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Bericht zur Tagung "Southern Italy as Contact Area and Border Region during the Early Middle Ages. Religious-Cultural Heterogeneity and Competing Powers in Local, Transregional and Universal Dimensions"

Deutsches Historisches Institut in Rom, 4.-6. April 2016





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KULT Abb 2 online

Durch das Erbe der Transformation des einst durch das Imperium Romanum beherrschten mediterranen Raums bildete das frühmittelalterliche Süditalien geradezu einen Mikrokosmos. Hier trafen zum einen die christlichen Mächte und Einflüsse aus West wie Ost direkt aufeinander; zum anderen erweiterte sich diese Heterogenität deutlich mit dem Vordringen der als 'Sarazenen' bezeichneten Muslime, die ab 827 auf Sizilien Fuß fassten, in den darauf folgenden gut 80 Jahren die Insel eroberten und anschließend auf das süditalienische Festland ausgriffen. An der Peripherie Byzanz', des karolingischen Frankenreichs und des islamischen Reichs der Kalifen – im geographischen Zentrums des Mittelmeers – entwickelte sich eine einzigartige, innerchristliche und christlich-muslimische Kontakt- und Grenzregion. Konflikte und Auseinandersetzungen der dort agierenden Mächte prägten nicht nur Süditalien, sondern setzten kulturelle, ökonomische und politische Impulse in den jeweiligen Zentren. Die vom 4. bis 6. April 2016 am Deutschen Historischen Institut in Rom, in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, den Regesta Imperii (Mainz) sowie den Regesta Pontificum Romanorum (Göttingen), veranstaltete Tagung Süditalien als Kontakt- und Grenzregion im Frühmittelalter widmete sich dieser besonderen Region. Der historische Schwerpunkt lag auf der Zeit zwischen der Eroberung Italiens durch die Langobarden (ab 568) und dem Vordringen der Normannen im 11. Jahrhundert. Die Komplexität der Thematik zeigte sich bereits an der großen Interdisziplinarität und Internationalität der Tagung; sie führte einschlägige und ausgewiesene Experten der Mediävistik, Byzantinistik, Islamwissenschaft, Judaistik und Archäologie aus dem deutschsprachigen Raum, Italien und Frankreich zusammen.

 

Einleitung

Ostia onlineNachdem bereits die historisierende Kunst der Renaissance ein entsprechendes Bild des frühmittelalterlichen Italien gezeichnet hatte, nahm sich diesem auch die historische Forschung früh an. Die daraus entstandenen 'Meistererzählungen', etwa jene des Resorgimento des 19. Jahrhunderts und ihre vor dem zeitlichen Entstehungshintergrund aufgestellten Thesen, werden zum Teil bis heute stark rezipiert. Diese kritisch zu hinterfragen, formulierte KLAUS HERBERS (Erlangen) in seiner Einleitung als eines der Hauptanliegen der Tagung. Hierfür sollten nicht die Differenzen der verschiedenen Fachrichtungen, sondern deren Austausch im Vordergrund stehen. Herbers nannte diesbezüglich die Kategorien Macht/Herrschaft, Kultur und Religion als gemeinsame Referatsgrundlagen. Die Organisatorin der Tagung KORDULA WOLF (Rom) ergänzte diesen Anspruch in ihrem Einleitungsteil insbesondere um die Begriffe region und border. Während in Geschichtsatlanten klare Abgrenzungen gezeigt würden, sei die historische Realität Süditaliens oftmals eine gänzlich andere. Der universale Anspruch der drei imperialen Mächte und ihr regionales Handeln bedingten Kontinuität und Wandel in einem für sie peripheren Raum, dessen Verhältnis zu den mediterranen Zentren die Tagung untersuchen wolle. Somit ergäben sich zwei Leitfragen: Zum einen nach den besonderen Herausforderungen bei der Erforschung Süditaliens als einer mediterranen Kontakt- und Grenzregion unter Beachtung der unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründe der handelnden Akteure. Zum anderen wurde gefragt, wie hierbei physische und nicht-physische Räume sozial konstruiert und aufrechterhalten wurden beziehungsweise wie sie das Handeln in ihnen beeinflussten.

 

Section I: Southern Italy as Part of Different Mediterranean Spaces

Die Vorträge der ersten Sektion ordneten den süditalienischen Raum des Frühmittelalters in seine Beziehungen zu den und seine Bedeutung für die drei imperialen mediterranen Mächte ein. LUTZ BERGER (Kiel) verknüpfte politikwissenschaftlich verschiedene Definitionen und Formen eines Imperiums mit dem Werk des Geschichtsschreibers Ibn Khaldun (14. Jahrhundert) um aufzuzeigen, dass Sizilien für die muslimische Welt und deren Zentren (etwa al-Andalus, Ägypten oder Syrien) eine deutliche Randlage aufwies. Das Mittelmeer sei als Baḥr al-Rūm (Römisches Meer) für die Muslime nur ein Meer unter vielen gewesen; der Handel mit anderen Weltregionen wurde als deutlich wichtiger empfunden. Eine ähnliche Sicht auf Süditalien konstatierte RUDOLF SCHIEFFER (Bonn) für die karolingischen Franken, die 774 das norditalienische Langobardenreich unterworfen hatte. Zwar standen die südlich von Rom verbliebenen langobardischen Herrschaften zeitweise unter fränkischer Oberhoheit, aber Süditalien zog nur in vereinzelten Episoden die Aufmerksamkeit der Karolinger auf sich – von Aachen sei der Weg in den Mezzogiorno weit und das Hauptinteresse in Italien der freie Zugang nach Rom gewesen, wie Schieffer feststellte. Zwar geriet unter Kaiser Ludwig II. (839/40—875), der den Großteil seines Lebens in Italien verbrachte und daher einen sehr persönlichen Bezug zur Apenninenhalbinsel aufwies, der Süden deutlicher in den Blick, aber für Schieffer gab es trotzdem keinen Grund, eine bewusste Süditalien- oder gar Mittelmeerpolitik der Karolinger anzunehmen. Mit dem Gegensatz zwischen imperialer Kontinuität und Marginalisierung beschäftigte sich EWALD KISLINGER (Wien) in seinem umfassenden Vortrag zum byzantinischen Italien. Er führte aus, wie es durch die thalassokratía (Meeresherrschaft) zunächst gelang, das von allen Seiten bedrängte östliche Imperium vor dem Untergang zu bewahren. Zugleich seien die Kommunikationswege auch nach Italien offengehalten worden, wo Sizilien eine wichtige Stellung als Rückzugs- und Nachschubgebiet einnahm. Als sich Byzanz immer mehr auf seine Kerngebiete des Balkans und Kleinasiens konzentrieren musste, sei Süditalien aus Sicht Konstantinopels zu einer Randzone geworden, in der sich nach dem Verlust Siziliens an die Sarazenen der territoriale Fokus auf Apulien und Kalabrien verschoben habe. Diese hätten auch in der Folgezeit eine wichtige Brückenfunktion zwischen Ost und West erfüllt.

Die von HUGH KENNEDY (London) gehaltene Public Evening Lecture bot dem Zuhörer ausgehend von dem im 10. Jahrhundert entstandenen Werk des Qudama bin Ja'far, Angehöriger der Verwaltung des Bagdader Abbasidenkalifats und Verfasser eines Handbuchs zum Umgang mit Geographie und Besteuerung, einen hochinteressanten Rundgang um die Grenzen der muslimischen Welt. Kennedy erörterte die unterschiedliche muslimische Sichtweise auf verschiedene Grenzregionen: so wurde beispielweise der Kontakt mit Byzanz im Norden Syriens gänzlich anders betrachtet als solche Kontakte in der Steppe Mittelasiens. Quadama habe sich auch dem konflikthaften Grenzverkehr gewidmet und insbesondere den Raids (Streif- und Raubzüge) der Muslime gegen christliche Besitzungen – solche Raids im italienischen Raum erwähnt der Autor nicht, woraus sich ein gewisser Rückschluss auf seine Kenntnisse dieser Region ziehen lässt; diese begründete er mit dem Dschihād sowie ökonomischen Hintergründen. Hieran anknüpfend erklärte Kennedy die Eroberung Siziliens durch die seit dem Jahre 800 Ifrīqiya (besonders das heutige Tunesien) im Namen des Kalifen verwaltendene Aghlabiden-Dynastie zum einen als politische, vor allem aber als ökonomische Überlegung zum Unterhalt und Beruhigung einer auf Beute angewiesenen Armee. 

 

Section II: Muslim Presence in Southern Italy

VIVIEN PRIGENT (Paris) eröffnete das zweite und disziplinär breiteste Themenfeld zur muslimischen Präsenz in Süditalien mit seinem Vortrag über das byzantinische Sizilien des 7. bis 10. Jahrhunderts. Hier, so Prigent, trete eine klare Differenz zwischen reichhaltigen archäologischen Befunden und wenigen Erwähnungen in den byzantinisch-griechischen Schriftquellen zu Tage. Ähnlich wie den byzantinischen Geschichtsschreibern Sizilien immer weniger wichtig geworden sei, hätten die lokalen Eliten ihrerseits das Vertrauen an Byzanz verloren. Als Folge hätte sich die Bande an den Bosporus gelöst und der einheimische Widerstand gegen die einsetzende muslimische Eroberung sei gering geblieben. Sizilien habe zügig aufgehört, als 'römisches' Land gesehen zu werden, sodass recht bald selbst in griechischen Quellen die muslimischen Einwohner als Sikeloí aufgetreten seien. Einen Schwenk in die Judaistik unternahm ALESSANDRO VANOLI (Bologna), der anhand von jüdischen Ärztetraktaten aus Kairo kulturwissenschaftliche Schlüsse auf die medizinische Praxis im muslimischen Sizilien zog. Hierbei konnte Vanoli durch den Hinweis auf belegte Änderungen gewisser Ingredienzien in Arzneimitteln den wachsenden muslimischen Einfluss aufzeigen. MARCO DI BRANCO (Rom) hinterfragte anhand des Beispiels des Emirats Bari in seinem stark von lateinischen, griechischen und arabischen Quellen unterfütterten Beitrag die Sichtweisen der Meistererzählungen auf das muslimische Vordringen auf dem Festland. Dies sei eben nicht das Ergebnis von spontanen und unzusammenhängenden Raids gewesen, sondern das einer größer angelegten strategischen Planung, so di Branco.

Lankila onlineEinen besonderen Zugang favorisierte TOMMI P. LANKILA (Princeton) in seinem Dissertationsprojekt, welches mit statistischen Methoden die Raids in Süditalien untersucht. Die präsentierten Graphiken und Tabellen zeigten, dass deren Anzahl und Beschreibung in christlichen und muslimischen Quellen nur zu einem Bruchteil übereinstimmen. Dies führte Linkila auf unterschiedliche Blickwinkel der jeweiligen Geschichtsschreiber auf Süditalien zurück, die mitunter aus inneren historischen Entwicklungen des christlichen und muslimischen Herrschaftsbereiches resultierten. ANNLIESE NEF (Paris) referierte über die Beziehung Book onlinedes ab 976 Sizilien beherrschenden Kalbiden-Emirats zu ihren Oberherren, den in Nordafrika regierenden Fatimiden. Hierbei belegte Nef anhand des anonym überlieferten Book of Marvels (11. Jahrhundert), wie durch die Hervorhebung des peripheren Siziliens gegenüber anderen Inseln des Mittelmeers seine stetige Bindung an das Zentrum in Kairo zu begründen sei. Am Ende nahm die Sektion die archäologische Perspektive 'von unten' ein: LUCIA ARCIFA (Catania) stellte in Zusammenwirkung mit FABIOLA ARDIZZONE (Palermo) die Ergebnisse verschiedener Feldstudien auf der gesamten Insel vor. Sie zeigte den Tagungsteilnehmern unter anderem durch Befunde an Ortschaften, Gebäuden oder Amphoren, wie sich das Gesicht der Insel im 9. und 10. Jahrhundert veränderte. Während die Byzantiner in Abwehr der eindringenden Muslime immer stärkeres Gewicht auf den Osten der Insel legten, bezeugen die Funde eine einsetzende muslimische Kolonisierung des Westens.

 

Section III: Local Dynamics between Constantinople and Rome

Die dritte Sektion stand im Zeichen der innerchristlichen Begegnung in Süditalien. JEAN-MARIE MARTIN (Rom, Paris) erörterte, wie sich im Zuge des muslimischen Vordringens auf dem Festland der geographische Schwerpunkt des byzantinischen Interesses auf das langobardisch geprägte Apulien verschob, nachdem Byzanz in diesem Gefüge zuvor zeitweise gänzlich aus der Region verdrängt worden war. Das ökonomische und politische Agieren Süditaliens mit den umgebenden Räumen im Schnittpunkt des strategischen Interesses dreier großer Machtblöcke beleuchtete anschließend FEDERCIO MARAZZI (Neapel). Dass das zersplitterte Süditalien nicht nur eine Grenz- und Konfliktregion war, zeigte Marazzi anhand der Besitzungen der großen Klöster der Region, unter anderem Montecassino und San Vincenzo al Volturno. Diese und die Handelsnetze der Abteien seien über die Grenzen der einzelnen Herrschaften erhalten geblieben und hätten somit eine Möglichkeit für Kontakt und Austausch gebildet. ANNIC PETERS-CUSTOT (Nantes) wiederum richtete ihren Blick auf das 'Zweikaiserproblem', welches in Süditalien seinen direkten Austragungsort fand. Die Referentin analysierte die Konfliktlage hinsichtlich der wahren Verkörperung der romanitas aus Sicht der italo-griechischen Überlieferung, ausgetragen zwischen dem Basileús in Konstantinopel und seinen karolingischen beziehungsweise ottonischen Gegenübern. Dabei führte sie aus, dass Rom unter gewissen Umständen (zum Beispiel während der Zeit des Ikonoklasmus) für die italo-griechischen Mönchseliten attraktiver gewesen sein konnte als Konstantinopel.

Das aufstrebende Papsttum wurde in den Vorträgen von CLAUDIA ALRAUM und JUDITH WERNER (beide Erlangen) behandelt, deren gemeinsamer Ausgangspunkt das in Göttingen laufende Projekt einer Neubearbeitung der Regesta Pontificium Romanorum war. Alraum machte in ihrem viel diskutierten Beitrag vor dem Hintergrund damaliger, mit Konstantinopel strittiger kirchlich-jurisdiktioneller Fragen die Regionen Kampanien, Benevent, Capua und Gaeta als Sphären des verstärkten päpstlichen Einflusses aus. Diese waren zugleich Hauptziele der päpstlichen Kommunikation im 8. und 9. Jahrhundert. Demgegenüber spielten Apulien, Kalabrien und Sizilien kaum eine Rolle. Die nur einseitig und fragmentarisch überlieferten Quellen zeigten keine oder nur wenige Versuche, über kulturelle und aktuelle Grenzen auszugreifen, was erst das Reformpapsttum des 11. Jahrhunderts unternähme. Werner zeichnete am Beispiel süditalienischer Urkundenempfänger durch Aspekte der Diplomatik die Entwicklung des Papsttums von einer reagierenden zu einer agierenden Macht. Deutliche Unterschiede in der Gestaltung von Urkunden in einem Pontifikat für verschiedene Empfänger, aber große Ähnlichkeiten in verschiedenen Pontifikaten für ein und denselben Empfänger weisen für Werner auf "Push-and-Pull-Effekte" zwischen Papsttum und Urkundenempfänger hin. Für Süditalien ergäben sich einige Spezifika und lokalspezifische Erwartungen, auch wenn vor dem 11. Jahrhundert die Überlieferung sehr spärlich gewesen sei. Dieser offensichtliche Einfluss des Empfängers auf die Urkundengestaltung schwände bezeichnenderweise mit dem Reformpapsttum.

 

Section IV: Latin Configuration of Power

Zu Anfang der letzten Sektion erläuterte GIULIA ZORNETTA (Padua) ihr Dissertationsvorhaben über die langobardischen Herzogtümer, unter denen dem Herzogtum Benevent eine ganz besondere Bedeutung zukam. Nach der Eroberung des langobardischen Königreichs durch Karl den Großen hätten sich Herzog Arichis II. und seine Nachfolger, so Zornetta, bewusst in die Tradition der Langobardenkönige gestellt. Durch Nachahmung von Herrschafts- und Repräsentationsformen sowie Übernahme von karolingischen und byzantinischen Gebräuchen wurden die Herzöge Benevents zum Vorbild für die umliegenden Herrschaften und konnten damit ihre Unabhängigkeit bis ins 11. Jahrhundert wahren. Demgegenüber stand die Korrespondenz Papst Johannes' VIII. nach Süditalien im Zentrum des Beitrags von VERONIKA UNGER (Erlangen). Mit Hilfe des erhaltenen Briefregisters des im Süden äußerst aktiven Johannes untersuchte Unger mit wem der Papst in Kontakt stand und aus welchen Gründen. Die 'Sarazenengefahr' stelle sich hier als überragendes Thema seines südlichen Briefverkehrs heraus.

Über Kaiser Ludwig II. und dessen Verhältnis zum Gantner online zuschnittByzantinischen Reich sprach CLEMENS GANTNER (Wien), wofür er unter anderem den undatierten 'Kaiserbrief von St. Denis' heranzog. Der nach Gantner vor allem in jungen Jahren stark von Byzanz beeinflusste Ludwig sei ein bevorzugtes Ziel byzantinischer Außenpolitik gewesen. Zur gleichen Zeit war der Süden Italiens für ihn selbst ein verlockendes Betätigungsfeld in Konkurrenz und Zusammenarbeit mit dem Basileús, vor allem um sein durch die Teilungen des Frankenreichs auf Nord- und Mittelitalien beschränktes Herrschaftsgebiet zu erweitern. Im letzten Vortrag der Tagung analysierte KLAUS HERBERS (Erlangen), ausgehend von neueren Forschungsdefinitionen eines Kreuzzugs, inwiefern ausgewählte päpstliche Verlautbarungen des 9. Jahrhunderts die Frühform eines Kreuzzugsaufrufs darstellen könnten. Wie Herbers resümierte, hätten die Päpste den Kampf gegen die 'Ungläubigen' in dieser Zeit eher noch mit Liturgie, Gebeten und Symbolen geführt, jedoch könnte mit der einsetzenden Rezeption einzelner solcher Aufrufe in kanonistischen Werken auf lange Sicht der Grundstein für diesbezügliche Entwicklungen in der Kreuzzugszeit gelegt worden sein.

 

Abschlussdiskussion und Ausblick

Die von DANIELA RANDO (Pavia) und JOCHEN JOHRENDT (Wuppertal) eingeleitete Abschlussdiskussion verwies auf einige Desiderate der Tagung. Ausgehend von den drei Kategorien Macht/Herrschaft, Kultur und Religion fiel diejenige der Kultur deutlich ab. Auch ökonomische Aspekte hätten genauer untersucht werden können. Die Vorträge zielten zum Teil eher auf begrenzte Teilregionen statt auf einen süditalienischen Gesamtzusammenhang und zeigten mehr die Außensicht aus den Zentren der drei großen Machtblöcke als das Selbstbild beziehungsweise die Eigenwahrnehmung der Region. Schließlich wurde noch einmal die Frage des Kulturaustauschs aufgeworfen, in dessen Feld es besonders einer größeren Thematisierung von liturgischen Fragen an der Schnittstelle des Einflusses von West- und Ostkirche mangelte. Um diesen Desideraten zu begegnen ist von der Tagungsorganisation angedacht, entsprechenden Spezialuntersuchen in dem zu erstellenden Tagungsband Raum zu geben. Hier könnten auch weitere archäologische Schwerpunkte gesetzt oder die für die Thematik wichtigen Meistererzählungen mit einem Aufsatz bedacht werden.

Insgesamt zeigte die Tagung, dass das Modell einer klaren Sicht auf die Kategorien Peripherie und Zentrum im Fall des frühmittelalterlichen Süditaliens deutlich zu kurz greift. Süditalien war als border region nicht nur ein passiver Empfänger von Akzenten aus den Zentren der mediterranen Imperien, sondern konnte diese als vermittelnde contact area seinerseits beeinflussen. Periphere Lage und Zersplitterung ohne ordnende Zentralmacht sollten nicht als Schwächen, sondern Stärken gesehen werden. Durch sie hat Süditalien seinen eigenen Charakter bewahren und zu einem wichtigen Kristallisationspunkt der weiteren Entwicklung des Mittelmeerraums im Hochmittelalter werden können.

 


Konferenzübersicht

 

Tagungsübersicht

Martin Baumeister (DHI Rom): Welcome

Klaus Herbers (Universität Erlangen-Nürnberg), Kordula Wolf (DHI Rom): Introduction

Section I: Southern Italy as Part of Different Mediterranean Spaces

Chair:  Nikolas Jaspert (Universität Heidelberg)

Lutz Berger (Universität Kiel): Centres and Peripheries in the Early Medieval Muslim Mediterranean

Rudolf Schieffer (Bonn): Die Politik der Karolinger in Süditalien und im Mittelmeerraum

Ewald Kislinger (Universität Wien): Das byzantinische Italien: Imperiale Kontinuität und marginale Provinz

Hugh Kennedy (Universität London): The World of the Muslim Frontier – Public Evening Lecture

 

Section II: Muslim Presence in Southern Italy – Transformations and Challenges

Chair:  Amedeo Feniello (Italienisches Historisches Institut für das Mittelalter Rom)

Vivien Prigent (CNRS Paris): La Sicilia, terra d'imperi (VII–X secoli)

Alessandro Vanoli (Universität Bologna): Una società mediterranea: i materiali della genizah e alcune prospettive di indagine sulla Sicilia musulmana

Marco Di Branco (Rom): L'emirato di Bari e la presenza musulmana sulla terraferma durante l'età aghlabita. Bilancio e prospettive

Tommi P. Lankila (Universität Princeton, Rom): 'Saracen Raids' in Southern Italy and the Early Medieval Central Mediterranean

Annliese Nef (Universität Paris Panthéon-Sorbonne): Il ruolo della Sicilia kalbita nel Mediterraneo centrale

Lucia Arcifa (Universität Catania), Fabiola Ardizzone (Universität Palermo): Una 'frontiera' interna? La Sicilia tra IX e X secolo alla luce dei nuovi dati archeologici

 

Section III: Local Dynamics between Constantinople and Rome

Chair:  Vivien Prigent (CNRS Paris)

Jean-Marie Martin (Rom, Paris): I musulmani come sfida per l'Italia meridionale bizantina e i ducati campani (IX – inizio X secolo)

Federico Marazzi (Universität Neapel): Vittime di Pirenne? I confini del Mezzogiorno negli scenari economico-politici di Europa e Mediterraneo (secoli VII–IX)

Annick Peters-Custot (Universität Nantes): Gli Italo-Greci e la duplicità degli imperi e della 'romanitas'

Claudia Alraum (Universität Erlangen-Nürnberg): Wirkungsfeld Roms? Tendenzen in der süditalienischen Kirchenlandschaft im 8. und 9. Jahrhundert

Judith Werner (Universität Erlangen-Nürnberg): Päpstliches (Re?-)Agieren im frühmittelalterlichen Süditalien – diplomatische Aspekte

 

Section IV: Latin Configurations of Power – Perceptions and Contacts

Chair:  Irmgard Fees (Universität München)

Giulia Zornetta (Universität St Andrews, Padua): Alla periferia di due imperi: l'Italia meridionale longobarda nell'VIII e nel IX secolo

Veronika Unger (Universität Erlangen-Nürnberg): Johannes VIII. und sein Verhältnis zu den kleineren Herrschaften Süditaliens

Clemens Gantner (Universität Wien): Ad utriusque imperii unitatem? On the relations between Louis II of Italy and the Byzantine Empire

Klaus Herbers (Universität Erlangen-Nürnberg): Frühformen des Kreuzzugs in den päpstlichen Verlautbarungen des 9. Jahrhunderts?

Daniela Rando (Universität Pavia), Jochen Johrendt (Universität Wuppertal): Final Discussion


 

 

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