Bereits zum dritten Mal fand vom 14. bis 16. Januar das gemeinsame mediävistische Kolloquium der Universitäten Bamberg, Bayreuth und Gießen statt, das 2008 ins Leben gerufen wurde, um Examenskandidaten, Doktoranden, Postdoktoranden und Professoren der mediävistischen Fächer (v.a. Germanistik und Geschichte) universitätsübergreifend und jeweils mit einem gemeinsamen thematischen Schwerpunkt miteinander ins Gespräch zu bringen. Nach zwei Kolloquien zu den Themen "Propaganda" und "Gelehrsamkeit" stand das diesjährige Kolloquium unter dem Motto "Liebe und Gewalt", womit zwei Schlüsselbegriffe der mittelalterlichen Literatur beziehungsweise der mittelalterlichen Realität angesprochen sind, an denen sich stets wandelnde Wertevorstellungen und Gesellschaftsbilder manifestieren. Ziel des Kolloquiums war es, sowohl über theoretische Schriften als auch über je einzelne Fälle von schriftlichen Dokumentationen oder literarischen Gestaltungen verschiedene Zugänge zu den Phänomenen und der jeweiligen Wertung oder Instrumentalisierung zu erlangen.
Organisiert wurde das Kolloquium von Martin Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Ingrid Bennewitz (Bamberg), beteiligt waren darüber hinaus Ludger Körntgen und Gerhard Wolf (Bayreuth), Cora Dietl und Christine Reinle (Gießen), sowie als Gäste Horst Brunner (Würzburg), Christoph Fasbender (Chemnitz) und Christoph Huber (Bamberg/Tübingen). Der folgende Bericht zeigt anhand ausgewählter Vorträge die thematischen Schwerpunkte des Kolloquiums auf.
Zwei Vorträge gingen jeweils von einem zum Themenbereich "Liebe und Gewalt" gehörenden symbolträchtigen Gegenstand aus und untersuchten dessen Auswirkungen auf die Handlung: JANINA DILLIG (Bamberg) sprach im Kontext ihres Promotionsprojekts über den Zusammenhang zwischen
minne und Gewalt im
Tristan Heinrichs von Freiberg, einer der beiden Fortsetzungen aus dem 13. Jahrhundert von Gottfrieds von Straßburg
Tristan-Fragment. Zunächst beleuchtete sie die unterschiedliche Darstellung der
minne und die variierende Bewertung des Todes von Tristan und Isolde bei Heinrich von Freiburg und Gottfried von Straßburg. Hierbei wurde deutlich, dass sich Heinrichs Fortsetzung zwar eng an Gottfrieds Fragment hält und auch in der Überlieferung meist mit diesem verbunden ist, dass aber eine klare Umdeutung der Tristan-Isolde-
minne, vor allem in der Kontrastierung zur höfisch-arthurischen
minne, zu beobachten ist. Dabei lässt sich der Zwang des
minne-Trankes als Gewaltakt interpretieren. Janina Dillig zeigte schlüssig, dass Heinrich die sexuelle und körperliche Dimension betont, wohingegen die Tristan-
minne bei Gottfried auch einen Zug von Freiwilligkeit aufweist. Bei Heinrich hat die Rolle Tristans als Artusritter jedoch Vorrang vor der
minne-Thematik, und in der Kombination der
minne mit der Artuswelt erweist sich Tristans
minne als arthurische
minne, die aber die Trankliebe zu Isolde nicht lindern kann: Der Minnetrank behält seine Gewalt. Im Nachruf auf Tristan nach dessen Tod wird seine Ritterlichkeit hervorgehoben, die Schuld an seinem Tod wird dabei der
minne zugesprochen. Das Schlussbild des mit einem Rosenstock und einer Weinrebe bewachsenen Grabes von Tristan und Isolde zeigt, dass beide auch über den Tod hinaus unter dem Einfluss des
minne-Trankes stehen. Daher wird der Liebestod der Tristan-
minne im Epilog als Warnung vor der weltlichen Liebe umgedeutet, das Wunder des blühenden Rosenstocks dient als Symbol der wahren Liebe Christi.