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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 30 (2012) Brief Drucker

Bericht zum Workshop »Korpus Kommunikation Kultur. Linguistik als Kulturwissenschaft«

Workshop und Podiumsdiskussion, veranstaltet von der Research Area 5 "Culture, Language and the new Media" des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC)
Justus-Liebig-Universität Gießen, 4.11.2011

Ein Bericht von Katharina Müller, Sven Saage und Lisa Schüler


> Konferenzübersicht
Korpus Kommunikation Kultur
Am Freitag, den 4. November 2011 richteten Mitglieder der Research Area 5 des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der Justus-Liebig-Universität einen eintägigen Workshop zum Thema "Korpus – Kommunikation – Kultur. Linguistik als Kulturwissenschaft" mit insgesamt 40 TeilnehmerInnen aus. Im Fokus des Workshops standen Schnittstellen zwischen linguistischer und kulturwissenschaftlicher Forschung, die es anhand konkreter Projekte aufzuzeigen und genauer zu betrachten galt. Die Vorträge und anschließenden Diskussionen orientierten sich an den Fragen: Wie lassen sich kulturwissenschaftliche und linguistische Perspektiven vereinbaren? Wie können sie sich gegenseitig befruchten und wo sind Grenzen und/oder noch nicht erkannte Möglichkeiten einer methodischen und thematischen Verknüpfung auszumachen?

Die Aktualität dieser Fragen hob WOLFGANG HALLET (Gießen) in seiner Eröffnungsrede hervor. In diesem Zusammenhang unterstrich er das Potenzial der interdisziplinären Arbeitsweise am GCSC, solch ein vielseitiges Themenfeld aus entsprechend variablen Perspektiven zu erforschen. Denn die Research Areas des GCSC orientieren sich eben nicht nur an Fächern und Disziplinen, sondern auch an fächerübergreifenden sowie fächerverbindenden Gegenständen, Themenbereichen und Fragestellungen.

Die ersten drei Beiträge des Workshops einte inhaltlich einerseits die Thematisierung von Prozeduren (im weiteren Sinne) als sprachliche, textuelle und kommunikationstheoretische Einheiten mittlerer Größe zwischen Wort, Satz und Text. Andererseits lieferten vor allem die Beiträge von JULIANE SCHRÖTER (Zürich) und MARTIN STEINSEIFER (Gießen) unterschiedliche Perspektiven auf die Schnittstelle zwischen Linguistik und Kulturwissenschaft. Juliane Schröter beleuchtete in ihrem Eröffnungsbeitrag zunächst das Feld der 'kulturanalytischen Linguistik', deren Interessen und Vorgehensweisen, aber auch deren Potenziale sie genauer thematisierte. Dies leistete sie exemplarisch anhand ihres aktuellen Projekts zum Wandel von Abschiedsformeln in Briefen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, der mit sozio-ökonomischen Veränderungen einherging. Dabei zeigte sie an konkreten Beispielen, wo der Linguistik und ihren Methoden bei der weiterführenden Interpretation von Ergebnissen im gesellschaftlichen kulturellen Rahmen Grenzen gesetzt sind.

Mit dem Einsatz von korpuslinguistischen Methoden der Diskurs- und Kulturanalyse beschäftigte sich der Beitrag von NOAH BUBENHOFER (Mannheim). Anhand von Anwendungsbeispielen zeigte er dabei auf, inwieweit korpuslinguistische Methoden eingesetzt werden können, um kulturwissenschaftliche Fragestellungen "datengeleitet" und nicht nur "datenbasiert" zu bearbeiten. Dabei konzentrierte er sich auf Kollokationen in einem Korpus des Schweizer Alpenvereins, die er mit dem Wandel des Verhältnisses von Bergsteigern und Natur in Verbindung setzte.

MARTIN STEINSEIFER (Gießen) strukturierte in seinem Beitrag zunächst das Verhältnis von Linguistik und Kulturwissenschaft anhand der drei Strategien "Kompensation", "Überbietung" und "Transformation". Er betonte, dass es im Verhältnis von Linguistik und Kulturwissenschaft nicht um die Übernahme von Leitmetaphern gehen sollte, sondern um eine kritische Weiterentwicklung aktueller Theorien und Methoden.
Anschließend stellte er ein theoretisches Modell für Textroutinen vor, die als sprachlich-kulturelles Phänomen bisher noch kaum linguistisch erforscht wurden. Er präsentierte außerdem ein Forschungsdesign, in dem Textroutinen mit Hilfe einer webbasierten Lernumgebung empirisch untersucht werden können. Dies rahmte er durch Überlegungen dazu, wie sich das Konzept der Textroutinen und ein darauf bezogenes linguistisches Forschungsdesign zu einem "Programm Linguistik als Kulturwissenschaft" verhalten könnten.

Der Beitrag von Steinseifer kann auch als Verbindung zu den beiden folgenden Vorträgen betrachtet werden, da sich alle drei mit Fragen nach der Vermittlung von Wissen als kultureller Praxis beschäftigten. MORITZ LAUTENBACH (Hamburg) beschrieb die Diskursart "Führungen an Gedenkstätten" und diskutierte die Problematik des Zeitzeugenverlustes. Er zeigte auf, dass diese Form der Wissenssicherung und -vermittlung durch die immer weniger werdenden Zeitzeugen im Augenblick einem Umbruch unterliegt. Lautenbach thematisierte außerdem die entscheidende Rolle von Wissensvermittlern, insbesondere deren sprachliches Handeln.
MICHALEA HEID (Bayreuth) diskutierte in ihrem Beitrag, ob sich die Vermittlung kulturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse an Nicht-Kulturwissenschaftler als Übersetzungsprozess beschreiben und erfassen lässt. Den dabei ablaufenden kommunikativen Prozess verstand sie als kulturellen Akt und problematisierte diesbezüglich das Verhältnis von Übersetzung und Interpretation seitens der Rezipienten.

Die Beiträge von ALEXANDER PREISINGER (Wien) und SEBASTIAN SCHMIDT (Gießen) schließlich verdeutlichten noch einmal konkrete transdisziplinäre Schnittstellen. Preisinger stellte ein semio-narratologisches Modell vor, das die generative Erzähltheorie der Semiotik von Algirdas J. Greimas mit der Interdiskursanalyse von Jürgen Link kombiniert. Dabei ging er von einer Ähnlichkeit zwischen literarischen und außerliterarischen Texten aus und beschrieb somit Diskurse als kollektive Formen von Wissen.
Um afrikanische Songlyrics ging es im Beitrag von Schmidt. Er untersuchte ghanaische Highlife-Musik und reflektierte dabei kritisch post-koloniale Ansätze. Um das identitätsstiftende Potenzial dieser Musik herauszuarbeiten, diskutierte er Fragen der historischen Sprachforschung, und der Sicherung von Kulturgut in Songlyrics und streift dabei auch musikanthropologische Überlegungen.
Im Block der transdisziplinären Schnittstellen wäre auch der Beitrag von SASCHA MICHEL (Koblenz/Landau) über die Produktion von Fernsehtrailern zu verorten gewesen, der aber leider wegen Krankheit entfiel.

In der Abschlussdiskussion griff HELMUTH FEILKE (Gießen) das Verhältnis von Sprache, Kommunikation und Kultur sowie von Linguistik und Kulturwissenschaft vor allem in historischer Perspektive noch einmal auf. Anhand unterschiedlicher Strukturierungsperspektiven hob er außerdem die Verknüpfungen der einzelnen Beiträge untereinander hervor und thematisierte die verschiedenen Untersuchungsgegenstände (kommunikative Praktiken einerseits und Inhalte andererseits), angewendete Methode und zugrunde gelegte Daten (punktuelle Daten wie Texte neben Prozessdaten). Die Abschlussdiskussion führte darüber hinaus zu neuen, weiterführenden Fragen, wie beispielsweise nach Untersuchungsgegenständen, die für die Schnittstelle zwischen Linguistik und Kulturwissenschaft besonders produktiv gemacht werden können ( z. B. das Konzept "Hybridität"), aber auch nach methodischen Grenzen für das Nachdenken über Sprache sowie nach Gebrauchskontexten und -bedingungen.

Insgesamt haben der Workshop und der anschließende Austausch gezeigt, dass die Verknüpfung von Linguistik und Kulturwissenschaft ein zugleich altes und immer wieder aktuelles Thema ist, das reichlich Diskussionsbedarf aufwirft und besonders für NachwuchswissenschaftlerInnen eine Herausforderung darstellt. Dies bestätigte auch das durchweg positive Feedback der TeilnehmerInnen, die vor allem die Vielfalt der unterschiedlichen methodischen und inhaltlichen Herangehensweisen an die "kulturanalytische Linguistik" lobten. Im Laufe des Tages ergaben sich überdies spannende Anschlussdiskussionen, aus denen im nächsten Jahr eine Publikation erwachsen soll.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Wolfgang Hallet (Gießen)

Juliane Schröter (Zürich): "Analyse von Sprache als Analyse von Kultur. Überlegungen zur kulturanalytischen Linguistik am Beispiel eines Forschungsprojekts zum Abschiednehmen im 19. und 20. Jahrhundert"

Noah Bubenhofer (Mannheim): "Korpuslinguistik als Methode der Diskurs- und Kulturanalyse"

Martin Steinseifer (Gießen): "Wissenschaftliches Schreiben als Kulturtechnik – Linguistische Modellierung und Forschungsdesign"

Sascha Michel (Koblenz/Landau): "Medienproduktion als ein Zweig der Kulturwissenschaft: Die Produktion von Fernsehtrailern" (entfallen wegen Krankheit)

Michaela Heid (Bayreuth): "Kulturwissenschaft und der Umgang mit ihren Texten"

Alexander Preisinger (Wien): "Erzählte Ökonomie. Zum Verhältnis und zur Analyse von Diskurs und Narration"

Sebastian Schmidt (Gießen): "Tracing the Lyrics – Early Highlife Recordings from Ghana as Linguistic Data and Cultural Artifacts"

Moritz Lautenbach (Hamburg): "Gedenken ohne Zeitzeugen. Vermittlungsformen bei Schülerführungen in Gedenkstätten"

Abschlussdiskussion (Leitung: Helmuth Feilke, Gießen)


© bei den AutorInnen und bei KULT_online
Tagungsplakat: bei den WorkshoporganisatorInnen




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