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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 30 (2012) Brief Drucker

Experiential turn, oder von der Erfahrbarkeit der Geschichte

Erfahrung und Geschichte
Eine Rezension von Elena Petrova

Breyer, Thiemo; Creutz, Daniel (Hg.): Erfahrung und Geschichte. Historische Sinnbildung im Pränarrativen. Berlin/New York: de Gruyter, 2010.

Die Beiträge des vorliegenden Tagungsbandes stecken in einer breiten Palette an disziplinären Beiträgen von Geschichtswissenschaft über Philosophie bis zu Literaturwissenschaft das interdisziplinäre Feld des Erfahrungsbegriffs im Kontext historischen Erzählens ab, welches bisher brach lag. Die Herausgeber des Bandes sprechen dabei von einem "experiential turn", der in jüngster Zeit zu beobachten ist. Dieser turn hat den Erfahrungsbegriff in den Diskussionen rund um Geschichte und Gedächtnis prominent gemacht und liegt dem Konzept des Tagungsbandes zugrunde. Das "Pränarrative", das im Untertitel steht, wird von den Herausgebern in ihrem Aufsatz systematisch phänomenologisch untermauert, vermag jedoch nicht die Vielfalt der in den Beiträgen präsentierten Möglichkeiten, 'Erfahrung' in Bezug auf 'Geschichte' zu denken, vollständig abzudecken. Die einzelnen Aufsätze sind darüber hinaus vor allem auf die Untersuchung historischer Erfahrung in unterschiedlichen Narrativen ausgerichtet.

Dass Geschichtserzählung auf Erfahrungen aufbaut, Erfahrungen vermittelt, revidiert und kritisch auf ihre Tragweite hin prüft, gehört mittlerweile in den Geisteswissenschaften zum Konsens, wenn auch konkrete Formen des historiographischen, literarisch-fiktionalen oder autobiographischen Schreibens dabei unterschiedlich verfahren. Umso erfreulicher ist es, dass die Herausgeber und Beiträger des Tagungsbandes Erfahrung und Geschichte sich der Präzisierung des Erfahrungsbegriffes im Kontext historischen Erzählens angenommen haben. Der Tagungsband geht auf das Symposium "Erfahrung und Geschichte" im Oktober 2008 in Freiburg zurück, das vom Promotionskolleg "Geschichte und Erzählen" der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg organisiert wurde. Er trägt den Untertitel Historische Sinnbildung im Pränarrativen und wird durch eine Einleitung und einen abschließenden Beitrag der Herausgeber gerahmt, der nachträglich zum Symposion entstand. Neben dieser überzeugenden Rahmung stellt die doppelte Ausrichtung auf theoretische und exemplarische Studien einen zusätzlichen Vorteil des Publikationskonzepts dar, da der Tagungsband somit als einschlägige Quelle sowohl für die Theorie als auch für die Analyse von historischer Erfahrung dienen kann.

Der Begriff der Erfahrung wird von den Herausgebern als eine notwendige Korrektur zum "narrativistischen Paradigma" (S. 2) verstanden, welches die sprachlich und erzählerisch bedingte Dimension des historiographischen Erzählens in den Vordergrund stellte und die Grenze zwischen wissenschaftlicher Historiographie und Fiktion verwischte. Gleichzeitig vermerken Breyer und Creutz eine Renaissance des Erfahrungsbegriffs oder einen "experiential turn" (S. 5, S. 332-336), die sie als Aufforderung verstehen, den Erfahrungsbegriff mit der Kritik am "narrativistischen Paradigma" zu verbinden. Auf diese Weise soll der Erfahrungsbegriff theoretisch fundiert und in der Narration verankert werden. Eine vermittelnde Rolle kommt dabei dem Konzept des Pränarrativen zu: "Historische Sinnbildung 'im Pränarrativen' zu thematisieren heißt demnach, die Einsichten der 'Narrativisten' […] zu integrieren, die Verkürzungen dieser Positionen jedoch durch konzise Untersuchungen zum charakteristischen Erfahrungsbezug derjenigen Darstellungen zu korrigieren, die den Anspruch erkennen lassen, Vergangenheit zu repräsentieren" (S. 3).

Damit ist für den vorliegenden Band ein Programm formuliert, das in den Beiträgen auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert wird. Der Untertitel des Tagungsbandes Historische Sinnbildung im Pränarrativen erweist sich dabei eher als irreführend, da der Begriff des Pränarrativen selten Eingang in die einzelnen Beiträge findet. Dadurch werden Schwierigkeiten mit dem Konzept des Pränarrativen deutlich, die sich angesichts der kreisläufigen Form des menschlichen Umgangs mit Erzählungen bereits vermuten ließen: Historische Erfahrung entsteht einerseits im Prozess des narrativen Ordnens in Form von Geschichten, greift andererseits auf tradierte Geschichten, Erzählmuster und Rezeptionsbedingungen zurück. Das Pränarrative erweist sich als komplexes Feld, auf dem sich mehrere Faktoren überschneiden und das sich kaum durch ein konsequentes Paradigma widerspruchslos erfassen lässt. Je nachdem, auf welche Faktoren man dabei zurückgreift, definiert man historische Erfahrung unterschiedlich.

Ein Zeugnis davon legen vor allem die theoretisch ausgerichteten Beiträge des Tagungsbandes ab. So verbindet Jonas Grenthlein in seinem luziden Beitrag den Begriff der Erfahrung mit der Erwartungshaltung des Rezipienten, der doppelten zeitlichen Struktur der Erzähltexte und dem Problem der Kontingenz.
Monika Fludernik, die mit Grenthlein in der Meinung übereinstimmt, dass historiographisches Erzählen sich tendenziell vom narrativen Grundzug der Erfahrbarkeit entfernt, fokussiert das Problem der Erfahrung in der Narration mithilfe der Kategorie experientiality. Beim Vergleich zwischen den wissenschaftlichen und fiktionalen Modi der Geschichtserzählung erweist sich die Zugänglichkeit der Geschichte zugleich an die Parameter der Erfahrbarkeit und der Distanz gebunden, denen unterschiedliche Ausprägungen des Genres unterschiedlich gerecht werden. Fludernik äußert sich eher verhalten zu den Argumenten von Breyer und Creutz in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Erfahrung und Erzählung im Pränarrativen: "These arguments are proffered from a phenomenological rather than merely narratological or cognitivist perspective; they do not, I think, support a close correlation between narrative and experience" (S. 51).

Egon Flaig liefert in seinem Beitrag, dessen Titel – "Erleichterte Erkenntnis. Wie man narratistisch den realen Ballast abwirft und die Wissenschaft loskriegt" – für sich spricht, eine scharfe Kritik der "narratistischen" Thesen von Hayden White und eine konsequente Verteidigung geschichtswissenschaftlicher Methodologie. Diese ist nach Flaig ein Prüfstein für den Wahrheitsgehalt der Erfahrungen, mit denen Historiker in ihrer Recherchepraxis konfrontiert werden.
Auch László Tengelyj akzentuiert bei seiner Auseinandersetzung mit Whites Thesen das Problem der historischen Referenz und versteht Geschichtserfahrung im Kontext von Paul Ricœurs Theorie als Leistung von Erinnerungsarbeit.

Eine philosophisch fundierte Herleitung des Erfahrungsbegriffs aus der Phänomenologie von Edmund Husserl und Martin Heidegger findet man im Beitrag von Friederike Rese, die auf einem notwendigen Zusammenhang zwischen Erfahrung und Geschichte in der Zeitlichkeit des menschlichen Daseins besteht.
Einen Vergleich der professionellen und alltäglichen historischen Praxis in Bezug auf das Problem der Narrativität liefert der Beitrag von Hans-Jürgen Pandel. Er setzt einen Akzent auf die Interaktion zwischen Erzähler und Zuhörer, welche "nicht an das Aufkommen moderner Historiographie in Antike und Aufklärung gebunden, sondern vermutlich wesentlich älter [ist]" (S. 93). Diese Interaktion gestaltet sich jedoch nicht als leichtgläubiger Konsum von Geschichten, sondern als eine Auseinandersetzung mit ihnen, die Zweifel an dem Authentizitätsanspruch der Erzählungen miteinschließt.

Wie man dieser stichwortartigen Aufzählung der Perspektiven entnehmen kann, liegt der Wert des Tagungsbandes in einem breiten Angebot an alternativen Denkmöglichkeiten für das Problem der historischen Erfahrung und das der Erfahrbarkeit und Vermittelbarkeit von Geschichte. Auch wenn der Begriff des Pränarrativen dadurch nicht vollständig und widerspruchsfrei erschlossen wird, kann der Band allen empfohlen werden, die am komplexen Verhältnis von Erfahrung, Geschichte und Narrativität interessiert sind.


Breyer, Thiemo; Creutz, Daniel (Hg.): Erfahrung und Geschichte: historische Sinnbildung im Pränarrativen. Papers presented at a symposium held in Oct. 2008 at the Freiburger Liefmannhaus. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2010 (Narratologia; Bd. 23). 372 S., kartoniert, 99,95 Euro. ISBN 978-3-11-024042-9


Inhaltsverzeichnis


Thiemo Breyer/Daniel Creutz: Einleitung 1

ERZÄHLTE ERFAHRUNGEN
Jonas Grenthlein: "Narrative Referenz". Erfahrungshaftigkeit und Erzählung 21
Monika Fludernik: Experience, Experientiality, and Historical Narrative. A View from Narratology 40
Egon Flaig: Erleichterte Erkenntnis: Wie man narratistisch den realen Ballast abwirft und die Wissenschaft loskriegt 73
Hans-Jürgen Pandel: Die wechselseitigen Erfahrungen von Erzähler und Zuhörer im Prozess des historischen Erzählens 93

LEBENSWELTLICHE ERFAHRUNGEN
Friederike Rese: Erfahrung und Geschichte. Ein notwendiger Zusammenhang? 111
Korbinian Goll: Die Erfahrung des bäuerlichen Jahreslaufs. Form und Sinn des 'Bauernkalenders' in Hesiods Erga 132
Tom Geboers: Welt-Geschichte. Raum- und Zeiterfahrung als Grunderfahrung von Geschichtlichkeit. Eine Betrachtung im Ausgang von Schelling, Nietzsche und Heidegger 149
Ernst-Christian Steinecke: Inkorporierung, Objektivierung, Akkumulation. Über den Zusammenhang von Erfahrung und Geschichte aus Sicht einer historisch-kultursoziologisch orientierten Anthropologie des Ausdrucks 167
László Tengelyi: In Verteidigung der Geschichtserfahrung. Zur Auseinandersetzung von Paul Ricoeur mit Hayden White 185

TRADIERTE ERFAHRUNGEN
Thomas Arne Winter: Sinnerfahrung. Zur Dialektik von Tradition und Geschichte 203
Johanna Sprondel: Die Geschichte geht in Spuren. Verfolgen, Neudeuten und Stolpern 217
Olaf Schlunke: Fireside storytelling beim Symposion. Erfahrung und Geschichte im archaischen und frühklassischen Griechenland 237
Christopher Meid: "Unmögliche Antike". Erfahrung von Kulturgeschichte in Hugo von Hofmannsthals Augenblicken in Griechenland 257

KRISENHAFTE UND IDENTITÄTSSTIFTENDE ERFAHRUNGEN
Johannes Niehoff-Panagiotidis: Telling the Unthinkable. Niketas Choniates’ Account of the Fourth Crusade 277
Miglena Hristozova: Die Erzählbarkeit der Erfahrung am Beispiel von Veda Slovena. Die wandelbare Identität der Pomaken 301
Aniela Knoblich: "Luftstrom aus alten Städten". Geschichte und Erfahrung des Dichters bei Durs Grünbein 317
Thiemo Breyer/Daniel Creutz: Historische Erfahrung. Ein phänomenologisches Schichtenmodell 332

Personenregister 365
Über die Autoren 369


Experiential Turn, or on the Experientiality of History

It has become a matter of consensus in the humanities that historical narratives build upon experience as well as convey, revise, and critically test experience, even if concrete forms of historiographical, literary-fictional, or autobiographical writing approach this subject in different ways. It is even more gratifying, then, that the editors of and the contributors to the conference proceedings Erfahrung und Geschichte (Experience and History) have embarked on specifying the notion of experience in the context of historical narration and that they, through a broad spectrum of disciplinary contributions, have managed to cover an interdisciplinary field so far insufficiently explored. The editors of the collection refer to the recently prominent 'experiential turn,' which has brought the notion of experience to the forefront of discussions of history and memory, and which underlies the concept of this collection. The editors systematically ground the 'prenarrative' mentioned in the subtitle in a phenomenological manner. Their essay doesn't, however, manage to cover the variety of possibilities offered by 'experience' in relation to 'history' presented in the contributions, which focus above all on the analysis of historical experience in different narratives.



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