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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 18 (2009) Brief Drucker

Dokumentationen der Hölle und Visionen humanen Lebens

Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung
Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Ziegler, Sandra: Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung. Niederländische und deutsche Augenzeugenberichte des Holocaust. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006.

Sandra Zieglers Dissertation befasst sich mit dem Zusammenhang von Holocaust und Sprache. Gegenstand ihrer Studie einer Auswahl von Holocaustliteratur bildet zum einen die Frage nach der identitätsbildenden Wechselwirkung von Schreiben und Lesen über den Holocaust für das produzierende und rezipierende Subjekt. Die Autorin geht dieser Thematik am Beispiel von ausgewählten niederländischen und deutschen Tagebüchern, Briefen, Gedichten, Berichten und Erinnerungen nach, die während der deutschen Besatzung der Niederlande 1940 bis 1945 in der Stadt Amsterdam, im 'polizeilichen Durchgangslager Westerbork' und nach Kriegsende geschrieben wurden. Mit der Einordnung der Aufzeichnungen als Egodokumente (Ich-Dokument, Ich-Urkunde) werden die der Studie zugrunde gelegten Zeugnisse jüdischer Autoren zum anderen auf ihre Aussagekraft im Hinblick auf das damalige Zeitgeschehen und ihre mögliche Verwendung als "Quellen des Holocaust" (S. 20) untersucht.

Die Judenverfolgung in den Niederlanden wurde für ihre Einwohner zu einer Tragödie. Von ca. 140.000 im Land lebenden Juden deportierten die Nationalsozialisten etwa 107.000 in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten. Fast alle von ihnen wurden dort ermordet, nur rund 5.000 kehrten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in ihre Heimat zurück. Einige Menschen haben über das erlittene Leid geschrieben und dies bereits während der Zeit ihrer Gefangenschaft. Ihre Texte sind Dokumentationen der Hölle und Visionen humanen Lebens.

Die vorliegende 435 Seiten umfassende Studie besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil handelt Ziegler den theoretisch-methodischen Hintergrund ab, bevor sie sich im zweiten Teil den Berichten der Zeitzeugen zuwendet.

Im Rahmen der theoretischen Überlegungen erläutert Ziegler den Begriff des Egodokumentes, der die methodische Grundbegrifflichkeit ihrer Untersuchung darstellt. Jacques Presser führte 1958 für eine Reihe von literarischen Gattungen den Begriff 'Egodokument' ein: Tagebücher, Autobiographien, Memoiren, Briefe, Reiseberichte, Interviews. Alle persönlichen Texte, in denen ein Autor überwiegend über eigenes Handeln und Fühlen schreibt, Pressers Begriff wird somit dem besonderen Charakter der Zeugnisse der jüdischen Autoren gerecht. Ziegler erklärt, dass die Autoren die Selbstzeugnisse nicht nur vor dem Hintergrund schrieben, bestimmte Ereignisse, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle schriftlich festzuhalten. Die Übertragung der Vorgänge und der extremen Situationen, in denen sie sich befanden, in Wort und Schrift half, den Ereignissen eine Form zu geben und sich damit von ihnen zu distanzieren. Ziegler stellt fest, dass das Schreiben für die KZ-Autoren identitätsstiftende und lebenserhaltende Aufgabe war und dass den nachfolgenden Generationen ein Bild von der Zeit und den Menschen vermittelt werden sollte.

Der zweite Teil von Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung gliedert sich in zwei thematische Abschnitte. Der erste, die Kapitel 1-3 umfassende Abschnitt beinhaltet unterschiedliche Themen, die wenig zusammenhängend hintereinander aufgereiht werden und sozusagen den Kontext für die im zweiten Abschnitt, Kapitel 4-8, ausführlich analysierten autobiographischen Texte der jüdischen Autoren bilden. Ziegler reflektiert ihr Vorgehen leider nicht. Um den Überblick zu erleichtern, wäre es sinnvoll gewesen, die Unterkapitel 1-3 und die Unterkapitel 4-8 zu je einem separaten Punkt zusammenzufassen. Auch Punkt 9, eine Art Ausblick, und die sich anschließende Schlussbetrachtung hätten als separate Kapitel im Inhaltsverzeichnis die Struktur der Gliederung überschaubarer gemacht.

Zu Beginn des ersten Abschnittes liefert Ziegler einen historischen Abriss zum deutschen Angriff auf die Niederlande und beschreibt das Land vor 1940 als ein Domizil für Flüchtlinge. In diesem Abschnitt wendet sich Ziegler ebenfalls der 'Sprache des Holocaust' zu. Die Autorin führt an, dass der Schriftsteller Tadeusz Borowski für die Sprache der Insassen des Vernichtungslagers Auschwitz den Ausdruck "Krematoriumsesperanto" (Borowski, 1987) geprägt hat. Zur 'Sprache des Holocaust' verdeutlicht sie, dass die besondere Lebenssituation der Lagerhäftlinge eine eigene Art der Verständigung hervorbrachte: Wortschöpfungen, die sich auf den Lageralltag bezogen. Es entstand ein gewisser Code, dessen Beherrschbarkeit für das Meistern des Tagesablaufs eines KZ-Insassen unabdingbar war. Ziegler setzt sich mit der Sprache der deutschen und niederländischen Insassen von Westerbork auseinander. Sie gibt die Liste der im Lager verwandten Ausdrücke, die ein ehemaliger Lagerinsasse von Westerbork angefertigt hat, wieder, übersetzt sie ins Deutsche und deutet sie. Der Ausdruck "iemand 'transportunfähig' slaan" (S. 179) z.B. bedeutet "jemanden 'transportunfähig' schlagen" (S. 179). Ziegler zufolge macht diese Formulierung deutlich, dass es in Westerbork wohl vorgekommen ist, dass sich ein Lagerinsasse absichtlich verletzen ließ, um ins Lagerkrankenhaus aufgenommen und nicht deportiert zu werden. Das negativ konnotierte Verb 'schlagen' erfährt hier eine semantische Umkehr und damit eine Umwertung: Der KZ-Insasse wurde 'transportunfähig'. Seine Deportation konnte nicht erfolgen, was zumindest vorläufig lebensrettend für ihn war.
Textformen, wie Gedichte, sind neben dem historischen Abriss und den Ausführungen zur 'Sprache des Holocaust' ebenfalls ein Thema des ersten Abschnitts. Die Gefangenen in Westerbork schrieben neben Tagebüchern und Briefen auch Gedichte, mit deren Hilfe sie versuchten, ihre Gefühle und Beobachtungen in Wort und Schrift zum Ausdruck zu bringen. Ziegler führt an, dass einige Insassen auch Verse rezitierten, die sie sich vor dem Ausbruch des Krieges angeeignet hatten.

Im zweiten Abschnitt wendet sich die Autorin den literarischen Zeugnissen der jüdischen Autoren zu. Zieglers Untersuchungsgegenstand bilden die Aufzeichnungen von Esther (Etty) Hillesum, Philip Mechanicus, Eli van Beever, Gertrud van Tijn-Cohn und Heinz Umrath. Sie zieht ebenfalls Gedichte, die in Westerbork geschrieben wurden, heran. Jedem der fünf Autoren widmet sie ein Kapitel und baut jedes Kapitel gleich auf. Zu Beginn liefert sie einen biographischen Abriss über den jeweiligen Autor, um sich anschließend mit dem Text auseinanderzusetzen. Hierbei gibt sie den Inhalt des jeweiligen Egodokumentes wieder und analysiert ihn.
Zieglers Analyse verdeutlicht, dass, während Etty Hillesum über weite Passagen ihrer Tagebücher ihre Emotionen und Gedanken in den Mittelpunkt stellt, der Blick von Philip Mechanicus von Anfang an nach außen gerichtet ist. Der Journalist sah seine Rolle in Westerbork als die eines "Reporter[s] von einem Schiffsunglück" (S. 277) und thematisierte in seinem Tagebuch die verschiedenen Seiten des Lagerlebens. Die Verfasserin geht dann darauf ein, dass Eli van Beever gemeinsam mit seinen Eltern von Westerbork in das sogenannte 'Vorzugslager Theresienstadt' deportiert wurde. Wie Eli van Beevers Bericht zeigt, war Theresienstadt eine Scheinwelt, die die Nationalsozialisten einrichteten, um das Ausland vom Terror abzulenken. Unter den Insassen herrschten Hunger und Elend. Krankheiten und Seuchen breiteten sich aus. Im Rahmen ihrer ausführlichen Analyse verdeutlicht die Autorin, dass Eli van Beever in seinem Text die Not im Lager umkreist. Seine im Stil eines Tagebuches gehaltenen Aufzeichnungen zeigen die Qualen der Gefangenen und die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Fazit: Zieglers Studie ist sehr lesenswert, da sie sich mit Texten über den Holocaust auseinandersetzt. Die Vielfalt der Textformen, Tagebücher, Briefe, Gedichte, Berichte und Erinnerungen, und die Biographien der Autoren machen Ziegels Band nicht nur für den wissenschaftlichen Leserkreis bedeutsam. Leider lässt sich die identitätsbildende Wechselwirkung von Schreiben und Lesen über den Holocaust an den untersuchten Texten nicht ablesen. Was das zweite Ziel der Studie betrifft, wird jedoch deutlich, wie aussagekräftig die Texte im Hinblick auf das damalige Zeitgeschehen sind. Sie geben nicht nur einen Einblick in die innere Verfassung der Schreibenden, sondern zeichnen ein klares Bild der äußeren Umstände der Zeit. Ziegler verwendet für die untersuchten Texte die Kategorie 'Quellen des Holocaust', ohne diese Kategorie jedoch theoretisch zu verankern. Sie verzichtet darüber hinaus auf eine Reflexion über die Verwendung der Texte als ebendiese Quellen. Resümierend betrachtet lässt sich feststellen, dass der vorliegende Band eine lose Aneinanderreihung von detailliert analysierten Egodokumenten darstellt, die einen theoretischen Rahmen vermissen lässt.


Sandra Ziegler: Gedächtnis und Identität der KZ-Erfahrung. Niederländische und deutsche Augenzeugenberichte des Holocaust. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006. 435 S., kartoniert, 49,80 Euro. ISBN: 3-8260-3084-2 (Epistemata - Würzburger Wissenschaftliche Schriften - Reihe Literaturwissenschaft 543)


Inhaltsverzeichnis

Persönliche Worte 11
Einleitung 17

ERSTER TEIL: THEORETISCHER HINTERGRUND - GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

1 Fragestellung, Quellenbeschreibung und methodische Probleme 19
1.1 Fragestellung 19
1.2 Quellengrundlage 22
1.3 Methodische Überlegungen 24
1.3.1 Zum Begriff des Egodokumentes in der niederländischen und deutschen Forschung 24
1.3.2 Egodokumente aus dem Zweiten Weltkrieg als Zeitzeugnisse und Identitätsarbeit 32
1.3.3 Mögliche Herangehensweisen an Egodokumente aus dem Zweiten Weltkrieg 51
1.3.4 Egodokumente aus dem Zweiten Weltkrieg als Spiegel der Zeit 57
1.3.5 Gedächtnis und Identität - zur Konstruktion und Rekonstruktion von (narrativer) Identität 66

2 Forschungsstand und Umgang mit der Literatur der Zeitzeugen in Deutschland und in den Niederlanden 73

ZWEITER TEIL: BERICHTE DER ZEITZEUGEN - STIMMEN DES HOLOCAUST

1 Der deutsche Angriff auf die Niederlande - Der Beginn einer Tragödie für das Land 103
1.1 Der Einmarsch der Nationalsozialisten 1940: Die Bevölkerung im Angesicht von Terror, Isolation, Hunger, Deportation und Tod 103
1.2 Die nationalsozialistischen Konzentrationslager in den Niederlanden 126
1.2.1 Die Lager Schoorl, Amersfoort, Ommen und Vught 126
1.2.2 Der „Vorhof zur Hölle“: Das Lager Westerbork 129
1.2.2.1 Das Flüchtlingslager 129
1.2.2.2 Das „polizeiliche Durchgangslager“ 131

2 Das (Un)Aussprechbare ist (un)darstellbar 145
2.1 „Die Gewalt spricht nicht“ - verstummen angesichts des Grauens und schweigen 145
2.2 Trauma und Schreiben 147
2.3 Narrative Vergegenwärtigung des Geschehens - lesen und zuhören 160
2.4 Holocaustliteratur - eine „Poesie der Stille“ 168
2.5 Lesen, schreiben und sprechen nach und über Auschwitz 171

3 Die Sprache des Holocaust 177
3.1 Die Lagersprache - eine „Sprache des Schweigens“ 177
3.2 Der Holocaust der Texte - Textformen und Schreibweisen 186
3.2.1 Die Gedichte der Gefangenen - der Klangraum der Not 186
3.2.2 Die Tagebücher, Berichte und Erinnerungen 210
3.3 Schreibweisen 212
3.4 Motive und Symbole, mit denen die Holocaustautoren den Stoff einkreisten 214

4 Die „Chronistin der Zeit“ - Etty Hillesum 215
4.1 Mit dem Stift in der Hand als Waffe gegen die drohende Vernichtung 215
4.2 Biographischer Hintergrund 219
4.3 Die Tagebücher: Leben im besetzten Amsterdam 223
4.4 Schreiben in und über Westerbork: Das denkende Herz der Baracke 253

5 Der „Reporter von einem Schiffsunglück“ - Philip Mechanicus 277
5.1 Der Seismograph von Westerbork 277
5.2 Biographischer Hintergrund 279
5.3 Das Tagebuch: Die „Chronik von Westerbork“ 281

6 Der Sekretär des jüdischen Rates - Heinz Umrath 319
6.1 Zeugnisablegen als Mittel der Lebensbewältigung 319
6.2 Biographischer Hintergrund 322
6.3 Der Bericht Die Vernichtung des Judentums in Holland und sein englisches Original 324

7 Die Flüchtlingshelferin - Gertrud van Tijn-Cohn 341
7.1 Schreiben als Selbstvergewisserung und Mahnung 341
7.2 Biographischer Hintergrund 342
7.3 Die Autobiographie The world was mine 344
7.4 Der Bericht Bijdrage tot de geschiedenis der Joden in Nederland van 10 mei 1940 tot juni 1944 362

8 Der Protokollant der Not - Eli van Beever 365
8.1 Das Lager Theresienstadt 365
8.2 Schreiben zwischen Hoffnung und Todesangst 368
8.3 Biographischer Hintergrund 369
8.4 Das Tagebuch: Gefangen in Theresienstadt 370

9 „...daß nie wieder Auschwitz sei!“ - Den Holocaust vermitteln 393
9.1 Historische Erfahrung und Erinnerung 393
9.2 Genozidstudien: Arbeit an der Zukunft 399

Schlußbetrachtung: Gelebte Demokratie heißt (politische) Bildung und Mut zur Philosophie 403

Literaturverzeichnis 409
1 Ungedruckte Quellen/Archivbestände 409
2 Gedruckte Quellen 410
2.1 Primärliteratur 410
2.2 Sekundärliteratur 411

Accounts of Hell and Visions of Human Life

Sandra Ziegler's dissertation explores the link between the Holocaust and language. Her study of selected Holocaust literature consists of, for one, an enquiry into the identity-building interaction between writing and reading about the Holocaust for both the creating and the receiving subject. The author scrutinises Dutch and German diaries, letters, poems, reports, and memoires written during the German occupation of the Netherlands from 1940 to 1945 in the city of Amsterdam, in the transit camp Westerbork, and after the War's end. Classifying the underlying testimonies of Jewish authors as ego documents ("I document", "I record") also enables an investigation of their explanatory power with regard to historic events and their potential use as "sources of Holocaust research" (p. 20).


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