"Who comes after the subject?" – mit dieser Frage des französischen Philosophen Jean-Luc Nancys steigen die HerausgeberInnen in die Einleitung zu ihrem Sammelband
"Hello, I Say, It’s Me": Contemporary Reconstructions of Self and Subjectivity ein. Damit bringen sie die Problematik auf den Punkt, die alle Beiträge – und sicher auch viele LeserInnen – des Bandes umtreibt: Wie köannen sich die Literatur- und Kulturwissenschaften mit der Frage nach dem Subjekt beschäftigen, nachdem dieses in der Postmoderne für tot erklärt wurde?
Der Band, der aus einer gleichnamigen Tagung an der Universität Düsseldorf im Jahr 2008 hervorging, versammelt neben der Einleitung elf englischsprachige Beiträge von v.a. deutschen WissenschaftlerInnen. Gegenstand der Beiträge sind vorwiegend zeitgenössische englischsprachige Romane. Darüber hinaus werden ein Film (Alexander Dunst), ein Gedicht (Sirkka Knuuttila) sowie zwei Youtube-Videos (Lutz Schowalter) analysiert. Das kulturelle sowie das Medienspektrum des Bands ist also recht begrenzt. Erstaunlich ist vor allem, dass mittlerweile weit verbreitete Medien der Selbstinszenierung wie Blogs, soziale Netzwerke oder Youtube nur am Rande oder in Fußnoten Erwähnung finden. Dieses offensichtliche Defizit des Bandes könnte ein Indiz dafür sein, dass die Bedeutung 'neuer' Medien für die Inszenierung und Reflexion zeitgenössischer Subjektkonstitutionsprozesse gegenüber 'klassischen' Medien wie der Literatur nach wie vor unterschätzt wird – und/oder den KulturwissenschaftlerInnen noch das entsprechende Analyseinstrumentarium fehlt.
In ihrer knappen thematischen Einleitung (vier Seiten) gelingt es den HerausgeberInnen überzeugend, ihr Unbehagen mit postmodernen Subjektkonzepten auf den Punkt zu bringen. Das besteht vor allem darin, dass in diesen dem Subjekt die Fähigkeit aberkannt werde, selbstständig zu denken und zu handeln, da es vollständig in Diskursen, Hierarchien und Netzwerken verschwinde (vgl. S. 2). In der 'Post-Postmoderne' (S. 3), so die HerausgeberInnen, setze sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass eine solche Sichtweise nicht in der Lage ist, die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft überzeugend zu konzeptualisieren. "Instead, contemporary theoretical positions will typically reintegrate epistemological skepticism and palpable materialism, and fuse awareness of the constraints of language with the sensibility that language alone is not able to sufficiently account for itself and for human beings" (S. 3), konstatieren sie. Ihre Überzeugung, dass eine Rekonzeptualisierung der 'Bedeutung und Verfasstheit' (ebd.) des Subjekts notwendig ist, leiten die HerausgeberInnen nicht zuletzt aus Untersuchungen zu literarischen Inszenierungen des Subjekts ab; diesen zufolge haben Schriftsteller "neither lost interest in the subject nor have they accepted its marginalization, fragmentation, deconstruction and pluralization out of existence" (S. 3). Solches literaturwissenschaftliches Selbstbewusstsein ist begrüßenswert. Leider bleibt die Diskussion weiterführender aktueller theoretischer Ansätze zur Rekonzeptualisierung des Subjekts nur stichwortartig (vgl. S. 4).
Während die thematische Einführung aufgrund ihrer fehlenden theoretischen Präzisierung einen etwas unbefriedigenden Eindruck hinterlässt, wird dies durch die Beiträge des Bandes wieder wettgemacht. Im Mittelpunkt vieler Beiträge steht die Frage, ob und wie die eingangs skizzierte post-postmoderne Vorstellung, dass Subjekte weder als Sinnzentrum noch als Unterworfenes zu verstehen sind, inhaltlich und formal v.a. in Literatur verhandelt wird. Die AutorInnen sind dabei mehrheitlich theorieversiert, jedoch ohne je Gefahr zu laufen, die Theorie den untersuchten Artefakten überzustülpen.
Thematisch ziehen sich vor allem zwei Schwerpunkte durch den Band. Erstens geht es um die Frage nach dem Verhältnis von Materialität und Diskursivität, die vor allem im Hinblick auf die mediale Inszenierung des Körpers gestellt wird (vgl. die Beiträge von Anja Müller-Wood, Markus M. Müller, Sirkka Knuuttila, Jan D. Kucharzewski und Lutz Schowalter). Die Inszenierung von Subjekten als "ultimately, perishable matter" (Müller-Wood, S. 28), z.B. im Roman
Being Dead von Jim Crace, wird als Hinweis auf die Unzulänglichkeit postmoderner Subjektkonzeptionen gedeutet, die die Materialität des Körpers zu verleugnen scheinen. Zweitens reflektieren mehrere Autoren den Zusammenhang zwischen Subjektkonstitution und Narration (vgl. die Beiträge von Stefanie Schäfer, Hanna Meretoja und Nicole Schröder). Gerade in den Beiträgen zum letzteren Themenfeld offenbart sich eine Schwierigkeit, die vielen interdisziplinär angelegten Untersuchungen 'zum Subjekt' eigen ist: Die Begriffe Subjektivität, Identität und Selbst werden häufig nicht expliziert und synonym verwendet, was umso problematischer ist, als diese jeweils in unterschiedlichen Disziplinen (z.B. Psychologie und Soziologie) unterschiedlich besetzt sind. Im Hinblick auf die Anschlussfähigkeit der Analysen von Subjektkonstitution in Literatur für andere Disziplinen wäre ein wenig mehr theoretische Präzision gut gewesen.
Fazit: Insgesamt zeigt der Band, dass die Rückbindung theoretischer Fragestellungen an konkrete mediale Repräsentationen von Subjektivität sehr produktiv ist. Nicht nur, weil die Beiträge das jeweils medienspezifische Potenzial, Subjektivität zu inszenieren, immer mit reflektieren, sondern auch, weil die Werkanalysen durchaus erste Antwortmöglichkeiten auf die Frage bieten, vor welchen Herausforderungen das Subjekt in der Gegenwart steht. Der Band bietet damit, trotz kleinerer theoretischer Schwächen, viele thematische und methodische Anregungen, und ist besonders für angehende kulturwissenschaftliche LiteraturwissenschaftlerInnen zu empfehlen.
Kucharzewski, Jan D.; Stefanie Schäfer; Lutz Schowalter (Hg.): "Hello, I Say, It’s Me": Contemporary Reconstructions of Self and Subjectivity. Trier: WVT, 2009. 226 S., broschiert, 23,50 Euro. ISBN: 978-3-86821-188-7
Inhaltsverzeichnis Jan D. Kucharzewski, Stefanie Schäfer, Lutz Schowalter
(Re)Constructions of Subjectivity in Contemporary Literature and Culture 1
Anja Müller-Wood
Being Me and Being Dead: Jim Crace’s
Embodied Materialism 13
Markus M. Müller
Adolescence Lost Forever or Regained? Aging Subjects in North American Novels 33
Sirkka Knuuttila
Sounding Out the Core: The Embodied Self and Wordless Knowing 51
Alexander Dunst
Thinking the Subject Beyond its Death: Madness and Contemporary Culture 73
Eva Gruber
Repositioning the Racialized Subject 89
Stefanie Schäfer
'Looking Back, you do not find what you left behind': Postcolonial Subjectivity and the Role of Memory in
White Teeth and
The Inheritance of Loss 107
Hanna Meretoja
Rethinking Narrative Subjectivity: Paul Ricoeur’s
Hermeneutics of the Self and Siri Hustvedt’s
What I Loved 129
Nicole Schröder
Narrating (My) Self: Subjectivity in Recent American Novels (Marisha Pessl, Jonathan Safran Foer, Nicole Krauss) 151
Jan D. Kucharzewski
Disposable Miracles: Incorporated Subjectivities in Richard Power’s
Gain 173
Dennis Kersten
Life after the Death of the Author: The Adventures of Robert Louis Stevenson in Contemporary Biographical Fiction 191
Lutz Schowalter
Re: (no subject)? Making Sense of and in Virtual Spaces in Hal Niedzviecki's
The Program 209
Contributors 227
Index 231
This essay collection focuses, mainly from the point of view of literary studies, on (re)constructions of the subject after its alleged death in postmodernity. However, none of the authors is ready to accept that the subject is dead. Instead, they showcase the manifold ways in which contemporary literature and other media stage the subject’s position between being subjected to social structures and individual agency—a dualism the poststructuralists had all too readily solved in favour of structure.
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bei der Autorin und bei KULT_online