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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 19 (2009) Brief Drucker

Im Dschungel der Liminalitätsforschung

Schriftkultur und Schwellenkunde
Eine Rezension von Benjamin Rücker

Geisenhanslüke, Achim; Mein, Georg (Hg.): Schriftkultur und Schwellenkunde. Bielefeld: transcript, 2007.

Der vorliegende Sammelband aus der Schriftenreihe "Literalität und Liminalität" zielt auf die grundsätzliche Bestandsaufnahme eines noch recht jungen akademischen Feldes, das Konzepte von Schriftlichkeit mit der stetig mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Liminalitätsforschung verbindet. Die Herausgeber Achim Geisenhanslüke und Georg Mein versammeln zu diesem Zweck disziplinär durchaus heterogene, dabei aber nur selten den Fokus des Bandes verfehlende Beiträge. Das Spektrum reicht dabei von literatur- und medienwissenschaftlichen über sprachphilosophische und psychoanalytische Ansätze bis hin zu einem Ausflug in die Mathematik. Eine einheitliche theoretische Grundlage für Anschlussforschungen entsteht dabei nicht – wohl aber wird der Blick auf ein faszinierendes und vielgestaltiges Terrain freigegeben.

Vor nunmehr einem Jahrhundert untersuchte Arnold van Gennep, ein sich kaum selbst in die Wildnis wagender 'Schreibtisch-Ethnologe', eine Klasse von Ritualen, deren distinktive Merkmale er in einer dreigliedrigen Phasenstruktur und der Etablierung einer 'Schwellenphase', einer "besonderen Situation […] zwischen zwei Welten" (van Gennep) sah. Dabei konnte er schwerlich ahnen, dass sein Beschreibungsvokabular eine derart wuchernde Verbreitung finden würde. Während sich zunächst vor allem die Ethnologie für Grenzen, Zwischenräume und liminale Phasen interessiert hat, adaptieren nun die Kulturwissenschaften auf mannigfaltige Weise die Konzepte van Genneps und seiner Nachfolger.
Im Zuge dieses Aneignungsprozesses ist die Rede von 'Liminalität', 'Zwischenräumen' und 'Grenzen' allerdings oftmals recht diffus oder unterkomplex; wer sich in diesem Dickicht der transdisziplinären Vernetzung bewegen möchte, sollte daher genau die jeweils verwendeten konzeptuellen und theoretischen Grundlagen im Blick behalten. Gerade das in letzter Zeit beobachtbare Interesse der Literaturwissenschaft, liminale Phänomene im Zusammenhang mit schriftlich fixierten Texten zu identifizieren, zeigt, wie nötig eine Reflexion von notorisch vagen Konzepten wie 'Liminalität', 'Schwelle' und 'Grenze' als travelling concepts (Mieke Bal) in den Geisteswissenschaften ist.

Infolgedessen ist das gleichsam topographische Ansinnen der Herausgeber äußerst plausibel: Einerseits ergänzen und erweitern die Beiträge des Bandes den Liminalitäts- und Schwellenbegriff um neuere theoretische Ansätze etwa diskurs- oder psychoanalytischer Provenienz, andererseits aber verengen sie ihn, indem Verbindungen zu Konzepten von Schriftlichkeit erarbeitet werden. Es geht ihnen mithin darum, "die theoretischen Grundlagen der Begriffe Literalität und Liminalität zu erarbeiten sowie mögliche Arbeitsfelder aufzuweisen" (S. 9).

Besonders verdient um eine Überschau des theoretischen Geländes macht sich dabei Rolf Parr mit seinem den Band eröffnenden Beitrag. Dabei werden zunächst differierende Auffassungen des für das Forschungsfeld zentralen Konzeptes der 'Grenze' dargestellt, wobei sich die Reihe der Theoretiker von van Gennep über Victor Turner, Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Gérard Genette und Jurij Lotman bis hin zu Jürgen Link zieht. Weiterhin konsequent auf die Bedürfnisse eines sich über die Grundlagen des Feldes Informierenden zugeschnitten, beschäftigt sich Parr anschließend mit literaturwissenschaftlichen Anschlussmöglichkeiten sowohl hinsichtlich weiterführender theoretischer Modellierungen als auch mit Blick auf aktuale und potentielle Gegenstandsbereiche. Eine Typologie der vorgestellten Modelle von Schwellensituationen und eine informative Bibliographie runden den gelungenen Beitrag ab.

Ähnliche Schneisen schlagen die beiden Herausgeber in ihren Beiträgen: Georg Mein fasst historisch-systematisch die Ergebnisse der Literalitätsforschung zusammen, während Achim Geisenhanslüke sich des Zusammenhangs von Literalität und Liminalität annimmt, wobei allerdings gewisse Überschneidungen mit den vorhergehenden Beiträgen entstehen. Das Zusammendenken beider Begriffe führt dann auch, wie Geisenhanslüke feststellt, gerade nicht zu einer eindeutigen Konzeptualisierung, da es sich "bei der Frage nach der Verschränkung von Literalität und Liminalität um die Vermessung eines Terrains, das ständig in Bewegung ist und sich logischen Grenzziehungen verweigert" (S. 114), handelt. Damit obliegt es den jeweils konkreten Forschungsprojekten, eine theoretische und konzeptionelle Vereindeutigung beider Begriffe und ihres Verhältnisses zu leisten.

Wie heterogen die Ergebnisse dieser Grundlagenarbeit letztlich sein können, wird anhand der weiteren Beiträge des Bandes überaus deutlich. Die Bandbreite an disziplinären Provenienzen der Aufsätze ist beträchtlich: Das Spektrum reicht von Literatur- und Medienwissenschaften über Sprachphilosophie und Theaterwissenschaften bis hin zu einem überaus lesenswerten Beitrag aus dem Bereich der Mathematik. Dies kann aber wohl nur bis zu einem gewissen Punkt als Grund dafür angeführt werden, dass trotz des zu Anfang des Bandes statuierten Bemühens um begriffliche Klärung teils recht vage mit Begriffen wie 'Grenze' und 'Schwelle' umgegangen wird, und die Herausbildung eines klar umrissenen transdisziplinären Forschungsparadigmas noch in einiger Ferne zu liegen scheint. Im Sinne eines forschungspraktischen Minimalismus an begrifflicher Explizität ließe sich hier jedoch mit Rolf Parr einwenden, dass man nicht auf der Suche nach "im strengen Sinne 'wohldefinierten', streng logisch aufgebauten und in sich stimmigen Terminologien von Grenzszenarien" ist, sondern vielmehr "erläuternde, die Differenzen zwischen Spezialdiskursen überbrückende Symboliken, die es unter anderem ermöglichen, die richtigen, weil weiterführenden Fragen zu stellen" (S. 48), generieren möchte.

Somit löst der Sammelband seine erklärte Zielsetzung, erstens theoretische Grundlagenarbeit zu leisten und zweitens Arbeitsfelder aufzuweisen, ein – allerdings indem dieses Vorhaben als zumindest teilweise paradox herausgestellt wird. Versuche einer genaueren Bestimmung und Demarkation der zentralen Konzepte 'Liminalität' und 'Grenze' werden anfangs unternommen, schließlich aber in verschiedenen Beiträgen stillschweigend zurückgenommen. Abseits einer Bestimmung der Spezifik des Liminalen wird so eine metaphorische, oftmals auch vortheoretische Verwendung der Begriffe nicht ausgeschlossen – wohl nicht zuletzt zugunsten einer breiten disziplinären und thematischen Anschlussfähigkeit. Insgesamt bleibt jedoch zu konstatieren, dass der vorliegende Band insbesondere zur Einarbeitung in das möglicherweise unwegsam erscheinende Themenfeld einen guten Startpunkt darstellt, von dem ausgehend die verschiedensten Zusammenhänge zwischen Schriftlichkeit und Schwellenkunde exploriert werden können.


Geisenhanslüke, Achim und Mein, Georg (Hgg.): Schriftkultur und Schwellenkunde. Bielefeld: transcript, 2008. 320 S., kartoniert, 29,80 Euro. ISBN 978-3-89942-776-9


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 7

Rolf Parr: Liminale und andere Übergänge. Theoretische Modellierungen von Grenzzonen, Normalitätsspektren, Schwellen, Übergängen und Zwischenräumen in Literatur- und Kulturwissenschaft 11

Georg Mein: Die Abwesenheit des Vaters. Schriftlichkeit als Schwellenraum 65

Achim Geisenhanslüke: Schriftkultur und Schwellenkunde? Überlegungen zum Zusammenhang von Literalität und Liminalität 97

Klaus-Michael Bogdal: Monument/Dokument. Variationen über Literalität 121

Bernhard J. Dotzler: Limitationsverhältnisse: Foucaults Ontologie der Literatur 145

Franziska Schössler: Rekombination und Unterbrechung. Überlegungen zu einer Theorie theatraler Liminalität 163

Ernst Kleinert: Mathematik, Schrift und Kalkül 185

Josef Simon: Sprache als Grenze und als Grenzüberschreitung 211

Eckart Goebel: Out of Line. Die Ethik der Grenze bei Jacques Lacan (Seminar VII) 225

Martin von Koppenfels: Durch die Schrift gehen: die Übersetzerszenen im Don Quijote von 1605 245

Jochen Mecke: Literatur hart an der Grenze: Célines Poetik der Überschreitung 263

Manfred Schneider: Zum Mord schreiben. Attentäterskripturen 291

Autorenverzeichnis 317

In the Jungle of Liminality Research

In this volume from the series "Literalität und Liminalität" (Literacy and Liminality), editors Achim Geisenhanslüke and Georg Mein survey a relatively recent field that combines theories of written language and the increasingly prominent concept of liminality. The editors tap a broad range of disciplines – including literary and media studies, the philosophy of language, psychoanalysis, and even mathematics – in which the interconnections between writing and metaphysical thresholds and transition states are currently being explored. The resulting collection is thoroughly heterogeneous but rarely loses site of its primary focus. While the contributors' combined efforts do not yield a unitary outcome, they do offer a panoramic view of a variegated and fascinating research landscape that invites further exploration.


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