Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Über die Faszination von Symmetrie

Eine Rezension von 

Kegler Deutsche Raumplanung online

 

 

Kegler, Karl R.: Deutsche Raumplanung. Das Modell der "Zentralen Orte" zwischen NS-Staat und Bundesrepublik, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2015.

 

Walter Christaller entwickelte das "Zentrale-Orte-Modell" im Jahr 1933 im Zuge seiner Dissertation "Die zentralen Orte in Süddeutschland". Diese Theorie "versteht Städte und Siedlungsräume als funktionale Zentren" (S. 54), die als Mittelpunkte benachbarter Gebiete bestimmte wirtschaftliche Funktionen wahrnehmen und sich in einem nach Christaller hierarchisch angeordneten Versorgungssystem gliedern. Karl R. Kegler zeichnet mit seiner wissenschaftsgeschichtlichen Studie Deutsche Raumplanung. Das Modell der "Zentralen Orte" zwischen NS-Staat und Bundesrepublik den Werdegang dieses Modells nach, insbesondere seine Anwendung und Rezeption zwischen der NS-Zeit und den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Kegler seziert die Theorie regelrecht, vergleicht die Konzeption der zentralen Orte mit anderen Theorien diverser zeitgenössischer Raumplaner und Geographen, zeigt seine Entwicklungslinien auf und lässt den Leser etwas konsterniert zurück: Sein Fazit stellt der theoretischen Basis der gesetzlich verankerten Raumplanung Deutschlands kein gutes Zeugnis aus.

 

 

> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract                     

 

 

Karl R. Kegler ist spürbar unzufrieden mit den bisherigen wissenschaftlichen Studien über Christallers „Zentrale-Orte-Modell“. Seit über 75 Jahren würde eine kritische Aufarbeitung fehlen: Bereits in seinem Forschungsbericht im einleitenden Kapitel der umfangreichen Monographie bemängelt der Stadttheoretiker und Architekturhistoriker „stark fragmentierte und teilweise unkritische“ Beiträge, denen er mit einem „Versuch einer Gesamtdarstellung“ begegnen möchte (beide, S. 40). Im Sinne einer Diskursanalyse ordnet er seine Arbeit der Tradition der Denkschule des französischen Philosophen Michael Foucaults zu. Schließlich sei die vorliegende Studie auch „ein Stück Wissenschaftskritik“ (S.45) – zu Recht, wie man bereits jetzt anerkennen möchte. Obwohl sich Keglers Monographie nicht zu den unzähligen Arbeiten des „Spatial Turn“ zählen lässt, hat sie auch für Kulturwissenschaftler_innen viel zu bieten: So stehe das „Zentrale-Orte-Modell“ bereits in seinem Wesen zwischen Zeit- und Disziplingeschichte, dessen Korrelationen ein interdisziplinäres Profil aufzeigen (vgl. S. 33).

 

In den weiteren vierzehn der fünfzehn Kapitel der vorliegenden Studie geht Kegler nicht nur schwerpunktmäßig den Entstehungskontexten des „Zentrale-Ort-Modells“ nach, sondern hinterfragt auch kritisch dessen Rezeption und Anwendung von der Endphase der Weimarer Republik, über die NS-Zeit bis zum Ende der 1960er Jahre der Bundesrepublik. Die eben genannten historischen Phasen repräsentieren auch im Wesentlichen die drei Hauptteile der Monographie. Den ersten Abschnitt widmet Kegler konkret den inneren Widersprüchen Christallers Konzeption. Der Folgeteil thematisiert die „Weiterentwicklung“ während der NS-Zeit durch „Anknüpfungspunkte an die NS-Ideologie“ (S. 167). Im letzten Buchteil reflektiert Kegler die Aufnahme des  „Zentrale-Orte-Modells“ als in die bundesdeutsche Stadt- und Regionalforschung. Der Autor zeichnet hierbei die „Resonanzfelder“ von Christallers Raummodell nach, dokumentiert seine „Reichweite und Umsetzung“ sowie seine „Re-Formation“ und „Normalisierung“ in der Nachkriegszeit – um nur einige Kapitelüberschriften zu nennen.

 

Keglers These, dass der wissenschaftsgeschichtliche Erfolg des Modells nicht aus seiner „inneren Geschlossenheit“, sondern aus den „zeitspezifischen Rahmenbedingungen“ (beide, S. 41) zu erklären sei, fußt auf folgender Diagnose: Walter Christallers „Zentrale-Orte-Modell“ hätte schon in der Dissertationsdarstellung von 1933 einer kritischen Überprüfung nicht standgehalten. Es offenbare ein „Konglomerat von Beobachtungen und Reflexionen unterschiedlicher Plausibilität“ (S. 16), weshalb seit mehreren Jahrzehnten Zweifel an der Gültigkeit der Theorie besteht. Keglers Schrift fußt auf einer breiten Quellenbasis, da er unzählige wissenschaftliche Schriften und programmatische Dokumente aus der Raumplanung und Geographie zwischen 1930 und 1970 für seine Analyse heranzieht. Genau dieser Aspekt macht Keglers wissenschaftlichen Beitrag nicht nur lesenswert, sondern auch ergiebig.

 

In diesem Zusammenhang sind besonders die Teilstücke der historischen Kontextualisierung des „Zentrale-Orte-Modells“ zu nennen, die Kegler an den Anfang seiner Studie stellt. Bereits im zweiten Kapitel erklärt er, dass sich durch das Studium der späteren Zusammenfassungen der Konzeption der Eindruck aufdränge, dass diverse Autoren sich nicht mit der Originalarbeit von 1933 befasst hätten, sondern lediglich Sekundarliteratur konsultierten (vgl. S. 77). Die Frage der empirischen Überprüfbarkeit ist eminent und nicht von der Hand zu weisen. Aus diesem Grund stellt Kegler im dritten Kapitel Christallers Modell methodologisch verschiedenen zeitgenössischen Strömungen der Raumordnungskonzeption gegenüber, um das Modell in den Kontext siedlungsgeographischer und kulturlandschaftlicher Forschung zu setzen. Besonders der Vergleich mit den Arbeiten von Ludwig Hilbersheimer, Ludwig Siekrs und Richard Petersen rückt die Konzeption in den Fokus zeitgenössischer Themen. Gerade deshalb hinkt Christallers Modell, es könne „ohne Erfassung der realen Verflechtungsbeziehungen […]“ besonders in Bezug auf die ungeklärten Folgen des aufkommenden Automobilverkehr „nicht überzeugen“ (beide S. 110).

 

Auch die Untersuchung der Raumplanung im totalitären NS-Staat gelingt Kegler. Das „Zentrale-Orte-Modell“ korrespondiere mit den Vorstellungen des Nationalsozialismus, eine ständisch und hierarchisch gegliederte Gesellschaft zu formen. In dem Sinne näherte sich Christaller den Leitmodellen und Terminologie der nationalsozialistischen Geographie an – ein Umstand, der nach 1945 nicht rezipiert wurde. Kegler entlarvt Christallers Modifikationen, der sich auch als Gutachter in den Dienst von NS- und SS-Institutionen stellte, als „Werkzeug ‚totaler Raumplanung‘“ und „Syntheseversuch“ (S. 176/178). Die Quellenkritik Keglers an Christallers Modifikation liest sich wie ein Brandbrief: „Grundlage für den Reichsgliederungs- und den Bevölkerungsverteilungsplan sind […] vage Annahmen und schematische Zwänge ohne empirisch fundierte Begleitforschung.“ (S. 188). Das „Zentrale-Orte-Modell“ lasse sich zudem durch verschiedene Adaptionen in deutschbesetzten Gebiet Europas nachweisen.

 

Wie hier dargelegt wird Keglers Arbeit durch zahlreiche Beispiele und Planungsskizzen fundiert. Tatsächlich bemerkenswert am Ergebnis der Studie ist, dass es eine konsistente Theorie der „zentralen Orte“ nicht zu geben scheint. Das „Zentrale-Orte-Modell“ bewege sich zwischen seiner unklaren Konzeption und einer entsprechenden normativen Ebene (vgl. 486f.). Besonders die Kapitel, in denen Kegler die „Karriere“ des Modells in der Bundesrepublik behandelt, unterstreichen diesen Befund. Der von Kegler aufgezeigte Bruch der ideengeschichtlichen Entwicklung des Modells zwischen totalitärer Diktatur und der Bundesrepublik füllt die kaum von der Forschung beachtete Lücke. Kegler: „Der rechtliche Rahmen des Grundgesetztes ist die entscheidende Instanz, die Raumplanung in der Bundesrepublik von den technokratischen Herrschafts- und Machbarkeitsutopien des NS-Staates unterscheidet.“ (S. 484). Jeder, der sich mit historischer Geographie und Raumplanung beschäftigt, sollte diese Monographie gelesen haben.  

 

 


Kegler, Karl R.: Deutsche Raumplanung. Das Modell der "Zentralen Orte" zwischen NS-Staat und Bundesrepublik, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2015. 645 Seiten, illustriert, 79 Euro, ISBN: 978-3-506-77849-9.



Inhaltsverzeichnis

 

EINLEITUNG

I. Zentrale Orte - Eine abgeschlossene Debatte?... 11

1. Christallers Modell als "Theorie" und Leitbild ... 12

2. "Plausibilität" ohne Klarheit - die aktuelle Diskussion ... 18

3. Zentrale-Orte-Forschung - "normale Wissenschaft"? ... 26

4. Forschungsstand ... 33

5. Geschichte einer "Theorie" - Eingrenzung ... 41

 

DIE GEPLANTE ORDNUNG

II. Geometrie und Suggestion. Christallers "Theorie" - eine überfällige Neubewertung ... 53

1. Das Hierarchiemodell zentraler Funktionen ... 54

2. Ideal oder Fortschrittsmodell? ... 58

3. Innere Widersprüche ... 61

4. Verdeckte Implikationen, fehlende Plausibilität ... 69

5. Unverstandene Prämissen ... 76

6. Unvereinbarkeit der Grundprinzipien ... 77

7. Unzureichende Verifikation ... 79

8. Zwischenfazit: Fragwürdige Grundlagen ... 80

9. Exkurs: Alternative mit Schwächen: August Lösch ... 82

III. Resonanzfelder: Der historische und ideengeschichtliche Kontext des Zentrale-Orte-Modells... 90

1. Von der Stadt zur geplanten Region: Leitbilder zwischen Siedlungsform und Verkehrsplanung ... 93

2. Form und Reform - Das Sechseck als Gegenentwurf zum konventionellen Städtebau ... 102

3. Zwischen Landschaftskunde und Stadt-Umland-Forschung - alte und neue Themen der Geographie um 1930 ... 108

4. Modernisierung nach der Niederlage: Landesplanung, Reichsreform und Autarkiedebatte ... 118

5. Abschied von der Weltwirtschaft: Binnenkolonisation durch Raumordnung ... 124

6. Zwischenfazit: Wunschbild und Reform - Die Nähe zu Zeitthemen ... 134

 

GEOMETRIE FÜR DEN TOTALEN STAAT. 1933-1945

IV. Raumplanung im NS-Staat ... 139

1. Raumwissenschaft und Raumordnung in der ersten Phase der NS-Diktatur ... 140

2. Institutionalisierung der Raumordnung ... 150

3. Methoden und Ziele: Raumplanung, Volksordnung, Lebensraum ... 155

4. Entgrenzung: Siedlungsprogrammatik im Krieg ... 159

V. Christallers Anwendung und Modifikation der Zentrale-Orte-Theorie ... 167

1. Gleichschaltung: Anpassung an nationalsozialistische Inhalte ... 168

2. Im Dienste der Institutionen: Gutachten für RAG und RFK ... 174

3. Christallers Europaplan - Ausblick auf ein Europa nach dem Endsieg? ... 188

VI. Kampf um Deutungshoheit ... 205

1. Aufnahme und Umdeutung: Hans Weigmann, Walter Geisler, Carl Culemann ... 207

2. Ein Grundsatzstreit? - Friedrich Bülow zu Walter Christaller ... 212

3. Theoretiker ohne Wirkung: August Lösch ... 217

4. "Völkisch-organisch" vs. "technokratische" Planung ... 220

V. Reichweite und Umsetzung ... 227

1. Raumordnungsplanung des Reichskommissariats für die Festigung des deutschen Volkstums ... 228

2. Planungen im Generalgouvernement ... 237

3. Vorschläge der Deutschen Arbeitsfront für das Siedlungsbild im Osten ... 244

4. Die neue Ordnung als Planungsaufgabe: "Neue Dörfer im Osten" ... 247

5. Planungen in den besetzten Niederlanden: der Nordostpolder ... 249

6. Alternativkonzepte: Württemberg, Ostpreußen, Lothringen ... 251

VIII. Rationalisierung, Menschenökonomie, Großraumwirtschaft - Modernisierungsziele der NS-Raumordnung ... 266

1. Ostkolonisation als Motor gesamtgesellschaftlicher Rationalisierungsabsichten ... 267

2. Europa als Großwirtschaftsraum unter deutscher Führung ... 282

3. Wohlstand oder Expansion? - konzeptionelle Widersprüche ... 288

4. Letzte Pläne - Übertragung des Zentrale-Orte-Modells auf das Altreich ... 292

IX. Fazit. Planung als Machtressource ... 297

 

VON ORDNUNG ZUM AUSGLEICH. REZEPTION IN DER BUNDESREPUBLIK, 1949-1969

X. Re-Formation... 311

1. Neuanfang nach 1945? ... 312

2. Anknüpfungspunkte: Institutionen, Interessen, Identitäten ... 318

3. Disziplingeschichte ohne Brüche? - Selbstbild und Sendungsbewusstsein ... 323

4. Freispruch und Selbstreinigung in Nürnberg ... 325

XI. Programme und Strategien ... 328

1. Arbeitsprogramme für Experten ... 330

2. Fortentwickelte Leitbilder ... 332

3. Gescheitere Anknüpfungspunkte ... 360

XII. Normalisierung ... 380

1. Internationalisierung und "Normalisierung" des Modells ... 381

2. Zwischen formalisierter Theorie und Entwicklungsmodell ... 390

3. Formen der Widerlegung: Neef, von Böventer, Doxiadis ... 394

4. Abschirmung gegen Kritik ... 410

XIII. Die Ausgleichsformel ... 413

1. Von der "Ordnung" zum "Leitbild" und zurück ... 418

2. Auf dem Weg in die "Funktionsgesellschaft" ... 431

3. Stadt gegen Land? ... 436

4. Der geordnete Raum ... 442

5. Vom Schwerpunkt zur Achse ... 452

XIV. Fazit. Ausgleich durch Ordnung? ... 464

 

SCHLUSS

XV. Planung als gelenkte Moderne... 477

 

Dank ... 489

Anmerkungen ... 491

Quellen in Archiven ... 585

Literatur ... 587

Index ... 631

Abkürzungen ... 645

 

 

 

 

 

About the fascination of symmetry

 

Walter Christaller developed his "Zentrale-Orte-Modell " in 1933 as part of his dissertation "Die zentralen Orte in Süddeutschland". This theory "understands cities and settlements as functional centers" (p.54; my translation) which provide certain economic functions within corresponding neighborhoods, while being divided by Christaller into hierarchically structured supply systems. In his latest historical study, Deutsche Raumplanung. Das Modell der "Zentralen Orte" zwischen NS-Staat und Bundesrepublik Karl R. Kegler traces the career of this model via its application and reception between the Nazi period and the first decades of Post-war Germany. Kegler carefully dissects Christaller’s theory, compares the concept of central places with other theories of contemporary spatial planners or geographers, and reflects upon its lines ofdevelopment. His conclusion questions the theoretical foundation of the established spatial planning in the German context.

     




© beim Autor und bei KULT_online