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KULT_online: Fludernik, Monika: Einführung in die Erzähltheorie. Darmstadt: WBG, 2006.

Fludernik, Monika: Einführung in die Erzähltheorie. Darmstadt: WBG, 2006.
Eine Rezension von:
Ausgabe:
Rubrik:
KULT_wissenschaft
Fludernik, Monika: Einführung in die Erzähltheorie. Darmstadt: WBG, 2006.
Abstract:
Fluderniks Einführung in die Erzähltheorie bietet umfangreiche Orientierung für angehende Erzählforscher aus allen Philologien, da sie sowohl in die narratologische Terminologie einführt als auch viele Anregungen für eigene weitere Forschungen gibt. Daneben enthält der Band kurze narratologische Musteranalysen sowie ein umfangreiches Glossar.
Rezension:

Wegweiser nicht nur für ‚Erstsemestrige‘

Nachdem die Erzähltheorie lange Zeit im Wesentlichen damit beschäftigt war, ihr terminologisches Repertoire zu erweitern und sich neue Gebiete zu erschließen, erschienen in den letzten Jahren eine Reihe von Einführungen, die die vielfältigen Erkenntnisse der Narratologie zu bündeln und einem allgemein literaturwissenschaftlich interessierten Publikum zugänglich zu machen suchten. So auch die in der Reihe "Einführung Literaturwissenschaft" der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienene Monographie der renommierten Freiburger Anglistin Monika Fludernik. Mehr noch als die bisherigen Darstellungen hat dieser Band "Erstsemestrige" (S. 7) als Zielpublikum im Blick und will die Marktlücke zwischen Einführungen "für das Niveau zwischen Hausarbeit und Dissertation" (ebd.) und solchen, die "sich intensiver mit der praktischen Erzähltextanalyse auseinander setzen" (ebd.), schließen. Insbesondere setzt sich die Anglistin Fludernik zum Ziel, englischsprachige Erzähltheorie auch Nichtanglisten zugänglich zu machen.

Ihren Einstieg in die Materie findet Fludernik über die grundsätzliche Überlegung, was denn eigentlich eine Erzählung sei. Anhand dieser Fragestellung führt sie grundlegende erzähltheoretische Kategorien wie ‚Erzähler‘ und ‚Plot‘ ein und stellt verschiedene Definitionsansätze vor, um so zu einer eigenen Definition zu gelangen. Ebenso konzis wie diese Einleitung ist die im zweiten Kapitel vorgenommene Bestimmung des Gegenstandsbereichs, des wissenschaftlichen Kontextes und der verschiedenen Strömungen der Erzähltheorie.
Ehe sich Fludernik in ihrem Kapitel zu ‚Erzählstrukturen‘ denjenigen Bereichen widmet, denen die Erzähltheorie bislang ihre größte Aufmerksamkeit gewidmet hat, streift sie im Kapitel zum ‚Erzählwerk‘ einige Aspekte der Kontextualisierung von Erzähltexten, die zwar in der traditionellen Erzählforschung ausgeklammert werden, aber für den angehenden Narratologen dennoch von Interesse sein könnten: Die Betrachtung der Rolle des Autors, von Zensur, Vertriebs- und Vermarktungsbedingungen sowie paratextuellen Phänomenen wie Klappentext und Umschlagbild spiegelt nicht nur neuere Tendenzen der Forschung wider, sondern eröffnet auch lohnenswerte Perspektiven auf Erzähltexte.

Das folgende Kapitel bietet detailreich, terminologisch präzise (Fludernik führt sowohl die gebräuchlichen deutschen, als auch englische und französische Bezeichnungen ein), aber auch dem Einführungscharakter des Bandes entsprechend kurz gefasst einen Überblick über diejenigen Kategorien, die die klassische Narratologie bis dato hervorgebracht hat. Es liefert dem ‚Anfänger‘ nicht nur ein breit gefächertes Analyseinstrumentarium, sondern auch einen Einblick in narratologische Problemstellungen. Im Kapitel zur ‚Erzähloberfläche‘ werden diese durch linguistische Ansätze sinnvoll ergänzt ebenso wie im darauffolgenden Kapitel durch eine kurze Klärung der Konzepte ‚Realismus‘, ‚Fiktionalität‘ und ‚Metafiktion‘. Mit ihrem Kapitel zu ‚Sprache als Rede und Stil in der Erzählung‘ schlägt Fludernik von narratologischer Warte aus eine Brücke zu anderen Bereichen der Literaturwissenschaft wie etwa der Stilistik und der Metaphernanalyse, die zwar in der Narratologie bislang kaum Beachtung gefunden haben, aber dennoch eine sinnvolle Ergänzung narratologischer Untersuchungen darstellen können.

Nachdem Fludernik in den ersten acht Kapiteln v.a. einzelne narratologische Problemfelder erschlossen hat, bündelt sie im neunten Kapitel ‚Erzähltypologien‘ noch einmal zentrale Aspekte von Stanzels und Genettes Erzähltheorien, fasst die wichtigste Kritik an ihnen zusammen und stellt in einem Unterkapitel mit der Überschrift ‚Neuere Erzähltheorien‘ sehr kurz neuere bzw. ergänzende Ansätze wie die von Mieke Bal, Seymour Chatman, Susan Lanser, Marie-Laure Ryan, David Herman, Ansgar Nünning und Monika Fludernik vor. In dieser an und für sich sehr gelungenen Auswahl fällt das Fehlen eines Hinweises auf Jürgen H. Petersens "Erzählsysteme" kaum auf. Sein Modell steht zwar abseits der Hauptentwicklungslinie der Narratologie, findet aber insbesondere in der Germanistik noch häufig Verwendung, so dass eine kurze terminologische Einordnung für ‚Erstsemestrige‘ hätte hilfreich sein können.
Den Abschluss des theoretischen Teils bildet ein kurzer Überblick über die ‚Geschichte der Erzählformen‘. Dieser spannt nicht nur einen weiten Bogen vom mündlichen Erzählen bis hin zu den neueren Medien wie Film und Computerspielen, sondern zeigt auch die gerade in der diachronen Erzählanalyse bestehenden Forschungsdesiderate auf und gibt so Anregungen für selbständiges Forschen.

Die pragmatisch ausgerichteten Schlusskapitel zeigen kurz und prägnant anhand von Beispielen, "wie Interpretationen von der Präzision narratologischer Textbeschreibung und der Systematik narratologischer Begriffe profitieren" (S. 134) können und wie man beim eigenen Arbeiten Formulierungsfehler vermeiden kann. Eine ‚Kleine Fibel erzähltechnischer Termini‘ und eine sehr kurz gefasste Bibliographie runden den Band gelungen ab. Bedauerlich ist allein, dass neben dem Glossar nicht auch noch Platz für ein Register war, das beim Heben der in diesem Band versammelten Schätze hätte behilflich sein können.

Fazit: Fluderniks Einführung in die Erzähltheorie bietet einen guten Ausgangspunkt für eine Erschließung narratologischer Fragestellungen. Nicht nur liefert sie auf engstem Raum einen Überblick über Terminologie und Forschungsschwerpunkte, sondern verknüpft auch angrenzende Bereiche der Literaturwissenschaft mit der Erzähltheorie. Anregend ist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Verfasserin sich nicht scheut, an einigen Stellen anhand ihrer subjektiven Leseerfahrung zu illustrieren, wie aus der Lektüre von Erzähltexten narratologische Fragestellungen generiert werden können - ein Verfahren, von dem man nur hoffen kann, dass es noch viele Nachwuchsnarratologen als Ausgangspunkt für eigene Forschungen nehmen. Eine so geballte Ladung an Informationen und Anregungen ist den ohnehin nicht sehr hohen Preis allemal wert - eine Investition an Geld und Lesezeit, die sich für angehende Literaturwissenschaftler schnell bezahlt machen dürfte.


Monika Fludernik: Einführung in die Erzähltheorie. Darmstadt: WBG, 2006. 192 S., kart., € 14,90 (€ 9,90 für Mitglieder der WBG). ISBN-13: 978-3-534-16330-4; ISBN-10: 3-534-16330-3


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7

I. Erzählung und Erzählen 9

II. Die Erzähltheorie 17

III. Das Erzählwerk 23

IV. Erzählstrukturen 32
Innere Erzählstrukturen 36
Die Geschichte als Plot 40
Der Erzähler: Person 42
Zeit 44
Darbietungsweisen 47
Fokalisierung, Perspektive, Point of view 47

V. Die Erzähloberfläche 51
Raum/Zeit 52
Charaktere oder Romanfiguren 55
Handlung und Konturierung 57
Mündliche Erzählung und das Episodenschema 58
Tempora und Pronomina als kreative Textgestaltung 61
Experimente mit dem Erzähltempus 63

VI. Realismus, Illusionismus und Metafiktion 66
Realismus in der Erzählung 66
Roland Barthes 67
Die Authentizität des Erzählprozesses 69
Fiktionalität 72
Metafiktion und Metanarration 75

VII. Sprache als Rede und Stil der Erzählung 78
Sprache 78
Redewiedergabe 80
Sprache und Stil 83
Metaphorik und Metonymik 88

VIII. Gedanken, Gefühle und das Unbewusste 93

IX. Erzähltypologien 103
Die Erzähltheorie von Franz Karl Stanzel 104
Die Erzähltheorie von Gérard Genette 113
Neuere Erzähltheorien 118

X. Geschichte der Erzählformen 124
Von Mündlichkeit zur Schriftlichkeit 125
Wandel von Erzählaspekten und kognitiver Wandel 126
Erste Belege 127
Neuere Medien 128
Funktionswandel und Theorieanpassung 129
Forschungslakunen 131

XI. Interpretationsbeispiele 134
"Michael Kohlhaas" 134
Der Schimmelreiter 139
Die englischen Jahre 146

Ratschläge für heranwachsende NarratologInnen 153
Some Don’ts for Narratological Beginners; oder: Was man in Seminararbeiten und anderen Qualifikationsarbeiten vermeiden sollte 155
Fehler und wie man sie vermeidet 160

Kleine Fibel erzähltechnischer Termini 168

Bibliografie 180
Primärliteratur 180
Sekundärliteratur 184
Zitation:
Fludernik, Monika: Einführung in die Erzähltheorie. Darmstadt: WBG, 2006.
ISBN: 3534163303
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