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Itzik Manger und die Europäisierung des Jiddischlandes

Eine Rezension von 

benisaak niemandssprache online

 

 

Gal-Ed, Efrat: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter, Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2016.

 

Efrat Gal-Eds Buch ist eine umfangreiche Biographie des Jiddischdichters Itzik Manger. Gal-Ed diskutiert Mangers Leben und Schaffen in weitem Zusammenhang des Schicksals der Jiddischen Sprache und Kultur im 20. Jahrhundert. Das Buch verweist auf die interessante Spannung zwischen der Herrenlosigkeit und gleichzeitigen europäischen Zugehörigkeit von Jiddisch als eine Minderheitensprache. In dieser Hinsicht stellt die Biographie einen wichtigen Beitrag sowohl zu den Jiddishstudien, als auch zur Literaturwissenschaft allgemein dar.





> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Das Buch „Niemandssprache. Itzik Manger - ein europäischer Dichter" bietet eine umfangreiche kritische Biographie von Itzik Manger (1901-1969), einem der berühmtesten Dichter der jiddischen Sprache des 20. Jahrhunderts. Gal-Ed beschreibt Manger als Repräsentant einer Sprach- und Lebenswelt politischer und kultureller Utopien, die allesamt vernichtet wurden. Manger schrieb Lieder, Balladen, lyrische Gedichte, Erzählungen und Essays. Insbesondere Mangers Lieder und Gedichte reflektieren Armut und Not, Tradition und Moderne, zionistische Utopien und transnationale Visionen.

 

Durch die Geschichten über Manger sowie einer Selektion seiner Gedichte, reflektiert das Buch über rumänische, galizische, polnische und baltische Landschaften sowie das dortige Leben. Die Biographie bietet eine chronologische und räumliche Abfolge von Mangers Leben und Schaffen. Dabei folgt das Buch der Chronologie seines Lebens und geht insbesondere auf die Orte ein, in denen er gelebt, gearbeitet oder die er besucht hat. Das Buch ist in diesem Sinne eine Reise durch Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zugleich ein Besuch in mehreren Zentren des Jiddischlandes: Czernowitz, Warschau, Montreal, New York und andere. Daneben erörtert es Mangers persönliche und künstlerische Entwicklung sowie seine Beziehungen zu anderen Dichtern und Intellektuellen der jiddischen Welt.

 

Die Biographie beginnt mit Mangers Frühjahren in Jassy, Czernowitz und Bukarest. Manger war in seiner Jugend ein einfacher Schneiderlehrling. Er wuchs als säkularer Jude auf und fühlte sich gleichzeitig mit dem traditionellen Leben verbunden. Das Leben der einfachen Juden, und damit eine Welt von kleinen Taten und Gesten, von Wärme und Nähe, war für ihn Inspiration zu vielen seiner Lieder. Folgend beschreibt Gal-Ed Mangers Jugend in Czernowitz, die Hauptstadt von Bukowina und der Geburtsort von anderen großen jüdischen Dichtern wie Paul Celan und Rose Ausländer. Vor diesem Hintergrund diskutiert Gal-Ed wie Manger sich dafür entschied, nicht, wie etwa Celan und Ausländer, auf Deutsch zu schreiben – der Sprache des jüdischem Bürgertums in Czernowitz. Stattdessen wählte Manger Jiddisch, die eigentliche Volkssprache der osteuropäischen Juden, der Arbeiter und der Massen.

 

Im Alter von 27 Jahren zieht Manger schließlich in die polnische Hauptstadt um. In Warschau begab er sich als junger Mann in das intellektuelle Milieu der jiddisch-säkulären Kultur, insbesondere in jene Kreise, die sich um den jiddischen Literaturklassiker Jizchok Lejbusch Perez entwickelt haben und von der jiddischen Renaissance geprägt wurden. Bei der Beschreibung von Mangers Warschauer Zeiten unterstreicht Gal-Ed die Internationalität, den Universalismus und die ‚Europäischkeit’ des dortigen jiddischen Kulturzentrums als eine Welt jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur. Dabei spielt die jiddische Sprache selbst eine Hauptrolle als identitätsstiftendes Medium der Minderheitskultur und bildet gleichzeitig eine Voraussetzung der eigenen Zugehörigkeit zur jiddischen Welt. Gal-Ed stellt die jiddische Intelligenzija - und Manger selbst - als eine Welt der multikulturellen Polyglotten dar, die sich zwischen diversen europäischen Welten und der jüdisch-jiddischen Welt frei bewegen. Diese Intelligenzija teilte eine völkerübergreifende und weltbürgerliche Sicht. Sie war ausgewiesen in der Weltliteratur und hielt an einem Begriff von "Europa" fest, um sich zugleich als ein kosmopolitischer Entwurf beziehungsweise eine Alternative zur herrschenden, nationalisierten Merheitskultur in Polen und Europa zu positionieren. 

 

Danach werden die zahlreiche Stationen von Mangers Exilen dargestellt – Paris, London –, in denen er den Krieg überlebt hat. Schließlich folgen die letzten Stationen in Mangers Leben: Montreal, New York und Tel-Aviv. In den abschließenden Kapiteln beschreibt Gal-Ed vornehmlich Mangers Entwurzelung von jener Welt, in der ein Großteil seines Werkes entstanden ist. Manger hatte in dieser späten Phase Schwierigkeiten weiter zu schreiben, da er sich schlecht in der sprachlichen, menschlichen und landschaftlichen Fremde zurecht fand. Sein polyzentrisches und polyphones osteuropäisches Jiddischland war nach 1945 zerstört und von dem jüdischen Europa blieben nur Trümmer.

 

Gal-Eds Forschung zur Biographie basiert wesentlich auf Memorienliteratur, extensiver Archivrecherche, Briefwechseln und Interviews, sowie auf Gesprächen mit Verwandten und Freund_innen von Manger beziehungsweise anderen Manger-Expert_innen. Daneben kontexualisiert Gal-Ed Mangers Lebensgeschichte und Gedichte durch erfolgreiche und lebendige Rekonstruktionen der jeweiligen Zeit, wofür sie ausgewählte jiddische Tageszeitungen aus den korrespondierenden Städten benutzt.

 

Ein zentrales Thema im Buch ist die jiddische Sprache selbst. Wie im Titel "Niemandssprache" angedeutet, beschäftigt sich das Buch ausgiebig mit der Frage dem Status einer Sprache, die zu keinem Nationalstaat gehört – die Sprache einer Minderheitskultur. Dahingehend wird thematisiert, warum Manger ausgerechnet diese Sprache als seine Dichtungsprache gewählt hat, obwohl andere ihn umgebende Sprachen wie Rumänisch und Deutsch zu Verfügung standen. Gal-Ed diskutiert Mangers Beschreibung von Jiddisch als eine "herrenlose" Sprache oder eine “Niemandssprache“, und verweist konsequent auf eine jiddische "Niemandsliteratur" und eine jiddische "Niemandswelt". Auch geht sie auf seine Feststellung ein, dass das Jiddische als eine nicht-nationale Sprache schutzlos aber damit gleichzeitig "vogelfrei" geblieben sei.

           

Das Buch insgesamt folgt einer These, derzufolge Manger und andere jiddische Dichter als europäische Dichter einzuschätzen sind, obwohl die jiddische Sprache niemandem geographisch beziehungsweise kulturell gehört. Das Jiddische schafft somit eine interessante Spannung zwischen Minderheitskultur und dem Europäisch-Sein, und bietet insofern ein Modell, ein Vorbild oder auch eine Vorläuferversion zur gegenwärtigen europäischen Idee an; eine erfrischende Herangehensweise in Zeiten einer Rückkehr zu nationalen Diskursen und eines damit verbundenen, möglichen Untergangs des europäischen Gedankens. Die weitgehende und intensive Vernetzung der Zentren jiddischer Kultur in den Städten Europas, die das Buch umfangreich beschreibt, zeigt wie die (nationale) Grenzenlosigkeit einer Kultur sowohl Fluch und Segen zugleich ist.

 

Hinzuweisen ist ebenso auf das außergewöhnliche Design des Buches. Das Seitenlayout imitiert die Seitengestaltung des Talmuds und bringt eine durchdachte, übersichtliche  und zugängliche Komposition von Text, Bild und Dichtung hervor. Die zahlreichen Bilder aus Mangers Leben, die vielen Postkarten, Familienphotos, sowie Lieder und Briefe mit seiner Handschrift schaffen ein angenehmes Leseerlebnis. Besonders hat mir dabei ein Stadtplan von Warschau gefallen, der wichtige Stationen in Mangers Warschauer Epoche illustriert. Schließlich sind die Gedichte Mangers im Original (und manchmal mit einem Scan der Handschrift) neben einer Übersetzung ins Deutsche editiert.

 

 

 

 

 

 

 

Gal-Ed, Efrat: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter, Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2016, 784 Seiten, gebunden, 44,00 Euro. ISBN 978-3-633-54269-7






Inhaltsverzeichnis

Dank ... 13

Vorwort ... 15

Zur Transliteration ... 27

Verzeichnis der Siglen ... 28

Prolog: Jiddisch ist herrenlos ... 31

Czernowitzer Kindheit nach 1900 (1901 - 1914) ... 57

Lehrjahre in Jassy (1904 - 1921) ... 85

In den Städten. Frühwerk (1921 - 1928) ... 125

Warschau: Fast ein Glück (1928 - 1938)  ... 197

Warschau: Fast ein Glück II (1928–1938) ... 289

Zwischen den Welten. Vogelfrei (1938–1940) ... 379

London: Überleben. Verstummen (1940–1951) ... 431

Montreal, New York: Altneujiddischland (1951) ... 547

Unerlöst in New York (1952–1958) ... 573

In Israel. Ein Held (1958) ... 629

Zwischen den Welten: Erfolg (1958–1969) ... 657

Epilog ... 713

Zeittafel ... 715

Zitierte Literatur ... 719

Bildnachweis ... 752

Personenregister ... 753

Sachregister ... 767

Werkregister ... 777

 

 

 

 

 

Itzik Manger and the Europeanization of the Jiddischland

Efrat Gal-Ed´s book is an extensive biographical work on the Yiddish poet Itzik Manger. Gal-Ed discusses his work and life, situating him in the broader context of linguistic and ethnic developments of the 20th century. The author presents Manger as a European poet, engaged in the European cultural developments, who simultaneously was a poet of unrecognized minority language. This biography of Manger contributes both to literary and Jewish studies.

 

 

 




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