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Von den Grenzen der Medien zu den Grenzen der Intermedialitätsforschung

Eine Rezension von 

handbook of intermediality online

 

 

Rippl, Gabriele (Hg.): Handbook of Intermediality. Literature – Image – Sound – Music. Berlin: De Gruyter, 2015.

 

Intermedialität dient als Oberbegriff, um die komplexen Beziehungen und Verhältnisse zu beschreiben, die zwischen verschiedenen Künsten und Medien existieren. So weit der Begriff Intermedialität gefasst ist, so unterschiedlich und heterogen sind auch die Phänomene, die er beschreibt. Dies zeigt das Handbook of Intermediality. Literature - Image - Sound – Music, das 34 Beiträge versammelt, die sich der Frage nach intermedialen Beziehungen zwischen verschiedenen Kunst- und Medienformen widmen. Die im Sammelband diskutieren Beispiele verweisen dabei nicht nur auf die Grenzen zwischen den Medien, sondern auch auf die Grenzen der traditionellen Intermedialitätsforschung.




> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Intermedialität scheint heutzutage allgegenwärtig zu sein. Kaum eine gegenwärtige künstlerische Praxis ist, inhaltlich oder ästhetisch, unabhängig von anderen Kunstformen oder anderen Medien zu denken. Es wundert deswegen nicht, dass auch die Geisteswissenschaften sich dieses Themas angenommen haben. Ob in den Literatur-, den Kunst- oder den Kulturwissenschaften, „hybride“ Kultur- und Kunstkonfigurationen, die die „festen Grenzen“ der Medien und der Künste überschreiten und dabei auf die Probe stellen, sind zu einem beliebten Untersuchungsgegenstand geworden. Die große Aufmerksamkeit, die jene Phänomene bereits seit den 1980er Jahre erhalten haben, hat dabei zugleich zu einem sehr heterogen und vielfältig ausgebildeten Feld unterschiedlicher Ansätze und Definitionen von Intermedialität geführt. Die systematische Auseinandersetzung mit einer großen Anzahl an intermedialen Phänomenen hat zugleich auch ein großes Spektrum an Methoden und theoretischen Perspektiven auf intermediale Konfigurationen entstehen lassen. Das Handbook of Intermediality. Literature - Image - Sound - Music mit seinen über 30 Einzelbeiträgen demonstriert dies anschaulich.

 

Unter der leitenden Prämisse, dass „all media and art forms are interconnected and […] intermedial qualities always inhere in cultural phenomena“ (S. 3), gibt das Handbook of Intermediality einen umfangreichen Überblick zu verschiedenen Ansätzen und Gegenständen der Intermedialitätstheorie. In einem einleitenden Überblick wird der historische und theoretische Rahmen des Forschungsfeldes abgesteckt. Die Einzelbeiträge präsentieren dann theoretische Positionen und Fallstudien aus unterschiedlichen Disziplinen, die jedoch einen gemeinsamen Fokus auf den anglo-amerikanischen Kontext haben. Der erste – und umfangreichste – Teil des Bandes widmet sich Phänomenen aus dem weiteren Bereich der Literatur: Ekphrasis, Literatur und Fotografie, Literatur und Film, Visuelle Literazität und intermediales Erzählen. Der zweite Teil des Bandes fokussiert die Beziehungen zwischen Literatur, Musik und Performance. Der dritte Teil versammelt Beiträge zu Methodenfragen der Intermedialitätsforschung. Hervorzuheben sind jene Beiträge, die etablierte Perspektiven, Konzepte oder Methodologien erweitern und intermediale Konstellationen auch als kulturelle, das heißt nicht als rein ästhetische Phänomene betrachten.

 

So reagiert Birgit Neumann in ihrem Aufsatz „Intermedial Negotiations: Postcolonial Literatures“ exemplarisch auf jene Tendenz, intermediale Konfigurationen aus einer rein formalen Perspektive zu betrachten. Insofern die Funktion intermedialer Phänomene tendenziell immer über formal-ästhetische Fragestellungen hinausgeht – „intermedial configurations are not to be regarded as aesthetic ends in themselves“ (S. 513) –, plädiert Neumann stattdessen für Herangehensweisen, die der Komplexität symbolischer Formen gerecht werden: „an understanding of intermediality that can do justice to both its aesthetics and its potential political implications“ (S. 513). Sie fokussiert dabei vor allem Ansätze der postkolonialen Theoriebildung. Die bis jetzt kaum systematisch untersuchte Verbindung von intermedialen und postkolonialen Perspektiven, so Neumann, kann eine Bereicherung für beide Forschungsfelder sein. Zum einen ermöglicht sie, zentrale Themen und Begriffe der Postkolonialen Studien mit Blick sowohl auf spezifische mediale Praktiken als auch auf die Rolle von Medienfragen in unterschiedlichen kulturellen Dynamiken zu denken. Zum anderen und parallel hierzu erlaubt dieser Ansatz, die der Intermedialität zugrundliegenden kulturellen und politischen Implikationen in den Blick zu nehmen. Die Untersuchung von „the politics of symbolic forms“ (S. 512) kann also zur Aufgabe beider Forschungsfelder werden.

 

Symptomatisch zeigt sich in zahlreichen Beiträgen ein Bedürfnis der Erweiterung der methodologischen Wege, welche die Intermedialitätsforschung bisher dominiert und häufig nur den Vergleich verschiedener Medienformen fokussiert haben. Guido Isekenmeier verweist auf die Perspektive der Literary Visuality Studies, die sich der „role of literature(s) in visual culture(s)“ widmen und damit als „alternative or complementary paradigm to intermediality studies“ verstanden werden können. Dieser kulturtheoretische Fokus hebt hervor, „[that] visual culture’s range extends beyond (the) media and their definition as ‚conventionally distinct means of communicating cultural contents‘“ (alle S. 325). Damit geht es nicht mehr um die Betrachtung sowie den Vergleich von Text und Bild als getrennten Medien, vielmehr gerät die visuelle Dimension von Text und Literatur selbst ‚in den Blick’. Erst durch die Betrachtung von oft ausgeblendeten literarischen visuellen Formen und Phänomenen kann demnach jene von Isekenmeyer konstatierte „‚aesthetic blindness to textual visibility“ (S. 327) überwunden werden.

 

Auch Wolfgang Hallet verweist in seinem Aufsatz auf die Grenzen der Intermedialitätsforschung, denn „it is obvious that a single methodology of intermedial analysis can probably do not justice to all forms of medial interrelations“ (S. 606). Hallet schlägt stattdessen vor, jedes intermediale Phänomen in seiner eigenen Spezifität zu konzeptualisieren, dabei systematisch vorzugehen und verschiedene Dimensionen und Formen der Intermedialität zu berücksichtigen. Die Analyse intermedialer Konfigurationen, so Hallet, sollte zwischen Genres, Repräsentations-, Imitationstypen, dargestellten Medien und semiotischen Systemen literarischer Texte unterscheiden sowie diese in einer holistischen Interpretation zusammenfassen (Vgl. S. 609).

 

Gemeinsam ist den meisten Beiträgen des Sammelbandes der Versuch, die etablierten Theorien und Methodologien zur Untersuchung des hybriden Charakters intermedialer ästhetischer Kulturproduktionen aus interdisziplinärer Perspektive weiterzudenken. Der Leser findet dabei theoretische wie praxisbezogene Anregungen, um Phänomene zu betrachten, die nicht nur zwischen den Künsten und Medien, sondern auch oft jenseits rein semiotischer Modi zu verorten sind.

 

Dem Sammelband gelingt es, einen Überblick und ein breites Spektrum von Perspektiven der Intermedialitätsforschung zu geben. Das Handbuch ist in diesem Sinne mehr als eine Bestandsaufnahme zum status quo intermedialer Forschungsansätze. Die Heterogenität des Intermedialitätsdiskurses spiegelt sich nicht nur in den unterschiedlich fokussierten Beiträgen wieder, diese reflektieren selbst auf unterschiedliche Art und Weise die ästhetische, mediale und kulturelle Komplexität intermedialer Konfigurationen. Deutlich macht die Lektüre des Sammelbandes, dass ein einziges Analysemodell für alle intermedialen Phänomene nicht das Ziel der Diskussion sein kann. Der Anspruch des Bandes ist vielmehr, die ästhetisch-medialen Grenzen als historisch-diskursive Konstrukte und als kulturell geprägte Diskurse zu hinterfragen.

 

 

 

 

Rippl, Gabriele (Hg.): Handbook of Intermediality. Literature – Image – Sound – Music. Berlin: De Gruyter, 2015. 691 Seiten, gebunden, 199,95 Euro, ISBN: 978-3-11-030836-5.




Inhaltsverzeichnis

 

Gabriele Rippl

Introduction … 1

 

Part I: Text and Image

Ekphrasis

James A. W. Heffernan

Ekphrasis: Theorie … 35

Andrew James Johnston

Medieval Ekphrasis: Chaucer’s Knight’s Tale … 50

Margitta Rouse

Text-Picture Relationships in the Early Modern Period … 65

David Kennedy

Ekphrasis and Poetry … 82

Sylvia Karastashi

Ekphrasis and the Novel / Narrative Fiction … 92

Johanna Hartmann

Ekphrasis in the Age of Digital Reproduction … 113

Gabriele Rippl

Postcolonial Ekphrasis in the Contemporary Anglophone Indian Novel … 128

 

Literature and Photography

Julia Straub

Nineteenth-century Literature and Photography … 156

Astrid Böger

Twentieth-century American Literature and Photography … 173

Danuta Fjellestad

Nesting - Braiding - Weaving: Photographic Interventions in Three Contemporary American Novels … 193

Jan Baetens

The Photographic Novel … 219

 

Literature and the Moving Image

Laura Marcus

Film and Modernist Literature … 240

Barbara Straumann

Adaptation - Remediation - Transmediality … 249

Christine Schwanecke

Filmic Modes in Literature … 268

Elisabeth Bronfen

War Literature into War Film: The Aesthetics of Violence and The Violence of Aesthetics … 287

Eckart Voigts

Literature and Television (after TV) … 306

 

Literary Visuality and Intermedial Framing

Guido Isekenmeier

Literary Visuality: visibility - Visualisation - Description … 325

Renate Brosch

Images in Narrative Literature: Cognitive Experience and Iconic Moments … 343

Michael Meyer

Intermedial Framing … 361

 

Intermedial Narration: Text-Picture Combinations

Peter Wagner

The Nineteenth-century Illustrated Novel … 378

Johanna Hartmann

Intermedial Encounters in the Contemporary North American Novel … 401

Daniel Stein

Comics and Graphic Novels … 420

Jan-Noël Thon

Narratives across Media and the Outlines of a Media-conscious Narratology … 439

 

Part II: Music, Sound and Performance

Werner Wolf

Literature and Music: Theory … 459

Philipp Schweighauser

Literary Acoustics … 475

Erik Redling

The Musicalization of Poetry … 494

Birgit Neumann

Intermedial Negotiations: Postcolonial Literatures … 512

Claudia Georgi

Contemporary British Theatre and Intermediality … 530

Christina Ljungberg

Intermediality and Performance Art … 547

Maria Marcsek-Fuchs

Literature and Dance: Intermedial Encounters … 562

Britta Neitzel

Performing Games: Intermediality and Videogames … 584

 


 

 

 

From the Margins of the Media to the Margins of Intermediality Studies

 

 

Intermediality serves as an umbrella-term that describes the manifold and complex relationships between the arts and their media. And as broad as the term itself is, so diverse and heterogeneous are the described phenomena. The Handbook of Intermediality. Literature - Image - Sound - Music collects more than 30 articles opening new perspectives on current questions around Intermediality, its theories, methods, and corresponding case studies. From different perspectives and fields the texts not only point to the medial boundaries, but also question the boundaries and limitations of the intermediality studies themselves.



© bei der Autorin und bei KULT_online