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Bericht zur Tagung "Mythos und Geschichte"

8. Kolloquium der deutsch-österreichischen Sektion der International Arthurian Society, Straßburg, 24.–27. Februar 2010

Ein Bericht von Christoph Schanze


> Konferenzübersicht

Tagung: Mythos und Geschichte
Die Beschäftigung mit dem 'Mythischen' und dem Begriff 'Mythos' hat allenthalben Konjunktur, auch in der mediävistischen Forschung. Nach einer Münchener Tagung (2002), deren Ergebnisse in dem Band Präsenz des Mythos. Konfigurationen einer Denkform in Mittelalter und Früher Neuzeit (hg. v. Udo Friedrich und Bruno Quast. Berlin/New York 2004 (TMP 2)) vorliegen, sowie einer interdisziplinären Tagung in Freiburg ("Zwischen Präsenz und Repräsentation: Formen und Funktionen des Mythos in theoretischen und literarischen Diskursen", November 2009) hat sich auch die Deutsch-Österreichische Sektion der Internationalen Artusgesellschaft auf ihrem 8. Kolloquium dem Thema 'Mythos' speziell im Hinblick auf den mittelalterlichen Artusroman gewidmet. Die von CORA DIETL (Gießen) und PETER ANDERSEN (Straßburg) veranstaltete Tagung fand vom 24.–27. Februar in Straßburg statt. Ihr Ziel war die Klärung der Frage, ob und wo sich in der Artusdichtung Strukturen eines 'mythischen Erzählens' oder Spuren eines 'mythischen Substrats', etwa in Stoffen, Figuren oder Erzählmustern, finden lassen und wie sich diese auf die narrative Gestaltung auswirken. Dadurch sollte zugleich auch eine Schärfung des Begriffs 'Mythos' erreicht werden.
Auf der Tagung wurden in sieben Sektionen 26 Vorträge gehalten, deren Themenvielfalt der Konferenzübersicht am Ende dieses Berichtes zu entnehmen ist. Anhand der verschiedenen Mythos-Begriffe lassen sich die zentralen Fragestellungen und thematischen Leitlinien der Tagung an ausgewählten Beiträgen sektionsübergreifend verdeutlichen:

Mythische Motive und Sujets 

Die Tagung begann mit einem Vortrag des Ehrenpräsidenten der deutsch-österreichischen Sektion FRIEDRICH WOLFZETTEL (Frankfurt/M.) über "Mythische Brunnen und die Unterwelt" in der französischen Artusliteratur. Anhand verschiedener Texte beschrieb er den Brunnen als magischen Ort, der mythisch aufgeladen werden und als Glücks- oder Strafraum und als Brücke in die Vergangenheit fungieren kann und so Verweisfunktion bekommt. Wolfzettel verdeutlichte die Vielfalt und Ambivalenz des Mythischen, was auch für den Rest der Tagung zur bestimmenden Perspektive wurde. Es zeigte sich zudem, dass der Mythos immer zugleich Teil der außertextuellen Realität und der erzählten Geschichte ist.
Tagung: Mythos und Geschichte
TITUS KNÄPPER (Gießen) ging dem Mythischen in Wolframs Parzival nach, das sich v.a. in Wolframs Orient-Bezügen niederschlägt. Voraussetzung war die Annahme, dass orientalische Mythen und Legenden im westlichen Mittelalter bekannt waren und dass der Orient als Inbegriff des Fremden faszinierte. Dabei machte Knäpper plausibel, dass sich der Name Karnahkarnanz auf einen Zentralbegriff der iranischen Religion zurückführen lässt: Khvarnah bezeichnet im Avestischen den mythischen Glücksglanz, nach dem die Menschen streben, den aber nur die Götter verleihen. Knäpper vermutete, dass Wolfram das avestische Wort aus mündlicher Überlieferung kannte.

Mit der modernen Rezeption des Gral-Mythos befasste sich ULRICH ERNST (Wuppertal) anhand von Dan Browns Bestseller The Da Vinci Code. Den Grund für dessen globale Verbreitung und mediale Omnipräsenz sah Ernst in der Funktion als Katalysator, die dem Mythischen hier zukommt. Das primäre Kennzeichen von Dan Browns Werken ist die Entwicklung einer Kryptopoetik (Gebrauch geometrischer Figuren, Einsatz von Zahlencodes, Anagrammatik, Spiegelschrift etc.). Diese ist laut Ernst ein Kennzeichen postmodernen Erzählens, obwohl der Roman formal gesehen der Gattung Thriller entsprechend analytisch erzählt. The Da Vinci Code beschränkt sich nicht auf eine Adaptation des Gral-Mythos, sondern bietet zugleich eine Neuinterpretation. In dieser Perspektive sind Dan Browns Werke ein Kennzeichen des Epochenwechsels von der Moderne zur Postmoderne. Deren Faszinosum ist die Lust am Geheimnis und das Spiel mit einer historical metafiction in einer Mischung aus Reflexion und Kontrafaktur, was sich durch die Integration des Mythischen in eine moderne Welt zeigt.

Mythos als Prinzip 

Unabhängig von narrativen Überlegungen kann das Mythische als kulturspezifisches und historisch verankertes Prinzip verstanden werden. CLAUDIA LAUER (Gießen) erläuterte das am Verhältnis von Mythos, Medialität und Präsenz. Ausgehend von einem historisch-phänomenologischen Verständnis von 'Mythos' spezifizierte sie eine genuine Wechselbeziehung von Mythos und Medialität. Dabei besitzt das Mythische einerseits als Speicher für kulturelles Wissen selbst medialen Charakter; andererseits kann es über verschiedene Medien vermittelt werden, wobei der Vermittlungsprozess den Mythos beeinflusst, umgekehrt aber auch der Mythos auf das Medium Einfluss nehmen kann. Konkretisiert wurden diese theoretischen Überlegungen an der Funktionalisierung von Botengestalten bzw. -figurationen in mittelhochdeutschen Artusromanen (Iwein, Lanzelet, Parzival), die als "liminale Wesen" an verschiedenen Schnittstellen arthurischer Welt-, Wissens- und Figurenkonstellationen situiert sind. Nicht nur auf die inhaltliche Ebene beschränkt, verweisen sie als fiktionale Schlüsselfigurationen auf das Erzählerische an sich als Mythisches und tragen – gleichsam von innen heraus – zu einem tieferen Verständnis arthurischer Sinn-, Denk- und Weltmodellierungen bei.

CORINNA VIRCHOW (Basel) näherte sich der prinzipiellen Funktion des Mythos’ aus der entgegengesetzten Richtung, indem sie ausgehend von Hartmanns Erec das Oszillieren der Artusgestalt zwischen Figur und Mythos beschrieb: Artus dient als "Gefäß" für Wissen über ideale Herrschaft und ideales Verhalten, und dieses "Leer-Sein" der Figur macht Artus mythisch. Dabei gibt es Texte, die Artus eher als Figur und solche, die ihn eher als "Gefäß" beschreiben. Insgesamt pfropft sich aber die Figur Artus dem Mythos Artus als sekundäres semiologisches System auf.

ULRICH WYSS (Frankfurt / M.) erörterte das Problem, ob es einen spezifisch arthurischen Mythos der Liebe gibt. Er betrachtete dazu mit dem Tristan-Stoff den einzigen genuin mittelalterlichen Mythos, der in seinen verschiedenen Ausformungen unterschiedlich nah an den Artushof heranrückt (Anbindung bei Eilhart, Béroul und im Tristan als Mönch, Distanz bei Thomas von Bretagne und Gottfried). In der arthurischen Welt chrétienscher Prägung, die ein grundlegend anderes Liebeskonzept aufweist, scheint kein Platz für eine Tristan-Liebe zu sein, weil Liebe hier nie als Selbstzweck thematisiert wird, sondern immer nur Medium ist. Daher fragte Wyss, ob es Mythen ohne narrative Substanz geben könne. Möglich sei das nur in Form der Epiphanie oder als Chiffre, weshalb die Frage nach einem arthurischen Mythos der Liebe offen bleiben müsse oder nur ambivalent zu beantworten sei.

Mythos als narrative Größe 

Tagung: Mythos und Geschichte - Kragel u. MoshövelEine ganze Reihe von Vorträgen befasste sich mit den Auswirkungen des Mythos auf die narrativen Strukturen der Artusdichtung. FLORIAN KRAGL (Wien) machte am Beispiel der Brunnen-Aventiure aus dem Iwein Hartmanns von Aue den Unterschied zwischen mythischem und logischem Erzählen deutlich. Mythisches Erzählen ist per se akausal und irreal, die Logik von Ursache und Wirkung ist aufgehoben (das mythische "so ist es"), und die Erzählung ist von keiner realen Raum-Zeit-Struktur bestimmt. Beide Kennzeichen treffen für die Brunnen-Aventiure des Iwein zu. Daraus resultiert die Frage, ob archaisch-mythische Raum-Zeit-Verhältnisse für das mittelalterliche Erzählen gültig sind. Im Artusroman ist hier ein Kippeffekt zu beobachten, denn auf der Erzählebene wird der Mythos logisch: Die handelnden Figuren verstehen die Aventiure nicht als mythisch, sondern als real; die mythischen Zusammenhänge verlieren ihr "so ist es", das Mythische wird "wegerzählt". Als Resultat dieses Prozesses bleiben Mythos und Logos als Dichotomie bestehen, der Text lässt sich sowohl mythisch als auch logisch lesen. In der 'mythischen' Lesart liegt der Fokus ohne Beachtung der Motivation auf dem Handlungsgerüst, die 'logische' Lesart ermöglicht dagegen eine rationale Lektüre, die Erzählerreflexion und Figurenrede beachtet und den Fokus auf die Handlungsmotivation und die Plausibilisierung narrativer Zusammenhänge legt. So entsteht eine Simultaneität von Mythos und Logos, und beides kann als interpretative Kategorie fruchtbar gemacht werden. Damit konnte Kragl zeigen, dass arthurisches Erzählen gerade durch das Nebeneinander von Mythos und Logos und die dadurch bedingten unterschiedlichen Rezeptions-Angebote interessant wird.

Einen ganz anderen Ansatz wählte JUSTIN VOLLMANN (Chemnitz/Basel), der der Frage nachging, in welchem Ausmaß das arthurische Erzählen mythisch ist. Er untersuchte die arthurische Erzählsituation, die durch bestimmte Formulierungen gekennzeichnet ist. In einer mythischen Erzählsituation wird die erzählte Geschichte als tradierter, allgemein bekannter Stoff präsentiert. Vollmann unterschied zwischen einer vorgängigen Erzählsituation (z.B. "ik gihorta ðat seggen" im Hildebrandslied) und einer aktuellen Erzählsituation (z.B. "als uns diu âventiure seit", was etwa im Wigalois Wirnts von Grafenberg häufig vorkommt). Dabei ist die vorgängige Erzählsituation prinzipiell Mythos-verdächtiger. Als Ergebnis einer statistischen Untersuchung von Formulierungen in einem umfangreichen Textkorpus aus Heldenepik und Artusroman konnte Vollmann festhalten, dass sich die arthurische Erzählsituation weit weniger mythisch darstellt als die heldenepische.

Anhand der Entwicklung der Keie-Figur von Geoffrey und Wace über mittelkymrische Sagen bis zu den französischen und deutschen Bearbeitungen stellte MATTHIAS DÄUMER (Gießen) die Spannung zwischen chronikalem und mythischem Sprechen und zwischen einer historischen und einer mythischen Zeitvorstellung dar. In den Chroniken ist Keie eine positive Figur, im Mittelkymrischen eine Art "Superheld", erst in den deutschen und französischen Texten findet eine Umwertung statt: Gawein wird zum besten Ritter, Keie zum Spötter. Dabei erzählen die Chroniken linear, die Sagentexte zyklisch, was Kennzeichen eines mythischen Zeitverständnisses ist. Das wird im höfischen Roman noch deutlicher, denn dort findet eine Re-Mythisierung der Artus-Welt durch mythische Substrate statt, wie etwa in der Krone Heinrichs von dem Türlin durch die Betonung der Endlosigkeit und die zyklische Erzählstruktur. Die Keie-Figur wird so zum Bestandteil des Immerwährenden mythisiert. In einem zweiten Schritt versuchte Däumer eine Deutung der Keie-Figur im höfischen Roman aus einer performativen Perspektive.
 
Tagung: Mythos und Geschichte - Kirche 1

Der einzige Beitrag, der sich mit Clemens Lugowskis Begriff des "mythischen Analogons" auseinandersetzte, war der Vortrag von STEFAN SEEBER (Freiburg), der zeigte, dass das Erzählen vom Tod her im Tristan-Stoff als mythenanaloges Erzählen zu verstehen ist, was sich in den verschiedenen Ausformungen der Tristan-Geschichte auf unterschiedliche Weise niederschlägt. Bei Eilhart von Oberg tritt Tristan in zwei Rollen in Erscheinung: am Artushof als Artusritter, am Markehof als Minnender. Dabei kann der Artushof als mythisches Analogon aufgefasst werden. In den verschiedenen Tristan-Fortsetzungen gibt es dann zwei Möglichkeiten der Gestaltung, nämlich einerseits mit, andererseits ohne Bezug zur Artuswelt. Im ersten Fall findet eine Hybridisierung von Artus- und Tristanroman statt, generell prägend ist mythisches Denken anstelle von mythischen Stoffen.

Spannung zwischen Mythos und historia

Die zentrale Spannung zwischen Mythos und historia war bereits in Matthias Däumers Vortrag zu erkennen, noch deutlicher wurde sie im Beitrag von JÜRGEN WOLF (Berlin), der über den Blick der mittelalterlichen Chronistik auf das Arthurische und die Artus-Figur sprach. Hier ist Artus nämlich kein Mythos, er ist Historie. Aus dieser Vorgabe der frühesten Zeugnisse hat sich dann eine komplexe literarische Artuswelt entwickelt, die aber für die Chronistik historia bleibt, obwohl sie weit vom Chronistischen wegführt. Auffällig ist dabei, dass es im deutschen Sprachraum fast keine chronistischen Zeugnisse gibt, dass also nur die epischen Bearbeitungen des Stoffes populär geworden sind. Artus verlor seine realhistorische Relevanz und tauchte erst im Spätmittelalter wieder in der deutschen (Reichs-) Geschichtsschreibung auf.

MONIKA UNZEITIG (Greifswald) befasste sich mit dem Unterschied zwischen Mythos und historia mit Blick auf den Erzählvorgang. In der Artusliteratur ist Artus eine Mischung aus Mythos, Legende und Sage, erst durch den Akt des Erzählens wird er zur Figur mit mythischer oder historischer Ausprägung. In Geoffreys Historia regum Britanniae ist die Artusfigur von einem konstruktiven Historismus geprägt: Es handelt sich um eine fingierte Chronik und um eine fingierte Mythisierung der Figur. Dabei ist eine Differenz von historischer und mythischer Zeit zu beobachten, Bruchstücke mythischen Erzählens ("Mythomorphe") sind in andere Erzählzusammenhänge eingekapselt, etwa im Fall der arthurischen Zeugungsgeschichten, die eigentlich 'historisch' sind, aber Anklänge an antike Mythen (Jupiter und Alkmene) haben. Der göttliche Vater der Antike wird so zum menschlichen Vater des Mittelalters. Ein Beispiel für arthurische Verweise auf eine als mythisch markierte Zeit ist der Topos der laudatio temporis acti. Ein Unterschied zwischen mythomorphem Erzählen und dem 'echten Mythos' zeigt sich im Schluss des Prosa-Lancelot. Dieser ist nicht als historisch markiert und im Unterschied zum Versroman auf das Ende von Artus und der Artuswelt ausgerichtet. Dadurch werden das Mythische und das Heroische, für das die Figur Artus steht, im Akt des Erzählens überblendet.

Mythos und Religion 

Tagung: Mythos und Geschichte - DracheDie Wechselwirkungen zwischen Religion und 'Mythos' als einer vorchristlichen Form der Weltdeutung sind vielfältig, unterliegen aber im Artusroman besonderen Bedingungen.
Ausgehend von dem grundsätzlich mythenanalogen Weltentwurf des arthurischen Genres, der sich in der bipolaren Heterogenität der Artuswelt zeigt und eine narrative Fundierung der Werte der Aristokratie leistet, machte ARMIN SCHULZ (Konstanz) klar, wie stark das Mythische im Wigalois Wirnts von Grafenberg durch das Religiöse überformt wird und wie es dadurch seine sinn- und formstiftende Funktion verliert. In der zentralen Korntin-Aventiure ist die Gegenwelt zur Artuswelt aus einer christlichen Perspektive neu codiert, es geht nicht mehr um die Opposition höfisch-nichthöfisch, sondern um den Gegensatz zwischen einer christlich geprägten höfischen Welt und einer höfischen Gegenwelt, die aber heidnisch und von dämonischer Teufelei bestimmt ist. Zusätzlich weisen zahlreiche Paradoxien und Widersprüche darauf hin, dass Korntin keine gewöhnliche Aventiure-Welt ist. Wigalois eliminiert auf seinem Weg durch diese Gegenwelt das Dämonische Schritt für Schritt, eine Rückführung in die arthurische Ausgangsstruktur, wie sie Chrétien und Hartmann für diesen Fall vorsehen, ist aber nicht mehr möglich. Im Wigalois ist durch die Überblendung mythischer Strukturen mit dem Religiösen der Diskurswechsel der Jahre um 1220 "von den Feinen zu den Frommen" (Karl Bertau) vollzogen: Als wichtig erscheint nur noch der Gegensatz zwischen fromm und unfromm, nicht mehr die Rückbindung der Ethik an eine spezifische Ästhetik.

BRIGITTE BURRICHTER (Würzburg) ging anhand französischer Gralserzählungen dem Zusammenhang von Mythos und Heilsgeschichte nach. Ausgehend von den beiden Polen "Artusroman als fiktionale Unterhaltung" und "Gralsgeschichte als christliche Unterweisung" machte sie plausibel, dass der Gral an sich zwar einen mythischen Ursprung hat, aber im Erzählen ausdrücklich de-mythisiert und verchristlicht wird. Mit dem intradiegetischen Mythos als Ursprungserzählung kultureller Muster und der extradiegetischen Heilsgeschichte stehen sich so zwei "Systeme", zwei Erzähl- und Legitimationsmodi gegenüber. Vor Chrétien sind Matière de Bretagne und Heilsgeschichte noch getrennt, er führt sie aber zusammen. Die Synthese zeigt sich z.B. in der transzendentalen Ebene im Lancelot, wogegen im Perceval die Artusritterschaft zur Voraussetzung für die Gralsritterschaft wird. Auch bei Robert de Boron dient das weltliche Rittertum als Rahmen für das Gralsgeschehen, Grals- und Heilsgeschichte werden enggeführt, es besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Artusgeschichte und Heilsgeschichte.

Die Tagung endete mit dem Vortrag von FRITZ PETER KNAPP (Heidelberg), der mit seiner perspektivenreichen Einführung und seiner genauen Definition des verwendeten Mythos-Begriffs auch bestens als Eröffnungsvortrag geeignet gewesen wäre. Knapp lehnte zunächst die Definitionen von Mythos als Sujet und als Form eines vorrationalen Weltverständnisses aufgrund ihrer unpräzisen Bestimmung ab und beschränkte sich auf den Bedeutungsbereich des religiösen Mythos der archaischen Kulturen. Da der Mythos an sich zyklisch und zeitlos ist, die Heilsgeschichte aber linear verläuft, ist das jüdisch-christliche Denken prinzipiell anti-mythisch. Die Mythen, die es mit anderen Religionen teilt, verlieren hier ihre Zeitlosigkeit und Zyklizität. So konnte sich das christliche Mittelalter die antiken Mythen nur einverleiben, indem es sie entmythisierte. Der keltische Mythos lebt dagegen im Mittelalter weiter und tritt in vielfältige Interaktion mit christlichem Gedankengut, wodurch auch er teilweise entmythisiert, weil in die Historie überführt wird. Knapp ging näher auf Chrétiens Karrenritter und die Entführung der Königin im ersten Teil ein, die von einer ganzen Reihe rätselhafter Ereignisse begleitet wird. Mit Hans Fromm bezog er den Weg des Helden Lancelot auf den Mythos des keltischen Initiations-Ritus’ zurück, ohne diese Re-Mythisierung jedoch als "neuen Mythos" gelten zu lassen. Er plädierte vielmehr für eine märchenanaloge Erzählweise im Sinn der "einfachen Form" von André Jolles.

In den Beiträgen zur Tagung zeigte sich immer wieder die große Spannbreite des Mythos-Begriffs. Seine vielen Facetten und Aspekte ergeben ein äußerst schillerndes Bild des Mythos im Mittelalter. Klar erkennbar wurde, dass es einen umfassenden theoretischen Entwurf für das, was den Mythos nicht nur im literaturwissenschaftlich-mediävistischen Forschungsdiskurs ausmacht, nicht gibt und wohl auch nicht geben kann. Als gangbarer Weg bleibt nur eine Annäherung durch immer neue Begriffsbestimmungen und deren Anwendung auf konkrete Fälle. Nichts Neues vom Mythos also? Doch, denn es wurde deutlich, dass gerade die Vielfalt mythischer Begrifflichkeiten in der literaturwissenschaftlichen Analyse zu fruchtbaren Ergebnissen führen kann.

Die Ergebnisse der Tagung werden im 8. Band der SIA (Schriften der Internationalen Artusgesellschaft, Sektion Deutschland/Österreich) veröffentlicht.


Konferenzübersicht:

Cora Dietl (Gießen), Peter Andersen (Straßburg): Begrüßung


Sektion I: Mythische Welten und Gestalten

Friedrich Wolfzettel (Frankfurt / M.): "Mythische Brunnen und die Unterwelt"

Armin Schulz (Konstanz): "Das Nicht-Höfische als Dämonisches: Die Gegenwelt Korntin im Wigalois"

Laetitia Rimpau (Frankfurt / M.): "Gruppenbild mit Dame. Zur Wirkmacht der Worte von arthurischen Feen"

Claudia Lauer (Gießen): "Zwischen-Helden. Die Präsenz arthurischer Botengestalten"

Matthias Däumer (Gießen): "Truchsess Keie – Der Mythos eines Lästermauls"


Sektion II: Mythische Mächte, Fügungen und Mechanismen

Nina Schlüter (Mainz): "Artus, Ödipus und die Schicksalsmächte.
Bemerkungen zu Zufall und Notwendigkeit in antikem und mittelalterlichem Mythos"

Brigitte Burrichter (Würzburg): "Heilsgeschichte und Mythos in den französischen Gralserzählungen"

Andrea Moshövel (Olomouc): "Von der magischen Frage und vom Mythos des Fragens – Zum Fragemotiv im Parzival Wolframs von Eschenbach"

Ulrich Wyss (Frankfurt / M.): "Gibt es einen arthurischen Mythos der Liebe?"


Sektion III: Mythen und ihr Fortleben

Danielle Buschinger (Amiens): "Variationen des Mythos von Lohengrin vom 12. bis zum 19. Jahrhundert"

Günther Rohr (Koblenz): "Der Mythos „Gral“ im 20. Jahrhundert"

Ulrich Ernst (Wuppertal): "Gral-Mythos und Historical Metafiction. Zu Dan Browns postmodernem Roman The Da Vinci Code"


Sektion IV: Mythos, Ursprung, Memoria

Elisabeth Schmid (Würzburg): "Ursprungsmythen im Gralsroman"

Titus Knäpper (Gießen): "Ex oriente lux. Neues zum Orientalischen im Parzival"

Nathanael Busch (Marburg): "Bî den selben zîten / was daz gewonlîch. Stellen allein reisende Frauen ein Problem dar?"

Stefanie Wodianka (Rostock): "Matière de Bretagne – zum kulturellen Status mythischen und historischen Erinnerns in Literatur und Film seit dem Zweiten Weltkrieg"


Sektion V: Mythos als narrative Größe und Motiv

Florian Kragl (Wien): "Land-Liebe. Von der Simultaneität mythischer Wirkung und logischen Verstehens am Beispiel des Erzählens von arthurischer Idoneität"

Justin Vollmann (Basel): "Als die Bücher noch sprechen konnten, oder: Wie mythisch ist arthurisches Erzählen?"

Björn Reich (Göttingen): "Garel revisited – Die Auflösung der Artusherrlichkeit beim Pleier"

Patrizia Mazzadi (Urbino): "Die Krise eines Mythos: die Gestalt des Artus im Jaufrè"


Sektion VI: Artus: Remythologisierung und Dekonstruktion seit dem Mittelalter

Stefan Seeber (Freiburg): "Der Artushof als mythisches Analogon – Zur Rolle der Artuswelt in den Tristanfortsetzungen"

Jürgen Wolf (Berlin): "Verlorene Historizität. Oder warum einer der neun größten Helden der Welt in der deutschen Geschichtsschreibung des Mittelalters eine Randfigur ist"


Sektion VII: Mythos, Geschichte und Fiktionalität

Monika Unzeitig (Greifswald): "Mythisches und chronikales Erzählen in der Historia Regum Britanniae des Geoffrey of Monmouth und im Prosa-Lancelot – ein Vergleich"

Peter Andersen (Straßburg): "Entstehung und frühe Entwicklung der Lancelot- Sage im Licht der rationalen Philologie"

Corinna Virchow (Basel): "Artus zwischen Pergament und Phantasie – wider die Mythisierung"

Fritz Peter Knapp (Heidelberg): "Jenseits von Mythos und Geschichte"


Cora Dietl, Peter Andersen: Schlussworte