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Jenseits des Gestrigen: Interdisziplinäre Perspektiven auf kulturelle Heimat-Vorstellungen

Eine Rezension von


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Costadura, Edoardo und Klaus Ries (Hg.): Heimat gestern und heute – Interdisziplinäre Perspektiven. Bielefeld: transcript, 2016.

 

Die Beiträge des Tagungsbands Heimat gestern und heute, basierend auf einem Workshop an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, richten den Blick auf die vielfältigen Formen und Konjunkturen der kulturellen Heimat-Vorstellungen. Angelegt in interdisziplinärer Perspektive versammelt der Band Expert_innen aus den Feldern Musikwissenschaft, Religionspädagogik, Europäische Ethnologie, Volkskunde, Geschichte, Rechtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Sozialgeographie und Botanik. Dank dieses Spektrums bietet der Band zahlreiche wertvolle Anregungen für ein wachsendes interdisziplinäres und internationales Forschungsfeld, das sich im Laufe der letzten 20 Jahre entwickelt hat.




> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract       

 

Das Reden von „Heimat” hat Konjunktur – das zeigt neben den aktuellen migrationspolitischen Diskussionen ein Blick in die deutschsprachige Literatur seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ebenso wie ein Blick in rezente Film-, Musik-, Zeitschriften- und Ratgeberpublikationen. Auch im akademischen Bereich ist in den vergangenen Jahren eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema „Heimat” zu beobachten. Das Forschungsinteresse richtete sich hier besonders auf die mit diesem Begriff verbundenen, sich wandelnden Konzeptionen von Herkunft, Zugehörigkeit, Raum und Erinnerung. Daraus entstand in den vergangenen 20 Jahren ein Forschungsfeld, das alsbald disziplinäre und nationale Grenzen überstieg. Der Band Heimat gestern und heute – Interdisziplinäre Perspektiven fügt diesem Forschungsfeld einige wertvolle Impulse hinzu.

 

Ausgangspunkt der Publikation bildete ein Workshop, der am 7. und 8. November 2014 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena veranstaltet wurde und Expert_innen aus den Feldern Musikwissenschaft, Religionspädagogik, Europäische Ethnologie, Volkskunde, Geschichte, Rechtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Sozialgeographie und Botanik in einen Austausch brachte. Der Aufbau des Bands spiegelt in produktiver Weise die dialogische Grundstruktur der Tagung wider, den jeweiligen Beiträgen eine eingehende Respondenz folgen zu lassen, und ermöglicht dadurch die Integration einer großen Anzahl von Blickwinkeln und Ansätzen. Tatsächlich werden in den Kommentaren oftmals wichtige Aspekte der jeweiligen Beiträge vertieft, kritische Rückfragen etwa an die verwendeten Begriffe und zugrundeliegenden Prämissen gestellt und weiterführende Forschungsfragen formuliert. Angesichts des hohen inhaltlichen Niveaus einiger Beiträge überraschen kleinere Mängel in der formalen Gestaltung (einige Inkonsistenzen in der Zeichensetzung; ein unvollständiges Autorenverzeichnis; der Umstand, dass nur zwei Beiträge ein Literaturverzeichnis anfügen). Ein gemeinsames Literaturverzeichnis des gesamten Bandes hätte sich für die Leser_innen durchaus als hilfreich erwiesen und eine gute Orientierung für eigene Forschungsvorhaben geboten. Denn gerade die Beiträge aus volkskundlicher, rechtshistorischer, biologischer, literatur- sowie musikwissenschaftlicher Perspektive greifen auf einen beeindruckenden Fundus zurück und setzen sich in fruchtbarer Weise mit einschlägiger Forschungsliteratur aus ihren jeweiligen disziplinären Kontexten auseinander.

 

Frank H. Hellwig stellt beispielsweise in seinem Beitrag aus biologischer Perspektive die Frage, „welche Rolle die Naturdinge in dem spielen, was wir Heimat nennen“ (S. 83) und legt vor seinem Hintergrund als Botaniker den Schwerpunkt auf die Vegetation bzw. die Pflanzen. Seine Überlegungen zum Verhältnis von Mensch, Natur und Kultur reichen dabei von Bezügen zwischen Naturschutz und Heimatschutz bis hin zur Globalisierung domestizierter Pflanzen und Vorstellungen von „biologischen Invasionen“ (S. 100) im Naturschutzdiskurs. Kenntnisreich beleuchtet Hellwig dabei Verschränkungen unterschiedlicher diskursiver Formationen und richtet einen besonders kritischen Blick auf statische Auffassungen von Natur und Vegetationsverhältnissen. Eine weitere Vertiefung erfährt dieser kritische Blick in Manfred Seiferts nuanciertem Kommentar, der Hellwigs Beitrag zudem durch anregende Reflexionen zum analytischen Heimat-Begriff in der sozialwissenschaftlichen und volkskundlichen Forschung ergänzt (S. 113ff.). Eine ähnlich ungewöhnliche und ebenso anregende Perspektive auf das Themenfeld „Heimat“ bietet Michael Chizzalis und Christiane Wiesenfeldts musikwissenschaftlicher Beitrag. Die beiden Autor_innen skizzieren zunächst den Zusammenhang von Heimat-Vorstellungen und Musik in unterschiedlichen diskursiven Formationen, um im Anschluss Möglichkeiten auszuleuchten, ein theoretisch fundiertes Heimat-Konzept für aktuelle musikwissenschaftliche Fragestellungen nutzbar zu machen (S. 172). Trotz vielfältiger musikwissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit dem Thema „Heimat“ – insbesondere hinsichtlich pädagogischer, anthropologischer, soziologischer und historischer Fragestellungen – fungiere „Heimat“ zumeist „als literarische und philosophische Bezugsgröße“ (S. 182). Jenseits rein textimmanenter Ansätze etwa in der Popularmusikforschung plädieren Chizzali und Wiesenfeldt für eine stärkere Berücksichtigung von multiplen Hörerrezeptionen sowie des „mnemokulturelle[n] Potenzial[s] des Klingenden“ (S. 178), etwa in Verbindung mit Ansätzen aus der reflexiven musikethnologischen Forschung. Die notwendige Frage nach der Systematisierung des Heimatbegriffs in der Musik stellt nach Ansicht der beiden Autor_innen weiterhin ein Desideratum dar. Dabei sehen Chizzali und Wiesenfeldt großes Potenzial im Heimat-Begriff für die musikwissenschaftliche Forschung; habe doch die Musik gar einen zentralen Anteil an der Konstitution von „Heimat“, sofern man den Heimatbegriff als „ganzheitliche Kategorie“ fasse, in der sich „physikalische Orte, menschliche Handlungen, Erinnerungen und Emotionen zu einem Amalgam verbinden, dessen Kommunikations- und Anschlussfähigkeit (auch) medial definiert ist“ (S. 183).

 

Gemeinsame Grundlage des abgebildeten Diskussionszusammenhangs im vorliegenden Sammelband stellen unter anderem Forschungsarbeiten zum Thema “Heimat” dar, die im Bereich der Kulturwissenschaft, insbesondere der Volkskunde und der Europäischen Ethnologie entstanden. Ein anderer Bereich kulturwissenschaftlicher Forschung bleibt dabei allerdings weitgehend unberücksichtigt; denn der Band nimmt kaum Bezug auf einschlägige Forschungsarbeiten im (inter)nationalen kulturwissenschaftlichen Feld, die in den letzten 20 Jahren ausgehend von Celia Applegate und Alon Confino Aspekten des Heimat-Begriffs in Kultur- und Literatur-, aber auch Film- und Theatergeschichte nachgingen. Zu den Meilensteinen dieser Forschung zählen unter anderem die Arbeiten von Celia Applegate (1990), Alon Confino (1993), Gisela Ecker (1997), Rachel Palfreyman (1997, 2000), Elizabeth Boa (2000), Peter Blickle (2002), Johannes von Moltke (2005) und Friederike Eigler (2012, 2014). Eine Auseinandersetzung mit diesen Diskussionszusammenhängen hätte die zum Teil äußerst anregenden Beiträge des vorliegenden Bands nicht nur um zusätzliche Reflexionshorizonte erweitert. Sie hätte auch eine weitere Verknüpfung mit dem Feld der kulturwissenschaftlich ausgerichteten German Studies gewährleistet und somit den Brückenschlag zwischen deutsch- und englischsprachigen Publikationen ermöglicht. Angesichts der Tatsache, dass jedoch umgekehrt ebenfalls nur wenige Arbeiten aus dem Bereich der Volkskunde und der Europäischen Ethnologie, geschweige denn aus der Musikwissenschaft wiederum im Kontext der German Studies rezipiert werden, zählt es sicherlich zu den künftigen Aufgaben des wachsenden Forschungsfelds, einen noch stärkeren Austausch zwischen den unterschiedlichen Bereichen kulturwissenschaftlicher Forschung zu gestalten. Daneben gilt es künftig, die jeweiligen Arbeiten und Perspektiven untereinander fruchtbar zu machen und somit weiter an einem Translations-Prozess zwischen den disziplinären Traditionen und sprachlichen Kontexten zu arbeiten. Die Beiträge des vorliegenden Bands bieten für künftige Arbeiten dieser Art zahlreiche wertvolle Ansatzpunkte.

 

 

 

 

 

Costadura, Edoardo und Klaus Ries (Hg.): Heimat gestern und heute – Interdisziplinäre Perspektiven. Bielefeld: transcript, 2016. 254 Seiten, kart., 34,99 Euro. ISBN 978-3-8376-3524-9




Inhaltsverzeichnis

Heimat – ein Problemaufriss

Edoardo Costadura und Klaus Ries ... 7

 

Orte und Zeiten, Innenwelten, Aussenwelten. Konjunkturen und Reprisen des Heimatlichen

Friedemann Schmoll ... 25

Kommentar von Klaus Ries ... 47

 

„Heimat denken“ im Völkerrecht. Zu einem völkerrechtlichen Recht auf Heimat

Martina Haedrich ... 51

Kommentar von Walter Pauly ... 77

 

Heimat denken – ein biologischer Streifzug

Frank H. Hellwig ... 81

Kommentar von Manfred Seifert ...107

 

Ego enim Tolosae positus, tu Treveris constituta. Gallien im Briefwerk des Sulpicius Severus und des Paulinus von Nola

Meinolf Vielberg ... 115

Kommentar von Edoardo Costadura ... 139

 

Zwischen „irdischer“ und „ewiger Heimat“. Der Heimatbegriff in systematisch-theologischen Kontexten und als Thema religionspädagogischer Bildungsforschung

Sylvia E. Kleeberg-Hörnlein, Gregor Reimann und Michael Wermke ... 145

Kommentar von Gisela Mettele ... 161

 

Heimat „hören“ und „singen“. Musikforschung

Michael Chizzalli und Christiane Wiesenfeldt ... 171

 

Topographien des Imaginären. Thesen zum Konzept der ‚Heimat‘ in der deutschsprachigen

Literatur des 19. Jahrhunderts

Anja Oesterhelt ... 201

Kommentar von Andreas Schumann ... 213

 

Konzeptionen von Heimat und Heimatlosigkeit in der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933

Gregor Streim ... 219

Kommentar von Karsten Gäbler ... 243

 

Autorinnen und Autoren ... 249

 

 

 

 

Thinking Heimat. Interdisciplinary Perspectives

 

Based on a research workshop at Friedrich Schiller University Jena, the volume Heimat gestern und heute features essays and critical responses from a wide range of disciplines.  Scholars of musicology, literary studies, pedagogy of religion, European ethnology, folklore studies, history, law, human geography, and botany offer perspectives on changing notions of Heimat. Due to its broad spectrum, the volume contains often insightful and valuable contributions to the interdisciplinary and international body of scholarship that has emerged during the past 20 years.


 




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