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Expedition in die aktuelle literaturwissenschaftliche Raumforschung

Eine Rezension von 

Raumforschung

 

 

Dünne, Jörg und Andreas Mahler (Hg.). Handbuch Literatur & Raum, Berlin: De Gruyter, 2015.

 

Mit dem Handbuch Literatur & Raum liegt eine innovative Orientierungshilfe im Bereich der interdisziplinären literaturwissenschaftlichen Forschung zu Texträumen und Raumtexten vor. An aktuellen Forschungsfragen ausgerichtet, überzeugt das Handbuch vor allem durch seine gut lesbaren, fachlich sehr informativ und dicht geschriebenen Artikel. Gezielte Rückgriffe auf den Kanon der raumtheoretischen Texte verdeutlichen die in den exemplarischen Analysen von Primärtexten genutzten theoretischen Zugänge. So bildet das Buch den aktuellen Stand der literaturwissenschaftlichen Raumforschung ab.





> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Als zweiter von sechs bisher geplanten Bänden der Reihe Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie erschien 2015 das Handbuch Literatur & Raum von Jörg Dünne und Andreas Mahler. Mit der Reihe trägt der Verlag der interdisziplinären Öffnung der Literaturwissenschaft in andere Forschungsgebiete Rechnung. Weitere Inhalte zu interdisziplinären Arbeitsfeldern der Literaturwissenschaft widmen sich der Visuellen Kultur (2014), Emotionen (2016), Musik (erscheint November 2016), Transnationalität (erscheint April 2017) und Pop (erscheint Mai 2017). Auch ist das Handbuch-Konzept innovativ auf die Öffnung hin zu bestehenden Forschungsfragen angelegt. Dennoch verfolgen die Herausgeber des Bandes bewusst keinen originär inter- oder transdisziplinären Zugang, sondern stellen eben die Frage nach der „literaturwissenschaftliche[n] Spezifizität der Untersuchungskategorie ‚Raum‛“ (S. 1) in den Mittelpunkt, wobei sie die besondere Beziehung der Literatur zu anderen kulturellen Praktiken wie Theater oder Film einschließen.

 

Im Inhaltsverzeichnis des Handbuchs blicken wir auf eine „raumtheoretische Forschungs-‚Landschaft‛ […] der Literaturwissenschaft“ (S. 5), wie es Dünne / Mahler in der Einleitung selbst beschreiben. So gliedert sich der Theorieteil nicht in theoretische Grundlagen, Konzepte und Forschungsfragen, sondern in Achsen und Räume, diese weiter in Felder, Orte und Wege, so dass der Gegenstand des Handbuchs in seiner Gliederung reflektiert wird. Gleichzeitig intendieren die Herausgeber die Wissenschaft so selbst auch als Raum sichtbar zu machen, der mittels Fragen, Konzepten und letztlich etablierter Methoden abgeschritten werden kann. Das Handbuch wird zum Navigationsgerät, in dem zwar bestimmte Routen bereits vorprogrammiert, andere jedoch jederzeit eingegeben werden können.

 

Die Einleitung zum konzeptuellen Ansatz des Bandes fragt inwiefern die Literaturwissenschaft eigentlich einen Anspruch darauf erheben kann, als Raumwissenschaft zu gelten. Zunächst werden Disziplinen aufgezählt, die sich traditionell (Geometrie, Geographie) oder neuerdings (Geschichtswissenschaft, Soziologie) als Raumwissenschaften verstehen, während die Literatur traditionell als Zeitkunst angesehen wird. So schließen die Herausgeber, dass wenn in der Literatur eine ganz besondere Art von Räumlichkeit erschlossen werden kann, es die Darstellung von „Variationen und Alternativen zu tatsächlich erfahr- oder begehbaren Räumen“ (S. 4) sei. Das besondere Potential der Literaturwissenschaft in Bezug auf die theoretische Erschließung von Raumfragen liege allerdings nicht darin, „verspätet doch noch in den Kreis der ‚Raumwissenschaften‛ aufgenommen zu werden“ (S. 5). Vielmehr gelte es für die kulturwissenschaftliche Raumforschung einen Ort bereitzustellen, an dem diese die medialen und sprachlichen Wurzeln ihrer Theoriebildung reflektieren kann (vgl. S. 5).

 

Der erste Abschnitt des Theorieteils ist in drei Achsen (Topologie, Topographie und Dynamisierung) gegliedert und stellt metatheoretisch die Zugangsmöglichkeiten zum Verhältnis von Literatur und Raum vor. Die dortigen Beiträge liefern dem Einsteiger in die literaturwissenschaftliche Raumforschung wichtige Grundlagen und erhöhen durch konkrete Beispiele und Verweise auf die anwendungsorientierten Aufsätze des Handbuchs Lesbarkeit und Verständnis wesentlich. Auf jeweils lediglich neun bis elf Seiten wird es hierdurch möglich das weite Spektrum, das jede dieser Achsen durchläuft, anzureißen und dabei dennoch die notwendige Tiefe theoretischer Beiträge zu erreichen. Der Band liefert kurze Texte in dichter Sprache und einleuchtende Beispiele – eine ideale Kombination.

 

Die weitere Abhandlung der theoretischen Maßnahmen, mit denen dem Verhältnis von Raum und Literatur zu Leibe gerückt werden kann, wird klassisch vom Allgemeinen ins Konkrete geführt: So folgen einer einleitenden Abschreitung der Deixis (Beitrag von Michael Cuntz) zunächst Forschungs-Felder, dann Konzepte (Orte) und schließlich Methoden (Wege). Durchweg überzeugt in den Beiträgen die sparsame aber effektiv und stets zielgerichtet angebrachte Zusammenfassung und / oder Bezugnahme auf die Klassiker der Raum-Theorie (De Certeau, Deleuze, Guattari, Foucault, Lotman), die dann für den jeweiligen Beitrag mit weiteren Konzepten und Ansätzen angereichert werden.

 

Der anwendungsorientierte Teil III des Handbuchs wird unter dem Titel Plateaus eingeführt durch einen Beitrag von Roger Lüdeke, der in Raumtexten und Texträumen drei Dimensionen als analyserelevant erachtet: die Zeit-, die Sach- und die Sozialdimension. Der Aufsatz ergänzt somit sehr schön die drei einführenden Beiträge des Theorieteils. Auch dieser Beitrag ist versehen mit Querverbindungen zu den anderen Artikeln des Handbuchs, so dass sich an fast jeder Stelle ein Pfad für die weiterführende Lektüre auftut. In den 22 Einträgen in Teil III.2 wird in exemplarischer Weise ein Beispiel für die Möglichkeiten der literarischen Raumforschung gegeben, jeweils ausgehend von einem Beispieltext und zugleich prototypisch für die jeweilige Textraumkonstellation. Die Anordnung der Einträge folgt dabei chronologisch dem Entstehungszeitpunkt der Einstiegstexte, von Homer bis zu Édouard Glissant und Benítez Rojo. Sicherlich hätte eine alternative Anordnung auch in der Zusammenfassung mehrerer Artikel zu Unterkapiteln bestehen können (wie zum Beispiel „Stadträume“ o.ä.); allerdings ist die gewählte chronologische Anordnung eine pragmatische Entscheidung, die auch die Offenheit in der Herangehensweise an die Primärtexte betont.

 

In jedem Beitrag scheint das durchdachte Konzept des Bandes, das offenbar sehr sorgfältige Lektorat sowie die Referenzierung der einzelnen Beiträge zueinander durch. Schnelle Hilfe bei Verständnisproblemen bietet der Glossar, dessen Einträge untereinander verlinkt sind und zugleich auf die Beiträge des Handbuchs verweisen. Für unersättliche Leser_innen und zur weiteren Verwendung für jegliche Forschungsvorhaben im Bereich „Literatur & Raum“ steht eine 34 Seiten starke Auswahlbibliographie zur Verfügung. Zwölfeinhalb Seiten Sachregister und siebeneinhalb Seiten Personenregister erlauben schnelles Zusammentragen von Informationen zu bestimmten Stichwörtern oder Autor_innen – sollte bei der Lektüre doch einmal der rote Faden verloren gehen. Denn dies kann, trotz hoher Lesbarkeit und dicht geschriebenen Texten, durchaus passieren, leuchten doch in fast jedem neuen Absatz weitere interessante Aspekte auf. 

 

 

 

 

 

Dünne, Jörg und Andreas Mahler (Hg.). Handbuch Literatur & Raum, Berlin: De Gruyter, 2015. 590 Seiten, gebunden, 149,99 Euro. ISBN: 978-3-11-030120-5.




Inhaltsverzeichnis

 

I Einleitung (Jörg Dünne und Andreas Mahler) ... 1

II Modelle und Theorien

II.1 Achsen

1. Topologie (Andreas Mahler) ... 17

2. Topographien: Zur Ausgestaltung literarischer Räume (Wolfram Nitsch) ... 30

3. Dynamisierungen: Bewegung und Situationsbildung (Jörg Dünne) ... 41

II.2 Räume

4. Deixis (Michael Cuntz) ... 57

Felder

5. Schrifträume (Hermann Doetsch) ... 73

6. Der literarische Raum (Xavier Garnier) ... 88

7. Raum und Erzählung (Birgit Neumann) ... 96

8. Raum und Theatralität (Sabine Friedrich) ... 105

9. Räume des Wissens (Burkhardt Wolf) ... 115

10. Geopolitik und Globalisierung (Niels Werber) ... 126

11. Postkoloniale Räume (Tobias Döring) ... 137

Orte

12. Landschaft (Michel Collot) ... 151

13. Chronotopoi (Michael C. Frank) ... 160

14. Semiosphäre und Subjekt (Cornelia Ruhe) ... 170

15. Utopie und Heterotopie (Rainer Warning) ... 178

16. Nicht-Orte (Matei Chihaia) ... 188

17. Mnemotop (Nicolas Pethes) ... 196

Wege

18. Ecocriticism und Geopoetik (Tatjana Hofmann) ... 207

19. Literarische Geographie und Geokritik (Michel Collot) ... 217

20. Literaturgeographie und Literaturkartographie (Barbara Piatti) ... 227

21. Literarisches Feld (Joseph Jurt) ... 240

22. Kartographisches Schreiben und kartographische Imagination (Federico Italiano) ... 249

23. Transitorische Räume (Vittoria Borsò) ... 259

24. Nicht-euklidische Räume (Oliver Simons) ... 272

III. Paradigmen

III.1 Plateaus

25. Formationen literarischer Raumgeschichte (Roger Lüdeke) ... 285

III.2 Texträume und Raumtexte

26. Das Mittelmeer: Reisen, Navigieren, Erzählen (Markus Janka) ... 301

27. Athen: Autochthoner Raum und politisches Theater (Susanne Gödde) ... 312

28. Rom: Imperium Romanum (Bernhard Teuber) ... 324

29. Vom Artushof nach King's Landing: Chrestien de Troyes und die Mediävisierung politischer Topographie (Xuan Jing) ... 335

30. Der lange Raum: Die grosse kirch in der Vnderweisung der kunst des Messens der Offizin Hieronymus Rodler (Christina Lechtermann) ... 344

31. Die ‚Neue Welt‛: Reisen und Alterität (Hanno Ehrlicher) ... 355

32. Atlantik/Pazifik: Die imaginäre Erschließung der Ozeane im Zeitalter der Segelschifffahrt (Margaret Cohen) ... 364

33. Venedig: Ambiguität der Republik (Isabel Karremann) ... 376

34. London: Frühneuzeitliche Großstadt (Sabine Schülting) ... 385

35. Die Straße: Mobilität und Festkultur im Siglo de Oro (miriam Lay Brandner) ... 393

36. Versailles: Höfische Spielräume (Ulrike Sprenger) ... 403

37. Das Kaffeehaus: Bürgerliche Öffentlichkeit (Sebastian Domsch) ... 413

38. Nissopoiesis: Wie Robinsone ihre Inseln erzählen (Daniel Graziadei) ... 421

39. Paris: Urbanität, Entgrenzung, Flüchtigkeit (Karin Westerwelle) ... 431

40. Meer/Luft/Wüste: Eroberung des Naturraums (Wolfgang Struck) ... 442

41. ‚Intervenierendes Papier‛: Die Seite als Schrift- und Denkraum (Kurt Hahn) ... 451

42. St. Petersburg: Exzentrische Moderne (Susi K. Frank) ... 461

43. New York: „The center of things“ – Die Raumzeit der Metropole (Johanna Schumm) ... 469

44. Tlön: Imaginationsräume und Anderwelten (Victor A. Ferretti) ... 478

45. Das Lager: Raum der Ausnahme (Judith Kasper) ... 485

46. Megastadt: Kinematographisches Mumbai und das Rhizom des Abjekten (André Otto) ... 494

47. Korallen: Migration und Transozeanität (Johanna Abel und Gesine Müller) ... 505

IV. Glossar ... 515

V. Auswahlbibliographie ... 529

VI. Register

Personenregister ... 563

Sachregister ... 571

VII. Abbildungsnachweise ... 585

VIII. Autorinnen und Autoren ... 587

 

 

 

 

 

Mapping current literary research on textual space and space texts

The Handbook to Literature & Space (Handbuch Literatur & Raum) provides an innovative guide to the field of interdisciplinary literary research on textual spaces and space texts. Following up-to-date research questions, the handbook offers comprehensible texts which are nevertheless informative and written densely. Single entries have been interlinked extensively. Exemplary analyses of primary texts are illustrated by specific recourse to the canonical texts of spatial theory. The book therefore offers insight especially into current research on space in literary studies.

 

 

 




© bei der Autorin und bei KULT_online