Die Beiträge der vierten und letzten Sektion "Literatur als Zeitgeberin. Zur Sprachlichkeit der Zeiterzeugung" widmeten sich der vielgestaltigen Metaphorik, die Annette von Droste-Hülshoff verwendet, um Zeitlichkeit darzustellen. Wie CORNELIA BLASBERG (Münster) in ihrer Interpretation des "Ledwina"-Fragments zeigte, verwendet Droste die Konversation als zentrales Motiv, um die Echtzeit als langsam dahinplätschernde Zeit darzustellen. Erzählzeit und erzählte Zeit kommen im Modus der Unterhaltungen, wie sie von den Frauen auf dem Schloss gepflegt werden, zur Deckung und intensivieren dadurch das Warten der beiden jungen Frauen auf ihre bevorstehende Hochzeit, die von der einen ersehnt, von der anderen mit Schrecken erwartet wird. Die geregelten Zeitverhältnisse im naturhaften, insularen Schloss geraten erst durch den Kontakt mit den Männern und deren modernem Habitus durcheinander. Wie Blasberg überzeugend argumentierte, stellt die einbrechende Moderne eine Bedrohung für die "gegenderte Ordnung der Zeit" auf dem isolierten Schloss dar.
ANKE KRAMER (Wien) konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf die Wassermetaphorik als Veranschaulichung der Zeit in Drostes Gedicht "Im Moose". Sie beschrieb, wie Wasser durch seine strukturlose Gestalt als Metapher für Erinnerung verwendet wird. In seiner flüssigen Form kann es einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft herstellen, indem es die Zeit als Kontinuum erfahrbar macht. Das lyrische Ich wird ununterscheidbar von dem es umgebenden Wasser und kann so im Modus der Erinnerung von einer Zeitebene in die andere fließen. Die Zeitwahrnehmung des lyrischen Ichs, das in der Gegenwart fixiert ist, während sich Zukunft und Vergangenheit auflösen, kontrastierte Kramer mit Franz Grillparzers Erzählung
Der arme Spielmann, wo die Gegenwart als verflüssigt dargestellt wird.
In der Abschlussdiskussion wurde betont, wie gewinnbringend es für die Droste-Forschung sei, literarische Texte diskursgeschichtlich zu kontextualisieren, da sie nicht nur als Reservoir von Wissen dienen, sondern sich auch defensiv zu Diskursen verhalten oder sie produktiv weiterentwickeln. Die beschleunigte Entwicklung und Auffächerung der unterschiedlichen Diskurse wird in die literarischen Darstellungsweisen übernommen. Die Literatur der 'Biedermeierzeit' erzählt tendenziell schneller und heterogener, obwohl zugleich im Detailrealismus auch die Langsamkeit als Narrativ entdeckt wird.
Durch die Wahl der Referenten, die alle keine dezidierten Droste-Forscher sind, gelang es den Veranstaltern, für neue Impulse zu sorgen. Drostes Werk wurde in Bezug gesetzt zu ihren Zeitgenossen und in seinen kulturellen und wissen(schaft)sgeschichtlichen Rahmen eingebettet.
Das kulturelle Rahmenprogramm der Veranstaltung war ebenfalls sehr gelungen. Bei strahlendem Sonnenschein wurde die Wasserburg Hülshoff, das Geburtshaus Annette von Droste-Hülshoffs, und das Rüschhaus, der Witwensitz der Familie, in dem sich das Schreibzimmer der Autorin befindet, besichtigt. Abends folgten dann Rezitationen ausgewählter Gedichte Droste-Hülshoffs, die von ihren Kompositionen und modernen Vertonungen umrahmt wurden.
Konferenzübersicht: Begrüßung und Einführung
Barbara Rüschoff-Thale (LWL-Kulturdezernentin)
Jochen Grywatsch (LWL-Literaturkommission, Droste-Gesellschaft)
Cornelia Blasberg (WWU Münster, Droste-Gesellschaft)
Sektion I: Reflektierte (Geschichts-)Zeit: Problematik und literarische Identifizierung Markus Fauser (Vechta): "Zu früh oder zu spät geboren? Die Zeit der Epigonen"
Walter Erhart (Bielefeld): "Die 'Bilder aus Westfalen' und die Theorien der Moderne"
Ulrike Vedder (HU Berlin): "Testamentarische Zeitstrukturen in Annette von Droste-Hülshoffs Werken"
Jochen Grywatsch (Münster): "'Entwürfe werden aus Entwürfen reif'. Droste anders ausstellen. Ein Plädoyer"
Sektion II: Thematisierung von Zeit und Vergänglichkeit (in) der Literatur Barbara Thums (Tübingen): "Zeitschichten. Abstieg ins Totenreich bei Annette von Droste-Hülshoff und Adalbert Stifter"
Rüdiger Nutt-Kofoth (Wuppertal): "'Im Gestern halb und halb im Heute'. Aporien temporaler Situierung bei Annette von Droste-Hülshoff"
Marcus Twellmann (Konstanz): "'Schreib auf, was Du weißt'. Zur Rettungs-Ethnographie der Annette von Droste-Hülshoff"
Jürgen Gunia (Münster): "Schattenzeiten. Sonnenfinsternis als Ereignis bei Annette von Droste-Hülshoff und Adalbert Stifter"
Exkursion zum Rüschhaus und zur Burg Hülshoff.
Sektion III: Diskursivierung von Zeit. Zeit-Diskurse in der Literatur Claudia Liebrand (Köln): "Versteinerte Zeit. Petrefakte bei Droste, Mörike und Raabe"
Peter Schnyder (Neuchâtel): "Der Abgrund der Zeit. Geologie und Genesis im Biedermeier"
Konzert und Rezitation im Erbdrostenhof Münster
"In meiner Träume Zauberturm. Texte und Kompositionen der Annette von Droste-Hülshoff im Dialog mit modernen Vertonungen"
Burkhard Mohr (Komposition und Klavier)
Marlene Schober (Sopran)
Sabine Negulescu (Rezitation)
Sektion IV: Literatur als Zeitgeberin. Zur Sprachlichkeit der Zeiterzeugung Cornelia Blasberg (Münster): "Annette von Droste-Hülshoffs Romanfragment 'Ledwina'"
Anke Kramer (Wien): "Hydrographien der Zeit. Wasser als Modell der Zeitkonzenption bei Droste-Hülshoff, Grillparzer und Heine"
Matthias Erdbeer (Münster): "'Ein Stück Zeit'. Präsenzontologien und temporale Evidenz im Biedermeier"
Zusammenfassung, Schlussbetrachtung, Informationen, Feedback, Verabschiedung
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bei der Autorin und bei KULT_online/ Bilder: Christin Grunert