"Since the early times of the Cuban
transition, the sexual education
was assumed as national politics."
Wie das Motto dieses 6. Kubanischen Kongresses anklingen ließ, war das verbindende Element der vielfältigen Kongressveranstaltungen die Fokussierung einer staatlichen kubanischen Sexualpolitik, die sich innerhalb sozialer Transformationsprozesse befindet und selbst gestalterisch an diesen Prozessen teilhat. In ihrem Eröffnungsvortrag "The sexual education within the processes of social transformation" betonte MARIELA CASTRO ESPÍN (Havanna), Direktorin des CENESEX und Kongresspräsidentin, die Notwendigkeit der lokalen und regionalen Zusammenarbeit auf Kuba wie auch auf internationaler Ebene, um die Gleichstellung der Geschlechter, sexuelle Diversität und sexuelle Gesundheit innerhalb einer umfassenden Sozialpolitik zu fördern und herzustellen. Sie nannte als oberstes Ziel des Kongresses, die interdisziplinären Debatten um die menschliche Sexualität in ihrer Komplexität, ihren vielfältigen Dimensionen und Deutungen weiter zu führen und zu entwickeln. Die Bedeutungsproduktionen von Sexualität sowie die Stabilisierung einer normativen und diskriminierenden Ordnung, die sich auf vielfältige Weise (wissenschaftlich, politisch und religiös) legitimiere, seien soziohistorisch und kulturell bedingt und damit wandlungsfähig. Für Castro Espín steht Kuba vor der Herausforderung, in diesen Prozessen humanistische Werte wie Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit zu implementieren. In enger Kooperation mit dem Kubanischen Frauenverband FMC und den nationalen Gesundheits-, Erziehungs- und Kulturministerien koordiniert das CENESEX entlang dieser Werte die nationale Sexualerziehung als Teil dieses Prozesses sozialer Transformation.
YOLANDA FERRER (Havanna), Präsidentin des FMC, ergänzte diese Vorhaben mit einem geschichtlichen Abriss über die Entwicklung des nationalen Sexualerziehungsprogramms ab 1962, das von Wilma Espín, der Galionsfigur der feministischen Bewegung auf Kuba, eingeführt wurde. Beide Rednerinnen hoben zudem die enge und stete Verquickung ihrer Ziele mit der fortwährenden Ausrichtung der Kubanischen Revolution in Bezug auf deren Frauen-, Familien-, Sexual- und Sozialpolitik seit dem Jahr 1959 hervor.
Spannend zu verfolgen waren die Ausführungen Castro Espíns zur Homophobie auf Kuba. Die lange Marginalisierung und Diskriminierung der Homosexualität, welche sich durch wissenschaftlich-medizinische Diskurse und den Einfluss der katholischen Kirche im historischen Prozess als eine enorm gewichtige und gefestigte Denktradition etablierte, sah sie als Indikatoren für die hispanisch-machistische Kultur Kubas. Doch ebenso wie die katholische Kirche trug auch der Sozialismus auf Kuba sowohl zu Prozessen der sozialen Umwandlung als auch zur Festigung von Geschlechterstereotypen bei. Castro Espín ließ hierbei nicht die Diskussion um die berüchtigten UMAP (Military Units to Aid Production) und den ambivalenten Status, den homosexuelle Personen (meist Männer) auf Kuba in den frühen Jahren der Kubanischen Revolution innehatten, aus. So sei ihr zufolge heute immer noch mit dem Einfluss der überdimensionierten, institutionalisierten Homophobie der 1960er Jahre zu kämpfen. Mit den staatlichen Bemühungen der 1980er und 1990er Jahre zur Entdiskriminierung und -kriminalisierung von Homosexualität vor dem Gesetz wurden LGBT-Personen schließlich mit mehr Rechten versehen. Diese neue Sprache offerierte eine liberale Regelung der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität. Castro Espín erwähnte dabei, dass noch in diesem Jahr das Thema der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften vor dem kubanischen Parlament zur Diskussion gebracht werde.
Geschlechtliche und sexuelle Diversität
Einen deutlichen Schwerpunkt legte die Organisation des Kongresses auf den Aspekt der Diversität von Körperlichkeit, sozialem/psychologischem Geschlecht und sexueller Identität bzw. sexueller Orientierung. (Das im Spanischen verwendete 'sexual' kann in diese Bedeutungsvielfalt übersetzt werden. Aus diesem Grund werden die im Deutschen unterschiedlich konnotierten Begriffe nachfolgend 'geschlechtlich' und 'sexuell' synonym verwendet.)
Einzelvorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops widmeten sich beispielsweise Themenbereichen wie "Sexualitäten und Geschlecht in verschiedenen Altersetappen", "Sexualerziehung von Jugendlichen und Kindern auf Kuba", "Populärmusik und Homophobie", "Sichtung und Revision lokaler Aufklärungs- und Erziehungsprogramme", "Sexuelle Rechte als Menschenrechte" und "Homosexualität in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen". Im Sinne der landeseigenen Ziele, öffentliche und umfassende gesellschaftliche Aufklärung und Sensibilisierung zu leisten, waren auch thematische Blöcke zur Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika und der Karibik, AIDS-Prävention, klinische Sexualwissenschaft und Sexualtherapie Gegenstand des breiten Themenspektrums des Kongresses.
Transsexualität und Transgender:
Empowerment, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Aufklärung