Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Fluch des magischen Realismus? Lateinamerikanische Literaturen heute

Eine Rezension von

Cover Verlag Macht Weltliteratur online

 

 

Müller, Gesine (Hg.): Verlag Macht Weltliteratur. Lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers zwischen internationalem Literaturbetrieb und Übersetzungspolitik. Berlin: edition tranvía Verlag Walter Frey, 2014.

 

Seit den Zeiten des Booms um den magischen Realismus in den 1960er und 70er Jahren, wie ist es den lateinamerikanisch-deutschen Kulturtransfers mit Bezug auf die Literatur ergangen? Was gilt eigentlich als Weltliteratur, und ist die von Goethe geprägte Idee einer Literatur der Welt heute noch aktuell? Und wenn ja, wie genau? Aus verschiedenen Blickwinkeln, denen von Literaturwissenschaftler(inne)n diesseits und jenseits des Atlantiks, von einer Lektorin und einem Übersetzer sowie verschiedenen Autoren, wird der Status Quo des literarischen Austausches in dem Sammelband Verlag Macht Weltliteratur. Lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers zwischen internationalem Literaturbetrieb und Übersetzungspolitik kundig und detailliert beschrieben. Es wird deutlich, dass für einen wirklichen Dialog jenseits der Klischees und eingefahrenen Konsum- und Lesegewohnheiten viel zu tun bleibt.




> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Magischer Realismus ist zum Schlagwort geworden. Als Kategorie und Erwartungshaltung prägt es nach wie vor die Bedeutung und Rezeption lateinamerikanischer Literaturen auf dem deutschen Buchmarkt. Und es beschränkt zunehmend die umfassendere literarische Vermittlung und die Kulturtransfers zwischen Lateinamerika und Deutschland bzw. Europa. Von einer Weltliteratur als Ideal eines umfassenden literarischen Austausches auf Augenhöhe sind wir damit noch immer weit entfernt, auch wenn seit Goethes Entwurf der Begrifflichkeit, bis heute prägend, viel Zeit vergangen ist. Die Globalisierung, die stärkere, nicht nur kulturelle internationale Verflechtung, sondern eben auch ökonomisch, hat zu einer Vermarktung der Literaturen geführt, die einmal erfolgreiche Schlagworte zu exklusiven Auswahlkriterien zu machen scheint. Dies wird im sehr lesenswerten Sammelband Verlag Macht Weltliteratur. Lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers zwischen internationalem Literaturbetrieb und Übersetzungspolitik deutlich, dessen Beiträge von Literaturwissenschaftler(inne)n, aber auch Lektorinnen und Übersetzern sowie Autoren stammen und damit eine beeindruckende Vielfalt der Blickwinkel abbildet. Trotz aller Stimmenvielfalt wird jedoch eines deutlich: es wird auch hier häufig über dieselben Autoren und Literaturen gesprochen, mit einem regionalen Fokus auf Argentinien, Chile und Mexiko; Brasilien stellt einen eigenen Kontinent dar, so scheint es, der auch aufgrund struktureller Verschiedenheiten seines Buchmarktes nur im Beitrag von Susanne Klengel wirklich zur Sprache kommt.

 

Der Beitrag von Michi Strausfeld, die sich seit langem in der deutschen Verlagsbranche für die Literaturen aus Lateinamerika einsetzt, gibt dabei allerdings einen sehr informativen und umfassenden Überblick über die Entwicklungen der Branche seit dem Boom der lateinamerikanischen Literaturen in den 1960er Jahren. Wesentlich hierfür war die damalige Arbeit des Suhrkamp-Verlages und damit zugleich Michi Strausfelds Wirken. Eine Kritik wiederum am Suhrkamp-Programm zu Lateinamerika, das sich bis heute an Ideen des Exotischen und Anderen in Bezug auf die lateinamerikanische Literatur orientiert, zeichnet Gesine Müller in ihrem aufschlussreichen Beitrag.           

 

Márcio Seligmann-Silva macht in seinem noch weitaus kritischeren, da weitreichenderen Beitrag deutlich, dass das Konzept einer Weltliteratur auch in heutigen Zeiten nur mehr ein Ideal darstellt, denn in der Wirklichkeit werden noch immer vor allem Werke der europäischen und amerikanischen Literaturen übersetzt, während die Literaturen ökonomisch schwächerer Länder unberücksichtigt bleiben. Dies hat auch nicht zu unterschätzende Folgen für die Literaturtheorie, so Seligmann-Silva, die sich immer aus dem Kanon und der literarischen Tradition speist und damit auch Parameter für die Zukunft vorgibt.

 

Es ist daher wichtig, den eurozentristischen sowie nationalistischen Blick zu überwinden und auch anhand von Übersetzungen einen Dialog mit dem Anderen anzustreben, der zu einer beständigen Differenzierung der Identitäten und nicht etwa zu neuen Zuschreibungen führt. Das wäre dann zeitgleich auch ein Widerstand gegen gängige Vermarktungsstrategien der Verlage. Seligmann-Silva macht die Dringlichkeit eines solchen, auch als politisch zu verstehenden Anliegens deutlich und liefert damit einen sehr wichtigen Beitrag zum Sammelband.

 

Ein weiteres Forschungsdesiderat wird von Albrecht Buschmann verdeutlicht: Über den Übersetzungsprozess lateinamerikanischer Literaturen und über seine Akteure, die Übersetzer(innen), ist so gut wie nichts bekannt, obwohl ihnen eine bedeutende Rolle im Kulturtransfer zukommt. Auch hier verstellt ein überkommener Diskurs zum Autoren und Original den Blick auf andere wichtige Perspektiven. Ähnliches wird hinsichtlich der Propagierung einer Nationalliteratur im Kontext der Länderschwerpunkte der Frankfurter Buchmesse von Marco Thomas Bosshard festgestellt.

 

Viel zu tun also für diejenigen, die die lateinamerikanisch-deutschen Kulturtransferprozesse mitgestalten wollen. Erste Veränderungen und Dynamiken werden im wertvollen Beitrag von Dunia Gras beschrieben: Während das Zentrum der lateinamerikanischen Literaturen lange Jahre in Barcelona ausgemacht werden konnte, werden inzwischen auch andere europäische Städte wie Berlin und neue lateinamerikanische Kleinverlage wichtig für die Verbreitung zeitgenössischer Literaturen aus Lateinamerika.

 

Der hier vorgestellte Sammelband stellt damit den Status Quo und Entwicklungstendenzen der lateinamerikanisch-deutschen Kulturtransfers mit Bezug auf die Literatur umfassend und interessant dar. Dass der Boom um den magischen Realismus nur ein Anfang war, der auf lange Sicht zu einer Weltliteratur führt, die frei von Exotismen und Zuschreibungen den Dialog befördert, das bleibt sehr zu hoffen.

 

 

 

 

 

Müller, Gesine (Hg.): Verlag Macht Weltliteratur. Lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers zwischen internationalem Literaturbetrieb und Übersetzungspolitik. Berlin: edition tranvía Verlag Walter Frey, 2014. 314 Seiten, broschiert, 24,80 Euro, ISBN: 978-3-938944-83-7.





Inhaltsverzeichnis

Gesine Müller (Köln)

Einleitung: Die Debatte Weltliteratur – Literaturen der Welt

 

TEIL I: SPRACHLICHE, KULTURELLE, POLITISCHE ÜBERSETZUNGEN

Vittoria Borsò (Düsseldorf)

Markt Macht Vergessen: Wie der Medialitätsraum der Literaturen der Welt zur kommunikativen Formel der Weltliteratur wird. Das Beispiel Mexiko

Wolfgang Bongers (Santiago de Chile)

Zwei Chilenen zwischen Welten: kulturelle Translationen im Schreiben Juan Emars und Roberto Bolaños

Susanne Klengel (Berlin)

Literarische Internationalisierung als Herausforderung. Das brasilianische Projekt der Amores Expressos und seine multimediale Rezeption

Márcio Seligmann-Silva (Campinas, Brasilien)

Übersetzung als postnationales Denken und Kulturbildung

Albrecht Buschmann (Rostock)

Literarisches Übersetzen zwischen Stilfragen und Unsichtbarkeit. Fragen an das Archiv von Suhrkamps Lateinamerikaprogramm

 

TEIL II: KULTURTRANSFER – REZEPTION UND STEUERUNG

Gesine Müller (Köln)

Literaturen der Amerikas und ihre Rezeption in Deutschland. Weltliteratur als globales Verflechtungsprinzip

Paulo Soethe (Curitiba, Brasilien)

Eine Begegnung in Denver: Thomas Mann, Érico Verísssimo – und Herbert Caro als Überbringer

Marco Thomas Bosshard (Bochum)

Länderschwerpunkte auf der Frankfurter Buchmesse: zur Selbstinszenierung von Nationalkultur anhand der Beispiele Argentiniens und Brasiliens

Michi Strausfeld (Berlin/Barcelona)

Lateinamerikanisch-deutsche Kulturtransfers: persönliche Beobachtungen

Dieter Ingenschay (Berlin)

José Donoso und der Boom. Bemerkungen zur problematischen Position eines Marginalisierten

 

TEIL III: KULTURTRANSFER – RÄUME UND ORDNUNGEN

Dunia Gras (Barcelona)

Können spanische Verlage noch immer als Brücke zwischen Lateinamerika und Europa gelten? Der Fall Deutschland, ein Beispiel

Oliver Kozlarek (Morelia, Mexiko)

Octavio Paz lesen. Sozialtheoretische und kulturphilosophische Perspektiven

Horst Nitschak (Santiago de Chile)

Walter Benjamin in Lateinamerika: Rezeption, Appropriation und Recycling

Jörg Dünne (Erfurt) und Christian Hansen (Madrid)

Welt, Literatur und Kriegsspiel: Roberto Bolaños El Tercer Reich

Jorge Volpi (Princeton, USA)

Kraken, Fischfänger und Mutanten. Spanischsprachige Literatur und Buchmarkt in den Zeiten der Globalisierung

 

TEIL IV: ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN

Ottmar Ette (Potsdam)

Vom Leben der Literaturen der Welt  

 

 

 

 

The Curse of Magical Realism? Latin American Literatures Today

 

Since the boom period of magical realism during the 1960s and 70s, what has happened to the Latin American-German cultural transfers regarding literature? How is world literature defined, is Goethe’s idea of a literature of the world still relevant, and if yes, how exactly is that? From different angles – those of literary scholars on this and the other side of the Atlantic – by an editor and a literary translator as well as by several authors, the status quo of the literary exchange is described skillfully and thoroughly in the present publication to be reviewed here. It becomes clear that for a real dialogue to happen, beyond clichés and deep-rooted consumerism or reading habits, there remains a lot to do.


 




© bei der Autorin und bei KULT_online