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Verfangen im Netz. Die Entstehung der Netzwerkgesellschaft zwischen Utopie und Realität

Eine Rezension von 

Apprich, Clemens Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft online

 

 

Apprich, Clemens: Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft. Bielefeld: transcript, 2015.

 

Es geht in der vorliegenden Arbeit Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft von Clemens Apprich um die Vorgeschichte der Netzwerkgesellschaft im europäischen Kontext. Er untersucht die historischen Bedingungen eines inzwischen allgegenwärtigen Netzwerkdiskurses und lüftet den ideologischen Schleier um Utopien der 1990er Jahre, wie etwa der Emanzipation der Frauen, des Individuums oder der Teilhabe aller an den neuen Medientechnologien. Der Autor geht hart mit den großen Medien-Unternehmen ins Gericht und kritisiert die massenmediale Logik der kommerziellen Online-Medien welche dazu dienen, eine normative Subjektivität herzustellen. Abschließend werden alternative Vorschläge unterbreitet, die einen neuen Weg im Umgang mit dem Internet vorzeigen.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Der Titel des Buches Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft von Clemens Apprich ist Programm. Das Thema des Buchs, zugleich das Ergebnis seiner Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist die Entstehung des Netzwerksdiskurses. Ausgangspunkte der heutigen Entwicklungen liegen insbesondere in den 1990er Jahren. Ziel des Autors ist die Re-aktualisierung der Diskussion um die Gefahren der Vernetzung der Gesellschaft und die Formulierung von Alternativen für unsere technokulturelle Zukunft.

 

Will man die Prozesse einer zunehmend vernetzten Gesellschaft und die Entstehung und Formierung des Netzwerkdiskurses verstehen, muss man in die Vergangenheit zurückblicken. Genau diesen Schritt geht Clemens Apprich im ersten Teil seiner Untersuchung. Er geht auf jene Mediendebatte ein, die den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft erkannt und thematisiert hat. Die Debatte um das Paradigma Netzwerk wurde im Kontext der Ausstellung „Les Immatériaux“ von Jean François Lyotard im Jahr 1985 initiiert und von Jean Baudrillard konkretisiert. In seinem Werk kritisiert Baudrillard das medientheoretische Programm der Bewegung 1968, das sich emanzipatorische Kraft zugesprochen habe und damit die Grundlagen einer sozialistischen Medientheorie legen wollte. Baudrillards Einfluss führte zur Entstehung einer „deutschen Medientheorie“ Ende der 1980er Jahre, deren Vertreter wie Friedrich Kittler, Peter Weibel oder Norbert Bolz sich zunehmend für das Apriorische der Medien interessierten. Dieses zeichne sich dadurch aus, dass die Handlungsmacht der Subjekte mehr und mehr unter Druck gerät. Dieser Umstand begünstigte die Entstehung einer „Netzkritik“-Bewegung, die sich als direkte Antwort auf die „spekulative Medientheorie“ verstanden hat und gegen einen Techno-liberalismus ausgerichtet war, der als die „kalifornische Ideologie“ bekannt ist. Diese Ideologie sei eine Mischung aus liberalem Individuum und technologischem Determinismus. In Abgrenzung dazu entstand in Europa (etwa in Wien, Berlin, Amsterdam, London) die Netzkritik, die unter anderem eine Kombination aus postmoderner Theorie, Institutionskritik, Medienaktivismus und Kritik der politischen Ökonomie der Netze ist. Ziel der Bewegung war es, die Pläne der etablierten Medien und des etablierten Kunstbetriebs zu durchkreuzen. Die Netzkritik wollte nicht nur die medialen Voraussetzungen mitdenken, sondern diese mitgestalten. Sie forderte den Zugang aller zu den neuen Medientechnologien, den Eingriff in die Netzwerkprozesse und übte zugleich Kritik an der cyberelitären Ideologie der 1990er. Der ubiquitäre Zugang zu Internettechnologien schürte die Hoffnung auf neue Formen der politischen Teilhabe, welche vor allem in den »taktischen Medien« der 1990er Jahre zum Ausdruck kamen. Taktische Medien sollten dazu animieren, hegemoniale Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen. Das Ziel lag darin, Grenzen zu überschreiten und die Herrschaftsformen herauszufordern, indem man in die bestehenden Herrschaftsfeldern interveniert beziehungsweise disziplinübergreifend arbeitet.

 

Im zweiten Teil der Arbeit werden ferner die lokalen Wissensfelder der Netzkulturen in ihren globalen Kontext betrachtet: So weist der von Manuel Castells geprägte Begriff der „Netzwerkgesellschaft“ auf eine soziale Struktur hin, die sich aus einer netzförmigen Verknotung von Information, Technik und Kapital zusammensetzt. In den daraus hervorgehenden Spannungen zwischen lokalen Konfigurationen und globalen Datenströmen werden nicht nur Produktionsgänge verändert und bestehende Machtverhältnisse herausgefordert, sondern auch neue Wissensformen erzeugt. Mit Hilfe der Stadtmetapher versuchte man den Datenraum zu strukturieren und die Realität mit Hilfe der Computertechnologien zu demokratisieren. Dieses sozio-technische Wechselverhältnis wird von Clemens Apprich präzise seziert. Er betrachtet die Vernetzungsgeschichte aus einer mediengenalogischen Perspektive und legt die Entstehungs- und Aushandlungsprozesse der Netzwerke offen. Er stellt aus medienhistorischer Sicht fest, dass eine Vielzahl der Technologien, Praxen und Entwürfe des so genannten Web 2.0 in dieser Zeit entstanden sind, jedoch ohne die damit erhofften gesellschaftlichen Utopien einzulösen. Neben der staatlichen Regulierung entscheiden heute vor allem große Konzerne über die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren. Die fehlende finanzielle Unterstützung zur Hervorbringung unabhängiger Internet-Provider und die geschlossenen Systeme der Internetunternehmen verhindern das Aufkommen von alternativen Modellen und ersticken deren Entwicklung im Keim. Die Arbeit versucht genau diesen Umschlag nachzuzeichnen, in dem sie fragt, wie Netzwerke beziehungsweise der Diskurs über Netzwerke zu einem der bestimmenden Merkmale unserer Gesellschaft werden konnte.

 

Den dritten Teil der Arbeit widmet Apprich der Herkunft des Netzwerkdispositives, dessen implizites Wissen in den Institutionen, Diskursen und Praktiken der Netzwerkgesellschaft enthalten ist. Er untersucht systematisch das Model der „scale-free networks“. Dieses Verfahren stellte eine neue Technologie zur Verfügung, mit Hilfe derer die vermeintliche Befreiung im Netz mit Prozessen der staatlichen Kontrolle und kommerziellen Wertschöpfung rückgekoppelt wurde. Damit konkretisiert er seine Kritik gegenüber den gegenwärtigen Machtverhältnissen im Internet. Er schlägt mit Hilfe des medienökologischen Ansatzes vor, die Medientechnologien und -praxen neu zu bewerten und aus den Erfahrungen der 1990er zu lernen, um eine kritische Theorie der vernetzten Gesellschaft zu formulieren. Dementsprechend fordert Apprich, dass wir den technologischen Fortschritt nicht als rein technologisch verstehen, sondern immer menschlich-technologisch im Sinne einer postmedialen Strategie, die das Soziale, Technologische und Mediale miteinander verbindet. Dies könne auch zu sozialer Innovation, eigenständigen Subjektivierungsweisen und neuen Kollektivitäten führen.

 

Die Studie versteht sich als eine Kritik an einer asymmetrischen Entwicklung der so genannten sozialen Medien, die das Modell einer neoliberalen Herrschaft repräsentieren. Apprich unterzieht dieser Cyberkultur einer kritischen Analyse und betrachtet sie aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive. Am Ende jedes Abschnitts werden die aufgeworfenen Themen und Thesen evaluiert, um den Einstieg in die folgenden Kapiteln zu erleichtern. Konkrete Beispiele wie im Falle der digitalen Städte (etwa in Amsterdam, Berlin und Wien) oder virtuellen Gemeinschaften (AOL, CompuServe, the Well) machen den komplexen Inhalt der Arbeit anschaulicher.

 

Das Buch fällt schließlich durch seine elegante grafische und typografische Gestaltung auf. Dem Autor ist es gelungen, ein fachlich komplexes Thema in einer schlichten und verständlichen Sprache zu verpacken. Der Band eignet sich nicht nur für Studierende der Kommunikationswissenschaft und Informationswissenschaft, sondern für alle, die sich für das Thema Internet interessieren.

 

 

 

 

Apprich, Clemens: Vernetzt. Zur Entstehung der Netzwerkgesellschaft. Bielefeld: transcript, 2015. 210 Seiten, kartoniert, 29,99 Euro, ISBN 9783837630459.

 

 


Inhaltsverzeichnis

Vorwort ... 7

Einleitung ... 11

 

Teil I: Mediendebatte

Kapitel I: Postmoderne ... 23

Tod des Sozialen ... 25

Baudrillard/Enzensberger ... 32

Kapitel II: Netzkulturen ... 41

Netzkritik ... 43

Taktische Medien ... 48

Kritik der Netzkritik ... 61

 

Teil II: Netzwerkgesellschaft

Kapitel III: Vernetzung ... 67

Datenautobahn ... 69

Raum der Ströme ... 74

Globalisierung ... 77

Kapitel IV: Stadt im Netz ... 83

Info-Städte ... 85

Digitale Städte ... 88

Virtuelle Gemeinschaften ... 108

 

Teil III: Transindividuum

 Kapitel V: Konnektivität ... 123

Netzwerkdispositiv ... 125

Skalenfreie Netze ... 130

Vernetztes Individuum ... 136

Kapitel VI: Kollektivität ... 143

Sozio-technische Kollektive ... 145

Individuum als Netzwerk ... 154

Post-mediale Strategie ... 161

 

Schlussbetrachtung

Kritik der politischen Ökonomie des Netzes ... 171

Die Vergemeinschaftung des Netzes ... 174

Was ist Kritik heute? ... 178

Vernetzung der Gesellschaft ... 181

 

Literaturverzeichnis ... 185

 

 

 

 

Caught in the net. The emergence of network society between utopia and reality

 

The focal point of this work is the history of network society in the European context. It examines the historical conditions of a now ubiquitous discourse about networks, and uncovers the ideological veil of the utopias presented in the 1990’s, such as the emancipation of women or the individual, as well as community participation in new media technologies. The author is harsh with big media companies and criticizes the mass media logic that equates to commercial online media, which serves to establish a normative subjectivity. Eventually, alternative proposals are presented, which suggest new ways of dealing with the Internet.




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