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Bericht zur Tagung "Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute"

Tagung des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität Gießen, 5.-6. Juli 2012

Ein Bericht von Diana Fischer (Hamburg)


> Konferenzübersicht

 

Die Tagung "Fortschritt. Bildung. Kultur. Kritische Theorie heute" fand im Rahmen des Gießener Graduiertenzentrums GCSC statt. Organisiert und ausgerichtet wurde sie von der Arbeitsgruppe Kritische Theorie der Kultur, die ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Nachwuchswissenschaftler/innen aus den Sozial- und Kulturwissenschaften ist. Auf der Tagung bekamen junge und bereits etablierte Wissenschaftler/innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit, sich mit der Frage nach der Aktualität Kritischer Theorie der Frankfurter Schule zu beschäftigen.
Die Tagung bot, angesichts der gesellschaftlichen und gesellschaftstheoretischen Entwicklungen, einen gemeinsamen Gesprächsort für die Eröffnung neuer Perspektiven in Hinblick auf sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungsfelder. Dabei stand die Frage der Konstituierung und Inspiration sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung durch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und insbesondere deren theoretische Ansätze im Vordergrund.
Die Tagung ging von der Beobachtung aus, dass in der Kritischen Theorie der Begriff der Kultur für Befreiung steht. Zugleich jedoch wird der Kulturbegriff innig mit der Gefahr einer Erstarrung assoziiert. Adorno hält dennoch am Gedanken der Emanzipation der Kultur als Bewusstwerdungsprozess über ihre eigenen repressiven Züge in einer befreiten Gesellschaft fest. Der Begriff der Kultur stellt somit in der Kritischen Theorie einen zentralen Referenzpunkt dar: zum einen als Reflexion der bestehenden Herrschaftsverhältnisse, nach den Erfahrungen von Auschwitz, zum anderen bietet Kultur so die Chance, dass man überhaupt hoffen kann.
Gerade diese mögliche Bedeutung des theoretisch-kritischen Kulturbegriffs bildete den Ausgangspunkt der Tagung. Die Veranstalter verfolgten dabei eine doppelte Strategie, die sich in der Aufteilung in zwei aufeinanderfolgende Panels, mit je einem/einer Keynote Speaker/in spiegelte. Der Romanist PAUL GEYER (Bonn) referierte zum Thema "Linker Kulturkonservativismus". Die Philosophin RUTH SONDEREGGER (Wien) trug zum Thema "Kritisches Verhalten. Bei Horkheimer, Foucault und darüber hinaus" vor. Das erste Panel fokussierte den Kulturbegriff der kritischen Theorie und das zweite Panel konzentrierte sich auf die Thematik der Bildung.

Die erste Annäherung

Floris Biskamp, Jan Friedrich und Alexander Friedrich

Der erste Annäherungsversuch an das Thema der Tagung wurde im Panel: "Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie" treffend und elegant von FLORIS BISKAMP (Gießen) eingeleitet, indem er für eine Haltung gegenüber Kultur warb, die sich der eigenen Verstrickung bewusst ist. ALEXANDER FRIEDRICH (Gießen) führte den Gegenstand des Panels inhaltlich aus, indem er die gefährliche Gratwanderung der Kulturtheorie erklärte, mit der Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung den Prozess der Zivilisation zugleich als Regression und Fortschritt darstellen. Der Begriff der Kultur der älteren Kritischen Theorie kennzeichnet sich durch das Verhältnis von Herrschaft und Befreiung und eine Abarbeitung am Begriffspaar Zivilisation und Barbarei. Der Strang der neueren Kritischen Theorie betont hingegen im Anschluss an differenztheoretische Theorien einen pluralen Kulturbegriff. Beide Denkperspektiven ziehen den Vorwurf des Eurozentrismus auf sich. Der Referent zeigte jedoch, dass Adornos Kulturbegriff schon früh eine spezifische Aneignungsform und einen freiheitlichen Gebrauch zulässt. Die Aktualisierung Kritischer Theorie kann somit als interessantes Unterfangen der Verbindung der adornitischen universalistischen Kritik des Freiheitsbegriffs auf der einen Seite und eines Verständnisses differenter partikularer Vorstellungen auf der anderen Seite gefasst werden.

Janne Mende und Alexander Friedrich
Der Kreis der Referent/-innen, der mit dieser Aufgabe betraut wurde, war interdisziplinär zusammengesetzt. Nach Vorträgen von JAN FRIEDRICH (Basel): "Rehabilitation der List. Odysseus vs. Trickster" sowie zu "Kritik der Kultur. Geschichte und Fortschritt in der älteren und aktuellen Kritischen Theorie" von MARKUS BAUM, SEBASTIAN WEIRAUCH (beide Aachen) skizzierte der Beitrag der Politikwissenschaftlerin JANNE MENDE (Gießen) mit dem Titel "Kulturelle Identität – identitäre Kultur?" zu Beginn die traditionelle Geschichte des Gebrauchs des Kulturbegriffs. Zu diesem Zweck thematisierte die Referentin, dass in neueren Debatten ein dynamisches Kulturverständnis, welches einem statischem gegenüberstehe, prozessiert wird. Dabei seien die Grenzen und Reichweiten bestehender Theorien über Kultur umstritten und umkämpft. Wird unter Kultur etwas Spezifisches, ein begrenzter Bereich oder auch ein Weltbild gefasst? Die theoretischen Ansätze, die den Identitäts- und Differenzbegriff proklamieren, stehen als Gegensätze in der Debatte um den Kulturbegriff zur Diskussion. Darüber hinaus sah die Referentin die besondere Herausforderung im gegenwärtigen Diskurs, sich mit dem normativen Status von Kultur(en) auseinanderzusetzen, um die inneren Spannungsverhältnisse aufzuzeigen. Sie stellte zu diesem Zweck ein Widerspruchs- und Vermittlungsverhältnis vor, das sie mit der derridaschen Figur der Antinomie und dem adornitischen Vermittlungsverhältnis von Identität und Nichtidentät entwickelt und das noch immer unzureichend erforscht sei.
Sebastian Tränkle, Jennifer Ch. Müller und Alexander Friedrich
Der Philosoph und Literaturwissenschaftler SEBASTIAN TRÄNKLE (Berlin) beschäftigte sich in seinem Vortrag "Le Prix du progrès. Adornos Kritik der technisch instrumentellen Sprache" mit der Frage nach dem technischen Fortschritt und Adornos und Horkheimers Problematisierung der Sprache. Der Referent proklamierte als zentrale These die Leistungsfähigkeit und Funktionalität der wissenschaftlichen Sprache, die mit der Entwicklung einer technisch-industriellen Zivilisation verwoben ist. Er schloss damit an Adornos Negative Dialektik an, die eine auf "Verwertbarkeit, Eindeutigkeit, Quantifizierung und Produktion von Identität fixierte instrumentelle Begrifflichkeit" als ungenügend vor dem Spektrum lebensweltlicher Erfahrung erscheinen lässt. Tränkle führte Adornos These aus, dass mit dem "Zivilisationsbruch" Auschwitz ein "Sprachverlust" verbunden ist, den er als "Legitimationskrise" wissenschaftlicher Sprache beobachtete. Er plädierte schließlich für einen sensiblen sprachphilosophischen Gebrauch der Kritischen Theorie der Gegenwart, die sich an einem dialektischen Entwurf von Fortschritt, Zivilisation und Kultur orientiert, um die Herausforderungen einer Semantik zu erfüllen, die sich dem subtilen technizistischen Pragmatismus entzieht.

Die zweite Annäherung

Jennifer Ch. Müller und Stefan Müller
Der zweite Annäherungsversuch an das Thema der Tagung wurde im Panel: "Kritische Theorie der Bildung" unternommen und von der Soziologin JENNIFER CH. MÜLLER (Gießen) eingeführt. Sie moderierte das Panel und skizzierte in ihren anregenden Ausführungen die inhaltliche Relevanz der bildungstheoretischen Schriften von Adorno und Horkheimer. Die Begriffe Bildung und Erziehung werden in deren Schriften synonym gebraucht und Bildung wird als Prozess und Möglichkeit hin zur Erfahrung von Mündigkeit gefasst. Ein kritisches Bewusstsein enthält sowohl die Aspekte einer angepassten als auch einer widerständigen Erziehung. Die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer kritischen Bildungs- und Erfahrungsfähigkeit kann als Grundlage dieses Bildungsbegriffs und eines demokratischen Bewusstseins gefasst werden.
Daniel Burghardt und Jennifer Ch. Müller
Einen Einblick in diese Rezeption verschaffte unter anderem der Soziologe STEFAN MÜLLER (Frankfurt), indem er in seinem Vortrag "Bildung als Herrschaft und Autonomie" den Doppelcharakter von Bildung – in Anschluss an Adornos Theorie der Halbbildung – im Rahmen bildungstheoretischer Beobachtungen verortete. Der Referent begann seine Ausführungen mit dem schlichten Plädoyer, dass die Möglichkeit, spekulatives Denken zu lernen, im bildungstheoretischen Verständnis heute einen Platz bekommen sollte. Zugleich kann mit der Offenlegung eines antinomischen Bildungsbegriffs, die ein Herrschaft und Autonomie vermittelndes Bildungsverständnis von Kultur nahelegt (siehe auch die Ausführungen oben von Janne Mende), einer rein additiven begrenzenden Konzeption von Bildung etwas entgegensetzt werden.
Nach dem Vortrag "Zur 'Idiotie des Landlebens'" von IRIS DANKEMEYER (Berlin) wandte sich DANIEL BURGHARDT (Erlangen-Nürnberg) in seinem Vortrag "G8 und Bologna. Institutionalisierte Halbbildung" einer kritischen pädagogischen Perspektive zu, die ein humanistisches Bildungsverständnis proklamiert. Im gesellschaftlichen historischen Verlauf von G8 und Bologna sei ein Verständnis von Bildung, welches nicht über einen Qualifikationsbegriff hinausreiche, weit verbreitet. Der Referent akzeptierte diese "Zumutung" einer Moderne unter Prägung ökonomischer Gesichtspunkte – in Anschluss an Adorno – nicht. Zugleich reflektierte er diese kritischen Forderungen des Bildungsbegriffs vor den industriellen, kulturellen und ökonomischen Sozialisationsbedingungen der Subjekte und warb dafür, das emanzipative Potential hegemonialer Fremdbestimmung herauszuarbeiten.
Das Panel wurde schließlich durch den Soziologen RAPHAEL BEER (Münster) mit dem Vortrag "Das problematische Verhältnis zwischen Bildung und Demokratie" und dem Vortrag "'Konstellation' und Mündlichkeit. Adornos Impulse für die aktuelle Bildungsdiskussion" des Literaturwissenschaftlers WOLFRAM ETTE (Chemnitz) gebührend abgerundet.

Fazit

Die interessante Leitfrage der Veranstalter nach der "Kritischen Theorie heute" wurde von allen Beiträgen verfolgt und von FLORIS BISKAMP (Gießen) und JENNIFER CH. MÜLLER (Gießen) in den Paneldiskussionen immer wieder erinnernd eingeführt. Die Rezeption der Kritischen Theorie heute in ihren differenten sozial- und kulturwissenschaftlichen Wissenschaftsfeldern wurde auf der Tagung wiederum neu entdeckt und Rezeptionslücken wurden aufgezeigt.
Dabei blieb die Frage offen, ob die Aktualisierung der Kritischen Theorie durch eine starke theoriereflektierende Rezeption gelingt oder ob es nicht produktiver erscheint, die Theorie als Instrumentarium einer kritischen Haltung in einem austarierenden Nähe- und Distanzverhältnis zum Gegenstand zu gebrauchen. In diese Richtung argumentierte auch RUTH SONDEREGGER (Wien), indem sie die kritische Haltung als Lebensform entwarf.
Insgesamt stellte die Tagung eine sehr gelungene Veranstaltung dar, die als Beispiel einer idealen universitären Debattierkultur gelten kann. Wir sind gespannt auf die zukünftigen Forschungsarbeiten aller Beteiligten.
 
Tagungsprogramm

Panel 1: Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen Theorie

Floris Biskamp (Gießen): Moderation

Alexander Friedrich (Gießen): Einführung
   
Jan Friedrich (Basel): "Rehabilitation der List. Odysseus vs. Trickster"
 
Markus Baum, Sebastian Weirauch (beide Aachen): "Kritik der Kultur. Geschichte und Fortschritt in der älteren und aktuellen Kritischen Theorie"
 
Janne Mende (Gießen): "Kulturelle Identität – identitäre Kultur?"
 
Keynote-Vortrag: Paul Geyer (Bonn): "Linker Kulturkonservativismus"

Sebastian Tränkle (Berlin): „Le prix du progrès. Adornos Kritik der technisch-instrumentellen Sprache“


Panel 2: Kritische Theorie der Bildung

Jennifer Ch. Müller (Giessen): Moderation und Einführung

Stefan Müller (Frankfurt): "Bildung als Herrschaft und Autonomie"

Iris Dankemeyer (Berlin): "Zur 'Idiotie des Landlebens'"
 
Daniel Burghardt (Erlangen-Nürnberg): "G8 und Bologna. Institutionalisierte Halbbildung"

Raphael Beer (Münster): "Das problematische Verhältnis zwischen Bildung und Demokratie"
 
Wolfram Ette (Chemnitz): "'Konstellation' und Mündlichkeit. Adornos Impulse für die aktuelle Bildungsdiskussion

Keynote-Vortrag: Ruth Sonderegger (Wien): "Kritisches Verhalten. Bei Horkheimer, Foucault und darüber hinaus"


Organisator_innen: Floris Biskamp, Alexander Friedrich, Vincenzo Martella, Janne Mende, Max Molly, Jennifer Ch. Müller, Torben Stich

 

© bei der Autorin und bei KULT_online
Fotos: Diana Fischer