Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Ganz oben links auf jeder Seite befindet sich das Logo der JLU, verlinkt mit der Startseite. Neben dem Logo kann sich rechts daneben das Bannerbild anschließen. Rechts daneben kann sich ein weiteres Bild/Schriftzug befinden. Es folgt die Suche. Unterhalb dieser oberen Leiste schliesst sich die Hauptnavigation an. Unterhalb der Hauptnavigation befindet sich der Inhaltsbereich. Die Feinnavigation findet sich - sofern vorhanden - in der linken Spalte. In der rechten Spalte finden Sie ueblicherweise Kontaktdaten. Als Abschluss der Seite findet sich die Brotkrumennavigation und im Fussbereich Links zu Barrierefreiheit, Impressum, Hilfe und das Login fuer Redakteure. Barrierefreiheit JLU - Logo, Link zur Startseite der JLU-Gießen Direkt zur Navigation vertikale linke Navigationsleiste vor Sie sind hier Direkt zum Inhalt vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen vor Suche vor Fußbereich mit Impressum

Artikelaktionen

Vernetztes Denken: Wie metaphorische Verstrickungen Kultur machen

Eine Rezension von 

Metaphorologie der Vernetzung online

 

 

Friedrich, Alexander: Metaphorologie der Vernetzung: Zur Theorie kultureller Leitmetaphern. Paderborn: Wilhelm Fink, 2015.

 

In Alexander Friedrichs Monographie "Metaphorologie der Vernetzung" werden terminologische und metaphorische Verwendungen von Netzkonzepten ausgehend von der Antike bis hin zur Netzwerkgesellschaft besprochen und in ihren historischen sowie logischen Beziehungen zueinander geklärt. Dabei wird die Genese der Bedeutung der modernen "Netzwerke" mithilfe einer neuen metaphorologischen Methode erarbeitet, nämlich der "Stratigraphie" (als Lehre von der Schichtung) kultureller Leitmetaphern. Mithilfe des Modells wird nachgezeichnet, wie in historischen Kontexten lebensweltliche Phänomene mit Netzmetaphern beschrieben wurden und wie diese als Schichten in die moderne Verwendung als zunächst epistemische und dann kulturelle Leitmetapher eingegangen sind.




> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Alexander Friedrich arbeitet in seinem Buch heraus, wie die Idee des Netzes historisch so dominant wurde, dass wir uns heute als Netzwerkgesellschaft verstehen können. Die Analyse beginnt mit der Metaphorizität und Historizität der Metapher: "Der Begriff der Metapher, der benötigt wird, um die Geschichte und Bedeutung der Netzwerkmetaphorik zu erläutern, scheint nicht nur vorauszusetzen, sondern selber erst dadurch erklärt zu werden, was er erläutern soll." (S. 58) Dieser Befund markiert ein Problem, Friedrich nennt es einen "metaphorologischen Knoten". Er verweist auf Veränderungen innerhalb der Metapherntheorie, konkret auf Verschiebungen vom aristotelischen Paradigma der Übertragung hin zu Paul Ricœurs Konzeption als Metaphern-"Netz" (!).

 

Der erste Teil der Dissertation zeichnet diese Entwicklung von Aristoteles Analogiemetapher ("einem Vagabunden oder Entdecker, der neue Wege erschließt" (S. 114)) her nach um peu à peu ein Modell komplexer Metaphern zu entwickeln. Friedrich versteht die aristotelische Metapher als eine "historisch, semantisch und logisch zu rekonstruierende Figur des Wissens" (S. 124). Jacques Derrida argumentiert davon ausgehend gegen eine absolute Differenz von Begriff und Metapher— und kommt dabei zu dem Schluss, dass eine philosophische Metaphorik nicht "beherrschbar" sei, weil sie immer aus synchron verteilten "Quasi-Metaphern" hervorgehe, die daher als "Meta-Metaphern" fungierten (S. 149). Friedrich konstatiert hier eine aporetische Konsequenz, an der Ricœur mit einem "produktiven Missverständnis" ansetze. Ricœur sehe in Derridas Überlegungen ein Abnutzungsmodell der Metapher, dem er dann sein Spannungsmodell entgegensetze, welches die von Derrida thematisierte synchrone Dimension um eine diachrone erweitert. Die "lebendige Metapher" wird als eine "impertinente Äußerung" charakterisiert, die durch Wiederholung mit einer "neuen semantischen Pertinenz" versehen werden kann und damit letztlich als "tote Metapher" keine originelle Aussage mehr ist (S. 163). Um dieses Wechselspiel von Spannung und Stabilität – und ausgehend von dem Dreiklang Analogie, Synchronizität, Diachronizität – entwickelt Friedrich das theoretische Kernstück seiner Arbeit, das "Modell komplex stratifizierter Metaphern" (S. 178). Mit diesem wird die besondere Form von kulturellen Leitmetaphern gekennzeichnet als "Dynamik begrifflicher Verwerfungen, referentieller Verschiebungen, semantischer Neubestimmungen und kultureller Umwertungen" (S. 187). Zugleich wird ihre Wirklichkeit von Ricœurs Schultern aus als die von "untoten Metaphern" (S. 191) charakterisiert.

 

Bei Derrida ist das Netz der Metapher ein "Gewebe" und "Weben", bei Ricœur dagegen die "Organisationsform komplexer Kommunikations- und Infrastrukturen" (S. 227). Diese Differenz (und Transformation) in der Metapherntheorie nimmt Friedrich zum Ausgangspunkt von kulturwissenschaftlich orientierten Textanalysen. Diese bilden den Auftakt zum zweiten großen Teil des Buches, der Verwendungskontexte einer gleichsam "untoten" Netzwerkmetaphorik freilegt – wie sie immer öfter Verwendung findet, wenn "der Begriff Komplexität allein nicht mehr auszureichen scheint" (S. 240). Friedrich unternimmt Streifzüge durch die Schriften von Manuel Castells, Jeremy Rifkin und Peter Sloterdijk, untersucht spitzenpolitische Aussagen zur europäischen Fiskalpolitik und analysiert Feuilletonartikel zum Thema Internet. Jeweils kann er die hohe Disponibilität der Metaphorik nachweisen und dokumentieren, wie verschiedene Aspekte oder Stufen der Bedeutung akzentuiert oder aber auch miteinander vermischt werden: "Wie die bisherigen Beobachtungen nahelegen, treten die Textil-, Beute-, Kommunikations- und Infrastrukturnetze in ein metaphorisches Verhältnis zueinander, das nicht einfach mit dem Konzept der Polysemie, sondern nur mit dem Konzept der Spannung angemessen zu beschreiben ist" (S. 252). Das stratigraphische Modell wird in Position gebracht, um jene relevanten Kontexte zu identifizieren, die die Netz(werk)metaphoriken prägen und der Trope ihre epistemische und kulturelle Kraft verleihen. Zielstellung ist dabei auch "Phasen ihrer Lexikalisierung, Terminologisierung und Re-Metaphorisierung zu identifizieren" (S. 258). Das Projekt ist also eine theoretisch motivierte und zugleich umfassende Geschichte der Netzwerkmetaphorik.

 

In einem quellengesättigten Durchgang durch die Geschichte der Verwendung von Netzen als Metaphern geht der Autor auf antike Vorstellungen ein, beispielsweise die Orestie des Aischylos, wo Netze Fangnetze sind. Wie sich dies immer wieder, insbesondere aber in der Moderne ändert, zeigt Friedrich enorm lehrreich und überzeugend auf. Dafür arbeitet er heraus, wie das Netz in den Taxonomien der Naturgeschichte ab dem 18. Jahrhundert als eine morphologische Ordnungsmetapher funktioniert und letztlich zu einer epistemischen Metapher avanciert. Diskursanalytisch wird nachgezeichnet, wie das Netz sich wandelte von einem Gegenstand zu einem "Verhältnis von Dingen und Akteuren" (S. 290). Es folgt der Nachweis, wie dieses moderne Netz-Modell im Laufe des 19. Jahrhunderts in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Diskursen terminologisiert wird und sich eine morphologisch-funktionale Netzwerkmetaphorik gleichsam mit technischen Innovationen (wie Eisenbahn- und Telegraphennetzen) verbreitet.

 

Antike Fanginstrumente und moderne Ordnungsstrukturen erfüllen den semantischen (Hinter-)Sinn von Netzmetaphern. Aber sie bleiben nicht nebeneinander stehen, sondern nehmen Bezug aufeinander, durchmischen sich. Und so entstehen auf diskursiven Ebenen zunehmend komplexe rekursive Wechselbeziehungen, die sich zu einem "interpertinenten metaphorischen Netz verdichten." (S. 304) Hier bewährt sich die Erklärungskraft des im ersten Teil entwickelten Modells, anhand dessen sich verschiedene Bedeutungsschichten und Kontexte auseinanderhalten und zugleich aufeinander beziehen lassen.

 

Friedrich argumentiert, dass "Netz" und "Netzwerk" einen nicht auflösbaren Sinnüberschuss generieren, weil sie als tertium einer Analogie fungieren, die als "Gleichung mit zwei Unbekannten" (S. 311) in keinem Bereich einen sicheren Stand hat. Vielmehr werden verschiedene Polysemien in einem "problematischen Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität" (S. 332) durch einen reziprok-konstitutiven Zusammenhang verbunden. Dieser Zusammenhang reagiert stets sensibel auf Kontextveränderungen, wodurch es zu keiner endgültigen Stabilisierung kommen kann. Die Metaphern bleiben sozusagen "Untote".

 

In diesem Aggregatzustand – das ist der letzte gedankliche Schritt des Buches – erhält der Status des "Vernetztseins" eine normative Dimension, wird also von einer Analysekategorie zu einem Gebot, mitunter zur Ideologie beziehungsweise in der Terminologie von Friedrich zu einer kulturellen Leitmetapher.

 

Am Ende des Buches angelangt ist man von der Materialfülle und der Schlüssigkeit überwältigt, anhand derer die Geschichte der voranschreitenden Vernetzung erzählt wird. Zugleich gewinnt man aber das Konzept der kulturellen Leitmetapher und das Modell komplex stratifizierter Metaphern, mit denen ein semantisches Ungetüm wie "Netz" bzw. "Netzwerk" fassbar wird. Gerade jenes Modell lässt sich auch auf kleineren Ebenen zur Anwendung bringen und wird damit für weitere Untersuchungen nützlich sein. Die akribischen kulturwissenschaftlichen Analysen wiederum werden auch Leser_innen begeistern, die sich für Metapherntheorie oder Methoden der Metaphorologie nicht interessieren. Sie sind für sich genommen interessant und stellen als Deutungsversuche eine Fundgrube dar; als Episoden im Narrativ der Vernetzung sind sie zudem schlüssig. So wird mit Friedrich der "metaphorologische Knoten" letztlich nicht zerschlagen und auch nicht eigentlich aufgelöst, sondern bis in kleinste Fasern hinein von seinen losen Enden her aufgeschlüsselt. Diese Monographie kann wärmstens allen empfohlen werden, die sich für die Erklärungspotentiale von Metaphorologie und für Metaphern als epistemische oder handlungsleitende Figuren interessieren. Sie ist aber auch ein tolles Lesestück für Freunde_innen von literarischen oder populären Diskursen über Netze.

 

 

 

 

Friedrich, Alexander: Metaphorologie der Vernetzung: Zur Theorie kultureller Leitmetaphern. Paderborn: Wilhelm Fink, 2015. 425 Seiten, broschiert, 59 Euro, ISBN: 377055860X.




Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

Das Netz als kulturelle Leitmetapher …1

Abriss: Beobachtungen zur Karriere einer umstrittenen Denkfigur …5

1.  Eine Metapher gesellschaftlichen Umbruchs …5

2.  Leitmotiv vernetztes Denken: Ein neues Weltbild …6

3.  Versetzte Konjunkturzyklen und -geschwindigkeiten …7

4.  Netz-Euphorien …8

5.  Signatur eines Epochenwechsels …10

6.  Naturalisierung und Universalisierung …11

7.  Vernetzung als Prinzip der Weltgeschichte …14

8.  Im Bann der kulturellen Leitmetapher …15

9.  Paradigma und Imperativ der Vernetzung …17

10. De-/Remytifizierung einer ideologischen Metapher …19

11. Absoluter Begriff vs. Absolute Metapher … 21

12. Genealogie(n) eines Universalkonzepts …24

Aufriss: Problematik und Fragestellung …26

1.  Strategien: Reduktion oder Entgrenzung des Metaphorischen? …26

2.  Anschlüsse: Metapherntheoretische Ansätze und Probleme …28

3.  Referenz: Gegenstand und Motive der Netzmetaphorik …31

4.  Dynamik: Datierung und Wechselwirkungen der Leitmetaphorik …33

5.  Fragestellung: Was sind kulturelle Leitmetaphern? …34

Umriss: Ziel, Aufbau und These der Arbeit …35

1.  Methodische Vorüberlegung …35

2.  Aufbau und Textauswahl …37

3.  Exposition der These …39

 

Erster Teil

Metaphorologie als Theorie und Methode …41

I.  Metaphorologie als Kulturphilosophie. Blumenberg und die Absolute Metapher …53

1.  Tropologie und Anthropologie …57

2.  Metaphern- oder Begriffsgeschichte? …68

3.  Metaphorologische Konsequenzen, offene Fragen: Metakinetik und Umbesetzung …74

II.  Metaphorologie als Naturphilosophie. Aristoteles und die Analogiemetapher …90

1.  Entfremdung und Ähnlichkeit …92

2.  Nachahmung und Verwirklichung …107

3.  Metaphorologische Konsequenzen, offene Fragen: epistemischer und kultureller Index …114

III.  Metaphorologie als philosophisches Dilemma: Derrida und die Quasi-Metapher …123

1.  Die tote Metapher: Kritik der etymologischen Metaphorologie …124

2.  Die heliotropische Metapher: Kritik der metaphysischen Metaphorologie …127

3.  Die supplementäre Metapher: Kritik der taxonomischen Metaphorologie …133

4.  Quasi-Metaphorizität: Lösung des metaphorologischen Dilemmas …135

5.  Metaphorologische Konsequenzen, offene Fragen: Kontext und Geschichte …140

IV.  Metaphorologie als Sprachphilosophie. Ricœur und das Netz der Metapher …149

1.  Kontroversion: Die Metapher als impertinente Aussage …151

2.  Polysemie: Der Prozess der Lexikalisierung …154

3. Wechselwirkung: Spannung und Pfropfung …161

4.  Interpretation: Die Hermeneutik des gemischten Diskurses …165

5.  Metaphorologische Konsequenzen, offene Fragen: Kontextstabilität und Interpertinenz …168

V.  Metaphorologie als philosophische Methode. Stratigraphie und Technotropie …187

1.  Methodologische Konsequenzen des Netzmodells …188

2.  Leitfossiltechnik und stratigraphische Methode …197

3.  Metaphorologische Archäologie als Technisierungsgeschichte …203

 

Zweiter Teil

Metaphorologie der Vernetzung …210

VI.  Der Begriff der Metapher als Index historischen Wandels …211

1.  Technotropische Kehrseiten des Metaphernbegriffs …212

2.  Technisierung und Metaphorisierung der Lebenswelt …228

3.  Metaphorologische Konsequenzen, offene Fragen …246

VII.  Stratigraphische Perspektiven. Das Netz als metaphorisches Leitfossil …254

1.  Archaische und antike Ursprünge: textile Paradigmen …255

2.  Modernisierungen und Transformationen: struktur-funktionale Paradigmen …278

 

Schluss

Zur Struktur und Dynamik kultureller Leitmetaphern …325

Rückblick: Resümee und Schlussfolgerungen …325

1.  Ein metaphorischer Paradigmenwechsel: Zwei Netztypen …325

2.  Zur Wechselwirkung und Ambivalenz des metaphorischen Prozesses …328

3.  Zur Logik epistemischer Metaphern …333

Umblick: Von der epistemischen zur kulturellen Leitmetapher …341

1.  Modell- und Theoriebildung …343

2.  Naturalisierung und Normativität …352

Ausblick: Zur Theorie kultureller Leitmetaphern …361

1.  Stratifizierte Lexikalisierung …362

2.  Ambivalenter Absolutismus …366

3.  Zur Logik kultureller Leitmetaphern …371

 

Literatur …379

Bildnachweise …406

 

 

 

 

Connecting Contemplated: The Cultural Dominance of Metaphorical Entanglement

 

In Alexander Friedrich’s monograph “Metaphorologie der Vernetzung,” on the terminological and metaphorical uses of network concepts ranging from antiquity through to network society, these are discussed and clarified within their historical and logical relationships. The genesis of the meaning of modern networks is traced by using a new metaphorological method, namely the “stratigraphy” of cultural lead-metaphors. The model shows how lifeworld phenomena have been depicted with net-metaphors in various historical contexts and how these became layers of within modern application, first as an epistemic and then as cultural lead-metaphor.




© beim Autor und bei KULT_online