Bellum iustum, Bella Triste & Dunkin' Donuts: Eine Bilanz literarischer Buch-(Markt)-Tendenzen um 2000
Unter der
Chiffre 2000 – Neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur resümierte vor vier Jahren ein literaturwissenschaftlicher Sammelband die Tendenzen und Transformationen der Gegenwartsliteratur zur Jahrhundertwende. Die Herausgeberinnen Ulrike Vedder und Corinna Caduff identifizierten dabei die Bereiche "Literatur und Biowissenschaften", "Ende der Nachkriegsliteratur?", "Neue Medien und Popkultur" und "Remythisierungen" (S. 7) als vier Paradigmen der literarischen Verhandlungen um 2000.
Auch der vorliegende Sammelband
Literatur der Jahrtausendwende. Themen, Schreibverfahren und Buchmarkt um 2000 hat das Ziel, die Topographie der internationalen Gegenwartsliteratur von 1995 bis 2005 zu erkunden. Dabei orientieren sich die 32 von "jungen Literatur- und Buchwissenschaftlern sowie von Akteuren des Literaturbetriebes" (S. 12) verfassten Beiträge an drei
land marks: Sie setzten sich mit dominanten literarischen Sujets, Schreibweisen sowie Buchmarktdynamiken des beginnenden Millenniums auseinander.
Der erste Schwerpunkt unter dem Titel "Ästhetische Verarbeitung von historisch-kulturellen Ereignissen um 2000" enthält 15 Beiträge, die vorrangig fiktionalen Inszenierungen von internationalen Krisen- und Kriegsschauplätzen sowie kulturellen und ökonomischen Globalisierungsdynamiken nachgehen. An die Konjunktur des Medienereignisses 9/11 anschließend, zu dem kürzlich drei neue Sammelbände erschienen (
Nine Eleven: Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001 (siehe
Rezension in KULT_online, Ausgabe 18 (2009);
9/11 als kulturelle Zäsur. Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien;
Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien: Terror), beginnt der erste Teil des Bandes mit zwei Beiträgen von Evi Zemanek und Daniella Janscó über US-amerikanische 9/11-Romane. Weiterhin werden Trends in der zumindest geographisch angrenzenden südamerikanischen Literatur analysiert und literarische Bezugnahmen auf den Balkankrieg interpretiert.
Besonders innovativ sind zwei Beiträge zum Verhältnis von Literatur und Ökonomie. Mit ihnen eröffnet sich ein Thema, das seit einiger Zeit zum literaturwissenschaftlichen Forschungsfeld avancierte. Dies ist auch als Indiz für einen
economic turn – und damit verbundenen
social turn – deutbar, wie unlängst die Literaturwissenschaftlerin Elke Brüns im Vorwort zu ihrem Sammelband
Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur konstatierte. In seinem Beitrag "Narrating (new) Economy: Literatur und Wirtschaft um 2000" geht Christoph Deupmann der Frage nach der literarischen Gestaltung ökonomischer Prozesse und Subjektivierungen anhand der Analyse von zwei Dramentexten (Urs Widmer:
Top Dogs, Rolf Hochhuth:
Mc Kinsey kommt) und drei Prosatexten (John von Düffel:
EGO, Georg M. Oswald:
Alles was zählt, Ernst Willhelm Händler:
Wenn wir sterben) nach. Ausgehend vom Prototyp des deutschen Kaufmanns- und Wirtschaftsromans Freytag’scher Provenienz, dessen Handlung um ein starkes Unternehmerselbst zentriert war, zeigt er in der Analyse zeitgenössischer Wirtschaftsromane und ihrer Manager-Inszenierungen den Wandel zu einer sich selbst regulierenden Wirtschaft der New Economy, und verweist auf die Brüche und Kontinuitäten in der literarischen Inszenierung des ökonomischen Subjektes.
Die im Mittelpunkt des zweiten Schwerpunktes "Schreibverfahren der Jahrtausendwende" stehenden poetologischen Verfahren umfassen traditionelle Herausgeberfiktionen, popkulturelle Techniken wie das
sampling sowie "Die Wiederkehr des Dokumentarischen" (S. 267), auf die Stephan Porombka in seinem Beitrag eingeht. Er konstatiert nach den zwei großen Konjunkturen der Dokumentarliteratur in den 1920ern und 1960ern ein dritte Welle vor allem selbstreflexiver dokumentarischer Literatur um 2000, die "vom Nullpunkt aus operiert" (S. 278) – und damit zuallererst die Herstellungsbedingungen der Wirklichkeit herausarbeitet.
Institutionen und Strategien des Autoren- und Buchmarketings stehen im Mittelpunkt des dritten Teils "Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen der Literatur um 2000". Die Kontextanalyse von Autoren, Lektoren, Literaturmagazinen und Literaturkritik stellt eine äußerst gelungene und begrüßenswerte Erweiterung zu den vorangegangenen vorrangig literaturwissenschaftlichen Beiträgen dar. Bereits Erhard Schütz als Herausgeber des 2005 erschienenen
BuchMarktBuchs hatte zu Studienzeiten der Rezensentin allen Germanistikstudenten empfohlen, sich auch mit den
hard facts der Literatur zu befassen, wollten sie nach dem Ende ihres Studiums nicht Donuts verkaufen. Im äußerst informativen dritten Teil werden u.a. die sich professionalisierende deutsche Autorenausbildung und das sich verändernde Berufsfeld des Lektors beschrieben sowie das deutsche Literaturmagazin
Bella Triste vorgestellt.
Der im Bielefelder Transcript Verlag erschienene Sammelband mit ansprechendem Design überzeugt in seinem postulierten Gegenwartsbezug, der sich in der Auswahl der realgeschichtlichen Referenzen der Texte und in der Nachzeichnung aktueller deutscher Buchmarkttendenzen verdeutlicht. Zudem ist er ein gelungenes Beispiel für die Publikation und inspirierende Lektüre von Forschungsbeiträgen jüngerer Wissenschaftler. Nur der Begriff der Jahrtausendwende und die Rede von der "Literatur der Jahrtausendwende" erscheinen mitunter vollmundig. Auch Sigrid Löffler, die
grande dame der Literaturkritik, fühlt in ihrem Beitrag anlässlich der singulären Literaturanrufung des Bandtitels ein Unbehagen (vgl. S. 438). Der eingangs erwähnte Sammelband
Chiffre 2000 betonte dagegen bereits im Titel die symbolischen Aufladungen und Erwartungshaltungen hinsichtlich des Konstrukts der Zeitenwende. Ebenso betonten die Herausgeberinnen Ulrike Vedder und Corinna Caduff den offenen Verhandlungscharakter der Literatur, der zu den im Band vorgestellten Schauplätzen führt. Wenn auch dieser Umgang mit der großen Zahl der methodisch besser geeignete und rhetorisch elegantere ist, ist dem neu erschienenen Band das große Wort 'Jahrtausendwende' nachzusehen. Denn es ist zumindest eine gute Marketingstrategie – sozusagen der Donut auf dem Cover.
Erwähnte Sekundarliteratur:
Elke Brüns (Hg.):
Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur. München: Fink, 2008.
Corina Caduff; Ulrike Vedder (Hgg.):
Chiffre 2000 – Neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München: Fink, 2005.
Ingo Irsigler; Christoph Jürgensen (Hgg.):
Nine Eleven: Ästhetische Verarbeitungen des 11. September 2001. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2008.
Sandra Poppe; Thorsten Schüller und Sascha Seiler (Hgg.):
9/11 als kulturelle Zäsur: Repräsentationen des 11. September 2001 in kulturellen Diskursen, Literatur und visuellen Medien. Bielefeld: transcript, 2009.
Erhard Schütz u.a. (Hgg.)
Das BuchMarktBuch. Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen. Reinbek: Rowohlt, 2005.
Jeanne Riou; Christer Petersen (Hgg.):
Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien. Band 3:
Terror. Kiel: Ludwig, 2008.
Evi Zemanek; Susanne Krones (Hg.): Literatur der Jahrtausendwende. Themen, Schreibverfahren und Buchmarkt um 2000. Bielefeld: transcript, 2008. 453 S., kart., 35,80 Euro. ISBN:978-3-89942-924-4 Inhaltsverzeichnis Evi Zemanek/Susanne Krones: Eine Topographie der Literatur um 2000.
Einleitung 11
I. Ästhetische Verarbeitung von historisch-kulturellen Ereignissen um 2000 9/11
Evi Zemanek: Trauerspielereien: Der 11. September aus kindlicher Perspektive. Jonathan Safran Foers
Extremly Loud and Incredibly Close 27
Daniella Janscó: Durch Mark und Bein: 9/11 in Ian McEwans
Saturday und Philip Roth
Everyman 43
Zwei Amerikas
Mary Ann Snyder-Körber: Spielarten des ‚Familiar‘/‚Familial‘: Der neo-realistische Roman in der US-amerikanischen Literatur um 2000 57
Karin Peters: „Todo se mantrifica“ oder: Die absolute Telenovela. Rodrigo Fresán und die Ästhetik totaler Medialisierung in
Mantra 69
Johanne Schumm: „Como si nada“. Der
acte gratuit in Fernando Vallejos
La Virgin de los Sicarios 81
Vom Balkankrieg
Boris Previsic: Eine Frage der Perspektive: Der Balkankrieg in der deutschen Literatur 95
Katja Kobolt: Wie schreiben, wenn sich die Geschichte wiederholt? Das europäische literarische Erbe als Erinnerungsmodell für die postjugoslawischen Kriege 107
Interkulturalität und Globalisierung
Andrea Geier: Poetiken der Identität und Alterität. Zur Prosa von Terézia Mora und Thomas Meinecke 123
Eva Schopohl: Interpreten der Globalisierung: Dolmetscherfiguren in den beiden gleichnamigen Romanen
The Interpreter von Suki Kim und Suzanne Glass 139
Ökonomie
Christoph Deupmann: Narrating (new) Economy: Literatur und Wirtschaft um 2000 151
Stefanie Ablass: Ökonomisierung des Körpers: Interdependenzen von ökonomischer und physischer Sphäre im Wirtschaftroman 163
Geschichte erzählen
Tim Reiss: Selbstkritik als Immunisierungsstrategie in Bernhard Schlinks
Der Vorleser 179
Matthias Kusche: Strategien mit Biographien: Dekonstruktion der Studentenbewegung bei F.C. Delius und Stephan Wackwitz, Utopie des Protestes bei Uwe Timm 191
Endzeitstimmung
Stephanie Singh: Maurice G. Dantecs
Manuel de survie en territoire zéro: Strategien zur Rettung der Literatur um die Jahrtausendwende 201
Birgit Holzner: Thomas Glavinics Endzeitroman
Die Arbeit der Nacht 215
II. Schreibverfahren der Jahrtausendwende Virtuelle Begegnungen
Katrin Schumacher: Totenstimmen: Phänomene phantomischen Erzählens in der Literatur um 2000 227
Elke Gison: Virtuelle Begegnungen im Berlin-Roman 1998-2001 241
Aufgesammelt, aufgezeichnet
Mark Ludwig: Geordnete Unordnung. Das Sammelsurium als Schreibverfahren der Jahrtausendwende 257
Stephan Porombka: Really Ground Zero. Die Wiederkehr des Dokumentarischen 267
Abgefahrene Verfahren
Florence Feiereisen: Identitäten im Remix. Literarisches Sampling im Fadenkreuz von Postmoderne und Postkolonialismus 281
Jürgen Gunia: Das Leben ein Satz. Arnold Stadlers existenzielle Poetik 295
Sarah Pogoda: Erzählerische Kontingenzverwaltung bei Gregor Hens 305
Angemerkt
Sabine Zubarik: Rhizomatisches Schreiben (und Lesen): Albert Goldbarthes
Pieces of Payne 317
Yvonne Pietsch: Der „Hundeblick“ des Kommentators – Kommentierung und Herausgeberfiktion in Ingo Schulzes
Neue Leben 331
III. Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen der Literatur um 2000 Autoren
Katrin Blumenkamp: Authentizität im literarischen Text und Paratext. Alexa Hennig von Lange und Amélie Nothomb 345
Susanne Gramatzki: Text-Labyrinthe: Roberto Cotroneos Romane im Spannungsfeld von professioneller Literaturrezeption und ambitionierter Literaturproduktion 361
Texte
Peter Paul Schwarz/Susanne Krones: Lesende Schreiber, schreibende Leser. Lektorat in den Literaturverlagen der Jahrtausendwende 373
Katrin Lange: Schule des Schreibens 389
Märkte
Renate Grau: Ästhetik-Ingenieure. Internationale Belletristik auf dem deutschsprachigen Buchmarkt 401
Susanne Krones: Vierter Aufguss, abgestanden? Bestsellerbibliotheken auf dem Buchmarkt 413
Leser
Thomas Geier:
EDIT, BELLAtriste! Literaturzeitschriften um die Jahrtausendwende 427
Sigrid Löffler:
Literaturen, Literaturkritik und Leser um 2000 435
Autorenverzeichnis 447