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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 27 (2011) Brief Drucker

Bericht zur Tagung »Was sind Denkfiguren? Figurationen unbegrifflichen Denkens in Metaphern, Diagrammen und Kritzeleien«

Workshop, veranstaltet vom Graduiertenkolleg »Schriftbildlichkeit« in Kooperation mit dem International Graduate Centre for the Study of Culture, Freie Universität Berlin, 25.-26. Februar 2011

Ein Bericht von Alexander Friedrich


> Konferenzübersicht
Der Begriff der Denkfigur hat innerhalb der letzten Jahrzehnte eine anhaltende Konjunktur erfahren. Als terminus technicus in nahezu allen geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen beheimatet, fehlt es ihm noch immer an einer theoretischen Bestimmung. Was unterscheidet Denkfiguren etwa von Begriffen, Paradigmen oder Metaphern? Der operative Wert des relativ jungen Begriffs scheint eine Differenz zu vertrauten Konzepten zu markieren. Worin besteht aber der theoretische oder diskursive Eigen- oder Mehrwert von Denkfiguren, oder worin könnte er bestehen? Erweitern Denkfiguren nur das terminologische Arsenal laufender Debatten, drückt sich in ihnen eine Neuorientierung geisteswissenschaftlicher Betrachtung aus oder bekundet sich in ihnen ein genuiner Modus des Denkens?
Mögliche Antworten auf diese Frage zu finden war das Ziel des zweitägigen Workshops, der am 25.-26. Februar 2011 im Graduiertenkolleg "Schriftbildlichkeit" an der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem International Graduate Centre for the Study of Culture der Justus-Liebig-Universität Gießen veranstaltet wurde. Organisiert und durchgeführt von Doktoranden beider Institutionen – namentlich André Reichert (Berlin), Alexander Friedrich (Gießen), Vera Stadelmann (Gießen), Christian Driesen (Berlin) und Marcus Burkhardt (Gießen) – bot die interdisziplinäre Denkwerkstatt Forschern unterschiedlicher Provenienz die Möglichkeit, verschiedene Theorieangebote und Fallbeispiele von Denkfiguren zu diskutieren. Vor allem ging es dabei um drei Leitfragen: Was sind Denkfiguren? Wo bzw. wann tauchen sie auf? Wie verfahren sie?
Dabei sollte es weniger darum gehen, ein versiertes Fachpublikum mit Vorträgen und Beweisführungen zu überzeugen, sondern zunächst einmal Beobachtungen, Überlegungen und Einfällen Raum zu geben, deren Fruchtbarkeit oder Nützlichkeit es gemeinsam zu erproben galt. Der Workshop war darum bewusst auf eine offene Arbeitsatmosphäre am runden Tisch angelegt. Um den scharte sich dann auch immer eine fluktuierende Anzahl gelegentlich in den kollektiven Denkprozess intervenierender Gäste, die offenbar dem Plakat gefolgt waren, das Deborah Neininger (Thessaloniki) eigens dafür gestaltet hatte. Unter den Besuchern fanden sich auch Künstler, die sich mit dem Thema beschäftigen und den Veranstaltern sogar einige ihrer Impressionen des Workshops überließen.

Operationen unbegrifflichen Denkens

Die Veranstaltung war in vier Sektionen gegliedert: Propädeutik, Vermittlungen und Performanzen; die letzte Sektion Cognition wurde in englischer Sprache abgehalten. Die beiden Hauptorganisatoren eröffneten den Workshop in der ersten Sektion mit zwei Beiträgen, die jeweils eine metaphorologische und eine diagrammatische Perspektive auf "Figurationen unbegrifflichen Denkens" entwickelten. ANDRÉ REICHERT (Berlin) schlug vor, Bergsons 'dynamisches Schema' mit Deleuzes 'diagrammatischer Idee' zu verbinden, um Denkfiguren als verlangsamte Denkbewegungen zu verstehen, die als Abweichungen von verfestigten Schemata zum Ursprung neuer Begriffsbildungen werden. Auf diese Weise können sich Denkfiguren, aus einem Moment der Irritation verfestigter Schemata heraus, selber zu stabilen Mustern verfestigen, die sich nicht nur sprachlich, sondern auch in Zeichnungen, Kinobildern, sogar im Schach oder Fußball materialisieren können.
Als eine spezifische Operation des Denkens versuchte auch ALEXANDER FRIEDRICH (Gießen) Denkfiguren zu verstehen. Ausgehend von dem philosophischen Grundproblem der Metapher, wie es nach Aristoteles von Derrida und Blumenberg neu aufgeworfen wurde, lässt sich ein spezifischer Typus von Metapher bestimmen, der auf der Ebene unbegrifflichen Denkens verbleibend einen konstitutiven Anteil an Begriffsbildungsprozessen hat. Als "paradigmatische Metaphern" verkoppeln sie zwei Denkbewegungen, die Agambens 'Paradigma' und Kants 'Symbol' entsprechen. Damit tritt dieser Metapherntypus als eine Denkfigur in Erscheinung, die ausgehend von dem "Beispiel einer unbekannten Regel" (Kant) Analogien bildet, die etwas Unbegriffliches intelligibel und etwas Begriffliches anschaulich machen. Denkfiguren, so die These des Beitrags, operieren wie eine "Gleichung mit zwei Unbekannten".

Verhältnisbetrachtungen

Die zweite Sektion widmete sich Denkfiguren unter den Gesichtspunkten der Reflexion und Darstellung. DANIEL-PASCAL ZORN (Eichstätt-Ingolstadt) entwickelte aus der Struktur philosophischer (Selbst-)Reflexion und ihren Aporien den Vorschlag, Denkfiguren als eine Art philosophischen Fingerabdruck zu verstehen. Als eine Signatur des Denkens können sie bei der Interpretation philosophischer Texte als ein heuristisches Mittel zur Bestimmung von "Aussageabständen" und "Wahlverwandtschaften" dienen. In der Diskussion erwies sich der Vergleich mit dem weberschen Idealtypen als weiterführend, der ein Phänomen gerade aus seiner Abweichung von diesem zu bestimmen versucht. Die Diskussion mündete schließlich in der Übereinkunft, Denkfiguren in diesem Sinne als das Resultat einer Forensik philosophischer Reflexionsmuster zu verstehen.

Auch als einen Modus der Darstellung von Relationen bzw. der "Verhältnis-betrachtung" entwickelte MARCUS BURKHARDT (Gießen) einen medientheoretisch ausgerichteten Begriff der Denkfigur, der sich auf die Aspekte des Visuellen konzentrierte. Ausgehend von dem peirceschen Begriff des Diagramms können Visualisierungen von Daten in graphischen Diagrammen als Denkfiguren verstanden werden, die als "externalisierte Kognitionen" Schlussfolgerungen im Modus der Wahrnehmungen erlauben oder auch suggerieren. In einer medialen Kopplung abduktiver, deduktiver und induktiver Denkprozesse figurieren Diagramme Übersetzungen und Darstellungen von Relationen, die immer auch latente Narrative involvieren. Diese Latenzen einbeziehend werden Diagramme als Denkfiguren "mittlerer Reichweite" analysierbar, die unterhalb der Ebene von Epistemen oder Paradigmen anzusiedeln sind.

Form- und Sinnbildungsprozesse

Die dritte Sektion des Workshops beschäftigte sich mit Fragestellungen und Beobachtungen auf ästhetischer und performativer Ebene. So stellte TOM KLIMANT (Aachen) eine produktionsästhetische Fallstudie zu Heiner Müllers Hamletmaschine vor, die Denkfiguren als ein Medium schöpferischer Prozesse untersucht. Angesichts der handschriftlichen Entwürfe des Dramatikers lassen sich Wechselwirkungen von wortsemantischen und ikonographischen Schreib-prozessen beobachten, deren Textur sich als eine graphische Artikulation des Denkens auf dem Papier beschreiben lässt. Denkfiguren erscheinen in dieser Hinsicht als materielle Spuren kreativer Verfahren, in denen die "notationale Ikonizität unsichtbarer epistemischer Sachverhalte sichtbar wird".
Mit "Digestion als Denkfigur in James Joyce’ Ulysses" untersuchte FABIAN GOPPELSRÖDER (Stanford) einen werkästhetischen Hybrid zwischen Konzept und Phänomen, der quer zur Unterscheidung von Form und Inhalt liegt. Die Verdauung fungiert als ein thematisches und organisatorisches Prinzip des Romans, das sich vor allem in der Figur Blooms manifestiert, der nicht urteilt, sondern sich die Welt "stoffwechselförmig" aneignet. In der Denkfigur der Verdauung finden Fragen der Identität und Selbsterhaltung des Ich in der modernen Metropole das Modell eines ästhetischen Metabolismus, der eine Stabilität des Subjekts im Strom des Bewusstseins erlaubt. Zugleich fungiert die Verdauung als ein narratives Prinzip, dessen Semantik wesentlich auf performativen Prozessen beruht. Durch Wiederholung und Transformation nichtlexikalischer Bedeutungen gestaltet die Denkfigur der Verdauung die Sprache zu einem sinnlichen Medium komplexer Sinnbildungsprozesse.
In seinem Beitrag über den Rhythmus von Figuren zeigte CHRISTIAN DRIESEN (Berlin) einen etymologisch verdrängten, aber wirkmächtig gebliebenen Aspekt des Figurativen auf. Ausgehend von einer Rekonstruktion folgenreicher Begriffsverschiebungen – von Rhythmus als einer Prozessgestalt in der Atomistik über das aristotelische Schema hin zur Figur als eines plastischen Gebildes – eignet sich der Begriff der Denkfigur, die "Symptomatik und Zeitlichkeit von Figurationen" in Zeichnungen und Gemälden herauszuarbeiten. In der (Selbst-)Reflexion künstlerischer Formbildungsprozesse markieren Denkfiguren eine Differenz zwischen dem Gestaltlosen und dem Vollendeten, deren Spannung etwa in den warburgschen Pathosformeln erhalten bleiben und zu einem Nachleben des figurativ Gebannten führen kann. In der Diskussion ergaben sich daraus vielfältige Bezüge auch zu naturwissenschaftlichen Phänomenen etwa in nichtlinearen Systemen, instabilen Gleichgewichten oder zu der Unterscheidung von diskreten Elementen und kontinuierlichen Strömen.

Synästhesie und Emergenz

Die vierte und letzte Sektion konzentrierte sich auf kognitionswissenschaftliche Fragen. KRISTÓF NYÍRI (Budapest) kritisierte in seinem Beitrag den Ansatz der Conceptual Metaphor Theory sowie der Blending Theory am Beispiel der Zeitmetaphorik. Die inkriminierten Theoretiker verfehlten in der Analyse metaphorischer Schematisierungen von Zeitvorstellungen die Erfahrung der Zeit selbst, so die These. Demgegenüber bekunden Denkfiguren einen "Modus der Wahrnehmung, der verschiedene Arten von Erfahrung miteinander vermittelt". Im Gegensatz zu konzeptuellen Metaphern beruhen Denkfiguren auf einem genuin "synästhetischen" Verfahren, das die ontologische Dimension ihres Bezugs, hier der Zeit, präsent hält. Während die in diesem Zusammenhang aufgestellte Behauptung, dass Wittgenstein ein visueller Denker sei, auf lebhaften Widerspruch stieß, eröffnete die synästhetische Perspektive den Blick auf einen unterschätzten Aspekt von lebendigen Metaphern.
Den Implikationen und Problemen der Blending Theory widmete sich auch VERA STADELMANN (Gießen) im letzten Beitrag des Workshops. Anhand des durch Taco Bell populär gewordenen Wortspiels "think outside the bun" ließ sich die Dynamik von Lexikalisierungsprozessen beobachten. In dem Fall hatte die Entwicklung ihren Anfang bei der Anweisung für eine Knobelaufgabe ("think outside the box") genommen, um schließlich, nach einer Serie mimetischer Variationen ("… sox", "… fox") des ursprünglichen Wortspiels, in einer beliebig rekombinierbaren Phrase ("think outside the …") zu enden. In der Diskussion ergaben sich hier vielfältige Bezüge zu bisher erörterten Aspekten von Denkfiguren. So bildeten die einzelnen Variationen etwa 'Beispiele einer unbekannten Regel' auf Ebene des Signifikats. Die zunehmende Lexikalisierung der Phrase folgt dabei aber einer Logik der Aussage im Sinne Foucaults, deren Emergenz und Bedeutung auf der Ebene gesellschaftlicher Prozesse gesucht werden muss. Hieraus ergibt sich ein wichtiges Desiderat der Blending Theory.

Fazit

In einer abschließenden Diskussion wurden die gesammelten Kerngedanken zum Begriff der Denkfigur noch einmal gemeinsam gesichtet und geprüft: Sind bestimmte Aspekte oder Probleme in den Beiträgen und Diskussionen immer wiedergekehrt? Welche Zusammenhänge lassen sich zwischen ihnen herstellen oder ausschließen? Haben sich bestimmte Begriffe als zentral erwiesen?
Eine während des Workshops kontinuierlich geführte Liste diente dabei als Leitfaden der kollektiven Reflexion. Als grundlegend erwies sich das spannungsvolle Verhältnis von phänomenologischer und theoretischer Beschreibung von Denkfiguren. Gerade die Unbestimmtheit des Gegenstands hat sich in seiner exemplarischen Bearbeitung als sehr fruchtbar erwiesen. Zugleich haben Denkfiguren als ein Denken der Bewegungen des Sinnlichen immer auch Konsequenzen für die Theoriebildung selbst. Ohne den Begriff auf eine abstrakte Summe zusammenziehen zu können, ließen sich doch einige wesentliche Aspekte von Denkfiguren identifizieren. Insbesondere drei Unterscheidungen erwiesen sich dabei als hilfreich:
1) Modell vs. Prozess: Denkfiguren können sowohl als nachträgliche Konstruktionen als auch als vorgängige Ereignisse verstanden werden. Während sie im ersten Fall eine Heuristik, einen Idealtypus oder eine Taxonomie von Denkbewegungen bezeichnen, markieren sie im zweiten Fall die Bewegung selbst oder deren Ergebnis, die durch die Momente der Wiederholung, Abweichung und Differenz gekennzeichnet sind.
2) Stabilität vs. Störung: Denkfiguren lassen sich sowohl als Resultate der Verfestigung von Abläufen und Bewegungen verstehen als auch als deren Irritation und Transformation. Damit eignet sich der Begriff zu einer Vermittlung konservativer und innovativer Prozesse in Denkvorgängen. Als gegenstrebige Gefüge lassen sie sich auch analog zum Begriff des instabilen Gleichgewichts bestimmen.
3) Referenz vs. Emergenz: Denkfiguren erweisen sich oft als Artikulationen kaum oder nicht referenzierbarer Vorgänge und Entitäten, sei es aus Gründen der Unanschaulichkeit, Komplexität oder Aktivität des in ihnen Dargestellten. Doch stiften sie oft gerade durch ihre Darstellung emergente Bedeutungen, die das referenziell nicht Beherrschbare weniger repräsentieren als vielmehr inszenieren.
Denkfiguren erscheinen so generell als Vermittlungen von Differenzen, die in einem kontinuierlichen Prozess zwischen diskreten Polen und deren Modulation immer die Differenz als Ganzes betreffen. Damit konnte die Problematik von Denkfiguren in den Sektionen Propädeutik, Vermittlung, Performanz und Kognition perspektivisch umrissen werden. Um die Perspektiven zu schärfen und die Diskussion weiter zu vertiefen, ist eine Fortsetzung des Workshops und eine spätere Publikation der Beiträge geplant.                                         
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Konferenzübersicht:

Sektion I – Propädeutik: Metaphorologie und Diagrammatik

Alexander Friedrich (JLU Gießen): "Von der Übertragung zur Figuration: Metapher, Analogie, Paradigma"
André Reichert (FU Berlin): "Von den Denkbewegungen zu den Denkfiguren. Diagrammatik als Metaphysik und Präphilosophie"

Sektion II – Vermittlungen: Reflexion und Darstellung

Daniel-Pascal Zorn (KU Eichstätt-Ingolstadt): "Philosophische Denkfiguren als Filiationen reflexiven Denkens aus der Perspektive einer indirekten Metaphysik"
Marcus Burkhardt (JLU Gießen): "Sehend denken: Figurationen der Informationsvisualisierung"

Sektion III – Performanzen: Rhythmus, Stil, Ästhetik

Tom Klimant (RWTH Aachen): "Denkfiguren als Medium schöpferischer Prozesse. Eine produktionstheoretische Fallstudie zu Heiner Müllers Hamletmaschine"
Fabian Goppelsröder (Stanford University): "Digestion als Denkfigur in James Joyce’ Ulysses"
Christian Driesen (FU Berlin): "Zum Rhythmus von Figuren"

Sektion IV – Cognition: Visual Thinking and Blending

Kristóf Nyíri (BME Budapest): "Time As Denkfigur and As Reality"
Vera Stadelmann (JLU Gießen): "'Think outside the bun': A Diachronic Approach to Creative Extensions of Conventionalised Figures of Speech and/or Thought"

Abschlussdiskussion


© beim Autor und bei KULT_online/ Zeichnung Eva-Charlotte Selzener

Abb. 1: Deborah Neininger: Workshop-Plakat
Abb. 2: Gilles Deleuze, Die Falte. Leibniz und der Barock, Frankfurt/M. 2000, S. 13.
Abb. 3: Quelle: gapminder.org
Abb. 4: Leo Navratil, Schizophrenie und Kunst. Ein Beitrag zur Psychologie des Gestaltens, München 1972, S. 25.
Abb. 5: Alexander Friedrich: Protokoll Abschlussdiskussion
Abb. 6: Eva-Charlotte Selzener: Gruppenbild



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