Direkt zur zweiten Navigationsebene, fallls vorhanden.Direkt zum Seiteninhalt
Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 18 (2009) Brief Drucker

Bericht zur Tagung "Narrative Networks: Kultur und Narration im Spannungsfeld von Fakten und Fiktionen"

veranstaltet von der Research Area "Culture and Narration" des Gießener International Graduate Centre for the Study of Culture, 05.–07.12.2008 im Alexander-von-Humboldt-Gästehaus der Justus-Liebig-Universität Gießen

Ein Bericht von Sandra Berger, Daniela Meinhardt und Miriam Wallraven

> Zur Konferenzübersicht

Das Tagungsteam

Der Zusammenhang von Kultur und Narration stand im Mittelpunkt einer interdisziplinären Tagung, die von der Research Area "Culture and Narration" des Gießener International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) unter dem Titel "Narrative Networks: Kultur und Narration im Spannungsfeld von Fakten und Fiktionen" vom 5. bis 7. Dezember 2008 im Gästehaus der Justus-Liebig-Universität Gießen abgehalten wurde. Unter Beteiligung von Vertretern aus der Anglistik, Romanistik, Germanistik, Kunstgeschichte, Soziologie, Pädagogik und Psychologie lenkte die Tagung die Perspektive auf die vielfältige Wechselverhältnisse zwischen Kultur und Narration, die die internationale und interdisziplinäre kulturwissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte zwar wesentlich geprägt haben, deren systematische und methodische Reflexion jedoch weiterhin ein Desiderat darstellt. Diesem entsprechend leistete die Konferenz einen wesentlichen Beitrag, indem sie die mannigfaltigen Verflechtungen zwischen Kultur und Narration als dynamisches Netzwerk im Spannungsfeld von Fakten und Fiktionen auffächerte. Das Erkenntnisinteresse richtete sich dabei weniger auf die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen als auf die narrativen Verfahren und Strategien, mittels derer sie in Erzählungen unterschiedlichster Art inszeniert und reflektiert werden und Einfluss auf unsere Vorstellung von Kultur nehmen. Vor diesem Hintergrund erwies sich eine interdisziplinäre Perspektive als unabdingbar, ermöglichte sie es doch, in insgesamt 22 Fachvorträgen nach den sowohl auf synchroner als auch auf diachroner Ebene divergierenden Zugriffsweisen und Konturierungen dieser Begriffe zu fragen und die Vielstimmigkeit der Narrative auf diese Weise in einen fruchtbaren Dialog zu bringen.

Den Auftakt der Tagung bildete das Grußwort des GCSC-Geschäftsführers MARTIN ZIEROLD, der den OrganisatorInnen – Sandra Berger, Stephan Freißmann, Katarzyna Kuczma, Uwe Mayer, Daniela Meinhardt und Miriam Wallraven – für ihr Engagement dankte. Dieses zeige in vorbildlicher Weise, wie die durch das im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder geförderte GCSC geschaffenen Strukturen für eine zielgerichtete, kulturwissenschaftlich und interdisziplinär orientierte Forschung im Sinne der Nachwuchsförderung ertragreich genutzt werden.
In der konzeptuellen Einführung zur Tagung betonten die beiden Sprecherinnen der Research Area DANIELA MEINHARDT und MIRIAM WALLRAVEN die Bedeutung literarischer und nicht-literarischer Narrative für die Selbstdeutung und Sinnstiftung einer Kultur sowie den umgekehrt nicht minder bedeutsamen Einfluss des (sozio-)kulturellen Umfelds auf narrative Formen und Normen, das sie hervorbringt, modifiziert und das erst den Rahmen für ihre Funktionalisierbarkeit bildet. In diesem Sinn lässt sich Kultur als dynamisches Netzwerk von Narrationen konzipieren und das Verhältnis von Narration und Kultur seinerseits als dynamische Interaktion. Narration ist dabei gleichermaßen Produkt wie Prozess. Hervorgehoben wurde weiterhin, dass diese Zentralität narrativer Strukturen eine Diskussion der Scheidestelle zwischen den beiden Polen 'Fakten' und 'Fiktionen' nach sich zieht. 'Fakten' und 'Fiktionen' sind dabei weniger als klar voneinander abgrenzbare Entitäten, denn als 'Idealvorstellungen' zu denken, die die beiden äußersten Pole eines komplexen Spannungsfeldes bilden, innerhalb dessen sie in der narrativen Praxis vielfältig gebrochen, neu gestaltet, kontextbedingt verändert und in immer neue Relationen gebracht werden. Aus diesem Konzept erwachsen zwei thematische Schwerpunktsetzungen, die aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen in den Blick zu nehmen sind: Zum einen sind die Leistungsfähigkeit, die Funktionen sowie die Grenzen von Narration als Kulturtechnik zu diskutieren, zum anderen ist die Unterscheidung von fiktionalem und faktualem Erzählen kritisch zu erörtern, wobei es die methodologische Perspektive der Narration, die Narratologie, zu berücksichtigen und im Hinblick auf ihr kulturwissenschaftliches Potential zu prüfen und zu konturieren gilt.

Unter der Überschrift "The Science of Fiction: Fiktionalisierte Wissenschaft und wissenschaftliche Fiktion" fokussierten die Fachvorträge des ersten Kolloquiumstages zunächst die wechselseitige Durchdringung und Erhellung von Wissenschaft und Fiktion. So zeigte die Psychologin BARBARA DIERIS (Münster) in ihrem Beitrag "Literarisch-fiktionale Texte als Datenquelle in der sozialwissenschaftlich-psychologischen Forschung" das Potential fiktionaler Texte für eine Theoriegenerierung in der qualitativen Sozialforschung auf. Am Beispiel von familiären Kümmeraushandlungen demonstrierte sie, dass Interviewtranskripte und literarisch-fiktionale Texte aufgrund gemeinsamer Narrativierungsschritte eine Vergleichbarkeit aufweisen, dank derer sich beide im Sinne einer Daten-Triangulation als Quelle nutzen lassen. Letztere vermögen dank der bereits vorgenommenen Anordnung und Deutung des Materials sowie der daraus resultierenden höheren Reflexionskompetenz dabei vor allem Begriffe und Hypothesen für die Interpretation und Analyse der oftmals von den Betroffenen nur implizit wahrgenommenen Aushandlungen von Kümmerverhältnissen zu liefern.
In ihrem Vortrag "'To make a history from this kind of material is not easy': Die narrative Konstruktion von Kulturgeschichte(n) in postmodernen utopischen Texten" zeigte MIRIAM WALLRAVEN (Gießen) auf, wie die durch Hayden Whites Studien zur Existenz fiktionaler Techniken in historiographischem Erzählen beförderte Diskussion über den Stellenwert des fiktionalen Erzählens als sinnstiftender Kulturtechnik in postmodernen Romanen gespiegelt und verhandelt wird. Auffallend oft fungieren utopische und dystopische englischsprachige Romane als Medien zur Thematisierung der narrativen Geschichtsrekonstruktion untergegangener Kulturen. Die Problematiken des Bestrebens, akademisch (und insbesondere geschichtswissenschaftlich) bedeutungsgenerierende Aufarbeitungen und Interpretationen untergegangener Kulturen zu liefern, um damit die Vergangenheit wissenschaftlich zu erklären, prägen die Textstruktur und die Handlung von Romanen wie Doris Lessings The Cleft (2007), Margaret Atwoods The Handmaid's Tale (1985) und Jane Yolens Sister Light, Sister Dark (1988). Die Analysen verschiedener Erzählformen und narrativer Schichten zeigen dabei auf, wie insbesondere fiktionale Literatur ambivalente Wahrheitsansprüche des historiographischen Diskurses zu verhandeln vermag.
Die Schnittstellen zwischen wissenschaftlichem und literarischem Diskurs standen auch in dem Beitrag "Das rhizomorphe Labyrinth als Wissensmodell in Umberto Ecos Il pendolo di Foucault" von DANIELA MEINHARDT (Gießen) im Zentrum und wurden anhand einer Analyse der in Umberto Ecos Gesamtwerk leitmotivisch auftauchenden Vorstellung des Labyrinths als Rhizom in den Blick genommen. Von Eco als strukturgebende Leitmetapher für sein Konzept einer "semantischen Enzyklopädie" gebraucht, fungiert das Rhizom nicht allein in seinen theoretischen Schriften, sondern auch in seinem zweiten Roman als Wissensmodell, welches die Organisationsweisen kulturellen Wissens ins Bild setzt und die Vorstellung von Kultur als Netzwerk ineinandergreifender Zeichenprozesse sinnfällig gestaltet. Frei von den diskursiven Zwängen der wissenschaftlichen Rede, vermag die Fiktion dabei die theoretisch nur abstrakt zu vermittelnde Vorstellung eines rhizomorphen Wissensuniversums durch spezifische Verfahren darstellbar zu machen und so die Grenzen des semiotisch-wissenschaftlichen Diskurses aufzuzeigen und zu problematisieren.
Keynote Speaker Dr. Axel Rüth (Mitte)
Als erster von insgesamt drei keynote speakers analysierte AXEL RÜTH (Köln) in seinem impulsgebenden Vortrag "Fiktionalität, Narration und Kultur. Anmerkungen zu ihrem Verhältnis" die drei im Titel genannten Kategorien im Hinblick auf ihre systematische Relationierbarkeit. Im Rückgriff auf Wilhelm Schapp, der den handelnden Mensch stets als einen in Geschichten Verstrickten begreift, erörterte Rüth ein Kulturmodell, demzufolge Kultur nicht nur ihre Narrative hat, sondern selbst ein lebendiges Netzwerk aus Narrativen ist. Ein solches Modell vermag die rekurrente Vorstellung von Kultur als Text sinnvoll zu ergänzen und in methodologischer Perspektive der Konturierung einer historisch angelegten kulturwissenschaftlichen Forschung zu dienen: Anhand von Beispielstudien wurde die Aufgabe des Kulturwissenschaftlers deutlich gemacht, das den jeweiligen Untersuchungsgegenstand umgebende Geschichtennetz aufzuspüren und sichtbar zu machen. Aufgrund des nicht unerheblichen Anteils von fiktionalen Erzählungen an der semantischen Aufladung der Realität und der kulturellen Konstruktion von Wirklichkeit, der nicht zuletzt durch ihren Ursprung in der unhintergehbaren Lebenspraxis des Erzählens fundiert wird, bieten auch sie sich als Zugang zu diesem kulturellen Geschichtennetz an. Dabei gilt es jedoch stets, die fiktionalitätsspezifischen Möglichkeiten und Grenzen der Bedeutungsgenerierung zu beachten, die den Stellenwert fiktionalen Erzählens als kulturell hochentwickelten Sonderfall begründen.

Mit dem Panel "Autobiographische Schriften zwischen Fakten und Fiktionen" wurde eine Gattung in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, die sui generis zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen oszilliert. In ihrem Vortrag "Autobiografie als Erzählform kultureller Hybridität" untersuchte CLAUDIA EL HAWARY (Köln) anhand des autobiographischen Romans Der Marschländer von Hussain Al-Mozany, inwiefern sich deutschsprachige Migrantenliteratur aufgrund einer sie auf mehreren Ebenen auszeichnenden Hybridität als kulturreflexive Dokumente von Migrationsprozessen lesen lassen, die der interkulturellen Bildungsforschung neue Ansätze erschließen.
Dass die in autobiographischen Schriften aufgeworfene Frage nach der prekären Identität des Schreibenden maßgeblich über die Semantisierung von Orten und Räumen ausgehandelt wird, demonstrierte ELEONORA RAVIZZA (Gießen) in ihrem Vortrag "Metaphysical journeys in V.S. Naipaul’s The Enigma of Arrival" anhand einer intermedialen Lektüre von Naipauls autobiographischem Roman. Die in den Roman eingebettete Ekphrasis des Bildes L’enigma dell’arrivo e del pomeriggio von Giorgio De Chirico dient dabei als Referenzpunkt für die Bewusstwerdung und Artikulation der Heimatlosigkeit und Fremdheit des schreibenden Ichs, dessen autobiographische Reise durch Raum und Zeit mangels der nicht mehr einholbaren Herkunft, die dem Subjekt zur Verortung seiner selbst dient, nie ein Ende findet, sondern sich letztlich nur als Reihe von Ankünften strukturieren lässt.
KATARZYNA KUCZMA (Poznań/Gießen) zeigte in ihrem Beitrag "Accommodating Fact and Fiction – the value of (auto)biography in Siri Hustvedt’s The Sorrows of an American", dass das als anthropologische Grundkonstante zu fassende Bedürfnis nach Erzählungen und Erzählen maßgeblich durch die Erfahrung von Mangel und Verlust sowie durch den Wunsch, die eigene Vergangenheit auf sinnstiftende Weise einzuholen und zu kommunizieren, motiviert wird. In Hustvedts Roman ist es insbesondere die narrative Verarbeitung traumatischer Ereignisse, anhand derer gezeigt wird, dass autobiographisches Erzählen stets sowohl als destabilisierender Prozess als auch als stabilisierendes Produkt zu fassen ist, wobei insbesondere die stabilisierende Funktion des Erzählens die individuelle Ebene dahingehend überschreitet, dass der Roman ein Netzwerk aus zwischen Fakten und Fiktionen changierenden Narrationen vorführt, welches die einzelnen Figuren miteinander verbindet und zusammenhält.

Keynote Speaker PD Dr. Gerald Echterhoff
Den ersten Tagungstag beschloß die keynote lecture "Saying is believing?! How retellings affect social and cultural knowledge" von GERALD ECHTERHOFF (Bremen), in der aus psychologischer Sicht Erzählen als Alltagspraxis in den Blick genommen wurde. Anhand seiner datengestützten Forschungsergebnisse zeigte Echterhoff, dass Erzählungen nicht allein die Zuhörer, sondern auch den Erzähler selbst beeinflussen, da er seine Darstellung der Ereignisse an die angenommenen Erwartungen seiner Zuhörer anpasst und auf diese Weise die eigene Erinnerung und das eigene Wissen modifiziert. Die Grundlage dieses 'Saying is believing'-Effekts ist insbesondere in dem Bedürfnis des Erzählers nach einer "shared reality" mit seinen Zuhören zu suchen, wie anhand einer Erläuterung seines empirisch gewonnenen Materials anschaulich wurde.

Das erste Panel des zweiten Tagungstages "Fiktionalisierte Faktizität: Krieg – Trauma – Erzählung" wurde durch den Vortrag "Poetik des Traumas: Fakt und Fiktion in Traumatexten von Vonnegut und Semprún" von STEPHAN FREIßMANN (Gießen) eröffnet, der sich mit der Interaktion von Fakten und Fiktion bei der Verarbeitung von Traumata befasste. Anhand von Textstellen aus Kurt Vonneguts Anti-Kriegs-Roman Slaughterhouse Five (1969) und Jorge Semprúns Konzentrationslager-Roman L’écriture ou la vie (1994) zeigte Freißmann, dass für beide Autoren ein Rückgriff auf die Fakten des Erlebten nicht ausreicht, um ein Trauma zu artikulieren und zu kommunizieren. Um Zeugnis über die erlebten Traumata abzulegen, greifen beide Autoren auf narrative und rhetorische Schreibstrategien zurück, wie etwa solche der Fragmentierung und Externalisierung des Erlebten sowie seiner poetischen Überhöhung, und entwickeln auf diese Weise eine "Poetik des Traumas", die sowohl auf der individuellen Ebene zu seiner Artikulation und Verarbeitung als auch auf der kollektiven Ebene zu seiner Integration in die Erzählungen einer kulturellen Gemeinschaft notwendig erscheint.
DANIEL SCHÄBLER (Kiel) zeigte in seinem Beitrag "Voices from the Deep – (Re)Constructing the Sinking of the 'Estonia'", dass die über den Untergang der Estonia vorwiegend im Internet zirkulierenden Texte eine Matrix aus miteinander konkurrierenden Narrativen bilden, welche sowohl durch die Unterscheidung zwischen offiziellen und inoffiziellen Versionen als auch durch die Fiktionalität bzw. die von den jeweiligen Narrativen selbst behauptete Faktizität strukturiert wird. Das daraus resultierende rhizomatische Gebilde aus intermedialen und intertextuellen Bezügen, welches technisch-wissenschaftliche Darstellungen, individuelle Überlebenserzählungen und Verschwörungstheorien miteinander verbindet, verunmöglicht eine klare Unterscheidung der Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen in der narrativen Darstellung dieses als kulturelles Trauma zu fassenden Ereignisses.
In seinem Vortrag "Zu Paul Coelestin Ettighoffers Von der Teufelsinsel zum Leben" untersuchte GERRIT LEMBKE (Kiel) vor allem in Kriegserzählungen der 1920er und 1930er Jahre verbreitete Ambiguisierungsverfahren, die sowohl faktuale als auch fiktionale Lesarten der jeweiligen Texte ermöglichen. Ettighoffers nicht explizit als Roman gekennzeichneter Text Von der Teufelsinsel zum Leben diente als Musterbeispiel einer solchen doppelten Rezipierbarkeit, wobei es insbesondere die als "literarisch-fiktional" zu wertenden Textstrategien und -signale sind, die aufgrund ihrer Nähe zur faschistischen Rhetorik der Zeit seine politische Indienstnahme ermöglichen.

Der Vortrag "From brute to human: How and why recent rewritings change the collective perception of the Minotaur" von MELINA GEHRING (Hamburg) eröffnete das zweite Panel des Tages zur "Macht der Fiktion: Kulturelle Ursprungsnarrative". Anhand des Romans The Minotaur Takes a Cigarette Break von Stephen Sherrill zeigte sie, dass sich die in den zeitgenössischen Adaptionen des antiken Mythos häufig zu konstatierende Vermenschlichung des in der Antike als Monster dargestellten Minotaurus dadurch erklären lässt, dass er als Projektionsfläche für die aktuell vorgenommene Neuverhandlung der Disjunktion zwischen Einzelnem und Gesellschaft funktionalisierbar ist. Das Leben des Minotaurus außerhalb des Labyrinths und seine damit einhergehende versuchte Integration in die menschliche Gesellschaft fungiert, so Gehring, als mise en abyme der Anpassung antiker Mythen an neue kulturelle Kontexte.
Der Beitrag "Dionysische (De-)Stabilisierung: Walter Paters 'A Study of Dionysus' and 'Denys l’Auxerrois' als kulturgeschichtliche Narrationen" von UWE MAYER (Gießen) widmete sich dem viktorianischen Gelehrtenkünstler Walter Pater, der als einer der bedeutendsten Vertreter des englischen Ästhetizismus gilt und dessen Schreiben in besonderer Weise zwischen Fakten und Fiktionen oszilliert. Letzteres wird gerade in Paters Arbeiten zum Dionysischen offensichtlich. Kann der Essay "A Study of Dionysus" (1876) als Versuch einer differenzierenden (kultur-)wissenschaftlichen Annäherung an die antike Religion des Gottes Dionysos gelesen werden, die den Rahmen klassisch-humanistischer Vorstellungen sprengt, so präsentiert sich die zehn Jahre später veröffentlichte Erzählung "Denys l’Auxerrois" als Beispiel für eine literarische Kulturgeschichtsschreibung, die sich einerseits auf Fakten stützt und anderseits bewusst auf die Leistungsfähigkeit von Fiktionen vertraut. Dabei verweisen Paters Werke nicht nur auf die narrative Strukturierung von Kultur, sondern reflektieren die aktive Rolle des Wissenschaftlers und Literaten bei der Formierung von Kultur als narrativem Netzwerk.
JÖRN AHRENS (Gießen) zeigte in seinem Vortrag "Soziale Gemeinschaftsgründung und Ursprungsnarration: John Fords The Man Who Shot Liberty Valance", dass der Western als sozialer Gründungsmythos der amerikanischen Nation einerseits und als Ursprungsmythos umfassenderen Ausmaßes andererseits ein Narrativ bietet, das sich an einer historischen Situation orientiert und deren Konfliktpotentiale aufnimmt, sie jedoch mit medialen, ästhetischen und erzählerischen Mitteln in Richtung einer wesentlich allgemeineren Aussage erweitert: der Implementierung einer umfassenden gesellschaftlichen Ordnung, der Überwindung des Naturzustands und der Kraft einer historischen Bewegung des Fortschritts. Anhand einer exemplarischen Analyse von John Fords Film wurde deutlich, dass es nicht die authentischen Personen und konkreten historischen Umstände, sondern die vergemeinschaftenden Erzählungen sind, die soziale Integration und kulturelle Identität schaffen.

Die tragende Rolle von Erzählungen für eine Kultur sowie die Bedeutung von auf unterschiedlichen Ebenen anzusiedelnden, über ein gemeinsames Erzählen konstituierten Gemeinschaften stand in dem Panel "Erzählgemeinschaften als kulturelle Basis" im Zentrum. MAREN CONRAD (Kiel) führte in ihrem Beitrag "Island – Erzählgemeinschaft zwischen Alltagspoetisierung und Aberglaube" aus, auf welche Weise der angesichts der geringen Bevölkerungsdichte Islands recht leere Raum zwischen den Einwohnern der Insel mit Narration gefüllt und die Erzählgemeinschaft der Isländer durch die Elfenpopulation narrativ vergrößert wird. Da die Erzählungen vom Hulduvolk, dem verborgenen Volk, den Isländern keineswegs als Fiktion, sondern als Fakt gelten, erhält narrativ generierte Fiktion hier die Funktion, kulturelle Faktizität zu generieren und zum alltags- und realitätskompatiblen Volksglauben transformiert zu werden. Imaginäres und Reales verschmelzen auf diese Weise zur kulturellen Identität und ermöglichen zugleich eine poetische Aufladung des Alltags.
Dass Erzählgemeinschaften nicht nur auf nationaler, sondern auch auf familiärer Ebene sinn- und identitätsstiftende Bedeutung zukommt, demonstrierte MIRJAM BITTER (Gießen) in ihrem Vortrag "Familie als Erzählgemeinschaft. Verdrängen und Intensivieren – gegenläufige Funktionen von Fiktionalisierung in Eva Menasses Vienna". Sie legte überzeugend dar, dass die im Roman als Erzählgemeinschaft vorgestellte Familie ihre gemeinsame Identität zwar sowohl über das Erzählen von Anekdoten als auch über die partielle Tabuisierung und Verdrängung der Vergangenheit erzeugt, letztlich jedoch an den prekären Identitäten zerbricht. Darüber hinaus verdeutlichte der Beitrag nachdrücklich, wie durch Fiktionalisierung von autobiographischem Material eine neu perspektivierte Auseinandersetzung mit der Geschichte, hier der Shoah, angestoßen werden kann.

Keynote Speaker Prof. Dr. Wolfgang Müller-Funk
Die dritte keynote lecture der Tagung hielt WOLFGANG MÜLLER-FUNK (Wien). In seinem Vortrag "Zur Ethik der Ästhetik des Erzählens. Zur Kritik narrativer Strategien in Norbert Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens" demonstrierte er, dass sich die Erzählungen gegenüber häufig artikulierte Unwahrheitsvermutung nicht allein auf inhaltlicher Ebene, sondern auch auf struktureller Ebene untersuchen lässt. Durch eine Hinterfragung der Voraussetzungen des Erzählens und durch eine Problematisierung der je eigenen narrativen Strategien verschiedener Genres stehen Erzählungen in Gstreins in den Jahren des Kosovokriegs spielendem Roman stets unter dem Generalverdacht der Lüge, womit die Frage nach angemessenen Darstellungsformen für eine Repräsentation von Wahrheit und Wahrhaftigkeit aufgeworfen wird. Gstreins Roman ist demgemäß weniger als Anti-Kriegs-, denn als Anti-Kriegsgeschichten-Roman zu lesen, der selbst jedoch nicht dem Paradox entgeht, dass die Betonung des lügnerischen Moments allen Erzählens mittels einer Erzählung erfolgt.

Der dritte Konferenztag fokussierte "Gesellschaftliche Selbstreflexion zwischen Stabilisierung und Destabilisierung" und die damit verbundenen, kulturelle Prozesse prägenden politischen Implikationen. In ihrem Vortrag "As Long as You Can Pay the Bill: The Lost Generation and its 'clear financial basis' in Ernest Hemingway’s The Sun also Rises (1926)" widerlegte KATJA URBATSCH (Gießen) überzeugend die herrschende Forschungsmeinung, dass der verantwortungsbewusste Umgang der Figuren mit monetären Ressourcen in Hemingways Roman als Indikator ihrer moralischen Integrität zu werten sei. Stattdessen machte sie deutlich, dass Geld als Wertesystem gesetzt wird, welches die durch die Zerstörung traditioneller Werte in Folge des Ersten Weltkriegs entstandene Leerstelle aufzeigt, jedoch nicht neu zu füllen vermag. Der Vortrag leistete auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zu einer Neulektüre dieses Romans als Darstellungsraum eines durch die Kommerzialisierung aller Verhältnisse geprägten kulturellen Wandels.
Im Rückgriff auf Bachtins Konzept der Dialogizität beleuchtete URSULA ARNING (Gießen) in ihrem Beitrag "Widerstand durch Schreiben: der argentinische Roman zur Zeit der Diktatur (1976-1983)" exemplarisch anhand des Romans Conversación al sur von Marta Traba narrative Strategien, mittels derer der diktatorische, monologisierende und gleichmacherische Diskurs des zur damaligen Zeit herrschenden Regimes unterlaufen wird. Neben Fragmentierung, Dialogisierung und Perspektivierung ist es in Trabas Roman gerade der politische Kontext der Stille der Verschwundenen, der eine Aktivierung des Lesers provoziert und ihm auf diese Weise einen Möglichkeitsraum eröffnet, den innerfiktional abgebrochenen Dialog fortzusetzen. Widerstand durch Schreiben beinhaltet damit stets einen Appell an den Leser, die eingeforderte "neue Art des Sprechens", die auf die Stille zu folgen hat, zu einer Destabilisierung der herrschenden Machtverhältnisse zu nutzen.
SEIJI HATTORI (Gießen) unterstrich in seinem Vortrag "'Kafka am Strand' der Kulturen? Haruki Murakamis Narration zwischen dem kollektiven Gedächtnis der japanischen '68er' und der universellen Postmoderne in der Globalisierung", dass sich der internationale Erfolg Murakamis maßgeblich durch die Anschlussfähigkeit seiner Romane an unterschiedliche Kulturräume erklären lässt: Romane wie Die gefährliche Geliebte lassen sich einerseits als politische Allegorie eines durch Desillusionierungs- und Entfremdungsprozesse ausgelösten geistigen Vakuums der Nachkriegsgeneration und damit als Sprachrohr des kollektiven Gedächtnisses der japanischen 68er-Generation lesen. Die Überführung dieses ursprünglich auf einer realpolitischen Ebene zu verortenden seelischen Vakuums auf eine global erweiterte Ebene, auf der es zum Charakteristikum des postmodernen Menschen schlechthin stilisiert wird, ermöglicht andererseits eine kulturelle Grenzen überschreitende, anthropologische Lektüre, die die Universalität der Romane begründet.
Anhand der Lübecker Antoniustafel aus dem Jahre 1503 erläuterte MIRIAM HOFFMANN (Kiel) aus kunstgeschichtlicher Perspektive Möglichkeiten von Narration im Hinblick auf "Heiligenlegenden in der Hansestadt Lübeck um 1500". Dabei demonstrierte sie nicht nur, dass sich die auf der Tafel dargestellte Lebensgeschichte des Heiligen Antonius durch ikonische Kohärenz, Bildunterschriften und die von der Schrift übernommene Leserichtung als Narration fassen lässt, sondern auch dass sich ihre Visualisierung erst ihrer Verankerung im sozio-kulturellen Umfeld und kulturellen Gedächtnis der Hansestadt verdankt, wodurch die Verstrickung auch kunstgeschichtlicher Artefakte in narrativ verfasste, kulturelle Netzwerke deutlich wurde.

Die Tagung hat insgesamt Perspektiven eines zukunftsorientierten kulturwissenschaftlichen Dialogs gestalterisch aufgezeigt, der zugleich den im Kontext der unterschiedlichen Gießener Forschungsverbünde bereits praktizierten Austausch zwischen verschiedenen Fachkulturen vertiefen konnte. Die Modellvorstellung von Kultur als einem dynamisch zu denkenden Netzwerk aus zwischen Fakten und Fiktionen oszillierenden narrativen Zusammenhängen wurde in der Diskussion immer wieder aufgegriffen und facettenreich perspektiviert. Die in einen Dialog gebrachten unterschiedlichen Zugriffsweisen auf die Tagungsthematik vermochten den Zuhörern und Teilnehmern auf diese Weise die auch und gerade in der Breite und Offenheit des Themas begründet liegende Ergiebigkeit konzeptueller Zuschnitte in der kulturwissenschaftlichen Forschung vor Augen zu führen. Zwar konnte in den produktiven Diskussionen kein grundsätzlicher Konsens erzielt werden, wohl aber eine produktive Reformulierung von Paradigmen, die die kulturwissenschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte geprägt haben.

Die wissenschaftlichen Erträge der Tagung werden 2009 im Rahmen der GCSC-Reihe publiziert und so einem größeren Publikum zugänglich gemacht.


Konferenzübersicht:

Eröffnung durch Martin Zierold (Grußwort) und Daniela Meinhardt/Miriam Wallraven (Einführungsvortrag)

The Science of Fiction: Fiktionalisierte Wissenschaft und wissenschaftliche Fiktion
BARBARA DIERIS (MÜNSTER): Literarisch-fiktionale Texte als Datenquelle in der sozialwissenschaftlich-psychologischen Forschung
MIRIAM WALLRAVEN (GIEßEN): „To make a history from this kind of material is not easy“: Die narrative Konstruktion von Kulturgeschichte(n) in post-modernenutopischen Texten
DANIELA MEINHARDT (GIEßEN): Das rhizomorphe Labyrinth als Wissensmodell in Umberto Ecos Il pendolo di Foucault
AXEL RÜTH (KÖLN): Fiktionalität, Narration und Kultur.Anmerkungen zu ihrem Verhältnis

Autobiographische Schriften zwischen Fakten und Fiktionen
CLAUDIA EL HAWARY (KÖLN): Autobiografie als Erzählform kultureller Hybridität
ELEONORA RAVIZZA (GIEßEN): Metaphysical journeys in V.S. Naipaul‘sThe Enigma of Arrival
KATARZYNA KUCZMA (POZNAN/GIEßEN):Accommodating Fact and Fiction –the value of (auto)biography in Siri Hustvedt’s The Sorrows of an American
GERALD ECHTERHOFF (BREMEN): Saying is Believing?! How retellings affect social and cultural knowledge

Fiktionalisierte Faktizität:Krieg – Trauma – Erzählung
STEPHAN FREIßMANN (GIEßEN): Poetik des Traumas: Fakt und Fiktion in Traumatexten von Vonnegut und Semprún
DANIEL SCHÄBLER (KIEL): Voices from the Deep – (Re)Constructing the Sinking of the „Estonia”
GERRIT LEMBKE (KIEL): Zu Paul Coelestin Ettighoffers Von der Teufelsinsel ins Leben

Die Macht der Fiktion:Kulturelle Ursprungsnarrative
MELINA GEHRING (CAMBRIDGE): From brute to human: How and why recent rewritings change the collective perception of Minotaur
UWE MAYER (GIEßEN): Dionysische (De-)Stabilisierung: Walter Paters A Study of Dionysus and Denys l’Auxerrois als kulturgeschichtliche Narrationen
JÖRN AHRENS (GIEßEN): Soziale Gemeinschaftsgründung undUrsprungsnarration: JohnFords The Man Who Shot Liberty Valance

Erzählgemeinschaften als kulturelle Basis
MAREN CONRAD (KIEL): Island – Erzählgemeinschaft zwischen Alltags-poetisierung und Aberglaube
MIRJAM BITTER (GIEßEN): Familie als Erzählgemeinschaft. Verdrängen und Intensivieren – gegenläufige Funktionen von Fiktionalisierung in Eva Menasses Vienna (2005)
WOLFGANG MÜLLER-FUNK (WIEN): Zur Ethik der Ästhetik des Erzählens. Zur Kritik narrativer Strategien in Norbert Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens

Gesellschaftliche Selbstreflexion zwischen Stabilisierung und Destabilisierung

KATJA URBATSCH (GIEßEN): As Long as You Can Pay the Bill: The Lost Generation and its ,clear financial basis’ in Ernest Hemingway’s The Sun also rises (1926)
URSULA ARNING (GIEßEN): Widerstand durch Schreiben: der argentinische Roman zur Zeit der Diktatur (1976-1983)
SEIJI HATTORI (GIEßEN): ‚Kafka am Strand‘ der Kulturen? Haruki Murakamis Narration zwischen dem kollektiven Gedächtnis der japanischen ‚68er‘ und der universellen Postmoderne in der Globalisierung.
MIRIAM HOFFMANN (KIEL): Heiligenlegenden in der Hansestadt Lübeck um 1500

Abschlußdiskussion

© bei den Autorinnen und bei KULT_online 

Brief Drucker del.icio.us-Logo Digg-Logo Mr. Wong-Logo Linkarena Logo

ITSeC FB02 JLU Gießen