Direkt zur zweiten Navigationsebene, fallls vorhanden.Direkt zum Seiteninhalt
Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 19 (2009) Brief Drucker

England zeigt Flagge: Englishness als politisches Programm

The politics of Englishness
Eine Rezension von Anna Rettberg

Aughey, Arthur: The Politics of Englishness. Manchester: Manchester University Press, 2007.

Die 2007 erschienene englischsprachige Monographie The Politics of Englishness des Politikwissenschaftlers Arthur Aughey bietet einen fundierten Überblick über die aktuelle Diskussion um englische nationale Identität in Großbritannien sowie deren Hintergründe. Dabei geht Augheys Fokus über den rein politikwissenschaftlichen Blickwinkel hinaus, sodass sich die Studie auch auf interdisziplinärer Ebene für Literatur- und Kulturwissenschaftler, die sich mit dem Phänomen Englishness beschäftigen, in höchstem Maße eignet. Zudem gelingt dem nordirischen Autor ein erfreulich hoher Grad an Objektivität zu dem politisch brisanten Thema, das in einer Vielzahl anderer Texte von englischen Autoren häufig zu stark ideologisch gefärbt ist.

Dass Arthur Aughey seine Studie The politics of Englishness mit der Beobachtung des Verhaltens von Engländern während der letzten zwei Fußballweltmeisterschaften beginnt, erstaunt wenig, da internationale sportliche Massenveranstaltungen stets gern von Fans genutzt werden, um die Verbundenheit mit dem Team ihres Landes durch Flaggezeigen zu bekunden. Allerdings erstaunt es, dass Aughey sich im Vorwort persönlich als Anhänger der englischen Mannschaft zu erkennen gibt (vgl. S. vii), obwohl er Nordire ist. Gleichwohl erweist sich der Umstand, dass der Autor nordirischer Herkunft ist und Politikwissenschaften an der University of Ulster lehrt, als hilfreich, da er im Gegensatz zu vielen englischen Wissenschaftlern die vermutlich nötige Distanz zum Thema Englishness besitzt. Das Resultat ist eine Monographie über die Politik nationaler Identität im zeitgenössischen England, die eine Vielzahl an kontroversen Positionen in den aktuellen Diskussionen um Englishness und Britishness überzeugend präsentiert.

Der Autor, dessen Forschungsinteresse allgemein auf der politischen Situation Großbritanniens, insbesondere auf der sogenannten English Question liegt, beleuchtet in The politics of Englishness das Thema der nationalen Identität in England aus verschiedenen Perspektiven. Strukturgebend ist dabei die Gliederung in die drei Teile Legends of Englishness, Anxieties of Englishness und Locations of Englishness.

Der erste Teil bespricht vergangene und traditionelle Konzeptionen von Englishness sowie ihre Bewertung in den Wissenschaften. Dabei werden hier, wie auch in den übrigen Kapiteln, Narrative des Englishness-Diskurses diskutiert, woraus eine wichtige interdisziplinäre Anschlussfähigkeit über die Politikwissenschaften hinaus resultiert. Im zweiten Teil des Buches, Anxieties of Englishness, beleuchtet Aughey die Diskussion um nationale Identität in der Zeit nach der devolution, d.h. nach der Einführung von Parlamenten in den britischen Teilstaaten Nordirland, Schottland und Wales. Dabei geht Aughey auf die verschiedenen ideologischen Positionen von Linksliberalen und Konservativen und ihr Verständnis von Englishness ein und kategorisiert verschiedene Ängste (anxieties) der Engländer vor dem Verlust ihrer nationalen Identität. Inwiefern diese Ängste nicht nur für das Phänomen Englishness nach 1997, sondern auch für die Kapiteleinteilung der Monografie selbst strukturgebend sein sollen, lässt sich leider nicht immer klar nachvollziehen.

Im dritten Teil, betitelt Locations of Englishness, thematisiert der Autor vorwiegend nationale Identität in Bezug auf verschiedene Gegenden, wie bereits der Titel des Kapitels "Region: resources of identity" vermuten lässt. In der Diskussion um das Verhältnis von England und Großbritannien zu Europa, die als wichtiger Kontext eingeführt wird, verliert sich die Argumentationsführung über nationale Identität teilweise zu sehr in den politischen Stimmen für und gegen den Beitritt zur Europäischen Union. Insgesamt schafft es der Autor dennoch, die Relevanz der unterschiedlichen regionalen Beziehungen zu verdeutlichen. Durch die Zusammenfassung unter dem Titel "Put out even more flags", die in der Struktur als letztes Kapitel von Teil III leider beinahe unterzugehen droht, schlägt Aughey geschickt den Bogen zur Einleitung, die sich bereits um die Frage des Flaggezeigens als Metapher für ein neues Bewusstsein englischer nationaler Identität dreht. Obwohl diese Kapitelüberschrift als Appell formuliert ist, tritt insgesamt Augheys Meinung nur selten in den Vordergrund, wodurch sich ein ausgeglichenes Bild der aufgeführten kontroversen Positionen ergibt.

Auch auf stilistischer Ebene gelingt es dem Autor, einen angemessenen Ausgleich zwischen Wissenschaftlichkeit und guter Lesbarkeit zu erreichen. Allerdings ergibt sich an einigen Stellen für den Leser die Schwierigkeit, die häufig einfließenden Zitate zu verorten und den Überblick zu behalten, ob es sich bei den zitierten Quellen um wissenschaftliche Arbeiten oder Zeitungsartikel von teilweise zweifelhafter Qualität handelt. Nichtsdestotrotz werden die unterschiedlichen Positionen der Zitate sinnstiftend verknüpft und gewährleisten somit eine stringente und klar nachvollziehbare Argumentationsführung.

Insgesamt überzeugt Arthur Aughey in The politics of Englishness dadurch, dass er die wichtigsten Stimmen sowohl aus den britischen Politikwissenschaften als auch aus den Printmedien einfängt und strukturiert präsentiert, ohne dass die Studie zu einer bloßen Wiedergabe verkäme. Auch wenn Aughey keine klare Definition von Englishness vorstellt, so entwirft er doch ein vielschichtiges und deutliches Bild der Diskurse über englische nationale Identität, während eine Vielzahl anderer englischer Autoren nicht selten in mehr oder weniger patriotische Aufzählungen von ihres Erachtens typischen Eigenheiten der Engländer verfallen. Mit seinem Blick über den Tellerrand der Politikwissenschaften und unter Berücksichtung der Narrative des Identitätsdiskurses gelingt es Aughey, eine aussagekräftige Monographie über Englishness vorzulegen, die einen bedeutenden Beitrag für die kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Englishness darstellt.


Arthur Aughey: The Politics of Englishness. Manchester: Manchester University Press, 2007. 256 Seiten, broschiert, 16,99 Euro. ISBN: 0-7190-6873-8


Inhaltsverzeichnis

Preface and acknowledgements 1

Put out more flags

Part I Legends of Englishness
2 An absorptive patria
3 The English idiom
4 Deas centre of inertia

Part II Anxieties of Englishness
5 English before they were British
6 England.co.uk
7 Slow alchemy of centuries

Part III Locations of Englishness
8 Region: resources of identity
9 Europe: a necessary context
10 England: a British relationship
11 Put out even more flags

References
Index

English Flag-Waving: The Politics of Englishness

The monograph The Politics of Englishness (2007) by Northern Irish political scientist Arthur Aughey provides a thorough and sound overview of recent discussions of English national identity. In doing so, the author transcends the perspective of political sciences, making the study highly appropriate reading for those in the literary and cultural studies who are invested in the topic. Moreover (and in contrast to many studies by English authors, which tend to be ideologically charged) the author convinces by maintaining a high degree of objectivity when considering this politically charged issue.


© bei der Autorin und bei KULT_online
Brief Drucker del.icio.us-Logo Digg-Logo Mr. Wong-Logo Linkarena Logo

ITSeC FB02 JLU Gießen