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Von der Eisenbahn zum Flughafen – Eine theoretische Einführung in den Transit-Ort der Moderne und Spät-Moderne

Eine Rezension von 

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Wilhelmer, Lars: Transit-Orte in der Literatur. Eisenbahn – Hotel – Hafen – Flughafen. Bielefeld: transcript, 2015.

 

Lars Wilhelmers Monographie Transit-Orte in der Literatur. Eisenbahn – Hotel – Hafen – Flughafen bietet einen Einblick in die Transit-Orte der Moderne und Spät-Moderne (bis hin zur Post-Moderne) zu bekommen, werden diese aus ihrem historischen Kontext heraus beschrieben. Exemplifiziert werden diese durch literarische Beispiele, wie zum Beispiel Transit von Anna Seghers, die als Kern den Transit-Ort beherbergen. Wilhelmers Arbeit bietet daher, nebst einem informativen und grundsätzlichen Überblick zur Raumtheorie auch einen literarischen und historischen Abriss der jeweiligen Funktion der Transit-Orte.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract              

 

 

Aufgrund der generellen Schnelllebigkeit der heutigen Zeit gewinnen Bahnhöfe und Flughafen immer mehr an Bedeutung für die alltägliche menschliche Existenz und Koexistenz; sie bilden nicht nur Verbindungspunkte zweier Orte, sondern eröffnen in ihrer Eigenheit eine gänzlich neue Form des Ortes an sich. Diese Eigenheit von Transitorten war schon mehrfach Gegenstand verschiedener Publikationen und hat im Zuge des „spatial turn“ einen deutlichen Einfluss auf die Kultur- und Literaturwissenschaft genommen. Räumliche Perzeption, wie auch die sich daraus generierende Interaktion ermöglicht eine Fülle von analytischen Vorgehensweisen zur Ausgestaltung verschiedenster kultureller Produkte. Zu deren Analyse bedarf es nämlich der Fähigkeit, die Grenzen des eigenen Fachgebietes zu überschreiten, auch um diesem interdisziplinären Forschungsfeld gerecht zu werden.

 

In seiner Studie widmet sich Wilhelmer dieser Transitortbildung und verbindet dabei die räumliche Analyse seines Materials mit einer groben Skizzierung der Eigentümlichkeit eines Nicht-Ortes. Hierbei wird sich vor allem, wenn auch nicht immer deutlich gekennzeichnet, an Marc Augés „Nicht-Orte“ orientiert. Augé gibt in diesem raumtheoretischen Standartwerk die genauere Definition des Transit-Ortes hinsichtlich seines Verbindungscharakters, einer Enthistorifizierung und seiner Anonymität beziehungsweise zeitlicher Limitierung.

 

Wilhelmer setzt sich im Kapitel Vom Ort zum Transit-Ort mit der Frage auseinander, inwieweit ein Transit-Ort als Nicht-Ort klassifizierbar ist. „Ort und Transitort sind fliehende Pole; der Ort verschwindet niemals vollständig, und der Transit-Ort stellt sich niemals vollständig her“ (S.33), hier wird weiter in verkürzter Weise die These angeschnitten, dass aufgrund der Mehrschichtigkeit von Gebäuden wie einem Bahnhof, nicht von „dem Transitort“ gesprochen werden kann, da er über Subräume verfügt, die wiederum eine andere semantische Füllung innehaben. Leider ist dieser kurze Anriss eines doch sehr diversen und komplexen Themas symptomatisch für Wilhelmers Arbeit, jedoch ergeben sich daraus auch immer wieder probate Ansätze für anschließende Forschung.

 

Kurze Einführungen in die weitere Raumtheorie nach de Certeau und Foucault geben dem Lesenden eine gute Grundlage, die es auch jenseits der eigentlichen Textanalysen ermöglicht, sich der Thematik vorbereitet und fundiert anzunehmen. Es wird eine Verbindung aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Raumtheorie geschaffen, welche in ihrer Schnittmenge vielseitige Perspektiven eröffneten, ohne dabei eine allgemeingültige Wahrheit zu postulieren. Auch der immer wiederkehrende Einfluss der Philosophie, Architektur (hierbei die Urbanistik) und Soziologie verdeutlichen, welche interdisziplinäre Verknüpfungsarbeit notwendig ist, um eine konkrete Raumanalyse zu leisten.  So ergibt sich in der abschließenden Betrachtung des theoretischen Vorbaus das Bild eines abgeschlossenes, wenn gleich unspezifisch wirkenden Touchierens der gängigen Theorien.

 

Innerhalb der Einführung in die Raum- und Transittheorie ist der Exkurs: Transit-Räume als Heterotopie (S.52)  noch einmal genauer zu betrachten. Dieser liefert vor allem eine Perspektive auf die von Foucault formulierte Definition einer Heterotopie und deren Anwendbarkeit auf einen Transitort unter Einbezug des performativen Charakters einer Verräumlichung nach de Certeau. Hier wird von Wilhelmer die Schwierigkeit innerhalb der foucaultschen Theorie aufgegriffen, die sich aus einer unpräzisen Trennung von Ort und Raum ergibt. So schreibt er:„[…] mit heutigen raumtheoretischen Überlegungen ist das Konzept der Heterotopie am ehesten in Einklang zu bringen, wenn man es als räumliches Phänomen betrachtet, das zwar Auswirkungen auf die Orte hat, sich in seiner Doppelbelegung jedoch ausschließlich auf die Raumkonstruktionen bezieht“ (S.53). Zugespitzt wird dies zu einem Vergleich der Nutzungsintentionen von (allgemein) Transit-Ort und (speziell) Gefängnis: Das Gefängnis ist in seiner funktionalen Grundstruktur als Gegenkonzept zum öffentlichen Raum gestaltet, wohingegen eine Straße den reibungslosen Ablauf der Verkehrssituation ermöglicht und nur punktuell als Gegenraum genutzt wird. Auch in diesem Kapitel stehen sich Foucault, Augé und de Certeau in einer Verknüpfung gegenüber, die versucht einen Einklang zu generieren, der in Wilhelmers Ansatz unzureichende ausformuliert wird, de Certeau wird hier zum möglichen Mittler zwischen dem augéschem Transit-Ort und der Heterotopie (vgl. Däumer/Gorek-Reiter/Kreuder, Unorte. Spielarten einer verlorenen Verortung, Bielefeld 2010).

 

Die Attraktivität der Transit-Orte zeichnen sich in den von Wilhelmer gegebenen literarischen Beispielen in spezifischer, wie auch allgemeingültiger Art und Weise ab. So wird zu jedem der behandelten Transit-Orte ein eigenes Kapitel mit einer kurzen kulturhistorischen Einleitung gegeben. Die Eisenbahn findet sich in Eine Winternacht auf der Lokomotive von Max Maria von Weber und dem Bahnwärter Thiel von Hauptmann, das Hotel in Hotel Savoy von Joseph Roth und in Der Hoteltreppe von Franz Werfel. Transit von Anna Seghers bietet für den Hafen einen exemplarischen Text und Wilhelmer lässt der Transitorik der Flucht besondere Aufmerksamkeit zukommen. Auch Erich Maria Remarques Die Nacht von Lissabon wird exemplarisch für den Hafen herangezogen, der Transit-Ort der Spätmoderne schließlich, der Flughafen, wird anhand von Overaths Flughafenfische und Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen behandelt.

Die fortlaufende perspektivische Diversifizierung der literarischen Beispiele, verschafft Wilhelmers Studie beinahe selbst die Dynamik eines Transit-Orts: ein Durchlaufverkehr, ein Nicht-Verharren, das zwar innerhalb der einzelnen Kapitel viele neue Optionen für vertiefende Untersuchungen generiert, die jedoch oft ungenutzt lässt. 

 

 

 

Wilhelmer, Lars: Transit-Orte in der Literatur. Eisenbahn – Hotel – Hafen – Flughafen. Bielefeld: transcript, 2015. 340 S., kartoniert, 39,99€. ISBN: 978-3-8376-2999-6.





Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 7

Transit-Theorie

Sozial- und kulturwissenschaftliche Raumtheorie ... 19

All the world’s a stage? Raumvorstellungen um Wandel ... 19

Vom sozialen Raum zum Ort ... 27

Vom Ort zum Transit-Ort ... 33

Vom Transit-Ort zum Nicht-Ort? ... 40

Vom Transit-Ort zum Transit-Raum ... 49

Exkurs: Transit-Räume als Heterotopien ... 52

Literaturwissenschaftliche Raumtheorie ... 59

Die Ebenen literarischer Raumwirklichkeit ... 61

Ein relationaler Raumbegriff für die Literatur ... 88

Transit-Texte

Dynamik und Gradlinigkeit: Auf eisernen Bahnen ... 95

Vom sehenden Reisenden zum blinden Passagier ... 95

Werkzeug des Zeitgeistes: Eine Winternacht auf der Lokomotive ... 104

„Ein rasendes Toben erfüllte den Raum“: Bahnwärter Thiel ... 112

 Paradoxie und Entgrenzung: Fünf-Uhr-Tee in der Hotelhalle ... 125

„Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende“ ... 125

Gefangen im Dazwischen: Hotel Savoy ... 143

Geschichte einer Transitverweigerin: Die Hoteltreppe ... 161

Flüchtigkeit: Im unsicheren Hafen ... 173

Kap der letzten Hoffnung ... 173

Fragwürdig, windig, transitär: Transit ... 186

„Das Meer war Amerika“: Die Nacht von Lissabon ... 218

Leere? Im Flughafentransit ... 239

Künstliche Einöden ... 239

„Was aber geschah hier, wo nichts geschah?“: Flughafenfische ... 263

Spätmoderne Raumkritik: wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen ... 283

Zusammenfassung und Ausblick ... 305

Literatur ... 321

 

 

From the Railway to the Airport – A Theoretical Introduction to the Transitional Space of Modernity and Late Modernity

 

Lars Wilhelmer’s monograph Transit-Orte in der Literatur. Eisenbahn – Hotel –Hafen – Flughafen deals with the literary conception of modern and late-modern age places of transition as resemblances of Augé’s concept of “non-places.” After a short theoretical introduction to spatial theory, Wilhelmer provides a diachronic account of German literary examples, such as Transit by Anna Seghers. These works are used to exemplify the function of different places of modern and post-modern transition as spatial element and are put into their historical context. Thus an analytical approach in the sense of transitional spatial theory is used, exemplified, and displays the theoretical fundament given by the first part of the book.


 


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