Im Zentrum des 2010 erschienen, achten Bandes der historischen Einführungen im Campus Verlag steht die Thematik
gender. Die Verfasserin Claudia Opitz-Belakhal ist Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel, seit Herbst 2003 Mitherausgeberin der Reihe "Geschichte und Geschlechter" im Campus Verlag, Frankfurt am Main, und Beirätin der Zeitschrift
Feministische Studien. Mit dem vorliegenden Band bietet die Autorin nicht nur einen historischen, sondern einen vieldimensionalen Blick über die Geschlechtergeschichte, und zwar mit besonderen sozial- und kulturgeschichtlichen Schwerpunkten und Fragestellungen.
Die aus der sogenannten "Frauengeschichte" heraus entwickelte Geschlechtergeschichte führte zu einer unübersehbaren Fülle von verschiedenen Einzelstudien und Gesamtdarstellungen im In- und Ausland. Wie Opitz-Belakhal im Einleitungskapitel betont, bezieht Geschlechtergeschichte viele Anregungen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Theorien und ist in diesem Sinne interdisziplinär und international angelegt. Sie hat sich neueren theoretischen sowie methodologischen Entwicklungen in den Sozial- und Kulturwissenschaften geöffnet. Dabei versteht sich die Geschlechtergeschichte weniger als eine neue Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, vielmehr hat sie zum Ziel, durch aktuelle genderorientierte Diskussionen die geschichtliche Traditionsbildung und die Methodenlehre des gesamten Faches zu kritisieren und mitzuprägen.
Das vorliegende prägnant und verständlich geschriebene Einführungswerk gliedert sich in inhaltlicher Hinsicht in sieben Thementeile, welche die Kategorie 'Geschlecht' u. a. in Bezug zu anderen Kategorien wie Klasse, zu Diskursen der Nation oder zu der Kritik an dualistischen Kategorien wie öffentlicher vs. privater Raum setzen. Darüber hinaus geht es um die Politik der Geschlechter und die Geschlechtscodierung der Geschichtsschreibung selbst. Knapp und informativ erläutert die Verfasserin in ihrer epochenübergreifenden Vorgehensweise jeweils die unterschiedliche Methodik sowie die Entwicklung in den historischen Epochen, anhand derer sie ihr jeweiliges Thema, beispielsweise das Verhältnis von "Nation, Ethnizität und Geschlecht", erörtert. Zuweilen werden die deutschsprachigen Debatten durch den Blick auf angloamerikanische und europäische Diskussionen ergänzend und vergleichend diskutiert. Opitz-Belakhal weist selbst darauf hin, dass das Buch außereuropäische sowie die gesamten nord- und osteuropäischen Diskussionen nicht berücksichtigt. Aufgrund der methodisch-theoretischen Ausrichtung des Buchs präsentiert die Verfasserin auch keinen nach Epochen gegliederten Überblick in die Geschlechtergeschichte, wie z.B. "Frauen im Mittelalter", was man von einer Einführung hätte erwarten können.
Jedoch gelingt es dem Buch, durch interessante Problemstellungen der Geschlechtergeschichte wie z.B. "Von der Frauen(erwerbs)arbeit zum 'Wirtschaften mit der Geschlechterordnung'" (S. 72-79) oder "Geschichte des (Nicht-)Privaten: Ehe, Haushalt und Familie" (S. 104-109) weiterführende Fragen aufzuwerfen und zu einer Vertiefung der Diskussion anzuregen. Zentrale Begriffe wie z.B. doing gender (S. 27-30) oder Konzepte wie "Ethnizität und Geschlecht in postkolonialen Kontexten" (S. 93-97) werden knapp, aber sehr deutlich und durch kritische Anregungen und Forschungen horizonterweiternd dargestellt. Wenn Opitz-Belakhal ein anderes Grundwissen anspricht, etwa "Sozialgeschichte der Religion", gibt es praktische Hinweise zu weiterführenden Bänden in der Reihe des Campus Verlags auf der Webseite www.historische_einfuehrungen.de. Das Maussymbol am Textrand verweist außerdem auf historische Quellentexte, die im schmalen gedruckten Band nicht enthalten sind, aber auf der
Website zum Buch als Ergänzungen im pdf-Format heruntergeladen werden können.
Geschlechtergeschichte bietet zwar eine breite Forschungsperspektive und steht im Dialog mit anderen Disziplinen, sie entwickelt eine Vielfalt an Methoden und Theorien, die über die Historiographie im engeren Sinne hinausgehen. Dennoch strebt sie auch eine kritische Revision der Geschichtsschreibung an. Dieser wesentliche Punkt wird im letzten Kapitel erörtert: "Ein zentrales Anliegen der Geschlechtergeschichte ist es, die einseitige Perspektivierung bisheriger Geschichtsschreibung und -forschung sichtbar zu machen und durch eine umfassendere, beide Geschlechter berücksichtigende Geschichtsbetrachtung zu ersetzen" (S. 148). Dieser Ansatz wird von den feministischen Vordenkerinnen bis zur Gattung 'Biographie', von der Frage, "wann die Frauen definitiv aus der Geschichtsschreibung verschwunden sind" (S. 164), bis zur
new cultural history (S. 175) beleuchtet und mit überzeugenden interdisziplinären Beispielen und Textauszügen vom 15. Jahrhundert (wie z.B. aus dem von der Humanistin Christine de Pizan geschriebenen Werk
Buch von der Stadt der Frauen, 1405) bis hin zu aktuellen Forschungsergebnissen diskutiert.
Damit ist der Band Geschlechtergeschichte der historischen Einführungen neben einem großen Gewinn für die gender-orientierte Geschichtswissenschaft auch eine Art Handreichung für NeueinsteigerInnen in die Geschlechterforschung, die zu einer historisch geschulten Vertiefung einlädt.
Opitz-Belakhal, Claudia: Geschlechtergeschichte. Frankfurt/Main: Campus, 2010 (Historische Einführungen; Bd. 8). 205 S., broschiert, 16,90 Euro. ISBN: 978-3-593-39183-0
Inhaltsverzeichnis 1.Einleitung
2.Von der Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte
2.1.
Gender – eine (macht-)analytische Kategorie
2.2 Kritik der Kategorie "Geschlecht”: Erfahrung vs. Diskurs
2.3 Geschlecht als Markierung
2.4 Von
gender zur
queer theory 2.5
Doing gender – Geschlecht als Praxis
2.6
Narrating gender 2.7
Staging gender 2.8 Geschlecht als (mehrfach) relationale Kategorie
3. Weiblich – männlich? Geschlechterbilder und Geschlechterordnungen im Wandel
3.1 "Natur" und "Kultur" der Geschlechter
3.2 Männliche (Natur-) Wissenschaften?
3.3 Vom Ein- zum Zwei-Geschlechter-Modell
3.4 Universität und Wissenschaften ohne Frauen?
3.5 Geschlechtersymbole und ihre (Be-)Deutungen
3.6 Geschlechtsidentitäten im Wandel
3.7 Kritik des Geschlechterrollen-Konzepts
4. Klasse, Stand und Geschlecht
4.1 Frauen als (ausgebeutete) "Klasse"?
4.2 Von der Frauen(erwerbs)arbeit zum "Wirtschaften mit der Geschlechterordnung"
4.3 Geschlechtergeschichte der Ökonomie
5. Nation, Ethnizität und Geschlecht
5.1
Race, class und
gender 5.2 Vom Antisemitismus zur jüdisch-deutschen Geschichte
5.3 Nation, Nationalismus und Geschlecht
5.4 Ethnizität und Geschlecht in postkolonialen Kontexten
6. Öffentlich vs. privat?
6.1 Wider die Dichotomie "öffentlich-privat"
6.2 Öffentlichkeit(en) und die "Ordnung der Geschlechter"
6.3 Geschichte des (Nicht-)Privaten: Ehe, Haushalt und Familie
6.4 Geschichte der Sexualität(en)
7. Vom weiblichen Widerstand zur Politik der Geschlechter
7.1 Geschichte der Frauenbewegung und des Feminismus
7.2 Kontinuität oder Kontingenz des Feminismus?
7.3 Querelle des femmes als (Proto-)Feminismus?
7.4 Weibliche Macht und "Listen der Ohnmacht"
7.5 Politikgeschichte als Geschlechtergeschichte
7.6 Militärwesen, (staatliche)Gewalt und Geschlecht
8. Das Geschlecht der Geschichte
8.1 Männliche Geschichtsschreibung?
8.2 Verwissenschaftlichung als Vermännlichung der Geschichte
8.3 Geschlechtergeschichte und "Allgemeine Geschichte"
Auswahlbibliographie
Inhalt des Quellenteils unter www.historische-einfuehrungen.de
Sachregister
With her introductory book
Geschlechtergeschichte (Gender History), Claudia Opitz-Belakhal presents an historical overview of 'gender.' Part of the historical introduction series by Campus, this monograph defines the most important key concepts, such as 'gender' and 'queer,' in relation to several other issues, such as the women's movement, historiography, and postcolonial studies. Spanning many decades, this short but very informative introductory work offers not only an historical research perspective, but also an interdisciplinary and intercultural one.
©
bei der Autorin und bei KULT_online