
Die Veranstaltung war in vier Sektionen gegliedert:
Propädeutik, Vermittlungen und
Performanzen; die letzte Sektion
Cognition wurde in englischer Sprache abgehalten. Die beiden Hauptorganisatoren eröffneten den Workshop in der ersten Sektion mit zwei Beiträgen, die jeweils eine metaphorologische und eine diagrammatische Perspektive auf "Figurationen unbegrifflichen Denkens" entwickelten. ANDRÉ REICHERT (Berlin) schlug vor, Bergsons 'dynamisches Schema' mit Deleuzes 'diagrammatischer Idee' zu verbinden, um Denkfiguren als verlangsamte Denkbewegungen zu verstehen, die als Abweichungen von verfestigten Schemata zum Ursprung neuer Begriffsbildungen werden. Auf diese Weise können sich Denkfiguren, aus einem Moment der Irritation verfestigter Schemata heraus, selber zu stabilen Mustern verfestigen, die sich nicht nur sprachlich, sondern auch in Zeichnungen, Kinobildern, sogar im Schach oder Fußball materialisieren können.
Als eine spezifische Operation des Denkens versuchte auch ALEXANDER FRIEDRICH (Gießen) Denkfiguren zu verstehen. Ausgehend von dem philosophischen Grundproblem der Metapher, wie es nach Aristoteles von Derrida und Blumenberg neu aufgeworfen wurde, lässt sich ein spezifischer Typus von Metapher bestimmen, der auf der Ebene unbegrifflichen Denkens verbleibend einen konstitutiven Anteil an Begriffsbildungsprozessen hat. Als "paradigmatische Metaphern" verkoppeln sie zwei Denkbewegungen, die Agambens 'Paradigma' und Kants 'Symbol' entsprechen. Damit tritt dieser Metapherntypus als eine Denkfigur in Erscheinung, die ausgehend von dem "Beispiel einer unbekannten Regel" (Kant) Analogien bildet, die etwas Unbegriffliches intelligibel und etwas Begriffliches anschaulich machen. Denkfiguren, so die These des Beitrags, operieren wie eine "Gleichung mit zwei Unbekannten".
Verhältnisbetrachtungen
Die zweite Sektion widmete sich Denkfiguren unter den Gesichtspunkten der Reflexion und Darstellung. DANIEL-PASCAL ZORN (Eichstätt-Ingolstadt) entwickelte aus der Struktur philosophischer (Selbst-)Reflexion und ihren Aporien den Vorschlag, Denkfiguren als eine Art philosophischen Fingerabdruck zu verstehen. Als eine Signatur des Denkens können sie bei der Interpretation philosophischer Texte als ein heuristisches Mittel zur Bestimmung von "Aussageabständen" und "Wahlverwandtschaften" dienen. In der Diskussion erwies sich der Vergleich mit dem weberschen Idealtypen als weiterführend, der ein Phänomen gerade aus seiner Abweichung von diesem zu bestimmen versucht. Die Diskussion mündete schließlich in der Übereinkunft, Denkfiguren in diesem Sinne als das Resultat einer Forensik philosophischer Reflexionsmuster zu verstehen.

Auch als einen Modus der Darstellung von Relationen bzw. der "Verhältnis-betrachtung" entwickelte MARCUS BURKHARDT (Gießen) einen medientheoretisch ausgerichteten Begriff der Denkfigur, der sich auf die Aspekte des Visuellen konzentrierte. Ausgehend von dem peirceschen Begriff des Diagramms können Visualisierungen von Daten in graphischen Diagrammen als Denkfiguren verstanden werden, die als "externalisierte Kognitionen" Schlussfolgerungen im Modus der Wahrnehmungen erlauben oder auch suggerieren. In einer medialen Kopplung abduktiver, deduktiver und induktiver Denkprozesse figurieren Diagramme Übersetzungen und Darstellungen von Relationen, die immer auch latente Narrative involvieren. Diese Latenzen einbeziehend werden Diagramme als Denkfiguren "mittlerer Reichweite" analysierbar, die unterhalb der Ebene von Epistemen oder Paradigmen anzusiedeln sind.
Form- und Sinnbildungsprozesse
Die dritte Sektion des Workshops beschäftigte sich mit Fragestellungen und Beobachtungen auf ästhetischer und performativer Ebene. So stellte TOM KLIMANT (Aachen) eine produktionsästhetische Fallstudie zu Heiner Müllers
Hamletmaschine vor, die Denkfiguren als ein Medium schöpferischer Prozesse untersucht. Angesichts der handschriftlichen Entwürfe des Dramatikers lassen sich Wechselwirkungen von wortsemantischen und ikonographischen Schreib-prozessen beobachten, deren Textur sich als eine graphische Artikulation des Denkens auf dem Papier beschreiben lässt. Denkfiguren erscheinen in dieser Hinsicht als materielle Spuren kreativer Verfahren, in denen die "notationale Ikonizität unsichtbarer epistemischer Sachverhalte sichtbar wird".
Mit "
Digestion als Denkfigur in James Joyce’ Ulysses" untersuchte FABIAN GOPPELSRÖDER (Stanford) einen werkästhetischen Hybrid zwischen Konzept und Phänomen, der quer zur Unterscheidung von Form und Inhalt liegt. Die Verdauung fungiert als ein thematisches und organisatorisches Prinzip des Romans, das sich vor allem in der Figur Blooms manifestiert, der nicht urteilt, sondern sich die Welt "stoffwechselförmig" aneignet. In der Denkfigur der Verdauung finden Fragen der Identität und Selbsterhaltung des Ich in der modernen Metropole das Modell eines ästhetischen Metabolismus, der eine Stabilität des Subjekts im Strom des Bewusstseins erlaubt. Zugleich fungiert die Verdauung als ein narratives Prinzip, dessen Semantik wesentlich auf performativen Prozessen beruht. Durch Wiederholung und Transformation nichtlexikalischer Bedeutungen gestaltet die Denkfigur der Verdauung die Sprache zu einem sinnlichen Medium komplexer Sinnbildungsprozesse.