Der letzte Vortrag der Tagung rückte dann nicht mehr ein einzelnes Medium in den Vordergrund, sondern bezog sich noch einmal systematisch auf den publizistischen und sozialpsychologischen Diskurs über Gewalt in den Medien. ISABELL OTTO (Köln/Siegen) untersuchte in "Die Gewalt der Medien. Zu Regierungstechniken in der Mediengesellschaft" die gesellschaftliche Funktion dieses Diskurses. Mediengewalt identifizierte Otto dabei zunächst als Argumentationsfigur, die mediale und soziale Gewalt untrennbar miteinander verbindet: Gewalt in den Medien führt in der Logik dieses Diskurses direkt zu Gewalt zwischen Menschen. Seinen Ursprung identifizierte der Vortrag in der empirischen Medienwirkungsforschung der 1960er Jahre, die bis heute die Standards des Mediengewaltdiskurses setzt. Dabei wird gerade in den hier durchgeführten sozialbehavioristischen Experimenten die gesuchte Gewalt durch die Experimentalanordnung eher produziert als aufgezeichnet.
Die Bedeutung des Mediengewaltdiskurses besteht Otto zufolge hingegen darin, dass ihm selbst eine Gewalt innewohnt bzw. genauer: dass vermittels dieses Diskurses eine Regierung von Subjekten implementiert wird. Denn der Diskurs über Mediengewalt hält die Möglichkeit wach, dass Medien eine Wirkung haben können. Daraus ergibt sich die permanente Aufforderung an die Rezipienten, den möglichen Einfluss der Medien auf sie selbst und andere abzuschätzen, mithin eine
verantwortliche Position einzunehmen. Eben dieser Effekt entspricht aber einer Regierungstechnik, wie sie Michel Foucault in seinen Studien zur Gouvernementalität herausgearbeitet hat: einer nicht-restriktiven Verpflichtung des Subjekts zur Sorge um sich selbst. Hatte die Tagung mit Bernhard Dotzlers Erinnerung an Foucaults frühe Theoretisierung von Gewalt im Rahmen von
Überwachen und Strafen begonnen, so endete sie nun mit Isabell Ottos Hinweis auf Mediengewalt als Regierungstechnik im Sinne von Foucaults späten Überlegungen zur Steuerung des Menschen in der Moderne.
Zwischen diesen Positionen eröffnete die Tagung, so lässt sich resümieren, ein breites Spektrum kulturwissenschaftlicher Zugänge zu den beiden eingangs skizzierten Ebenen der Mediengewalt.
Gewalt in den Medien wurde in (mindestens) drei Registern diskutiert, in denen jeweils mehrere, teils gegensätzliche Positionen erkennbar wurden: (1) als phantasmatisches Ausagieren von Gewalt im distanzierten Raum des Medialen und als Entfaltung sozialer Gewalt unter den Bedingungen massenmedialer Kommunikation, (2) als Affekttechnik und als Diskursstimulus, (3) als Reflexion von Subjektivität und als Transzendierung der engen Grenzen des Subjekts. Zugleich und vielfach mit diesen Ansätzen verbunden wurde die
Gewalt der Medien thematisiert, die als faktische Gewalthandlung, als Technik der Normalisierung oder als Technik der Regulierung konzipiert wurde.
Darüber hinaus stand wiederholt zur Debatte, inwiefern auf der Basis solcher kultur- und medienwissenschaftlicher Überlegungen die Frage nach dem sozialen und politischen Umgang mit Mediengewalt beantwortet werden kann. Dabei wurde der Konsum von Medien(gewalt) als Ergebnis eines Vertragsverhältnisses zwischen Medium und Nutzer verstanden, bei dem der Nutzer sich der Konsequenzen dieses Verhältnisses bewusst sei. Andererseits schien die Legitimität eines solchen Vertrags dort an Grenzen zu stoßen, wo Nutzer die Konsequenzen des eingegangenen Vertrags nicht mehr abschätzen können. Damit wird aber das autonome Subjekt als Nutzer von Mediengewalt vorausgesetzt – ein Dilemma, weil die Autonomie des Subjekts erst durch spezifische Strategien der Subjektivierung entstehen kann, an denen Mediengewalt ihrerseits einen nicht unerheblichen Anteil hat. Das Verhältnis von Subjektstrategien und Mediengewalt war mithin auch am Ende der Tagung keineswegs abschließend geklärt. Viel eher hat die Tagung ein Desiderat an zukünftige Forschungen formuliert, deren mögliche Perspektiven und konzeptuelle Annäherungen in den Gießener Vorträgen und Diskussionen exemplarisch herausgearbeitet wurden.
Konferenzübersicht:
Jörn Ahrens/Martin Zierold (Gießen): Einführung
Bernhard Dotzler (Regensburg): Grundsätzlichkeit der Gewalt. Medientheoretische Perspektiven
Angela Keppler (Karlsruhe): Das Gleiche ist nicht immer gleich. Über einige Modi der Gewaltdarstellung im Fernsehen
Rainer Leschke (Siegen): Gewalt als mediale Form. Die Differenz von Narration und (Computer-)Spiel
Josef Früchtl (Amsterdam): Ein Kampf gegen sich selbst. Film als Affekttechnologie des Subjekts
Stephan Packard (München): Körper in Folienzeichen. Verfahren von Gewaltdarstellungen in Comics
Isabell Otto (Köln/Siegen): Die Gewalt der Medien. Zu Regierungstechniken in der Mediengesellschaft
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beim Autor und bei KULT_online/
Fotos Stephanie Nickel