What happened to the story?" Scottish Tenement Women's Memories 73

Britta Feyerabend
Quilting Auto/Biographies 89

Mirjam Truwant
Female Authorship and the Idea of the German Nation, 1859 to 1939: A Critical Reading of Staël Biographies 101

Marijke Huisman
Selling the Self: Publishing and Marketing Autobiographies in the Nineteenth Century 117

3. Media Loops

Susanna Egan
Auto/Biographical Impostures as Media Sensations 131

Carmen Birkle
Mediation and Appropriation: Imaginary Indians and the Grey Owl Syndrome 139

Hannes Schweiger
Boderless Identities? Cultural Mediation in Autobiographical Writing by Immigrants 161

Julie Rak
Identities Industry: Genre and Memoirs 173

Xu Dejin
China Narratives, Mediation, and the Problematic of Readership 183

Jeremy D. Popkin
Academic Autobiography 195

4. Relational Selves

Roger D. Sell
Mediational Ethics in Churchill's My Early Life 207

Micha Gerrit Philipp Edlich
Connecting Selves with Kitkitdizze, the Bio Region, and the World at Large: Ecobiography in Gary Synder 227

Leili Golafshani
Negative Relational Autobiography: Doris Lessing's Under My Skin and Walking in the Shade 237

Richard Freadman
"What for do I have to remember this?" Second-Generation Jewish Australian Autobiography 245


5. Inventing the Self


Eugene Stelzig
Hermann Hesse's Fantastic Mediation(s) of the Self in Steppenwolf 257

Ioana Luca
Between Two Worlds: Andrei Codrescu's The Hole in the Flag: A Romanian Exile's Story of Return and Revolution 271

Johan Callens
Auto/Biography in American Performance 287

Michael K. Glenday
Norman Mailer: Biography and Imaginary Memoir 305


6. Crossing Genres


Manfred Mittermayer
Intermediality in Thomas Bernhard's Autobiography 319

Regine Strätling
Potential Autobiographies: Georges Perec's Play with Genres and Art Forms 329

Heidi Isaksen
The Role of Border-Crossing in Mediating Dominated Voices: The Cases of Ennie Ernaux and Nina Bouraoui 339

Shannon Donaldson-McHugh
Performing Autobiographical Limits: Jeanette Winterson's Oranges Are Not the Only Fruit 351


7. Religion and Mediation


Bärbel Höttges
No God's Land: Erdrich's North Dakota Series as Tribal Conversion Narrative 365

Sabine N. Meyer
Writing the Life of a Controversial Historical Figure: Two Biographies of Archbishop John Ireland (1838-1918) 377

Kerstin Vogel
Mediating Native Lives: The Writings of William Apess 387
John D. Barbour
Tribal Religions in Modern Travel Narratives by Greene, Lévi-Srauss, and Chatwin 397


8. Mediating Roots and Routes

Evelyn Hawthorne and Paul Vanouse
Race, Jamaican Bodies, and Eugenics/Genomics: An Autobiographic Mediation 411

Mary Montemayor
"Breaking the Silence": Carlos Bulosan's America is in the Heart as Flip/Filipino American Autobiography 435

Yvonne Gutenberger
Anne Moody's Coming of Age in Mississippi: The Mediation of Cultural Criticism in Life Writing 443

Sam Radithalo
Migrations of Texts: Mediating Double Modernities 457

Alexander J. Beissenhirtz
Jazz Autobiographies as Vernacular Literature 473

Sabine Sörgel
"Like an endless Stream of lava and love …": Mnemonic Re-Enactment, Autobiography, and the Postcolonial Politics of Performance in Trevor D. Rhone's Bellas Gate Boy 483

Chris Barry
Cultural Dialogues and Self-Constructions in Australia: Mediating Photography, Performance and Auto/Biography 495


9. Speaking with the Dead


Mediating Archive

Zhang Xin-Ke
Tombstone Inscription and Chinese Biography 523

Jianqiu Sun
Photography and Psychography: The Multiple Mediations of Sun Mingjing's Life Writing 531

Mediating the Trace

Deborah Holmes
Portraits of a Lady: (Self-)Publicity in Vienna 1900-1938 and Photography as a Biographical Tool 549

Bernhard Fetz
Performance and Mediality: A Biographical Project on Ernst Jandl 559



© bei der Autorin und bei KULT_online
Zitation:
Hornung, Alfred (Hg.): Auto/Biography and Mediation. Heidelberg: Winter, 2010.

ISBN: 9783825357368
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