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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 26 (2011) Brief Drucker

Imame als Brückenbauer für die Integration

Intercultural Communication
Eine Rezension von Theresa Beilschmidt

Ceylan, Rauf: Die Prediger des Islam. Imame - wer sie sind und was sie wirklich wollen. Freiburg: Herder, 2010.

Der in Osnabrück lehrende Religionswissenschaftler Rauf Ceylan präsentiert in seinem 2010 erschienenen Buch Die Prediger des Islam. Imame - wer sie sind und was sie wirklich wollen Ergebnisse seiner langjährigen Feldstudien. Es ist eine der ersten umfassenden Studien, die sich mit der Funktion der Imame an türkischen Moscheen in Deutschland befasst und durch zahlreiche Interviews eine Innensicht in die Thematik der Imame und ihrer Rolle für die Integration von muslimischen Einwanderern bietet. Das populärwissenschaftlich gehaltene Buch enthält genaue Typologien der in Deutschland predigenden Imame und betont ihre Brückenfunktion zwischen Moscheegemeindemitgliedern und der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ceylan möchte eine Diskussion in der Gesellschaft initiieren und schreibt deshalb bewusst populärwissenschaftlich. Allerdings bieten seine Lösungsvorschläge angesichts der neuesten Entwicklungen trotz schlagkräftiger Argumente wie etwa, dass an deutschen Universitäten ausgebildete Imame für die Etablierung des Islams in Deutschland unerlässlich sind, keine neuen Handlungsanweisungen für die deutsche Islampolitik. Nichtsdestoweniger bleibt das Buch ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Integrations- und Islamdebatte.



Rauf Ceylan ist Religionswissenschaftler und lehrt Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Er recherchierte mehrere Jahre lang in türkischen Moscheevereinen und stellt nun die Ergebnisse dieser Feldstudien in seinem 2010 erschienenen Buch Die Prediger des Islam. Imame - wer sie sind und was sie wirklich wollen vor.
Eingangs unterstreicht er die Funktion der Imame als "wichtigste[r] Informations- und Kommunikationskanal zu den türkischen Gastarbeitern" (S. 16). Damit legt Ceylan die Basis für seine Argumentation im Buch: "Imame sind die Schnittstelle zwischen Staat und Bevölkerung" (S. 27) und müssten deshalb mehr Beachtung erhalten – sowohl von Politikern als auch von Wissenschaftlern. Betont populärwissenschaftlich gehalten möchte das Buch eine Forschungslücke schließen, die bis jetzt laut Meinung des Autors von keinem anderen Wissenschaftler genügend bearbeitet wurde. Noch im Vorwort erwähnt Ceylan allerdings, dass er bewusst auf einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand verzichtet. Für einen Leser mit Vorkenntnissen erscheint diese Art wissenschaftlichen Schreibens etwas lückenhaft, da viele Forschungsarbeiten anderer Religionswissenschaftler und Migrationssoziologen nicht rezipiert werden. Dies erschwert es, sich anhand der vorliegenden Studie einen eigenen Überblick über das Thema zu verschaffen und Ceylans Thesen zu überprüfen.
Der eigene Anspruch des Autors ist jedoch ausdrücklich, mit diesem Buch vornehmlich einen "unverzerrten Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt der Imame" (S. 50) zu geben, weshalb es hauptsächlich auf eigenen Feldstudien und persönlichen Kontakten beruht. Zieht man dies in Betracht, ist das Buch ein bedeutender Beitrag zur aktuellen Islamdebatte, in der die Imame, wie der Autor zu Recht bemerkt, als "wichtige gesellschaftliche sowie politische Multiplikatoren" (S. 17) fungieren können, da sie eine Innensicht der Moscheegemeinden haben.

Das Buch ist so aufgebaut, dass es zunächst die gegenwärtige Situation der Imame in Deutschland und ihre sozio-religiöse Funktion erläutert, um dann eine Typologie der Imame nach Islamverständnis und Ideologie zu erstellen. Ceylan beschränkt sich hier auf Imame in sunnitischen Gemeinden, da diese mit über 1600 türkischen Moscheen in Deutschland genau wie in der Türkei die Mehrzahl bilden (vgl. S. 20).
Schon wenn der Autor im ersten Kapitel die Unterschiede bei der Ausbildung und beim Aufenthalts- und Beschäftigungsverhältnis der Imame skizziert, wird deutlich, dass Ceylan äußerst kritisch ist gegenüber Imamen, die wenig mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut sind. Diese üben nach Aussage des Autors ihre Brückenfunktion zwischen Gemeinde und Mehrheitsgesellschaft nicht aus und predigen an den Lebenswirklichkeiten der Gemeindemitglieder vorbei (vgl. S. 33).

Die den Hauptteil des Buches bildenden Typologien fasst Ceylan nachvollziehbar in vier Gruppen zusammen: Die erste Kategorie ist die der "traditionell-konservativen" Imame (vgl. Kap. 3), die etwa 75 % der in Deutschland an türkischen Moscheen predigenden Imame ausmachen. Diese zeichnen sich Ceylan zufolge durch "Autoritätsgläubigkeit, Gehorsam, Gottesfurcht bei religiöser Toleranz und Patriotismus" aus (S. 51). Was Ceylan hier besonders kritisiert, ist der "Clash zwischen der Kultur der Imame und der Deutsch-Türken" (S. 62), den er auf mangelhafte Vorbereitung ersterer auf ihre Funktion in Deutschland zurückführt. Diesen Imamen gelinge es nicht, sich auf das veränderte "Selbstverständnis" der Moscheen einzustellen und sich der deutschen Gesellschaft zu öffnen (S. 65). Andererseits gebe es hier eine "positive Identifikation" mit der rechtsstaatlichen Säkularität Deutschlands (S. 77).
Die zweite Kategorie ist die der "traditionell-defensiven" Imame (vgl. Kap. 4), die eine Minderheit in Deutschland stellen. Diese beschreibt Ceylan als ein "Konglomerat u.a. aus türkischem Nationalismus, apokalyptischem Weltbild, dem Glauben an eine Geheimlehre, Okkultismus und praktiziertem Exorzismus" (S. 79). In dem Abschnitt über die Synthese von türkischem Nationalismus und islamischem Glauben wird besonders deutlich, dass Ceylan größtenteils den Gebrauch von Fachausdrücken vermeidet. Damit macht er seine Argumente einem breiteren Publikum zugänglich und entscheidet sich also bewusst für die Populärwissenschaft.
Die dritte Kategorie der "intellektuell-offensiven" Imame (vgl. Kap. 5), die laut Ceylan über 15 % der Imame ausmacht, bezeichnet er als "progressiv" und "offensiv-kritisch" (S. 110). In ihrer Offenheit gegenüber der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft und einer Neuinterpretation des Islams im Kontext seiner Diaspora-Existenz sieht Ceylan eine Chance für die Entwicklung eines Europäischen Islams – auch wenn er diesen nicht beim Namen nennt (vgl. S. 117).
Als letzte Kategorie beschreibt Ceylan die der "neo-salafitischen" Imame (vgl. Kap. 6), die zwar eine Minderheit seien, jedoch über ein hohes Mobilisierungspotential bei Jugendlichen verfügen. Diese bilden, so der Autor, eine "Gegenkultur zum Mainstream-Islam" und positionieren sich gegen den "weltanschaulich-religiösen Pluralismus" in Deutschland (S. 142). Hier empfindet es Ceylan als besonders problematisch, dass Integrationsmaßnahmen und islamischer Religionsunterricht auf Deutsch abgelehnt würden.

Aufgrund dieser auf die Integration des Islams in Deutschland bezogenen Einschätzungen und deren großer Bedeutung hätte man sich Ceylans Ausblick, der den Abschluss der Arbeit bildet, länger und detaillierter gewünscht. Zwar spricht sich der Autor gegen die Entsendung von Imamen und für deren Ausbildung an theologischen Lehrstühlen in Deutschland aus (vgl. S. 178). Dennoch beinhalten seine kurzfristigen und mittelfristigen Lösungen, nämlich die Imame fortzubilden und islamische Lehrstühle in Deutschland einzurichten, angesichts der derzeitigen Veränderungen in diesem Bereich keine wirklich neuen Vorschläge. Dies liegt aber natürlich auch daran, dass in letzter Zeit besonders viel besonders schnell passiert ist: Das Fortbildungsangebot wird schon seit längerem ausgeweitet und auch die lang geforderte Einführung von islamischen Lehrstühlen an deutschen Universitäten war seit der Empfehlung des Wissenschaftsrates im Januar 2010 nur noch Formalsache. Mittlerweile sind die Islamzentren in Osnabrück/Münster, Tübingen, Erlangen/Nürnberg und Frankfurt/Gießen beschlossen und in Planung.
Nichtsdestoweniger bleibt das Buch ein wichtiger Beitrag zur Integrations- und Islamdebatte, da es das Augenmerk auf eine Thematik lenkt, die bis jetzt oft übersehen oder ignoriert wurde.


Ceylan, Rauf: Die Prediger des Islam. Imame - wer sie sind und was sie wirklich wollen. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag, 2010. 192 S., Flexcover, 12,95 €. ISBN: 978-3-451-30277-0 Pick It!


Inhaltsverzeichnis:

Tagesablauf eines Imams in Deutschland
Einleitung: Imame sind Schlüsselpersonen
1. Was ist ein Imam?
Funktion – Aufgabenbereiche – Bildungs- und Ausbildungshintergrund – Aufenthalts- und Beschäftigungsverhältnis
2. Meine Methode: Nicht über die Imame, sondern mit ihnen sprechen
Türkisch-islamische Organisationen – Interviews und Typenbildung 3. Traditionell-konservative Imame: Die Preußen unter den Imamen
Der Imam als Gastarbeiter: Pionier-Imame organisieren Moscheegründungen – Kein Milch und Honig im falschen Paradies – "Lost in Translation" oder: Sprachlos in Almanya – Im Zangengriff: Imame zwischen Dachverband, Vorstand und Gemeinde – "Deutschland ist doch schon wie ein islamischer Staat"
4. Traditionell-defensive Imame: Von Medizinmännern und Exorzisten
Die Türken: Das auserwählte Volk Gottes – Apocalypse now: Moralischer Verfall und Unglaube in Deutschland – "Almanlaşmak": Die Türken dürfen sich nicht verdeutschen – Zahlenmystik, Okkultismus und Heiligenkult oder: Der Koran als Orakelbuch – Dschinne: Der Imam als Exorzist
5. Intellektuell-offensive Imame: Cogito et credo, ergo sum
Geistige Emanzipation – Der Bruch mit der Tradition – Leopold Weiss alias Muhammad Asad: Ein moderner Visionär als geistiger Mentor – Zurück in die Vergangenheit oder: Braindrain aus den Gemeinden – Imame versus türkische Männer-Cafés: Armut, Glücksspiel und Prostitution – Imam-Hotline oder: Mit Koran und Grundgesetz gegen Extremismus
6. Neo-salafitische Imame: Von Revolutionären und Dschihadisten
Vom Saulus zum Paulus oder: Salafiten als Autodidakten – Kharidschiten: Geistige Vorväter der Extremisten oder Neo-Salafiten, die neuen Extremisten – Der Imam als Revolutionsführer oder "Bin Laden ist für mich ein gerechter Mann" – Hidschra: Auswanderungsland Deutschland
7. Ausblick: Welche Imame wollen wir in Deutschland?
Imame sind zentrale Personen im Integrationsprozess – Imam-Importe bringen Probleme mit sich – Neue Herausforderungen, neue Imam-Rolle – Extremismus und demokratiefeindliche Strömungen unterbinden – Moscheen und Imame im Kampf gegen Extremismus einbinden – Kurzfristige Lösung: Imame müssen fortgebildet werden – Mittelfristige Lösung: Theologische Lehrstühle in Deutschland einrichten
Literatur


Imams as Bridge Builders for the Integration

In his book Die Prediger des Islam (Preachers of Islam: Imams  – who they are and what they really want), Rauf Ceylan, lecturer of Religious Studies at Osnabrück University, presents the results of many years of field study. It is one of the first comprehensive look dealing with the function imams fulfil at Turkish mosques in Germany. By means of numerous interviews it offers an insight into the topic of imams and their role for the integration of Muslim immigrants. The book contains exact typologies of the imams preaching in Germany and emphasises their function as an important link between mosque community members and the German majority society. Ceylan wants to initiate a discussion in society and therefore consciously writes in the style of popular science. However, in the light of the recent developments his proposals for solutions do not offer any new guidelines for the German politics on Islam, in spite of powerful arguments, like the one that imams who were educated at German universities are essential for the establishment of Islam in Germany. Nevertheless, the book remains an important contribution to the current debate on integration and Islam.


© bei der Autorin und bei KULT_online
aktualisiert am 1.6.2011
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