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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 31 (2012) Brief Drucker

Sammeln und Ausstellen: Das Phänomen Museum im langen 19. Jahrhundert

Kleine deutsche Museumsgeschichte
Eine Rezension von Antje Coburger

Hartung, Olaf: Kleine Deutsche Museumsgeschichte. Von der Aufklärung bis zum frühen 20. Jahrhundert. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2010.

Der Historiker Olaf Hartung betrachtet die Geschichte der deutschen Museumslandschaft in einem straffen Überblick, der vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Zeit der Weimarer Republik reicht. Er beschreibt dabei sieben (idealtypische) Museumsgattungen: Kunstmuseen, Gewerbemuseen, Kulturhistorische Museen, Heimatmuseen, Volks- und Völkerkundliche Museen, Naturwissenschaftliche und Technische Museen sowie Sozial- und Wirtschaftsmuseen. Die Gestaltung des Bandes ermöglicht eine Lektüre im Nachschlageformat, und bietet konzentriertes Wissens über die Anfänge moderner Museen.




Die vom Gießener Geschichtsdidaktiker Olaf Hartung verfasste Kleine deutsche Museumsgeschichte möchte am Beispiel repräsentativer deutscher Museumsgründungen den Beginn des modernen Museumswesen beleuchten (S. VII). Dabei ist besonders die Frage nach der Motivation und den Vorstellungen der Museumsgründer von Interesse. Diese mussten ihre Pläne nicht selten vor einem Publikum präsentieren, das erst noch von der Innovationskraft der Idee überzeugt werden musste.

Im ersten Teil des Bandes gibt der Autor einen Überblick über die das breite Spektrum der Museen, die sich mit einer Begriffsdefinition 'des Museums' im Singular nicht fassen lassen, da der kulturelle Umgang mit der Vergangenheit eine vielfältige Ausprägung des Phänomens Museum hervorbrachte (vgl. S. 1 f.). Auch sind Museumstypen kaum in Reinform anzutreffen (vgl. S. 8), vielmehr differenzieren sich die Gattungen immer weiter aus, auch heute noch. Die sieben Gattungen, denen im zweiten Teil einzelne Beispiele zugeordnet werden, bezeichnet Hartung daher auch als "idealtypische Reduktion einer in Wirklichkeit viel komplexeren Realität" (S. 8).
Der Abschnitt "Museen und ihre Träger" gibt kompakt Auskunft über die einzelnen Trägergruppen, die für Museumsgründungen im untersuchten Zeitraum von Bedeutung waren. Ausgehend von den fürstlichen Kunst- und Wunderkammern, die den aristokratischen Führungsanspruch belegen sollten, boten sich besonders für bürgerliche Eliten Möglichkeiten, über ein Museum im öffentlichen Raum eine kulturschaffende Wirkung zu entfalten. Als integrierender Faktor für das aufstrebende Bürgertum wirkten sich insbesondere die kulturgeschichtlichen Museumsgründungen und die aus den Geschichts- und Altertumsvereinen des Vormärz entstandenen historischen Museen (vgl. S. 10) aus. Wohlhabende Unternehmer, akademische Mittelschichten, Ärzte und Ingenieure versuchten mit Hilfe des Museums ihre gesellschaftliche Anerkennung zu steigern. Wissenschaftliche Leistungen und technischer Fortschritt galten ihnen ebenso als Kulturleistungen wie die bisher gesammelte "zweckfreie Kunst" (S. 11). Die Etablierung von Gewerbemuseen hatte jedoch mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie Rudolf Virchows Plan eines Museums für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes oder ein Kolonialmuseum. Denn weder technische Errungenschaften wie moderne Maschinen und Apparate noch die Volkskunst, die sich in regionalen Kleidungsformen oder Handwerksprodukten zeigte, oder gar Objekte menschlichen Schaffens aus den Kolonien gehörten zum damals für ausstellungswürdig befundenen Kanon der Museumswelt. Auch dass die sozialreformerischen Absichten der Träger von Sozialmuseen bald hinten an gestellt wurden, weil das zu gewinnende Publikum diesen kritisch gegenüber stand, zeigt der Autor deutlich.

Im Hauptabschnitt "Museumstypen und Museumsgründer" werden die sieben Gattungen exemplarisch vorgestellt. Den Anfang machen die Kunstmuseen, die mit ihren Vorreitern, dem Alten Museum in Berlin und der Glyptothek in München, die beide im Jahr 1815 gegründet wurden, Anschauungsflächen für das Schöne zur Bildung der Nation bereitstellten (vgl. S. 28). Der Wunsch nach nationaler Einheit verdeutlicht sich auch in den Gründungen der Deutschen Nationalgalerie und der Neuen Pinakothek in der Jahrhundertmitte. Wie sich die Kritik an den Präsentationsformen der Museen, beispielsweise bei der Hängung der Kunstwerke in sogenannten Epochensälen, äußerte, zeigt der Autor in Hinblick auf die akademische Kunstgeschichte und modernes Kunstschaffen.
Die zweite Gattung, das Gewerbemuseum, beschreibt Hartung ausgehend vom idealen Plan Gottfried Sempers für ein technisches Museum (vgl. S. 37) und legt dar, dass die Begriffe Kunst und Gewerbe ursprünglich nicht so gegensätzlich gedacht waren, wie man sie später verstand. Genauer vorgestellt wird hier das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe von 1877.
Kulturhistorische Museen, die dritte Gattung, entwickelten sich auf der breiten Basis eines bürgerlichen Geschichtsbewusstseins, welches sich seit dem Vormärz in Geschichts- oder Altertumsvereinen institutionalisierte. Prominente Beispiele sind das 1852 gegründete Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz. Die schwierige Geschichte der Gründung sowie Konzeptfragen, z.B. der inhaltlichen Ausrichtung oder konkreten Gestaltung, führt der Autor bündig aus.
Heimatmuseen bilden die vierte Gattung in diesem Band. Neben den gesellschaftspolitischen Aspekten, wie der Rückbeziehung auf die Region und engere Heimat in der Gruppe der Museums- und Geschichtsinteressierten, die zu ihrer vermehrten Gründung führten, legt der Autor insbesondere die strukturelle Konkurrenz zu großen Häusern dar, beispielsweise bei der Suche nach aussagekräftigen Exponaten. Auch die Wissenschaftlichkeit war ein Unterscheidungskriterium. Gerade die Heimatmuseen bewegten sich nicht selten zum Beginn des 20. Jahrhunderts von der ihnen innewohnenden Heimatverbundenheit zu einer "Volkstums-Ideologie" (S. 63), die nach 1933 zur "nationalsozialistischen Volkstumspflege" (S. 66) benutzt wurde.
Ausgehend von der Sprach- und Liedgutsammlung "kulturwissenschaftlich orientierter Germanisten und Altertumskundler" (S. 67) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich – auch mit Erhebung der Volkskunde zu einem Universitätsfach – ethnologische Sammlungen, die den Grundstock für die Volks- und Völkerkundlichen Museen bilden. Inspirationsquelle und Vorbild war das Nordische Museum in Stockholm. Die Auseinandersetzungen über die vergleichende Schau von Objekten sogenannter Naturvölker neben den Kulturvölkern werden in dieser fünften Museumsgattung besonders deutlich.
Im Kapitel zu den Naturwissenschaftlichen und Technischen Museen legt der Autor die Entwicklung dieser sechsten Gattung am Beispiel des Deutschen Museums in München ausführlich dar.
Sozial- und Wirtschaftsmuseen schließlich, die anders als die vorher beschriebenen Gattungen nicht den "historischen Dimensionen der Sammlungen verpflichtet waren" (S. 93), bemühten sich um Antworten auf die 'soziale Frage' Sie fungierten als "Medium zur Popularisierung wissenschaftlich-technischer begründbarer Verhaltensnormen" (S. 103), wie das Beispiel des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden zeigt, dem Hygiene-Ausstellungen vorangegangen waren.

Mit einem Ausblick rundet Olaf Hartung seine 111-seitige, gut lesbare Ausführung ab. Nachfolgend findet sich ein umfangreicher Anmerkungsapparat, den man sich wegen der vielen Zusatzinformationen direkt an jedem Seitenende anstatt als Endnoten gewünscht hätte.
Eine Auswahlbibliographie, die die Literatur vor und nach 1945 separat auflistet, und ein Namensregister vervollständigen den sehr ansprechend gestalteten Band. Das handliche Format lässt sich gut auch zu Museumsbesuchen und in angeschlossene Cafés mitnehmen und dürfte alle, die sich für Museumsgeschichte allgemein interessieren oder selbst im Museumsbereich arbeiten, zum wiederholten Nachschlagen und Nachlesen anregen.


Hartung, Olaf: Kleine deutsche Museumsgeschichte. Von der Aufklärung bis zum frühen 20. Jahrhundert. Köln: Böhlau 2010. 167 S., gebunden, 22,90 Euro. ISBN: 978-3-412-20536-2


Inhaltsverzeichnis


Was dieses Buch bezweckt VII

I. Die Vielfalt der Museen

Eine Begriffsannäherung 1

Museen und ihre Träger 9

Museen als geschichtskulturelle Phänomene 16

II. Museumstypen und Museumsgründer

Kunstmuseen 27

Gewerbemuseen 37

Kulturhistorische Museen 43

Heimatmuseen 54

Volks- und Völkerkundliche Museen 67

Naturwissenschaftliche und Technische Museen 80

Sozial- und Wirtschaftsmuseen 93

III. Ausblick 108

Anmerkungen 112

Auswahlbibliographie 149


Collection and Exhibition: The 19th Century Museum

The historian Olaf Hartung looks at the history of the German museum landscape in a tight overview of events from the late 18th century to the time of the Weimar Republic. He describes seven types of museums: art, culture-historical, applied arts and design, ethnographical, technical, natural science, and the local or regional museum. The design of the book allows one to consult it like a manual and provides concentrated knowledge about the beginnings of modern museums.


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