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Schnittstellen: die Metapher als Metapher

Eine Rezension von 

schnittstellen neu online

 

 

Hoins, Katharina, Thomas Kühn und Johannes Müske (Hg.): Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden, Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2014.

 

Der Sammelband Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden, herausgegeben von Katharina Hoins, Thomas Kühn und Johannes Müske, thematisiert den Begriff der Schnittstelle, jenseits der Anwendung in technischen Bereichen, als Metapher für Überlappungen, Berührungspunkte oder Grenzziehungen, die unsere Welt- und Realitätswahrnehmung beeinflussen. Zehn Beiträge aus Kulturanthropologie, Kunst-, und Kulturwissenschaften, Geschichts-, Islamwissenschaft, Informatik, Geografie und Volkskunde bieten umfassende Analysen von Schnittstellenformen und ihren Funktionen. Gemeinsam setzten sich die Autor_innen mit dem Verständnis von Wissensproduktion in alltäglichen, technischen und akademischen Bereichen auseinander. Diesem Projekt ist es gelungen, einen Oberbegriff aus unterschiedlichen Zusammenhängen anzuwenden, ohne aus ihm eine inflationäre Metapher zu machen.





> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

Der Titel Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden und das Cover des Sammelbandes ließen die Leserin auf den ersten Blick etwas desorientiert. Denn die Schnittstelle als übergreifendes Konzept findet zahlreich Anwendung in unterschiedlichen Wissensfeldern jenseits seiner Verwendung als Interface aus technischer Sicht. Das Cover zeigt eine Fotografie der Auflagefläche eines Kopierers (CLC1100 von Wolfgang Tillman). Erst nachdem im Vorwort die Metapher der Schnittstelle erklärt wird, bekommt die Leserin eine genauere Idee vom Konzept des Sammelbandes (Resultat einer Interdisziplinären Tagung in Hamburg, 2012). Als Metapher für Überlappungen, Berührungspunkte oder Grenzziehungen erscheinen im Sammelband Schnittstellen als notwendige Bestandteile, nicht nur der technisierten Welt, sondern vor allem unserer Weltwahrnehmung. Als Berührungspunkte oder als Orte der Überschneidung versprechen Schnittstellen zudem „die Gegenwart des Abwesenden“ (S. 8). Der Sammelband zeigt, wie der Oberbegriff Schnittstelle umfassende Analysen unter Berücksichtigung von Objekten, Medien, Akteur_innen und Netzwerken ermöglicht.

 

Der Sammelband ist thematisch in drei Teile gegliedert, obwohl die Überlappungen zwischen den Beiträgen keine klaren Grenzen erlauben. Der erste Abschnitt hat als Hauptfokus museale Objekte (König), musikalische Instrumente (Kühn) und Single Value Devices (Mader, Reidsma und Dertien). Objekte hierin stellen nicht nur Medien dar; sie deuten auf Orte, Diskurse und weitere Formen der Verknüpfung zwischen Materialität und ihrer Wahrnehmung hin. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit Bildern und ihrer Rolle bei der Vergegenwärtigung von Realität. Bei den Fotografien, Celestografien und Satellitenbildern (Buchenhorst), den journalistischen Zeichnungen (Hoins) oder auch den Heiligenbildern und Totenmasken (Krass) wird jeweils die unausweichliche Notwendigkeit von Bildern bei der Herstellung von Bedeutung sowie deren direkter Bezug zur wahrgenommenen Realität gezeigt. Das Verhältnis zwischen Mündlichkeit und Schrift im religiösen Kontext (Karolewski) oder zwischen dem Klang und seiner Aufbewahrung in Rundfunkarchivalien (Müske) verdeutlicht erneut Schnittstellen, welche Distanzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart vermitteln. Der vierte Abschnitt bespricht am Beispiel von Karten (Zurwaski) und Naturkatalogen die Schnittstellen zwischen geographischen Orten und Räumen der Repräsentation. Sie machen Prozesse der Repräsentation, die normalerweise in verdichteter Form erscheinen, zugänglicher für die Analyse dieser Räume.

 

Der Sammelband setzt sich trotz der Spezifizität jeden einzelnen Beitrages mit dem Verständnis von Wissensproduktion in alltäglichen, technischen und akademischen Bereichen auseinander. Am Beispiel von technisierten, alltäglichen Praktiken erläutern Angelika Mader, Denis Reidsma und Edwin Dertien, wie Single Value Devices bzw. Alltagsobjekte zur Schnittstelle zwischen Mensch und Internet geworden sind. Der Beitrag bringt die Perspektive der Ingenieurswissenschaften ein in eine Diskussion, die meistens von den Geisteswissenschaften geführt wird. Hierdurch lässt sich eine klare Verbindung zwischen der technisierten Welt und ihrer Wahrnehmung herstellen. Die Benutzer jener devices haben nicht nur Zugang zu Informationen wie Wetter, Tweets oder Wechselkurs, sie können den Objekten auch emotionale Bedeutungen geben. Single Value Devices ermöglichen dann eine andere Form der Kommunikation zwischen Menschen, in dem sie beispielweise die körperliche Nähe oder Gemütszustände eines anderen Menschen durch technische Mittel nachahmen.

 

Die Rolle des Menschen als Schnittstelle selbst untersucht Ralph Buchenhorst am Beispiel der historischen Figur der Indigenen La Malinche. Als Dolmetscherin verkörpert sie eine Schnittstelle, „an der das Wissen zwischen beiden kulturellen Räumen vermittelbar und zugleich hierarchisiert wurde“ (S. 101). Buchenhorst stützt sich hier auf den dekolonialen Begriff border thinking, entmystifiziert die Figur der Dolmetscherin als neutrale Akteurin bei der kulturellen Begegnung und belegt dabei, dass sie kein passives Medium ist. Dazu hebt er die Relevanz von Machtasymmetrien bei der Untersuchung von Kommunikation und Handlungen insbesondere zwischen Zentren und Peripherien (z.B. Europa und den anderen) hervor. Menschen als Medium, aber auch die Beziehung zwischen Menschen und Medien werden von Buchenhorst analysiert und als „human-mediale Netzwerkstruktur“ ( S. 103) bezeichnet. Netzwerksstrukturen werden am Beispiel von weiteren visuellen Produktionen wie Celestographien (Fotographien des Himmels), Fernerkundungsbildern und einer Fotografie vom Krematorium in Ausschwitz weiter analysiert. Theoretisch stützt sich Buchenhorst auf Walter Mignolo (border thinking), Bruno Latour (Netzwerk) und Niklas Luhman (black box).

 

Wie die wahrgenommene Realität konstruiert wird ist beispielweise mittels kartographischer Repräsentationen zu begreifen. Nils Zurawski zeigt dies in seinem Beitrag über cognitive mapping und Weltbilder eindrücklich. Karten gehören par excellence zu den Mitteln der Vergegenwärtigung der Ferne und besonders des Unbekannten. Zurawskis Analyse der räumlichen Vorstellungen zeigt einerseits wie „die Welt nur über Interfaces zu verstehen und ihrer Komplexität zu bewältigen“ sei (S. 239). Andererseits wird deutlich, wie durch Karten als Schnittstellen bestimmte Weltvorstellungen (z.B. in Bezug auf das Sicherheitsgefühl oder den Bewegungsraum) produziert werden.

 

Nicht nur konzeptuell bietet der Sammelband eine gelungene Auseinandersetzung mit der Metapher der Schnittstelle, ohne damit inflationären Gebrauch von derselben zu machen. Die Auswahl der Beiträge ermöglicht trotz ihrer Spezifizität einen umfassenden, interdisziplinären Einblick in ein besonderes Phänomen.  

 

 

 

 

Hoins, Katharina, Thomas Kühn und Johannes Müske (Hg.): Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden, Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2014, 267 Seiten, gebunden, 30 Euro, ISBN 978-3-496-02862-8.

 

 



Inhaltsverzeichnis

Vorwort ... 7
Gudrun M. König
Die Schauplätze der Dinge: Das Zirkulieren der Exponate und des Wissens ... 13
Thomas Kühn
Resonanzkörper. Musikinstrumente als Werkzeuge der Vergegenwärtigung ... 34
Angelika Mader, Dennis Reidsma, Edwin Dertien
Single Value Devices – Schnittstellen im Internet der Dinge ... 65
Farbtafeln ... 88
Ralph Buchenhorst
Border Thinking, Networking. Anmerkungen zum Verhältnis zwischen Bild und Realität ... 98
Katharina Hoins
Aufzeichnungen. Über künstlerische, anachronistische Verfahren in journalistischen Kontexten ... 120
Urte Krass
Black Box Heiligenkult. Die Totenmaske als doppelte Schnittstelle ... 150
Janina Karolewski
Manuskripte, gesungene Dichtung und Langhalslaute als Aufbewahrungsorte: Vermittlung und Vergegenwärtigung von Wissen im anatolischen Alevitentum ... 172
Johannes Müske
Klangchiffren. Klänge und Medienarchivalien als Bedeutungsträger und Quellen für die kulturwissenschaftliche Untersuchung der Klangwelt ... 195
Nils Zurawski
Die Vergegenwärtigung des Unbekannten: Von Karten, dem Cognitive Mapping und Weltbildern ... 220
Tobias Scheidegger
Geschichtete Listen: naturkundliche Lokalkataloge um 1900 als Schnittstellen von Natur, Genealogie und Systematik ... 245
Autorinnen und Autoren ... 263
Abbildungsnachweis ... 267

 

 

 

 

 

 

Interface: the metaphor as metaphor

 

The anthology Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden, edited by Katharina Hoins, Thomas Kühn, und Johannes Müske, deals with the concept of interface as a metaphor for overlapping contact surfaces or boundaries which determine the way we perceive reality and the world. Ten contributions from cultural anthropology, arts, cultural studies, history, Islam studies, computer science, geography, and folklore studies analyse different forms and functions of interface, while sharing the interest for the production of knowledge in everyday, technical, and academic practices. The project succeeds in applying interface from different perspectives as a generic term without making of it an inflationary metaphor.





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