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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 19 (2009) Brief Drucker

»Das Leben ist eine Baustelle«: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Identität in Zeiten geopolitischer und sozialer Veränderungen

Kultureller Umbau
Eine Rezension von Anna Beck

Kröncke, Meike; Mey, Kerstin; Spielmann, Yvonne (Hg.): Kultureller Umbau: Räume, Identitäten und Re/Präsentationen. Bielefeld: transcript, 2007.

Im Zentrum des transdisziplinär, transkulturell und transmedial angelegten Sammelbandes Kultureller Umbau, der von Meike Kröncke, Kerstin Mey und Yvonne Spielmann herausgegeben wurde, steht die Auseinandersetzung mit drei zentralen Konzepten der Kulturwissenschaften: Raum, Identität und Repräsentation. Grundlage aller Beiträge ist die These, dass in Zeiten geopolitischer und sozialer Veränderungen ein neues Verständnis von fremder und eigener Identität gefordert ist, das die Verschiebungen unserer Vorstellungen von räumlichen Ordnungen berücksichtigt. Diese Veränderungsprozesse bezeichnen die Herausgeber mit "kulturellem Umbau". Die Beiträge diskutieren die drei Konzepte aus den Perspektiven der Medien- und Kulturwissenschaft sowie der Kunstgeschichte und Soziologie.

"Sind die Diskurse zum Raum, zu kultureller Identität und Re/Präsentationen heute erneut oder immer noch eine politisch und künstlerisch wichtige Angelegenheit?", so lautet die rhetorische Frage, mit der Meike Kröncke, Kerstin Mey und Yvonne Spielmann ihr Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Kultureller Umbau einleiten. Rhetorisch ist die Frage insofern, als nicht zuletzt die Herausgeber und Autoren dieses Bandes mit ihren Überlegungen dazu beitragen, dass besagte Diskurse weiter – und zu Recht – ganz oben auf der kulturwissenschaftlichen Agenda stehen. Kulturelle Phänomene, ästhetische Praktiken und mediale Entwicklungen, so die Beobachtung der Herausgeber, vernetzen, differenzieren und partikularisieren sich in so hohem Tempo, dass das vielerorts proklamierte Zusammenwachsen der disziplinären Forschungssprachen und ihrer Inhalte kaum nachkommen kann.

Um der Ausdifferenzierung kultureller Prozesse Rechnung zu tragen, die eben nicht mehr mit einzelwissenschaftlich geprägten Begriffen zu fassen sind, legen die Herausgeber ihrem Sammelband disziplinen-, kultur- und medienübergreifende Konzepte von Raum, Identität und Re-/Präsentation zugrunde. Die Auswahl der Konzepte ist der These geschuldet, dass in Zeiten geopolitischer und sozialer Veränderungen ein neues Verständnis von fremder und eigener Identität gefordert ist und dass dieses im Zusammenhang mit Verschiebungen unserer Vorstellungen von räumlichen Ordnungen gesehen werden muss. Dieser von den Herausgebern als 'Umbau' bezeichnete Prozess führt konsequenterweise zu Fragen der Darstellbarkeit von Konzepten visueller und sprachlicher Repräsentation.

Praktiken des Aushandelns von kulturellen Bedeutungen sind Voraussetzung für alle drei Forschungsfelder, die den Band zugleich in drei Abschnitte gliedern. So wird im ersten Teil des Bandes 'Raum' als soziales und strukturelles Gebilde definiert, das über Aushandlungsprozesse immer wieder neu konstituiert wird. Unter den hier versammelten Beiträgen ist besonders Kathrin Buschs Beitrag "Hybride. Der Raum als Aktant" hervorzuheben, der die aktuelle Raumdiskussion um wichtige Aspekte bezüglich der Wirkmächtigkeit von Räumen ergänzt. Busch attestiert den derzeitig dominanten Raumtheorien, die die Praktiken des Subjekts in Zentrum rücken, "konstruktivistische Verkürzungen" (S. 16). Um diese zu beheben, plädiert sie für ein erweitertes Raumverständnis, das die handlungsstrukturierende Wirkung von Räumen berücksichtigt. Buschs These: Raum und Subjekt bedingen sich gegenseitig und bilden sich korrelativ heraus, weshalb man, in Anlehnung an Bruno Latour, von einer Hybridisierung von Raum und Subjekt sprechen könne.

Den Beiträgen im zweiten Teil des Bandes Identitäten liegt ein Konzept zugrunde, das ‚Identität’ als sozial konstruiert und verhandelt versteht, was den Fokus auf die Inszenierung der Temporalität und Konstruktivität von (hybrider) Identität legt. Die Inszenierung von Identität als Produkt unterschiedlicher Bedingungen, als ständigen Entwicklungs- und Transformationsprozess zeigen etwa die Werke von Lynn Hershman, Vera Frenkel und Kinga Araya, die Ryszard W. Kluszczynski in seinem kunstwissenschaftlichen Beitrag "Hybridität als Bewusstseinszustand" analysiert. Leider dienen die Werke der Künstlerinnen jedoch nur als knapper Ausgangspunkt für eine allgemeine Diskussion gegenwärtiger Konzeptionen von hybrider Identität. Eine stärkere Rückbindung an die Installationen der Künstlerinnen hätte dazu beigetragen, das (Wirkungs-)Potenzial der Gegenwartskunst hinsichtlich der Inszenierung von Identitäten noch anschaulicher zu machen.

Der dritte Teil Re/Präsentationen schließlich befasst sich mit den sprachlichen und visuellen Bezeichnungen und der öffentlichen Darstellung von Identitäten und Räumen. Dem Begriff 'Re/Präsentation' kommt dabei eine dreifache Bedeutung zu. Mit der zunächst gewöhnungsbedürftigen Schreibweise soll angezeigt werden, dass er gleichermaßen Darstellung, Vorstellung sowie kommentierende Wiederholung benennt. Die politische Brisanz von Repräsentationen 'fremder' Identitäten zeigt Meike Kröncke in ihrem Beitrag "Exponierte Sichtbarkeit. Bildstrategien in der visuellen Kultur" anhand von Anzeigen zweier Printkampagnen auf. Rhetoriken der Bildübersetzung tragen ihrer Ansicht nach wesentlich zu den Vorstellungen bei, mit denen kulturelle Identität als ähnlich oder fremd wahrgenommen wird. Krönckes Beitrag sensibilisiert dafür, dass die bildliche Darstellung des Fremden selbst in anti-rassistisch angelegten Kampagnen immer Gefahr läuft, Differenzen zu exponieren und damit existierende Fremdkonstruktionen zu bedienen statt zu unterminieren.

Unter den Beiträgen dieses Bandes finden sich sowohl einige, die den Fokus auf die Weiterführung der theoretischen Diskussion zum jeweiligen Konzept legen, als auch viele, die die Konzepte auf konkrete Beispiele aus bildender Kunst, Medien und Lebenswelt anwenden. Vor allem die Einbeziehung des Konzeptes der Re-/Präsentation trägt dazu bei, Raum und Identität unter dem Blickwinkel ihrer Inszenierung in unterschiedlichen Medien zu betrachten und auf deren Wirkungspotentiale aufmerksam zu machen. Die Aufsätze in Kultureller Umbau leisten daher facettenreiche und anschlussfähige Beiträge zu den gegenwärtigen Debatten in den Kulturwissenschaften. Empfehlenswert für alle, die sich für eine transdisziplinäre Sichtweise auf Raum und Identität interessieren und Anregungen finden wollen, wie diese zum Verständnis von kulturellen Veränderungsprozessen beitragen können.


Meike Kröncke, Kerstin Mey & Yvonne Spielmann (Hgg.): Kultureller Umbau: Räume, Identitäten, und Re/Präsentationen. Bielefeld: transcript, 2007. 208 S. Paperback 21,80 Euro. ISBN 978-3-89942-556-7



Inhaltsverzeichnis


Meike Kröncke, Kerstin Mey, Yvonne Spielmann Einleitung. Kultureller Umbau. 7

I. Räume

Kathrin Busch
Hybride. Der Raum als Aktant. 13

Susanne Hauser
Über Städte, Identität und Identifikationen. 29

Kerstin Mey
Kunst und Identität in umstrittenen Räumen. 43

Annette Jael Lehmann
Black Box Inside Out. Wahrnehmungsprozesse in einem immersiven Raum. 59


II. Identitäten

Oliver Marchart

Der koloniale Signifikant. Kulturelle ‚Hybridität’ und das Politische, oder: Homi Bhabha wiedergelesen. 77

Ryszard W. Kluszczynski
Hybridität als Bewusstseinszustand. Einige Gedanken zu Arbeiten von Lynn Hershmann, Vera Frenkel und Kinga Araya. 99

Yvonne Spielmann
Die Matrix der Hybridität. Überlegungen zur japanischen Spielkultur. 117


III. Re/Präsentationen

Meike Kröncke
Exponierte Sichtbarkeit. Bildstrategien in der visuellen Kultur. 139

Birgit Mersmann
Mit-, gegen- oder überlaufende Bilder? Prozesse der Transkulturation innerhalb der koreanischen Malerei. 161

Ian M. Clothier

Formen der Repräsentation: Hybride Kulturen, Nonlinearität und kreative Verfahren. 181


Autorinnen und Autoren 203

“Life Is a Construction Site”: Cultural Studies Perspectives on Identity in Times of Geopolitical and Social Change

Kultureller Umbau (Cultural Rebuilding) is a transdisciplinary, transcultural, and transmedial anthology edited by Meike Kröncke, Kerstin Mey, and Yvonne Spielmann that revolves around three central concepts in the study of culture: space, identity, and representation. All articles are based on the assumption that times of geopolitical and social transformation demand a new understanding of identity which takes into account our changing perceptions of spatial order – a process of transformation that the editors term “kultureller Umbau” (cultural rebuilding). Contributors delve into the three central concepts from the perspectives of media studies, cultural studies, art history, and sociology.


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