Direkt zur zweiten Navigationsebene, fallls vorhanden.Direkt zum Seiteninhalt
Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 28 (2011) Brief Drucker

Metafiktionalen Erscheinungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf der Spur

Metafiktion
Eine Rezension von Hanna Bingel (Belfast)

Grub, Frank Thomas; Bareis, J. Alexander (Hg.): Metafiktion. Analysen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2010.

Der Sammelband Metafiktion. Analysen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur analysiert Ausprägungen von Metafiktion in deutschsprachigen literarischen Texten von 1990 bis heute und wendet sich damit einem bislang wenig bearbeiteten Forschungsfeld zu. Erfreulich ist, dass die Aufsätze ein breites Spektrum an bekannten und weniger bekannten Autor/innen integrieren und sich um einen innovativen Blick auf die ausgewählten Texte bemühen, indem sie ihre Interpretationen auf den Konzepten und Modellen der Metafiktionsforschung aufbauen. Weniger erfreulich ist, dass das Niveau der Beiträge stark variiert und der Band weder eine kontextualisierende Einleitung liefert noch einen erkennbaren Aufbau aufweist, weshalb er über eine (teils skizzenhaft wirkende) Zusammenstellung heterogener Einzelbeobachtungen nicht hinaus gelangt.

Das Thema 'Metafiktion und literarische Selbstreflexivität' hat derzeit Konjunktur. Eine theoriegeleitete Beschäftigung mit metaisierenden Erzählformen kennzeichnet besonders die angloamerikanische Forschungsdiskussion, für welche sich die Weichen mit dem Entstehen experimentellen Erzählens in der literarischen Postmoderne neu stellten. Die germanistische Forschung zur Metafiktion hat sich bislang überwiegend auf die deutsche Romantik und die Epoche der Moderne konzentriert. Dagegen wollen die Beitragenden des vorliegenden Sammelwerks den Blick gezielt auf die deutschsprachige Literatur der letzten zwanzig Jahre richten, die "in Bezug auf metafiktionale Erzählweisen praktisch unbearbeitet" sei (S. 8). Die Beiträge beanspruchen dabei keine Repräsentativität, sondern liefern exemplarische Fallstudien, in denen sie "Spielarten der Metafiktion" (S. 10) untersuchen. Es gehe außerdem nicht darum, "vorhandene[ ] theoretische[ ] Modelle" (S. 9) zu revidieren, sondern das Funktionspotential, das metafiktionale und selbstreflexive Verfahren in den Romanen erfüllen, von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Diese Zielsetzung wird in den Beiträgen dann auch recht konsequent verfolgt. Exemplarisch für die überzeugenden Arbeiten seien zunächst einmal drei vorgestellt.
Jan Wiele liefert eine Analyse von Peter Handkes Don Juan (2004) und wendet sich damit einem Autor zu, dem in der deutschsprachigen realismuskritischen Debatte eine Schlüsselposition zukommt. Wiele deutet das Oszillieren zwischen Ich- und Er-Erzähler in Don Juan als metafiktionale Strategie, durch welche sich Handke kritisch mit dem literarischen Diskurs der "Entgrenzung" (S. 181) auseinandersetze. Wiele sieht in Don Juan dabei sowohl eine Kontinuität als auch eine Weiterentwicklung früherer poetologischer Reflexionen Handkes und geht zur Untermauerung dieser These auch auf andere Texte des Autors sowie auf dessen sprachkritische Positionen ein.
Linda Karlsson eröffnet interessante Perspektiven auf Katja Lange-Müllers Böse Schafe (2007), indem sie zeigt, wie im Roman die "künstlerische Tätigkeit [...] als ein subjektives Weiterschreiben und Manipulieren vorhandener Dokumente und Schicksale" (S. 238) dargestellt wird. Indem Karlsson die selbstreflexive Erzählform des Romans in den Blick nimmt, zeigt sie, dass sich dessen Geschichte nicht auf eine Ost-West-Liebesbeziehung reduzieren lasse, vielmehr gehe es um "poetologische[ ] Fragestellungen" (S. 239) und darum, wie sich Fiktion und persönliche Erfahrungen und Träume gegenseitig bedingen (vgl. S. 230). Auch J. Alexander Bareis' Beitrag über Daniel Kehlmanns Ruhm (2009) ist ein Gewinn für den Band, handelt es sich bei Ruhm doch um eine experimentelle Variante selbstreflexiven Erzählens, welche in die Nähe der literarischen Postmoderne rückt. Indem Bareis die vielfältigen "Schachtelungen, Illusionsbrüche, Überschreitungen logischer Ebenen und [...] Spiegelungen" (S. 243) in Ruhm beschreibt, zeigt er zugleich, wie metafiktionale Strategien den Leser in die Irre führen können und so eine rezeptionslenkende Funktion erfüllen.

Obgleich eine Leistung des Bandes darin besteht, unterschiedliche Erscheinungsformen und Funktionen metafiktionaler Phänomene in einzelnen Werken der deutschen Gegenwartsliteratur aufzuzeigen, gibt es doch auch schwer wiegende Defizite. So ist zunächst enttäuschend, dass der Band auf eine Einleitung verzichtet, in der das gemeinsame Anliegen der Verfasser/innen konturiert und literaturgeschichtlich kontextualisiert würde. Fragestellung und zeitliche Eingrenzung des Textkorpus werden zwar im Vorwort angerissen, allerdings vermisst man zumindest einige zentrale Standpunkte und Errungenschaften der germanistischen Forschung zum Thema. Eine in der Einleitung erfolgende Vorstellung einschlägiger Metafiktionsdefinitionen hätte auch eine gewisse Redundanz in der Vorstellung theoretischer Grundlagen vermeiden können, wird doch in mehreren Beiträgen stets aufs Neue auf dieselben Definitionen eingegangen (bes. auf die Werner Wolfs, Patricia Waughs, Ansgar Nünnings und Michael Scheffels).

Ein weiterer Mangel besteht in der ungenauen Terminologie von Metafiktion und anderer literaturtheoretischer Begriffe. Beispielweise zeigen sich Probleme im Bemühen einiger Beitragender, das Verhältnis von Intertextualität und Selbstreflexion zu fassen. In einem Aufsatz wird z.B. fälschlicherweise behauptet, dass Scheffel repräsentativ für eine Position sei, die besagt, dass "Intertextualität keine Strategie von Metafiktion bzw. textueller Selbstreflexion" sei (S. 161). Auch in dem (ansonsten gewinnbringenden) Beitrag über Giwi Margwelaschwilis "Ontotextualität" (S. 41) weist der Versuch des Verfassers, eine Verknüpfung von Metafiktion und Intertextualität zu leisten, einige Schwachstellen auf, z.B., wenn er Intertextualität in Opposition zu Selbstreferentialität stellt. Seine Textanalyse hätte in diesem Fall von einschlägigen Studien zum Thema profitiert, z.B. von Ulrich Broich und Manfred Pfister, die Intertextualität als eine wichtige Form der Autoreflexivität des Textes begreifen.

Eine problematische Vorgehensweise macht sich auch in solchen Beiträgen bemerkbar, in denen Neologismen eingeführt werden, ohne dass zugleich eine Auseinandersetzung mit, oder zumindest ein Verweis auf, bestehende Termini geliefert würde. So würde die Behauptung, dass der Begriff "Metaskription" (S. 137) vonnöten sei, um diverse metafiktionale Reflexionen über autobiographische Schreibprozesse zu fassen, stärker überzeugen, wenn im Text die aktuelle Forschung über metafiktionale (Auto)Biographien Beachtung fände. Dasselbe trifft auf die m.E. unglückliche Begriffsbildung "Erfundenheitsreflexion" (S. 194) zu, ein Begriff, mit dem die Autorin eine metafiktionale Erscheinungsform zu beschreiben versucht, die in der Forschung zum Beispiel anhand des Werks von John Fowles bereits differenziert untersucht und konzeptionalisiert wurde.

Wie bereits angemerkt, handelt es sich bei den genannten Schwachstellen lediglich um einige Beispiele, die jedoch bereits verdeutlichen, dass der Band nicht nur wegen seiner unstrukturierten Zusammenstellung einzelner Beiträge, sondern auch wegen des in mancherlei Hinsicht kritikwürdigen Umgangs mit den Theorien und Modellen der Metafiktionsforschung das Niveau eines wegweisenden und modellhaften Werks nicht erreicht.

Am Schluss soll noch einmal positiv hervorgehoben werden, dass durch die Auseinandersetzung mit jüngeren und zum Teil weniger besprochenen deutschsprachigen Schriftsteller/inne/n die Studie durchaus dazu beiträgt, das "Funktionspotential metafiktionaler Erzählstrategien" (S. 8) weiter zu erschließen. Gewinnbringend ist nicht zuletzt, dass die Beiträge nützliche Beziehungen zwischen angloamerikanischer Theorie und der deutschen Germanistik herstellen und dadurch die Vorteile einer fächerübergreifenden Beschäftigung mit dem Thema aufzeigen. Der Band mag so gesehen ein Anstoß für eine tiefer gehende Forschung sowohl in der Germanistik als auch in einer übergreifenden Literaturtheorie sein.


Bareis, J. Alexander und Frank Thomas Grub (Hg.): Metafiktion. Analysen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Berlin: Kulturverlag Kadmos Berlin, 2010. 272 S., broschiert, 26,80 €. ISBN: 978-3-86599-102-7



Inhaltsverzeichnis


J. Alexander Bareis und Frank Thomas Grub
Vorwort 7

Andreas Böhn
Metafiktionalität, Erinnerung und Medialität in Romanen von Michael Kleeberg, Thomas Lehr und Wolf Haas 11

Frank Thomas Grub
"Ich bin eine Buchperson": Zur Funktion metafiktionaler Schreibstrategien bei Giwi Margwelaschwili 35

Sonja Klimek
"Wer spricht?" – Metafiktion und "doppelte Mimesis" in Wolfram Fleischhauers Campus-Roman Der gestohlene Abend 61

Villö Huszai
Spange im Dichtermund. Fiktive Autorschaft in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften und in Michael Mettlers Spange 87

Tilmann Köppe
Der Konjunktiv in Andreas Maiers Roman Wäldchestag und die Theorie der Metafiktionalität 115

Klaus Schenke
Metafiktion als Metaskription in Kindheitsmuster von Christa Wolf 135

Brigitte Kaute

"Das Eingeständnis unserer Not" – eine epistemologische Lektüre von Christa Wolfs Medea. Stimmen 155

Jan Wiele
Das Ich und der Andere: Metafiktion als kontrollierte "Entgrenzung" in Peter Handkes Don Juan (erzählt von ihm selbst) 173

Remigius Bunia

Mythenmetz & Moers in der Stadt der Träumenden Bücher – Erfundenheit, Fiktion und Epitext 189

Michael Jaumann
"Aber das ist ja genau das Thema der Geschichte!" Dialog und Metafiktion in Wolf Haas' Das Wetter vor 15 Jahren 203

Linda Karlsson
Vorerst das letzte Wort haben – Metafikion in Katja Lange-Müllers Roman Böse Schafe 227

J. Alexander Bareis
'Beschädigte Prosa' und 'autobiographischer Narzissmus' – metafiktionales und metaleptisches Erzählen in Daniel Kehlmanns Ruhm 243

Autorinnen und Autoren 269



Tracing Metafictional Phenomena in Contemporary German Literature

The anthology Metafiktion. Analysen zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Metafiction. Interpretations of contemporary German literature) examines different forms of metafiction in German literature from 1990 to today. The essays, which deal with a broad spectrum of both well- and lesser-known authors, are a welcome addition to a barely explored research area. Moreover, the contributors are concerned with offering new perspectives on the texts by using concepts and theories of metafictional scholarship. Less satisfactory is the irregular quality of the anthology, and that it offers neither a contextualizing introduction nor a clearly defined structure. This is why it does not meet the criteria for a systematic study, but is rather an accumulation of single observations.



© bei der Autorin und bei KULT_online
Brief Drucker del.icio.us-Logo Digg-Logo Mr. Wong-Logo Linkarena Logo

ITSeC FB02 JLU Gießen