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Quo Vadis, Völkerkundemuseum: Therapiemöglichkeiten für eine Identitätskrise

Eine Rezension von 

KatjaWehde_quovadis.jpg

 

 

Kraus, Michael und Karoline Noack (Hg.): Quo vadis, Völkerkundemuseum? Aktuelle Debatten zu ethnologischen Sammlungen in Museen und Universitäten.  Edition Museum Bd. 16. Bielefeld: transcript, 2015.

 

Mit dem Sammelband Quo Vadis, Völkerkundemuseum? stellen Michael Kraus und Karoline Noack die beliebte Frage nach den Wegen, die die Institution des ethnologischen Museums in Deutschland zukünftig gehen muss. Dafür bringen sie Einblicke von Wissenschaftler_innen und Museumsfachleuten in einen Dialog, der sich vor allem der Beziehung zwischen Universität und Museum, institutionellen Entwicklungen sowie neuen Ausstellungskonzepten widmet.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract           

          

 

Sucht man nach Büchern, die mit den Worten "Quo Vadis" beginnen, stößt man häufig auf Identitätskrisen von Fach- und Aufgabenbereichen: Wohin gehst du, Philosophie? Wohin gehst du, deutsches Fernsehen? Und so lässt die Frage auch als Eröffnung von Michael Kraus' und Karoline Noacks Sammelband wenig Zweifel daran, dass sich das Völkerkundemuseum in einer herausfordernden Übergangsphase befindet. Für deren Bewältigung tragen die Autoren ihre Diagnosen und Lösungsansätze zusammen.

 

In seiner Einleitung beschreibt MICHAEL KRAUS zunächst aktuelle Erwartungen an ethnologische Museen. Dazu zählt er Aspekte der Forschung im Museum, der Reflexion musealer Repräsentationsformen sowie der Partizipation (vgl. S. 10). Im Kontext einer Einbindung von 'source communities' in die Museumspraxis fordert er, dass "[…] das Erarbeiten ethnologischer, also auf wissenschaftlicher Forschung von Fachvertreter/-innen beruhender Perspektiven ob alldem nicht hintangestellt wird." (S. 15) Dieses Anliegen, die Wissenschaftlichkeit des Museums zu erhalten, steht auch in weiteren Beiträgen im Mittelpunkt. MAIKE POWROZNIK deutet den Titel des Buches etwa in "Quo Vadis, Forschung im Völkerkundemuseum?" um. Sie argumentiert, dass Museen ihr Forschungsfeld klar umreißen und die Deutungshoheit über ihren Gegenstand bewahren müssen, um nicht in eine Verteidigungsposition zu geraten (vgl. S. 73). MONA SUHRBIER beklagt ebenso, dass das Völkerkundemuseum durch die Auseinandersetzung mit der Krise der Repräsentation nicht in der Lage sei, aktuelle ethnologische Forschung zu vermitteln (vgl. S. 96). Michael Kraus kritisiert in seinem Beitrag das Frankfurter Weltkulturenmuseum für die in Teilen der Ausstellung Foreign Exchange fehlende Kontextualisierung, welche das ethnographische Material den Projektionen der Besucher_innen überlasse (vgl. S. 235). An mehreren Stellen seiner Ausstellungsbesprechung tadelt er: "[…] eine Analyse findet nicht statt." (S. 235ff)

 

Neben diesen Forderungen nach mehr Forschung im Museum beinhaltet der Sammelband auch diverse Vorschläge zur konkreten Ausstellungsgestaltung. So erhoffen sich HELMUT GROSCHWITZ die Einbindung von Repräsentationen europäischer Kultur (vgl. S. 206) und Maike Powroznik das vermehrte Ausstellen von Alltagsobjekten (vgl. S. 75). Im Kontext solcher Veränderungswünsche macht ANDREA SCHOLZ in ihrem Beitrag zum Humboldt Lab Dahlem auf strukturelle Probleme wie Finanz- und Personalknappheit aufmerksam (vgl. S. 279). Sie bewertet das Labor-Projekt für das zukünftige Humboldt Forum als positiv, weist jedoch auch auf das Problem der Marginalisierung neuer Projekte innerhalb etablierter Institutionen hin (vgl. S. 286). Einen möglichen Ansatz für die Bewältigung struktureller Schwierigkeiten liefert BEATRIX HOFFMANN, die für die Digitalisierung von Sammlungen plädiert (vgl. S. 192). Diese binden indigene Gruppen schneller und einfacher in die Interpretation ein, erarbeiten Bedeutungen individuell (vgl. ebd.) und ermöglichen eine Form der virtuellen Repatriierung (vgl. S. 200).

 

Ähnlich innovative Strategien könnten aktuellen Erwartungen an eine postkoloniale und partizipative Museumspraxis gerecht werden. Doch die Beiträge des Sammelbandes weisen auf zwei Hindernisse hin. Zum einen sorgen sich Museumsethnologen um den Verlust von Deutungshoheit und Wissenschaftlichkeit. Zum anderen wird die Krise der Repräsentation oftmals noch als Problem und weniger als Chance wahrgenommen. So klagt Mona Suhrbier: "Wenn die völkerkundlichen Museen mit Hilfe der Debatten von Ethnologen um die Repräsentationskrise ein für alle Mal als Brutstätten von Kolonialismus […] paralysiert sind, wird es für die Ästhetisierer ein leichtes sein, sie […] einzunehmen." (S. 106) Auch Michael Kraus befürchtet, ethnologische Museen werden durch postkoloniale Kritik selbst exotisiert und ausgegrenzt (vgl. S. 231, 245). Diese Umkehrungen des othering wirken jedoch eher defensiv und kontraproduktiv. Gerade weil die Ethnologie einen Wertewandel vollzogen hat, ist eine kontinuierliche Reflexion von Blickregimen und Wissensproduktionen in der Disziplin sowie im Museum noch immer notwendig. PEGGY GOEDE MONTALVÁN stellt in diesem Kontext die wichtige Frage, ob sich das Bild des Anderen wirklich verändert hat, wenn vom Völkerkundemuseum heute noch eine exotische Atmosphäre erwartet wird (vgl. S. 172). Sie schlägt vor, Besuchererwartungen mit wissenschaftlicher Kritik zu konfrontieren (vgl. S. 171), was vor allem im Hinblick auf dadurch ermöglichte Perspektivwechsel vielversprechend ist.

 

So machen die Beiträge im Sammelband deutlich, dass es in Zukunft darauf ankommen wird, Kompromisse zwischen traditioneller Wissenschaftlichkeit und partizipativer Deutung zu finden. Hierzu gehört auch, ästhetische Ansätze im Sinne einer Arts-Based Research nicht sogleich als unwissenschaftlich zu deklarieren, weil dadurch erst die Kluft zwischen Kunst und Wissenschaft entsteht, die als Herausforderung für das Museum erachtet wird. KAROLINE NOACK plädiert dementsprechend für "neuartige Kommunikationsformen über die Disziplinen- und Institutionsgrenzen hinweg" (S. 61). Sie nennt zudem Beispiele von Museen, in denen die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft verwischt, wodurch Objekte de-fetischiert werden (S. 59).

 

Quo Vadis, Völkerkundemuseum? bringt die Breite der aktuellen Herausforderungen für das Völkerkundemuseum sowie der möglichen Lösungsansätze auf den Punkt. Obwohl sich keine einheitliche Meinung über die Zukunft der Institution abzeichnet, bietet der Sammelband Museumsethnologen die Möglichkeit, diverse Ansätze miteinander zu verbinden. Ob und wie viel Deutungshoheit oder Wissenschaftlichkeit hierbei eingebüßt wird, entscheidet sich danach, was diese Begriffe für die jeweiligen Museen und Mitarbeiter bedeuten. Der Erfolg der Therapie und damit auch die Zukunft des Völkerkundemuseums werden sich jedoch erst im Prozess der Veränderung zeigen.
 

 

Kraus, Michael und Karoline Noack (Hg.): Quo vadis, Völkerkundemuseum? Aktuelle Debatten zu ethnologischen Sammlungen in Museen und Universitäten., Edition Museum Bd. 16. Bielefeld: transcript, 2015. 378 S., kartoniert, 34,99€, ISBN: 978-3-8376-3235-4.



Inhaltsverzeichnis

Michael Kraus: Quo Vadis, Völkerkundemuseum? – Eine Einführung ... 7

Ungleiche Geschwister? Ethnologie an Museum und Universität

Karoline Noack: Museum und Universität: Institutionen der Ethnologie und Authentizität der Objekte. Rückblicke, gegenwärtige Tendenzen und zukünftige Möglichkeiten ... 41

Maike Powroznik: Mensch – Objekt – Könnerschaft. Einige Überlegungen zur Frage der Wertschätzung einer ethnographischen Sammlung ... 69

Mona Suhrbier: Lastenverteilung: Zum Verhältnis von Museum, Universität und Kunst nach der Krise der ethnographischen Repräsentation ... 93

Christoph Antweiler: Welche Ethnologie für das Museum? Welches Museum für die Ethnologie? ... 111

Institutionelle Entwicklungen und Interdisziplinäre Debatten

Martin Schultz: Vom Naturalienkabinett zum Mehrspartenmuseum. Die ethnologischen Sammlungen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim ... 135

Heinrich Natho & Jennifer Schmitz: Die Bonner Altamerika-Sammlung – Von der Studiensammlung zum experimentellen Universitäts-Museum ... 155

Peggy Goede Montalván: Museen der ›Weltkulturen‹ oder Museen ›zwischen den Welten‹? ... 169

Beatrix Hoffmann: Partizipative Museumsforschung und digitale Sammlungen: Chancen und Grenzen ... 185

Helmut Groschwitz: Und was ist mit Europa? Zur Überwindung der Grenzen zwischen ›Europa‹ und ›Außer-Europa‹ in den ethnologischen Sammlungen Berlins ... 205

Michael Kraus: Abwehr und Verlangen? Anmerkungen zur Exotisierung ethnologischer Museen ... 227

Konzepte in Aktion

Iris Edenheiser: In-Between. Zum Grenzgang zwischen ethnologischen und kunsthistorischen Konventionen in der Ausstellungspraxis. Oder: Don’t represent – create a presence! ... 257

Andrea Scholz: Das Humboldt Lab Dahlem – Experimentelle Freiräume auf dem Weg zum Humboldt-Forum ... 277

Matthias Lewy: Objekte hören? Klang im ethnologischen Museum. Ein Beitrag zur angewandten auditiven Anthropologie ... 297

Anna Seiderer: Rituale und Performance religiöser Sammlungen in ethnographischen Museen ... 321

Anne Slenczka: Das bessere Völkerkundemuseum? Überlegungen zu Impulsen aus indigenen Museen für die Zukunft ethnologischer Museen ... 335

Autor/-innenverzeichnis ... 369

 

 

Quo Vadis, Völkerkundemuseum: Therapeutic Options for an Identity Crisis

 

With their edited volume Quo Vadis, Völkerkundemuseum?, Michael Kraus and Karoline Noack ask the popular question of the ethnographic museum’s future. In the book, academic ethnologists enter into a dialogue with museum professionals in order to discuss the relation between universities and museums, institutional developments and new exhibition concepts.



© bei der Autorin und bei KULT_online