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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 19 (2009) Brief Drucker

Bitte lächeln!
Mit Kamera und volkskundlichem Blick ins Unbekannte

Foto-Ethnographie
Eine Rezension von Stephanie Nickel

Hägele, Ulrich: Foto-Ethnographie. Die visuelle Methode in der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Mit einer Bibliographie zur visuellen Ethnographie 1839 - 2007. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 2007.

Die Studie des Tübinger Kulturwissenschaftlers Ulrich Hägele beleuchtet die historische Entwicklung des Zusammenspiels von Fotografie und Volkskunde und erkennt darin die drei chronologisch aufeinander folgenden Hauptphasen ‚Sinnstiftung‘, ‚Ideologisierung‘ und ‚Professionalisierung‘. Neben einer differenzierten theoretischen Einführung, die die Fachgeschichte der Volkskunde (und die Wechselwirkung mit anderen Fächern) ebenso thematisiert wie verschiedene theoretische Ansätze der Bildwissenschaft, besticht die Monographie durch einen sensiblen Umgang mit dem ‚Wesen‘ der Fotografie und den wichtigsten Phasen des Entstehungsprozesses eines Bildes. Die Sichtweise ist stets interdisziplinär, Begriffsdefinitionen werden kontextbezogen eingesetzt. Abgerundet wird die Arbeit durch eine chronologische Bibliographie der volkskundlichen Fotografie und visuellen Ethnographie.

"Fotografien liefern perfekte Trugbilder." (S. 14) Dennoch werden sie zu beweiskräftigen Dokumenten und aussagefähigen Visualisierungen von Ge- und Erlebtem. Die Diskussion um dieses Phänomen ist schon so alt, wie die Fotografie selbst; der Wunsch, in Fotografien ein Abbild der Wirklichkeit zu finden, ist scheinbar unzerstörbar. Ulrich Hägele möchte mit seiner Monographie diese Diskussion nicht bloß fortführen – er will mehr: Mit Foto-Ethnographie. Die visuelle Methode in der volkskundlichen Kulturwissenschaft untersucht der Tübinger Kulturwissenschaftler das Schnittfeld von deutschsprachiger Volkskunde und Fotografie. Dabei verfolgt er einen ganzen Fächer von Fragen, der durch das Verständnis von Fotografie als Medium getragen wird. Unter anderem möchte der Autor wissen, welche Motive es für das Sammeln von Fotografien gibt, welche Themen visualisiert werden, welchen Einsatz das Medium im volkskundlichen Forschungsfeld erfährt und welche Funktion Fotos in volkskundlichen Veröffentlichungen haben. Daneben begleitet ihn auch die Frage, was überhaupt volkskundliche Fotografie sei (vgl. S. 13).

Bereits bei diesen Punkten wird deutlich, dass sich der Verfasser nicht nur für den Rezipienten einer Fotografie interessiert, sondern, dass der Fotograf als Erzeuger des Bildes und der/die/das Fotografierte als abgebildetes Objekt ebenso Beachtung finden. Dieser breite Ansatz allein erstaunt noch nicht, jedoch der ungewöhnlich differenzierte Umgang mit dem "Wesen der Fotografie" (Barthes). Mit derart vielen Teilfragen, einem so breiten Feld und einem weiten Begriffsverständnis von kulturwissenschaftlicher Forschung legt Hägele die Messlatte sehr hoch für eine Studie, die in der deutschsprachigen Forschung noch keinen Vergleich findet.

Überraschend gleichberechtigt baut Hägele im Verlauf seiner theoretischen Einführung das Themengebiet zwischen Volkskunde und Fotografie auf. Er beschreibt nicht nur die historische Entwicklung dieses Feldes, sondern geht gleichermaßen auf das Phänomen der ‚visuellen Kultur‘, die verschiedenen Zugänge zur Fotografie, die Bildforschung und das Verhältnis der visuellen Kulturwissenschaft zur Kunstgeschichte als "Referenzfach" (Hartlinger) ein.
Der Autor verwendet Begriffe nicht nach starren Regeln, sondern setzt Definitionen und disziplinäre Abgrenzungen entwicklungs- und kontextbezogen ein. Dies könnte als nachteilig empfunden werden, wird aber der gewählten Perspektive des Verfassers gerecht, die auf die historische Entwicklung und das Prozesshafte zielt, denen Facettenreichtum und Widersprüchlichkeit inhärent sind.

Sinnstiftung – Ideologisierung – Professionalisierung sind die drei Phasen in der wissenschaftsgeschichtlichen Rezeption der volkskundlichen Fotografie, die Hägele zum Ende seiner Einführung diagnostiziert. Unter 'Sinnstiftung' versteht der Autor die 'Rettung' kultureller Objektivationen durch unsystematisches Fotografieren und ausgeprägtes Archivieren (vgl. S. 19). Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stellt Hägele eine "Ideologisierung volkskundlich-dokumentarischer Fotografie" (S. 19) fest. Fast gleichzeitig erlangte die Fotografie innerhalb der englischen Anthropologie den Stellenwert einer wissenschaftlichen Quelle (vgl. S. 20). Diese Entwicklung ebnete den Weg zu der dritten Phase, der 'Professionalisierung': Diese setzte Mitte der 1950er Jahre ein, in einigen anderen Ländern schon früher. "Über vereinzelte Studien entwickelte sich dann seit den siebziger Jahren, verstärkt seit den achtziger Jahren, ein Ansatz, der das Medium Fotografie als forschungsleitend innerhalb einer Visuellen Kulturwissenschaft erkannt hat." (S. 20)

Dass diese drei Phasen – wie auch der Verfasser betont – viele Überschneidungen haben, ist nachvollziehbar und bei Kategorienbildung ja keine Seltenheit. Die Trias wird im Folgenden zur leitenden Kapiteleinteilung des analytischen und beschreibenden Textteils. Eher schlaglichtartig und exemplarisch verfolgen die einzelnen Kapitel die Entwicklung der volkskundlichen Fotografie: Durch thematische Foki gelingt es dem Autor, auf bildlicher, textlicher und gestalterischer Ebene einen Eindruck von Alltagswelten zu vermitteln. Neben Abbildungen aus volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Literatur dienen als Bildquellen die Bestände des Museums Europäischer Kulturen in Berlin, des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien und des Museums der Kulturen. Abteilung "Schweizerisches Museum für Volkskunde" in Basel.

Durch eine reiche Bebilderung, die mit dem Text verschränkt ist, liest sich selbst ein Teilkapitel sehr gut und in sich schlüssig. Besonders hervorzuheben ist, dass Hägele im Druck die Bildqualitäten der Vorlagen weitergibt: So sind nicht alle ‚alten‘ Bilder Schwarz-Weiß, d.h. dem Originalnegativ folgend, sondern zeigen sich in ihrer im Archiv vorliegen Objektivation, also mal in sepia (z.B. S. 72), mal in monochrom-blau (z.B. S. 148). Schade ist, dass andere bild-/sammlungsinhärente Informationen wie die Beschaffenheit der Bildränder, Beschriftungen neben dem Bild oder auf dessen Rückseite, sowie die Papierqualität oder das Format der Vorlage nicht angegeben werden.

Den Schluss des Buches bildet eine Bibliographie der volkskundlichen Fotografie und visuellen Ethnographie, die chronologisch, nach Erscheinungsjahren unterteilt, auf 50 DIN A4-Seiten (!) relevante Literatur aus allen beteiligten geisteswissenschaftlichen Disziplinen auflistet und den Zeitraum von 1839 bis 2007 erfasst.
Wer diesen Zeitraum bearbeitet, kommt um das Phänomen der digitalen Fotografie nicht herum. Auch Hägele streift es samt Bildbeispiel in seinem letzten Kapitel und gibt den aktuellen Stand der Möglichkeiten dieser Technik wieder. Die daran anschließenden Fragen nach den Veränderungen der Alltagsfotografie und dem Sammeln von Bildern durch die technische Entwicklung treffen aktuelle Interessen von bereits laufenden Forschungsprojekten.

Zu Recht zeichnete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels diese Monographie aus: Foto-Ethnographie wurde mit einer Silbermedaille in der Kategorie 'Fotogeschichte' mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2009 prämiert.
Mit seinem dezidiert interdisziplinären Ansatz und seiner multiperspektivischen theoretischen Einführung ist das Buch eine lohnende Lektüre für jeden, der sich für das Schnittfeld Fotografie und empirische Kulturwissenschaft interessiert – die angehängte Bibliographie ist ein großer Gewinn.


Ulrich Hägele: Foto-Ethnographie. Die visuelle Methode in der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Mit einer Bibliographie zur visuellen Ethnographie 1839 - 2007. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 2007. 420 S., 353 Abbildungen zum Teil in Farbe, Paperback mit Fadenheftung, 36 Euro. ISBN 13: 978-3-932512-48-3



Inhaltsverzeichnis

Fotografie, Volkskunde und die kulturwissenschaftliche Sicht – eine Einführung 7

SINNSTIFTUNG
Kunstfotografie und Heimatschutz mit der Kamera 31
Von der Ausstellung ins Museum 48
Das reproduzierte Populäre als Archivkonserve 62
Ethnographie und Ikonologie 71
Zwei Disziplinen – zwei Fotografierweisen? 85
Kamera-Folklore zieht in den Krieg 101

IDEOLOGISIERUNG
Ästhetisierte Armut 119
Der Neue Mensch 131
Ideologie der Bildbände 143
Systematische Erfassung und der klinische Blick 163
Der nackte "Volkskörper" 170
Bildstrategien der Ausgrenzung 177
Indienstnahmen: Von der visuellen Quelle zum SS-Ahnenerbe 184
Transformationen des Ländlichen 198
Der Mensch, das Ding und die fotografische Erhebung 220
Ethnographische Surrealisten und visuelle Ethnographen 233

PROFESSIONALISIERUNG
Mit dem Foto ins Feld der Fünfziger 251
West/Ost: Die Zeit der großen Projekte 268
Emanzipation der Fotografie als Quelle und Methode 279
Von der Foto-Ethnographie zur Visuellen Kulturwissenschaft 307

Resümee 321

Anmerkungen 327
Bibliographie der volkskundlichen Fotografie und visuellen Ethnographie 353
Bildnachweis 403
Dank 407
Index 409

Say “Cheese”! With a Camera and an Ethnographic Gaze into the Unknown

This study by Ulrich Haegele, cultural anthropologist in Tuebingen, explores the historical development of the interaction between photography and ethnography. In the process he detects the following three formative phases: “meaning creation”, “ideologisation”, and “professionalisation”. In addition to a wide-ranging theoretical introduction, which focuses on the history of the field of ethnology (and its dynamic with other fields) as well as various theoretical approaches to the study of visual culture, the monograph distinguishes itself through a painstaking treatment of the “nature” of photography and the essential stages of image creation. The author's perspective is interdisciplinary throughout and he consistently defines terms with contextual examples. Rounding out the study is a chronological bibliography of ethnographic photography and visual anthropology.


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