Literaturverfilmungen sind ein heikler Forschungsgegenstand. Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, muss sich entscheiden: Begreift er die Literaturverfilmung als eigenes Genre, das lediglich filmische Adaptionen von Texten der Höhenkammliteratur umfasst? Oder stellt er in Rechnung, dass eine Mehrzahl der gegenwärtigen Filme auf literarischen Vorlagen beruht (wenn auch selten auf bekannten und anerkannten)? Er muss zwischen unzähligen Konzepten wählen, die den Medienwechsel zu beschreiben versuchen und die jeweils unterschiedliche Aspekte desselben betonen (Transformation, Transposition, Transkription, Translation, Remedialisierung etc.). Und er muss damit umgehen, dass sich seine Forschungen auf einem Terrain bewegen, auf dem im Alltags-, aber auch im Wissenschaftsdiskurs mit zahlreichen, mitunter auch vorschnellen Wertungen hantiert wird.
Keine dieser grundlegenden Fragen wird in dem Sammelband, den Eugenio Spedicato und Sven Hanuschek unter dem Titel
Literaturverfilmung. Perspektiven und Analysen herausgegeben haben, eingangs diskutiert. Der Band verzichtet auf eine Einleitung (das Vorwort umfasst nur zwei Seiten und nimmt zu den relevanten Forschungsfragen keine Stellung) und beraubt sich damit der Chance, das Thema eigenständig zu perspektivieren und sich in der Forschungslandschaft zu positionieren. Auch die zwei Sektionen, denen die insgesamt neun Beiträge zugeordnet sind, – "Struktur, Transformation, Rezeption" und "Genese, Bearbeitung, Medialität" – haben weder interne Kohärenz noch eine strukturierende Funktion. Es steht außer Frage, dass hierin ein großes Manko besteht.
Gleichwohl – und möglicherweise gerade wegen seiner Offenheit – vermittelt der Band einen guten Einblick in die gegenwärtige Forschungslage zur Literaturverfilmung, indem er neun unterschiedliche Perspektiven anhand von Beispielanalysen zur Anschauung bringt. Das Spektrum der präsentierten Analyseverfahren verläuft von Ansätzen, die auf einem Vergleich der Narration gründen und so eine Ebene herausarbeiten, auf der sowohl Literatur als auch Film operieren, bis hin zu Ansätzen, die die Mediendifferenz in den Vordergrund stellen und Effekte der Einschreibung eines Mediums in ein anderes untersuchen. Die Vielfalt der Zugänge macht deutlich, dass die Literaturverfilmung – wie jede intermediale Bezugnahme – ein hochkomplexes Phänomen darstellt, das sich einer streng systematischen Erfassung widersetzt (wo sie doch versucht wird, scheint sie in Schematismus zu ersticken). Bereits die in manchen Beiträgen bemühte Unterscheidung zwischen inhaltlichen und darstellungstechnischen Aspekten der Verfilmung erscheint unangemessen, wenn die Stoff-Form-Differenz aus der Literaturwissenschaft der 1950er Jahre nicht reaktiviert werden soll. Demgegenüber scheint die wohlüberlegte Auswahl einer oder einiger weniger Vergleichsebenen bzw. Bezugnahmeverfahren der produktivste Ansatz und lässt darüber hinaus Raum für die Einbeziehung weiterer Kontexte, in denen Ausgangstext und Verfilmung verortet werden können.
Tomas Sommadossi vergleicht in diesem Sinn Rolf Hochhuths
Der Stellvertreter (1963) und Constantin Costa-Gavras’ Verfilmung
Amen (2002) hinsichtlich ihrer Raumkonstruktionen. Der Beitrag ist dabei nicht nur deshalb interessant, weil er statt eines Romans ein Drama als Ausgangstext wählt, was die Forschung zur Literaturverfilmung häufig meidet. Er überzeugt auch, weil er nicht bei einem Vergleich der erzählten Räume stehenbleibt, sondern diskutiert, durch welche ästhetischen Verfahren Räume in Drama und Film jeweils inszeniert werden und welche semantischen Effekte dadurch entstehen.
Auch der Beitrag von Martin Nies arbeitet nicht nur Bezugnahmen auf textuell-narrativer Ebene heraus. Anhand des Films
Der Schimmelreiter von Curt Oertel und Hans Deppe (D 1934) zeigt er, dass und inwiefern die Literaturverfilmung im Nationalsozialismus als performative Geste funktioniert, als Legitimation der dargestellten Ideologie durch einen autoritativen Verweis auf 'deutsche Klassiker'. Er eröffnet damit zwei wichtige und zu selten gestellte Forschungsfragen an Literaturverfilmungen: Welcher kommunikative Akt verbirgt sich hinter der expliziten Bezugnahme eines Films auf seine 'Vorlage'? Inwiefern und auf welche Weise lenkt der Hinweis, dass es sich bei einem Film um eine Literaturverfilmung handelt, das Rezeptionsverhalten seiner Betrachter?
Hans-Edwin Friedrich wiederum macht darauf aufmerksam, dass Literatur und Film nicht zwingend in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, sondern auch als "Medienverbund" (S. 161) auftreten können. Friedrich zeigt anhand der Verfilmung von Johannes Mario Simmels Roman
Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970) durch Alfred Vohrer, dass gerade im Bereich der populären Kultur literarische Texte oft auf ihre Verfilmung hin konzipiert sind. Dann adaptiert aber eigentlich nicht der Film den Text, sondern der Film ist bereits im Text vorweggenommen. Literatur und Film stehen hier in einem engen Wechsel- und Beziehungsgeflecht, das ihre chronologische Genese durchkreuzt.
Auch die Mehrzahl der übrigen Beiträge eröffnet innovative Einsichten in die Komplexität der Literaturverfilmung als intermedialer Praxis. Dabei bleibt es zwar durchgehend dem/r Leser/in überlassen, aus den Einzeluntersuchungen allgemeine Erkenntnisse abzuleiten. Auch eine Verknüpfung der Beiträge – etwa durch Querverweise – wird nicht geleistet. Als Sammlung von Einzelanalysen ist der Band dennoch gelungen – schließlich auch deshalb, weil er weitgehend unverbrauchtes Material untersucht und sich nicht auf die altbekannten Klassiker verlässt. Selbst wo die Arbeiten namhafter Regisseure diskutiert werden, stehen nicht ihre Hauptwerke, sondern eher Neu- und Wiederentdeckungen im Fokus (Rossellinis
Angst, Schlöndorfs
Der junge Törless). So gerät nicht nur eine Vielfalt an Analyseverfahren, sondern auch an filmischen Umsetzungen literarischer Texte in den Blick.
Spedicato, Eugenio; Sven Hanuschek (Hgg.): Literaturverfilmung. Perspektiven und Analysen. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008. 195 S., broschiert, 29,80 Euro. ISBN: 978-3-8260-3774-0 Inhaltsverzeichnis Eugenio Spedicato/Sven Hanuschek: Vorwort 7
Hans Krah:
Der Hitlerjunge Quex – Erzählstrategien 1932/33: vom Großstadtroman der Weimarer Republik zum 'mythischen Erzählen' im NS-Film 11
Martin Nies: Zur NS-ideologischen Funktionalisierung von ‚Literaturverfilmungen‘:
Der Schimmelreiter, Curt Oertel/Hans Deppe D 1934 39
Eugenio Spedicato: Literaturverfilmung als Äquivalenz-Phänomen. Stefan Zweigs Novelle
Angst und Roberto Rossellinis gleichnamiger Film von 1954 71
Tomas Sommadossi: Figur und Raum in Costa-Gavras’
Amen (2002) nach Hochhuths
Stellvertreter (1963) 105
Simone Costagli: Verfilmen durch Zitat.
Der junge Törleß (1965) von Volker Schlöndorff 127
Matteo Galli: Doppelte Buchführung? Edgar Reitz'
Cardillac (1969) 137
Hans-Edwin Friedrich: "[...] dies ist kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Es ist eine böse Geschichte". Alfred Vohrers Verfilmung (1971) von Johannes Mario Simmels Roman
Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970) 149
Sven Hanuschek: "Ihre Aussagen sind zwar widersprüchlich, aber es wird reichen." Zur Objektivierung von Wahrnehmung: Unterschiedliche Strategien in Film und Erzählung anhand Xaver Schwarzenbergers Film
Der stille Ozean (1982) nach Gerhard Roths gleichnamigem Roman (1980) 167
Joachim Paech: Die Töne und die Bilder:
Brinkmanns Zorn (Harald Bergmann 2005) 183
Literaturverfilmung: Perspektiven und Analysen (Literary Adaptation: Perspectives and Analyses) is an anthology edited by Eugenio Spedicato and Sven Hanuschekthat that brings together nine case studies. Although it lacks a conceptual introduction and framework, the volume compensates with an innovative selection of films and a broad spectrum of methodological approaches (from narratology, space theory, social history, and so forth). It is by all means worth reading for its highly accessible overview of the strengths and weaknesses of current research on film and literature.
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