Im Rahmen der
"Gießener Methodenwerkstatt Bildungsforschung (GIME BILDUNG)", organisiert von der Initiative Forschungsmethoden, bestehend aus den Professor_innen und Universitätsdozent_innen THOMAS BRÜSEMEISTER (Soziologie), SABINE MASCHKE, INGRID MIETHE, LUDWIG STECHER (alle drei Erziehungswissenschaft) und JOCHEN WISSINGER (Schulpädagogik), hatte der wissenschaftliche Nachwuchs der Sozial- und Kulturwissenschaften die Gelegenheit, einen Einblick in aktuelle Methodendiskussionen zu erhalten. Neben Vorträgen gab es in fünf zweitägigen und sechs eintägigen Workshops verschiedene Möglichkeiten, die eigenen Kompetenzen im Bereich der Bildungsforschung in kollegialer Atmosphäre zu vertiefen. Neben der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses strebt die Initiative eine forschungsmethodisch orientierte Weiterentwicklung der empirischen Bildungsforschung an, indem nun jährlich eine solche Methodenwerkstatt für Promovierende, Master-Absolvent_innen und Lehramtsabsolvent_innen stattfinden soll. Die Veranstaltung wurde von der
Fazit-Stiftung und der
Gießener Hochschulgesellschaft e.V. gefördert und in Zusammenarbeit mit dem
Zentrum für Lehrerbildung organisiert.
Das Forschungsfeld im Überblick
Die Tagung begann am Donnerstag, dem 16.02.2012 nach einer Begrüßung durch die Organisator_innen mit dem Vortrag "Methoden der Bildungsforschung – Konturen und Desiderate eines Forschungsfeldes" von BARBARA FRIEBERTSHÄUSER (Frankfurt). Auf die Frage "Was heißt Bildung?" stellte sie sieben bildungstheoretische Ansätze vor: Von der griechischen Antike über das Mittelalter, die Aufklärung, den Neuhumanismus, die kritische Erziehungswissenschaft und die Bildungssoziologie rundete sie mit der Postmoderne ihren bildungstheoretischen Überblick über die drei historischen Großepochen ab. Über die Ideen griechischer Philosophen zur Bildung "freier Bürger", Kants Plädoyer "Sapere aude!", Pestalozzis Betonung der Menschlichkeit des Menschen, Wilhelm Humboldts Ansatz zur "Bildung des Menschen", Klafkis Forderung nach "Bildung für alle" Menschen im "Medium des Allgemeinen", Bourdieus Studien zur sozialen Ungleichheit und ihrer Reproduktion gelangte Friebertshäuser schließlich zur strukturalen Bildungstheorie Marotzkis.
Anschließend umriss sie die Konturen des Feldes der Bildungsforschung und benannte darin zwei Strömungen: Ansätze, welche vom Konzept der Allgemeinbildung her denken, und Forschungen, welche die Humankapitaltheorie zugrunde legen. Außerdem unterschied die Referentin methodisch nach quantitativer Bildungsforschung, wie sie beispielsweise am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main stattfindet, und qualitativer Bildungsforschung, wie sie beispielsweise am Zentrum für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung (ZBBS) in Magdeburg praktiziert wird.
Aus forschungsmethodischer Perspektive der Bildungsforschung gab Friebertshäuser einen umfassenden Überblick über methodische Zugänge zur Biographieanalyse und zu Institutionen-, Kompetenz- und Kulturanalysen.
Daran anschließend benannte die Referentin noch fast ein Dutzend Forschungsfragen und -desiderate, deren Bearbeitung aus ihrer Perspektive lohnenswert und dringlich seien. Diese reichten von (1) Aspekten formaler und informeller Bildung über (2) Bildung durch Musik und neue Medien in und außerhalb von Schule, (3) Armut, Geschlecht, Behinderung, Benachteiligung und ihr Einfluss auf Bildungsprozesse, (4) Selektionsmechanismen im Bildungssystem und in Peer Groups, (5) Bildung und soziale Integration und Inklusion, (6) Voraussetzungen lebenslanger Bildung, (7) Umweltbildung, politische und ökonomische Bildung, (8) Sexualpädagogische Erziehung und Bildung, (9) Gesundheitsbildung bis zu (10) Menschenrechtsbildung. Wichtige, jedoch bisher nicht hinreichend geklärte Fragen seien: Was bildet den Menschen? Was brauchen Kinder und Jugendliche, um aus Lernangeboten und Wissen zu Bildung zu gelangen? Wie ist Chancengleichheit umsetzbar? Hier sei weitere Theoriebildung erforderlich.
Workshop zur Dokumentarischen Methode
Am Freitag, dem 17.02.2012 wurde die Tagung mit den durchlaufenden Workshops fortgeführt, welche die Teilnehmer_innen am Donnerstagnachmittag begonnen hatten. Aus einem Pool von fünf Workshops zu unterschiedlichen Forschungsmethoden konnte eine Veranstaltung ausgewählt und zur Erweiterung oder Vertiefung der eigenen Methodenkenntnisse besucht werden. Hier soll exemplarisch der Workshop "Dokumentarische Methode" von CLAUDIA STEBLOW (Dortmund) vorgestellt werden. Die Methodenexpertin Streblow stellte zu Beginn des Workshops einige theoretische Grundlagen der Dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack im Zusammenhang mit dem Gruppendiskussionsverfahren vor. Sie machte klar, dass es sich bei der Dokumentarischen Methode um eine konstruktivistische Forschungsmethode handelt, die davon ausgeht, dass es keine objektive Realität, sondern vielmehr subjektive Realitäten für Individuen und Gruppen gebe. In einer rekonstruktiven Verfahrensweise werden die Handlungspraxis und die Handlungsorientierungen der Befragten in der Auswertung herausgearbeitet. Es handelt sich bei der Dokumentarischen Methode also nicht um eine hypothesenprüfende, sondern um eine theoriegenerierende Forschungsmethode.