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KULT_online: Andrews, Ernest: Linguistic changes in post-communist Eastern Europe and Eurasia. Boulder: Columbia University Press, 2008.

Andrews, Ernest: Linguistic changes in post-communist Eastern Europe and Eurasia. Boulder: Columbia University Press, 2008.
Eine Rezension von:
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Andrews, Ernest: Linguistic changes in post-communist Eastern Europe and Eurasia. Boulder: Columbia University Press, 2008.
Abstract:
Der Sammelband Linguistic Changes in Post-Communist Eastern Europe and Eurasia beschreibt die aktuelle Sprachensituation und Sprachentwicklung in postsowjetischen Ländern. Die versammelten Beiträge verschiedener Autoren widmen sich soziolinguistischen Fragen in Tschechien, Polen, Russland, der Ukraine, Weißrussland, Kasachstan, Usbekistan, Georgien und Bulgarien. Die einzelnen Aufsätze sind nicht nur durch die gleiche Untersuchungsmethode, von der Politik zur Sprache, sondern auch durch ähnliche Untersuchungsergebnisse hinsichtlich der Tendenzen im Sprachwandel und der Bestimmung der sprach(en)politischen Richtung verbunden. Der Band ist Teil der Reihe "East European Monographs" und ordnet sich dort durch die geographisch breite Abdeckung der untersuchten Sprachen gut ein.
Rezension:

Ein Beitrag zur postsowjetischen Sprachenpolitik und Sprachplanung

Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes stehen lexikologische und soziolinguistische Aspekte des Sprachwandels. Wie der Herausgeber Andrews im Vorwort (S. 1-13) ausführt, geht es ihm um einen detaillierten Zugang zur aktuellen Sprachsituation durch das Prisma politischer und soziokultureller Ereignisse (vgl. S. 4). Zudem betont er die Wichtigkeit des sowjetischen sprachenpolitischen Hintergrundes bei der Betrachtung der aktuellen Entwicklungen.
Dieser Ansatz durchzieht als roter Faden alle Beiträge des Bandes: Die ersten drei Beiträge von Krouglov (S. 14-35), Yastrebova (S. 36-57) und Srpova (S. 58-87) schildern, wie sich Prozesse wie Demokratisierung, Liberalisierung und Globalisierung in der ukrainischen, russischen und tschechischen Sprache widerspiegeln. Manczak-Wohlfelds Artikel (S. 88-102) widmet sich der Integration von Anglizismen im Polnischen, dabei widerlegt er die Kritik, dass die polnische Sprache durch das Englische vom Aussterben bedroht ist. Die kognitiv-linguistische Untersuchung von Ryazanova-Clarke (S. 103-131) beschäftigt sich anhand Gorbačevs Reden mit sprachlichen Metaphern der Perestroika-Zeit, während sich die Aufsätze von Gapova (S. 132-160) und Kuzhabekova (S. 161-184) mit der Sprachstatusplanung des Weißrussischen und des Kasachischen befassen. Auf die 'Derussifizierung' ausgerichtet sind georgische und usbekische sprachpolitische Maßnahmen, die Azimova (S. 185-203) und Danelia / Bokvadze (S. 204-214) darstellen. Der abschließende Beitrag von Vassilev (S. 215-230) behandelt den Status der türkischen Minderheit in Bulgarien und aktuelle Wandlungsprozesse in deren Sprache.

Erfreulich für Turkologen ist, dass in diesem Sammelband die Sprachlage und -entwicklung Zentralasiens nicht zu kurz kommt. Der Aufsatz "Language Policies in Independent Kazakhstan: The Kazakh-Russian Dilemma" (Aliya Kuzhabekova, S. 161-184), der sich mit Theorie und Praxis der kasachischen Sprachenpolitik beschäftigt, setzt sich zunächst mit ausformulierten sprachenpolitischen Konzeptionen im postsowjetischen Kasachstan auseinander. Kenntnisreich ist Kuzhabekovas Darstellung der Faktoren, die die Konzeptualisierung und die Ausführung der Sprachenpolitik beeinflussen bzw. behindern. Ihr erster Kritikpunkt betrifft die Tatsache, dass erste sprachenpolitische Dokumente von der regierenden Elite ohne linguistische Beratung entwickelt worden sind (vgl. S. 163). Als nächstes bemängelt die Autorin fehlende linguistische Datensammlungen, die über den aktuellen Sprachgebrauch und die Sprachattitüden informieren und für sprachenpolitische Entscheidungen nützlich wären (vgl. S. 163 f.).
Eine beachtenswerte Beobachtung ist, dass die regierenden Vertreter der Titularnation, die sich je zur Hälfte aus der russischsprachigen, ehemals sowjetischen Intelligenzija und den kasachischsprachigen Autoren und Geisteswissenschaftlern zusammensetzt, eine widersprüchliche Einstellung zum kasachisch-russischen Dilemma haben (vgl. S. 164). Dabei erscheint Kuzhabekovas Position bezüglich des Sprachdilemmas ebenso ambivalent. So versucht sie einerseits, Leser mehr für die Situation der russischen Ethnie zu sensibilisieren und rät, auf letztere Rücksicht bei sprachenpolitischen Aktivitäten zu nehmen (vgl. S. 165 und S. 177 f.). Andererseits betont sie wiederholt den Mangel an Sanktionen für das Nichtlernen des Kasachischen (vgl. S. 168 und S. 179).
Das sehr umfangreiche Literaturverzeichnis, insbesondere der benutzten Internetquellen verdeutlicht (trotz Fehlen einiger der im Beitrag zitierten Literaturquellen wie Amanzholuly und Kuzenbayuly 1999 auf S. 162, Popovksy 1979 auf S. 163, Kvyatkovskii 1998 auf S. 168, Sadovskaya 2001 auf S. 177) Kuzhabekovas gründliche Analyse der Faktoren und Nebenerscheinungen der sprachenpolitischen Ausführung. So regt ihr Beitrag zur Schaffung von linguistischen Korpora und zur Beachtung des modernen Kommunikationsmediums Internet bei der Verbreitungspolitik des Kasachischen an.

Der sich anschließende Aufsatz "Linguistic Developments in Post-Soviet Uzbekistan" (Nigora Azimova, S.185-203) bietet neben einem Überblick über die sowjetische Sprachplanung in Usbekistan Einblicke in die aktuelle sprach(en)politische Situation. Inhaltliche Schwerpunkte bilden dabei die Alphabetreform und die Korpusplanung.
Im Abschnitt "Welches Alphabet?" berichtet Azimova, welchen Boom Usbekisch in arabischer Schrift Anfang der 1990er Jahre erfährt. Die darauf folgende plötzliche Umbesinnung auf die lateinische Schrift erklärt die Autorin durch die wachsende Nähe zur Türkei und den wirtschaftlichen Kurs in Richtung Europa und den USA.
Im Weiteren stellt sie den Realzustand der Alphabetreform dar: Fristverschiebungen beim vollständigen Übergang zur lateinischen Schrift, die lediglich symbolische Präsenz der neuen Schrift und die Weiterverwendung der kyrillischen Schrift. Ein treffendes Beispiel für die Existenz der beiden Schriften ist die usbekische Währung: Während Münzen latinisiert sind, bleiben Geldscheine weiterhin kyrillisch (vgl. S. 195). Im Abschnitt, der der Korpusplanung gewidmet ist, schildert Azimova, dass sich arabisch-persische, tadschikische, türkische und englische Lehnwörter und usbekische Neubildungen besonders in sozialen, politischen und administrativen Bereichen durchsetzen.
Durch das Prisma der sprachpolitischen Entscheidungen zeigt die Verfasserin mehr als deutlich, dass die Entwicklung und der Wandel des Usbekischen von der politischen Macht beeinflusst ist und künftig bleibt. Besonders klar veranschaulicht sie dies am Beispiel der Alphabetreform: Nachdem sich der Staat weg von Europa und den USA hin zu Russland politisch und wirtschaftlich orientiert, stockt auch die Veränderung des Alphabets. Ein aufschlussreiches Fazit von Azimova ist, dass die eigentlich abgelehnte sowjetische Sprach- und Sprachenpolitik in Usbekistan weiterhin erhalten bleibt und man statt einer 'Russifizierung' jetzt eine 'Usbekisierung' verfolgt.

Sowohl Kuzhabekova als auch Azimova weisen in ihren Beiträgen darauf hin, dass die aktuelle Sprach- und Sprachenpolitik in den betrachteten Ländern konzeptionell die Fortsetzung der sowjetischen Sprachenpolitik ist, mit dem Unterschied, dass sie sich nun auf die Nationalsprachen beziehen. Die kasachischen oder usbekischen Verhältnisse stellen im postsowjetischen Raum keine Ausnahme dar, wie die weiteren Beiträge des Sammelbandes zeigen.
Insgesamt führt der Sammelband Linguistic Changes in Post-Communist Eastern Europe and Eurasia aufschlussreich in die Eigenschaften und Besonderheiten des Sprachwandels in den postkommunistischen Ländern ein. Der Band hätte noch mehr an Attraktivität gewonnen, wenn man eine Einheitlichkeit in der Umschrift des Russischen, der Zitierweise und dem Verzeichnis der fremdsprachigen Quellen durchgesetzt hätte (s. etwa S. 56, S. 114, S. 201 Anm. 5). Die geringen technischen Bemängelungen sollen jedoch den äußerst positiven Gesamteindruck des Bandes nicht schmälern, der einen wichtigen Beitrag zur Darstellung der umfassenden postsowjetischen sprachlichen Transformationsprozesse leistet.


Andrews, Ernest (Hg.): Linguistic Changes in Post-Communist Eastern Europe and Eurasia. New York: Columbia University Press, 2008 (East European Monographs, Bd. 733). 238 S., gebunden, 45, 99 Euro. ISBN: 978-9-88033-631-4


Inhaltsverzeichnis

About the Contributors

Ernest Andrews

Introduction 1

Alexander Krouglov
Globalization and Ukranian Language in the 21st Century 14

Olga Yastrebova

Youth-Speak and other Subcodes in Post-Soviet Russian 36

Hana Srpova
The Czech Language in the Post-Velvet Revolution Period 58

Elzbeta Manczak-Wohlfeld
Influences of English in Contemporary Polish 88

Lara Ryazanova-Clarke

On Constructing Perestroika: Mikhail Gorbachev as Agent of Linguistic Heresy 103

Elena Gapova
Negotiating Belarusian as a ‘National Language’ 132

Aliya Kuzhabekova
Language Policies in Independent Kazakhstan: The Kazakh-Russian Dilemma 161

Nigora Azimova
Linguistic Developments in Post-Soviet Uzbekistan 185

Nana Danelia / Tinatin Bokvadze
The Sociolinguistic Situation in Post-Soviet Georgia 204

Rossen Vassilev
Changes in the Linguistic Status of Post-Communist Bulgaria’s Ethnic Turkish Minority 215

Index 231
Zitation:
Andrews, Ernest: Linguistic changes in post-communist Eastern Europe and Eurasia. Boulder: Columbia University Press, 2008.
ISBN: 9780880336314
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