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Justus-Liebig-Universität Gießen
 
> AUSGABE 02 (2004) Brief Drucker

Zur Typologie intermedialen Erzählens

Intermediales Erzählen in der italienischen Literatur der Postmoderne
Eine Rezension von Ingo Carboch

Rajewsky, Irina O.: Intermediales Erzählen in der italienischen Literatur der Postmoderne: Von den giovani scrittori der 80er zum pulp der 90er Jahre. Tübingen: Narr, 2003.

"Intermedialität ist "in", wie Joachim Paech 1998 feststellte. Bisher fehlte es jedoch in dem nahezu unüberschaubaren Forschungsfeld, das sich mit den vielfältigen Erscheinungsformen der Intermedialität beschäftigt, an einer Systematik intermedialer Phänomene. Diese Forschungslücke versucht Irina Rajewsky mit ihrer Arbeit zu schließen. Von zentralem Interesse sind für Rajewsky dabei die intermedialen Beziehungen zwischen literarischen Texten und dem Zeichensystem Film/Fernsehen. Die Studie trägt damit der Medialisierung des Alltags, insbesondere der Allgegenwärtigkeit audiovisueller Medien, welche sich auch in der Literatur niederschlägt, Rechnung.

> Inhaltsverzeichnis

Intermedialität ist "spätestens seit Mitte der 90er Jahre in aller Munde" (S. 2); dennoch herrscht kaum Klarheit darüber, was mit dem Begriff "Intermedialität" eigentlich gemeint ist. Die Romanistin Irina Rajewsky hat mit ihrer Dissertation aus dem Jahr 2000 einen Versuch unternommen, den Begriff zu definieren und eine Systematik zu entwickeln, mit der die vielfältigen Formen der Intermedialität zukünftig besser untersucht werden können. Die Autorin wählt als exemplarisches Materialkorpus für ihr Unterfangen das intermediale Zusammenspiel von audiovisuellen Medien (also Film und Fernsehen) und der italienischen Prosa-Literatur postmoderner Autoren der 80er und 90er Jahre.

Im Anschluss an die Einleitung folgt zunächst ein Überblick über den Forschungsstand, in dem das Intermedialitätskonzept auf das ältere Konzept der Intertextualität zurückgeführt wird (Kapitel II). Aus den teilweise divergierenden, von der Verfasserin aber klar und übersichtlich dargestellten Forschungspositionen ergibt sich die Notwendigkeit einer Systematisierung des Gegenstandsbereichs. Rajewsky schlägt hierzu ein brauchbares dreigliedriges Modell vor (Medienkombinationen, Medienwechsel und intermediale Bezüge; S. 18-20) und untersucht dann intermediale Bezüge literarischer Texte, speziell im Zusammenspiel mit audiovisuellen Medien. Diese Bezüge werden präzise analysiert und typologisiert.

Die zuvor erarbeitete Typologie wird in den zwei Folgekapiteln auf Texte der sog. giovani scittori (jungen Autoren) der 1980er (Antonio Tabucchi und Andrea De Carlos in Kapitel III) und 1990er Jahre (Enrico Brizzi, Niccolò Ammaniti und Aldo Nove in Kapitel IV) angewendet. In Kapitel III werden zwei Arten intermedialer Bezüge behandelt: zum einen die Systemerwähnung - d.h. die direkte Thematisierung oder das indirekte Aufrufen des nicht ursprünglich zur Texterzeugung verwendeten medialen Systems -, zum anderen die Systemkontamination - d.h. die Übernahme fremdmedialer Vertextungsverfahren in literarische Texte. Es wird deutlich, dass die Omnipräsenz audiovisueller Medien sich in der Konstruktion wie auch teilweise in der Thematik der ausgewählten Texte niederschlägt.

Der Einfluss audiovisueller Medien auf literarische Texte wird konsequent weiter verfolgt in Kapitel IV. An Brizzis Roman Jack Frusciante è uscito dal gruppo (1994) wird gezeigt, wie Intermedialität in Form eines dichten Verweisgeflechts formal und inhaltlich immer weiter in literarische Texte eindringt. Literatur entfernt sich damit von dem Anspruch, mimetisch abbilden zu wollen; stattdessen werden "potentielle 'Realitäten'" (S. 265) authentisch literarisch inszeniert.

Wurde in den Kapiteln III.2 und IV.2 (die Kapitel III.1 und IV.1 geben eine kurze Einführung zu den behandelten Autoren im Kontext postmoderner italienischer Literatur) noch recht allgemein auf audiovisuelle Medien Bezug genommen, so geschieht dies in Kapitel IV.3 noch genauer, indem die Verfasserin auf die "Ästhetik des pulp" (S. 277) und besonders auf Quentin Tarantinos Kultfilm Pulp Fiction als mediales Bezugssystem rekurriert. Die Verfasserin betrachtet allerdings unter Verweis auf seine literarischen Wurzeln den Film lediglich als "ausgereifteste Form" (S. 363) des transmedialen Referenzsystems pulp.

Die letzten zwei Kapitel runden die Arbeit ab. Kapitel V fasst noch einmal die theoretischen Überlegungen zusammen und enthält ein übersichtliches Schaubild der vorgestellten Typologie (S. 371), das eine schnelle Orientierung erlaubt. Kapitel VI schließlich resümiert die Erkenntnisse aus den Anwendungskapiteln III und IV.
Die von Rajewsky erarbeitete Typologie stellt für alle diejenigen, die sich mit Intermedialität befassen, ein wichtiges Werkzeug dar, dessen Relevanz weder auf literarische Texte noch auf die Romanistik beschränkt bleibt. Angesichts des umfassenden Theoriebeitrags der Arbeit, bleibt lediglich anzumerken, dass einige wesentliche Aspekte, die in den Haupttext hätten integriert werden können, leider im Fußnotentext behandelt werden. Beispiele hierfür sind die Erwähnung der Transmedialität (Kap. II, FN 23 und nur kurz in Kap. IV.3.4) und das präzise und erhellende Zitat von Chatman (1978) zur wichtigen Unterscheidung zwischen den Termini Ellipse und cut (Kap. III, FN 82) zu nennen. Zur guten Lesbarkeit der Arbeit tragen die klare und logische Strukturierung sowie die gut ausgewählten Textbeispiele bei, die sorgfältig und überzeugend analysiert und interpretiert werden, wodurch die Operationalisierbarkeit der Theorie deutlich gemacht wird. Nur im pulp fiction-Kapitel IV.3 gerät die Bezugnahme zum theoretischen Teil der Arbeit etwas in den Hintergrund. Alles in allem ist Rajewskys Arbeit ein wertvoller Beitrag zur Intermedialitätsforschung. Sie sei jedem ans Herz gelegt, der sich mit Intermedialität beschäftigt.


Rajewsky, Irina O.: Intermediales Erzählen in der italienischen Literatur der Postmoderne. Von den giovani scrittori der 80er zum pulp der 90er Jahre. Tübingen: Narr, 2003. 414 S., kart., 64,00 EUR. ISBN 3-8233-5867-7


Inhaltsverzeichnis


I Einleitung

II Intermedialität - Theoretische Fundierung einer Systematik intermedialer Bezüge

II.1 Intermedialität: Ein termine ombrello(ne)
II.1.1 Der Gegenstandsbereich intermedialer Forschung
II.1.2 Intermediale Bezüge als Gegenstandsbereich der vorliegenden Untersuchung

II.2 Intermediale Bezüge im Licht der Forschung: Grundlegende Probleme und Lösungsversuche
II.2.1 Historizität, Nachweisbarkeit und der 'Als-ob'-Charakter
II.2.1.1 Historizität
II.2.1.2 Nachweisbarkeit
II.2.1.3 'Als-ob'-Charakter
II.2.2 'Film und Literatur': Entwicklung und Stand der Forschung
II.2.2.1 Die Forschung der 60er bis 80er Jahre: 'Filmische Schreibweisen' und der 'Einfluss' des Films auf Literatur
II.2.2.2 Der Neuansatz der 90er Jahre: 'Intermedialität' vor dem Hintergrund der Intertextualitätsdebatte
II.2.2.2.1 Intertextualität: Positionen und Polaritäten
II.2.2.2.2 Von der Intertextualität zur Intermedialität

II.3 Plädoyer für einen (zweifach) eingeschränkten Text- und Intertextualitätsbegriff und für ein Konzept intermedialer Bezüge, das diesen Einschränkungen Rechnung trägt
II.3.1 (Traditionelle) Einflussforschung versus Intertextualität
II.3.2 'Intertextualität' und 'Systemreferenz' as theoretische Ausgangsbasis für eine Systematik intermedialer Bezüge
II.3.3 Übertragbarkeit texttheoretischer Kategorien auf Phänomene der Intermedialen: intra- versus intermediale Bezüge

II.4 Theoretische und terminologische Prämissen für eine Systematik intermedialer Bezüge
II.4.1 Die intermediale Systemerwähnung
II.4.1.1 Die 'explizite Systemerwähnung' als erster Grundtypus intermedialer Systemerwähnungen
II.4.1.2 Der zweite Grundtypus der intermedialen Systemerwähnung
II.4.1.2.1 Die illusionsbildende Qualität des zweiten Grundtypus der intermedialen Systemerwähnung
II.4.1.2.2 Realisationsformen des zweiten Grundtypus der Systemerwähnung
II.4.1.3 Fazit: 'Explizite Systemerwähnung' und 'Systemerwähnung qua Transposition'
II.4.2 Die 'Systemkontamination´ als intermediale Variante der 'Systemaktualisierung'

III. Die 80er Jahre: Intermediales Erzählen in Texten Antonio Tabucchis und Andrea de Carlos

III. 1 Die giovani scrittori der 80er Jahre als zweite Generation postmodernen Schreibens in Italien
III.1.1 Das Phänomen der giovani scrittori
III.1.2 Die giovani scrittori - eine Autorengruppe?

III.2 Intermediale Systemreferenzen in Texten Antonio Tabucchis: Die Kategorie der Systemerwähnung
III.2.1 'Explizite Systemerwähnung' und 'Systemerwähnung qua Transposition' in "Piccoli equivoci senza importanza"
III.2.1.1 "Piccoli equivoci senza importanza"
III.2.1.2 Intermediales Erzählen in "Piccoli equivoci senza importanza"
III.2.1.3 Fazit: 'Explizite Systemerwähnung'
und 'Systemerwähnung qua Transposition'
III.2.1.4 Zur Funktion der Systemerwähnung in "Piccoli equivoci senza importanza"
III.2.2 Notturno indiano: 'Filmbezogenes' versus 'filmnahes' Erzählen
III.2.2.1 Notturno indiano
III.2.2.2 Text - Drehbuch - Film: Die Problematik 'filmnahen' Schreibens
III.2.3 Intermediale Bezüge in Notturno indiano
III.2.3.1 Die systemreferentielle Dimension intermedialer Einzelreferenzen
III.2.3.2 Explizite Systemerwähnung und die Meta(medial)isierung des discours
III.2.3.3 Authentische Illusionen: Méfiez-vous des morceaux choisis
III.2.3.4 Fazit

III.3 Intermediale Systemreferenzen im Frühwerk Andrea De Carlos: Die 'Systemkontamination'
III.3.1 Treno di panna und Uccelli da gabbia e da voliera
III.3.2 Intermediales Erzählen in Uccelli da gabbia e da voliera
III.3.3 Die Manie des Sehens: Wirklichkeitswahrnehmung, Erzähltechnik und Stil im Frühwerk Andrea De Carlos
III.3.3.1 Kamerablick
III.3.3.1.1 Die sog. camera eye-Technik
III.3.3.1.2 Kinematographische Wahrnehmungsprinzipien bei De Carlo
III.3.3.2 Bilder und Bildhaftigkeit
III.3.3.3 Der Modus des showing bei Andrea De Carlo
III.3.3.4 Fazit
III.3.4 Die intermediale Variante der Systemaktualisierung: Die 'Systemkontamination'
III.3.5 Zur Funktion der Systemkontamination bei Andrea De Carlo
III.4 Ergebnis: Intermediales Erzählen in den Texten Antonio Tabucchis und Andrea De Carlos

IV Die 90er Jahre: Intermediales Erzählen in Texten Enrico Brizzis, Niccolò Ammanitis und Aldo Noves

IV.1 Die giovani scrittori der 90er Jahre als dritte Generation postmodernen Schreibens in Italien

IV.2 Enrico Brizzi: Medial verfasste Welt und 'Wirklichkeit'
IV.2.1 Enrico Brizzi und sein Roman Jack Frusciante è uscito dal gruppo
IV.2.2 Intermediale Einzelreferenzen in Jack Frusciante : Formen und Funktionen
IV.2.2.1 Intermediale Einzelreferenzen zur Charakterisierung und Illustration von Personen, Räumlichkeiten und Stimmungen
IV.2.2.2 Einzelreferenzen zur Spiegelung der Kernthematik des Romans
IV.2.2.2.1 Literatur/Film-Bezüge
IV.2.2.2.2 Intertextuelle Verweise
IV.2.2.2.3 Literatur/Realitäts-Bezüge
IV.2.2.2.4 Wirklichkeit(en) in Jack Frusciante
IV.2.2.3 Fazit: Medial verfasste Welt und 'Wirklichkeit' - romanästhetische Implikationen inter- und intramedialer Einzelreferenzen
IV.2.3 Form und Funktion systemreferentieller Vertextungsverfahren in Jack Frusciante
IV.2.3.1 'fuori dal gruppo' - 'fuori dal libro' - 'dentro il film': Alex' Verhältnis zu den Medien
IV.2.3.1.1 'fuori dal gruppo' - 'fuori dal libro': Die Bedeutung des Leitmotivs des Romans
IV.2.3.1.2 Evozierende, simulierende und (teil-)reproduzierende Systemerwähnung im Kontext des 'fuori dal libro'
IV.2.3.1.3 Filmische Systemerwähnungen und die Selbstbezüglichkeit der Fiktion
IV.2.3.1.4 Die Transposition als doppeltes Täuschungsmanöver
IV.2.3.1.5 Fazit: Mediale Durchsetzung, Selbstbezüglichkeit und die 'mimetische' Qualität der Fiktion
IV.3 'Dopo Pulp Fiction': Niccolò Ammaniti und Aldo Nove
IV.3.1 Pulp Fiction oder die 'Ästhetik des pulp'
IV.3.2 Letteratura pulp - "L'ultimo capodanno dell'umanità"
IV.3.2.1 Struktur und Inhalt der Erzählung
IV.3.2.2 Das Spiel mit der Erwartungshaltung des Lesers
IV.3.2.3 Die 'Dramaturgie des Aufpralls' am Beispiel der Kopplung von Gewalt und Komik
IV.3.2.4 Selbstbezügliche Erzählverfahren (I): Künstlichkeit und (scheinbare) Authentizität
IV.3.2.5 Selbstbezügliche Erzählverfahren (II): Die Verweisdichte des Textes
IV.3.2.5.1 Televisuell verfasste `Wirklichkeit´: Intermediale Einzel- und Systemreferenzen in "L'ultimo capodanno dell'umanità"
IV.3.2.5.2 Im Spiegel der Normalität oder die Alltagsorientierung des Fernsehens
IV.3.2.5.3 'Normalität' und 'Alltagswirklichkeit' bei Tarantino und Ammaniti
IV.3.2.6 Fazit: "L'ultimo capodanno dell'umanità" im Zeichen des pulp
IV.3.3 Letteratura pulp - Woobinda e altre storie senza lieto fine von Aldo Nove
IV.3.3.1 Aldo Nove und die letteratura pulp
IV.3.3.2 Von der medial Verfasstheit der Figuren und dargestellten Realitäten zum 'literarischen zapping': Systemkontamination bei Aldo Nove
IV.3.3.2.1 Die Präsenz des Fernsehens in Woobinda e altre storie senza lieto fine
IV.3.3.2.2 Die mediale Verfasstheit der Figuren und dargestellten Realitäten
IV.3.3.2.3 Das Prinzip des zapping im Fernsehen und in der Literatur
IV.3.3.2.4 Zur Funktion der Systemkontamination bei Aldo Nove
IV.3.3.3 Fazit: Systemkontamination und die Ästhetik des pulp im Dienste der Medienkritik
IV.3.4 Intermedialität versus Transmedialität: Die Ästhetik des pulp in der Literatur

V Intermedialität - zusammenfassende Darstellung der Systematik intermedialer Bezüge

V.1 Ergänzung zur Kategorie der 'Systemkontamination': 'teilaktualisierende Systemkontamination' und 'Systemkontamination qua Translation'

V.2 Die Systematik intermedialer Bezüge im Kontext der Intermedialitätsforschung
V.2.1 Schematische Darstellung
V.2.2 Definitionen

VI Schlussbetrachtung: Von den giovani scrittori der 80er Jahre zum pulp der 90er Jahre - Intermedialität im Spiegel der Postmoderne


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