Die dritte
keynote lecture der Tagung hielt WOLFGANG MÜLLER-FUNK (Wien). In seinem Vortrag "Zur Ethik der Ästhetik des Erzählens. Zur Kritik narrativer Strategien in Norbert Gstreins Roman
Das Handwerk des Tötens" demonstrierte er, dass sich die Erzählungen gegenüber häufig artikulierte Unwahrheitsvermutung nicht allein auf inhaltlicher Ebene, sondern auch auf struktureller Ebene untersuchen lässt. Durch eine Hinterfragung der Voraussetzungen des Erzählens und durch eine Problematisierung der je eigenen narrativen Strategien verschiedener Genres stehen Erzählungen in Gstreins in den Jahren des Kosovokriegs spielendem Roman stets unter dem Generalverdacht der Lüge, womit die Frage nach angemessenen Darstellungsformen für eine Repräsentation von Wahrheit und Wahrhaftigkeit aufgeworfen wird. Gstreins Roman ist demgemäß weniger als Anti-Kriegs-, denn als Anti-Kriegsgeschichten-Roman zu lesen, der selbst jedoch nicht dem Paradox entgeht, dass die Betonung des lügnerischen Moments allen Erzählens mittels einer Erzählung erfolgt.
Der dritte Konferenztag fokussierte "Gesellschaftliche Selbstreflexion zwischen Stabilisierung und Destabilisierung" und die damit verbundenen, kulturelle Prozesse prägenden politischen Implikationen. In ihrem Vortrag "As Long as You Can Pay the Bill: The Lost Generation and its 'clear financial basis' in Ernest Hemingway’s
The Sun also Rises (1926)" widerlegte KATJA URBATSCH (Gießen) überzeugend die herrschende Forschungsmeinung, dass der verantwortungsbewusste Umgang der Figuren mit monetären Ressourcen in Hemingways Roman als Indikator ihrer moralischen Integrität zu werten sei. Stattdessen machte sie deutlich, dass Geld als Wertesystem gesetzt wird, welches die durch die Zerstörung traditioneller Werte in Folge des Ersten Weltkriegs entstandene Leerstelle aufzeigt, jedoch nicht neu zu füllen vermag. Der Vortrag leistete auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zu einer Neulektüre dieses Romans als Darstellungsraum eines durch die Kommerzialisierung aller Verhältnisse geprägten kulturellen Wandels.
Im Rückgriff auf Bachtins Konzept der Dialogizität beleuchtete URSULA ARNING (Gießen) in ihrem Beitrag "Widerstand durch Schreiben: der argentinische Roman zur Zeit der Diktatur (1976-1983)" exemplarisch anhand des Romans
Conversación al sur von Marta Traba narrative Strategien, mittels derer der diktatorische, monologisierende und gleichmacherische Diskurs des zur damaligen Zeit herrschenden Regimes unterlaufen wird. Neben Fragmentierung, Dialogisierung und Perspektivierung ist es in Trabas Roman gerade der politische Kontext der Stille der Verschwundenen, der eine Aktivierung des Lesers provoziert und ihm auf diese Weise einen Möglichkeitsraum eröffnet, den innerfiktional abgebrochenen Dialog fortzusetzen. Widerstand durch Schreiben beinhaltet damit stets einen Appell an den Leser, die eingeforderte "neue Art des Sprechens", die auf die Stille zu folgen hat, zu einer Destabilisierung der herrschenden Machtverhältnisse zu nutzen.
SEIJI HATTORI (Gießen) unterstrich in seinem Vortrag "'Kafka am Strand' der Kulturen? Haruki Murakamis Narration zwischen dem kollektiven Gedächtnis der japanischen '68er' und der universellen Postmoderne in der Globalisierung", dass sich der internationale Erfolg Murakamis maßgeblich durch die Anschlussfähigkeit seiner Romane an unterschiedliche Kulturräume erklären lässt: Romane wie
Die gefährliche Geliebte lassen sich einerseits als politische Allegorie eines durch Desillusionierungs- und Entfremdungsprozesse ausgelösten geistigen Vakuums der Nachkriegsgeneration und damit als Sprachrohr des kollektiven Gedächtnisses der japanischen 68er-Generation lesen. Die Überführung dieses ursprünglich auf einer realpolitischen Ebene zu verortenden seelischen Vakuums auf eine global erweiterte Ebene, auf der es zum Charakteristikum des postmodernen Menschen schlechthin stilisiert wird, ermöglicht andererseits eine kulturelle Grenzen überschreitende, anthropologische Lektüre, die die Universalität der Romane begründet.
Anhand der Lübecker Antoniustafel aus dem Jahre 1503 erläuterte MIRIAM HOFFMANN (Kiel) aus kunstgeschichtlicher Perspektive Möglichkeiten von Narration im Hinblick auf "Heiligenlegenden in der Hansestadt Lübeck um 1500". Dabei demonstrierte sie nicht nur, dass sich die auf der Tafel dargestellte Lebensgeschichte des Heiligen Antonius durch ikonische Kohärenz, Bildunterschriften und die von der Schrift übernommene Leserichtung als Narration fassen lässt, sondern auch dass sich ihre Visualisierung erst ihrer Verankerung im sozio-kulturellen Umfeld und kulturellen Gedächtnis der Hansestadt verdankt, wodurch die Verstrickung auch kunstgeschichtlicher Artefakte in narrativ verfasste, kulturelle Netzwerke deutlich wurde.
Die Tagung hat insgesamt Perspektiven eines zukunftsorientierten kulturwissenschaftlichen Dialogs gestalterisch aufgezeigt, der zugleich den im Kontext der unterschiedlichen Gießener Forschungsverbünde bereits praktizierten Austausch zwischen verschiedenen Fachkulturen vertiefen konnte. Die Modellvorstellung von Kultur als einem dynamisch zu denkenden Netzwerk aus zwischen Fakten und Fiktionen oszillierenden narrativen Zusammenhängen wurde in der Diskussion immer wieder aufgegriffen und facettenreich perspektiviert. Die in einen Dialog gebrachten unterschiedlichen Zugriffsweisen auf die Tagungsthematik vermochten den Zuhörern und Teilnehmern auf diese Weise die auch und gerade in der Breite und Offenheit des Themas begründet liegende Ergiebigkeit konzeptueller Zuschnitte in der kulturwissenschaftlichen Forschung vor Augen zu führen. Zwar konnte in den produktiven Diskussionen kein grundsätzlicher Konsens erzielt werden, wohl aber eine produktive Reformulierung von Paradigmen, die die kulturwissenschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte geprägt haben.
Die wissenschaftlichen Erträge der Tagung werden 2009 im Rahmen der GCSC-Reihe publiziert und so einem größeren Publikum zugänglich gemacht.
Konferenzübersicht:
Eröffnung durch Martin Zierold (Grußwort) und Daniela Meinhardt/Miriam Wallraven (Einführungsvortrag)
The Science of Fiction: Fiktionalisierte Wissenschaft und wissenschaftliche FiktionBARBARA DIERIS (MÜNSTER): Literarisch-fiktionale Texte als Datenquelle in der sozialwissenschaftlich-psychologischen Forschung
MIRIAM WALLRAVEN (GIEßEN): „To make a history from this kind of material is not easy“: Die narrative Konstruktion von Kulturgeschichte(n) in post-modernenutopischen Texten
DANIELA MEINHARDT (GIEßEN): Das rhizomorphe Labyrinth als Wissensmodell in Umberto Ecos
Il pendolo di Foucault AXEL RÜTH (KÖLN): Fiktionalität, Narration und Kultur.Anmerkungen zu ihrem Verhältnis
Autobiographische Schriften zwischen Fakten und FiktionenCLAUDIA EL HAWARY (KÖLN): Autobiografie als Erzählform kultureller Hybridität
ELEONORA RAVIZZA (GIEßEN): Metaphysical journeys in V.S. Naipaul‘s
The Enigma of ArrivalKATARZYNA KUCZMA (POZNAN/GIEßEN):Accommodating Fact and Fiction –the value of (auto)biography in Siri Hustvedt’s
The Sorrows of an AmericanGERALD ECHTERHOFF (BREMEN): Saying is Believing?! How retellings affect social and cultural knowledge
Fiktionalisierte Faktizität:Krieg – Trauma – Erzählung STEPHAN FREIßMANN (GIEßEN): Poetik des Traumas: Fakt und Fiktion in Traumatexten von Vonnegut und Semprún
DANIEL SCHÄBLER (KIEL): Voices from the Deep – (Re)Constructing the Sinking of the „Estonia”
GERRIT LEMBKE (KIEL): Zu Paul Coelestin Ettighoffers
Von der Teufelsinsel ins LebenDie Macht der Fiktion:Kulturelle UrsprungsnarrativeMELINA GEHRING (CAMBRIDGE): From brute to human: How and why recent rewritings change the collective perception of Minotaur
UWE MAYER (GIEßEN): Dionysische (De-)Stabilisierung: Walter Paters
A Study of Dionysus and
Denys l’Auxerrois als kulturgeschichtliche Narrationen
JÖRN AHRENS (GIEßEN): Soziale Gemeinschaftsgründung undUrsprungsnarration: JohnFords
The Man Who Shot Liberty Valance
Erzählgemeinschaften als kulturelle BasisMAREN CONRAD (KIEL): Island – Erzählgemeinschaft zwischen Alltags-poetisierung und Aberglaube
MIRJAM BITTER (GIEßEN): Familie als Erzählgemeinschaft. Verdrängen und Intensivieren – gegenläufige Funktionen von Fiktionalisierung in Eva Menasses
Vienna (2005)
WOLFGANG MÜLLER-FUNK (WIEN): Zur Ethik der Ästhetik des Erzählens. Zur Kritik narrativer Strategien in Norbert Gstreins Roman
Das Handwerk des Tötens
Gesellschaftliche Selbstreflexion zwischen Stabilisierung und DestabilisierungKATJA URBATSCH (GIEßEN): As Long as You Can Pay the Bill: The Lost Generation and its ,clear financial basis’ in Ernest Hemingway’s
The Sun also rises (1926)
URSULA ARNING (GIEßEN): Widerstand durch Schreiben: der argentinische Roman zur Zeit der Diktatur (1976-1983)
SEIJI HATTORI (GIEßEN): ‚Kafka am Strand‘ der Kulturen? Haruki Murakamis Narration zwischen dem kollektiven Gedächtnis der japanischen ‚68er‘ und der universellen Postmoderne in der Globalisierung.
MIRIAM HOFFMANN (KIEL): Heiligenlegenden in der Hansestadt Lübeck um 1500
Abschlußdiskussion
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