Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Medientheorie und Postkolonialismus: Ein Annäherungsversuch

Eine Rezension von

ReneDemanou_Universalismus.jpg

 

 

Ulrike Bergemann, Nanna Heidenreich (Hg.): Universalismus und Partikularismus in post_kolonialer Medientheorie. Bielefeld: transcript, 2015.

 

Mit 22 Beiträgen versammeln und dokumentieren die Herausgeberinnen Ulrike Bergemann und  Nanna Heidenreich maßgeblich Impulse der postkolonialen Kritik für die zeitgenössische Medientheorie. Die vier ersten Aufsätze des Sammelbandes bieten theoretische Überlegungen über einen Annäherungsversuch zwischen dem Postkolonialismus und der Medientheorie und –praxis. Die achtzehn letzten Beiträge bilden Fallstudien, in denen Erkenntnisse der postkolonialen Kritik benutzt werden, um die Medienwelt neu zu interpretieren und Denkmuster in den Medien zu dekonstruieren. Als innovativ kann der Gebrauch des Postkolonialismus zur Analyse von mediatisierten Denkmustern und Tönen gewertet werden. Den Sammelband können aber Beiträge ergänzen, die die europäische Medienlandschaft mit anderen bzw. fremden Augen interpretieren. Dennoch darf der vorliegende Sammelband als entscheidender Beitrag in der deutschen Medienwissenschaft im Besonderen und postkolonialen Theorie deutscher Prägung im Allgemeinen gelten.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract               

 

    

Die Zeit der eurozentrischen Darstellung des kulturell Anderen in den Medien soll hinter uns liegen. Ulrike Bergemann,  Nanna Heidenreich und ihr Team aus Medienwissenschaftlern, Künstlern, Literaturwissenschaftlern, Kulturwissenschaftlern, Filmwissenschaftlern und Historikern haben ein Buch vorgelegt, das exemplarisch aufzeigt, wie europäische Medien und Filme den kulturell Anderen jenseits des Partikularismus in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darstellen können.

 

In ihrem einleitenden Beitrag werfen die Herausgeberinnen Ulrike Bergemann und Nanna Heidenreich die zentrale Fragestellung des Buches auf und beschreiben somit sein Anliegen. Sie fragen sich hier, „ob und wie sich Kolonialität in unseren Begriffen von Medialität auffinden lässt, etwa im Kontext von Natürlichkeits- und Alteritätsvorstellungen, Menschenbildern, Geregeltem und Ungeregeltem“ (S. 10). Es geht ihnen darum zu erforschen, wie das Verhältnis von Universalismus und Partikularismus, das in den Postcolonial Studies von Anfang an berücksichtigt wird (S. 11), nun in der Medientheorie thematisiert werden kann. Ihr Ziel ist es also, zu einem Wiederlesen (rereading), Wiederansehen (re-viewing) und Wiederherausgeben (re-editing) in den Medienwissenschaften zu gelangen. Daher knüpfen sie an das behelfsmäßige Label „postkoloniale Medienwissenschaft“ an, um jene medienwissenschaftlichen Untersuchungen zu bezeichnen, die postkolonial vorgehen. Die Hauptthese des Sammelbandes ist, dass die Medienwissenschaft als direkte Erbin ihrer Wissen(schafts)geschichte wie andere Wissenschaften (zum Beispiel Comparative Literature und Cultural Studies) dazu beitragen soll, Darstellungsformen und Inhalte von Historien kritisch zu rekonstruieren, um die Topographien des Denkens zu verändern.

 

Nach dieser Einleitung folgen drei Beiträge, in denen es darum geht, eine postkoloniale Geschichte des Medienbegriffes zu rekonstruieren, der Rolle des Mediums Schrift in der Kolonialforschung nachzugehen sowie ethnische Stereotype zu veranschaulichen, die bisherige logenzentrische Darstellungen europäischer Medien geprägt haben. Besonders hervorzuheben ist hier die systematische Auseinandersetzung mit dem Übergang von kolonialen zu postkolonialen Trancemedien: was in den Darstellungen  kolonial war (S. 56) und was das Postkoloniale leisten kann (S. 59).

 

In den restlichen Beiträgen werden konkrete Einzelfälle wie erfolgreiche Filme und Serien mit besonderer Berücksichtigung auf Universalismus und Partikularismus untersucht. So seien Schauspieler  wie Bruce Lee und serielle Figuren wie Dracula als Brückenbauer in den Kampfkünsten (S. 101) und als Grenzgänger bestimmbar (S. 117f). Denkmuster und Tönen in der europäischen Medienwelt werden ebenso postkolonial revidiert und projiziert, und zwar unter dem Blickwinkel von Wiederlesen, Wiederansehen und Wiederherausgeben.

 

Das Buch findet seinen Abschluss in einem innovativen Beitrag, in dem nach der Bedeutung des Klimawandels für das postkoloniale Denken im Besonderen und nach der Tragweite der heutigen postkolonialen Kritik für das Humane im Allgemeinen gefragt wird (S. 332).

 

Bis jetzt hat der Postkolonialismus in der Literatur- und Kulturwissenschaft ein relativ breites Echo im deutschen Forschungsraum. Deshalb haben Ulrike Bergemann und Nanna Heidenreich mit dem vorliegenden Sammelband einen entscheidenden Beitrag zu postkolonial gerichteten medienwissenschaftlichen Auseinandersetzungen geleistet. Es wurde nicht nur theoretisch versucht, wie Postulate der postkolonialen Theorien fruchtbar für die Medienwelt und –theorie gemacht werden können. Anhand praktischer Analysen werden zudem mediatisierte logozentrische Bilder und Tönen dezentriert und neu bewertet.

 

Die große Stärke des Sammelbandes liegt in der Einbeziehung von diesen Bildern und Tönen aus verschiedenen mediatisierten Darstellungen wie Film, Musik, Kunst, Serien und anderen, um eurozentrische Denktraditionen in der Medienwelt zu dekonstruieren und mit postkolonialen sozialen Realitäten umzugehen.

 

Jedoch ist die quasi Abwesenheit einer Gegenperspektive im Sammelband zu bedauern. In der Tat wurden die Texte hauptsächlich von einer europäischen postkolonialen Perspektive geschrieben. Deshalb kann man sich die Frage stellen: Kann man vom Postkolonialismus sprechen, sofern der Standpunkt der Wortergreifung noch Europa innerhalb seiner geographischen und symbolischen Grenzen ist? In dieser Hinsicht fehlt es dem Band meines Erachtens an Untersuchungen, die entweder von der Peripherie aus sprechen beziehungsweise durchgeführt werden oder die Europa, speziell Deutschland,  außerhalb seiner Grenzen neu bewerten. Solche Untersuchungen hätten der europäischen Medienwelt und –praxis eine andere Lektüre bereiten können. Es wäre wesentlich produktiver gewesen, die beiden Perspektiven einzubeziehen, um zu postkolonialen und zugleich komplementären Analysen zu gelangen.

 

Dieser Mangel soll aber nicht die Gesamtleistung des vorliegenden Sammelbandes mindern. Wer sich für den deutschen Postkolonialismus interessiert, wird nicht enttäuscht sein. Es ist zu hoffen, dass der Sammelband schnell zu einem Standardwerk in der deutschen Medienwissenschaft wird. 

 

 

Ulrike Bergemann, Nanna Heidenreich (Hg.): Universalismus und Partikularismus in post_kolonialer Medientheorie. Bielefeld: transcript, 2015. 355 Seiten, kartoniert, 32 Euro, ISBN 978-3-8376-2766-4.



Inhaltsverzeichnis

 

Urike Bergermann, Nana Heidenreich 

Embedded Wissenschaft. Universalität und Partikularität in postkolonialer Medientheori … 9

Erhard Schüttpelz        

Koloniale und postkoloniale Trancemedien … 47

Sven Werkmeister      

Die alphabetische Schrift als koloniales Medium. Zu einer Schlüsselfrage kolonialer und postkolonialer Literaturen … 61

Rey Chow      

Ideo-Choreografien. Ethnische Stereotype und stereotyper Logozentrismus … 71

Leander Scholz           

Sklaverei, die unsichtbare Tine. Buck-Morss liest Hegel … 91

Paul Bowman  

Bruce Lee nicht/betrogen. Universalismus und Partikularismus in den mediatisierten Kampfkünsten … 101

Ruth Mayer     

Dracula: Die serielle Figur als Medium und Grenzgänger … 117

Elahre Haschemi Yekani         

Das Spektakel des „Selbst“: Britische Kolonialfiguren zwischen universalen Gesten und partikularem Scheitern … 135

 Henriette Gunkel         

„We’ve been to the moon and back.“ Das afrofuturistische Partikulare im universalisierten Imaginären … 149

Johannes S. Ismaiel-Wendt     

Ein Audio-Loop ist noch kein Theorem. Livelooping vs. dezentriertes Sampling-Wissen … 163

Florian Krautkrämer   

Back Zombie. Untotes Leen im (Post-)Kolonialismus … 175

Maja Figge                 

(Post)Koloniale Beziehungen. Fritz Langs Indienfilme zwischen Abstraktion und Orientalismus … 189

Nele Rein        

Wem gehört der Wal? Geschlecht und Ethnizität in Whale Rider … 207

Christian Kravagna     

Curatorial Globe-Trotting. Wie stellt man “periphere Kulturen” aus? … 219

Michaela Ott   

Globale Ästhetik? Zu universellen Normen im globalisierten Kunst- und Filmbetrieb … 229

Candice Breitz

Rainbow Series … 241          
Rainbow and Ghosts Series … 245

Ulrike Bergermann      

Zur Universalität von Whiteness und Hate pictures. Candice Breitz‘ schneidende Biltechniken … 253

Susanne Leeb

Die universale Sprache der verwaltungstechnischen Abstraktion. Zur Darstellung von Kolonialgeschichte in Dierk Schmidts Die Teilung der Erde. Tableaux zu rechtlichen Synopsen der Berliner Afrika-Konferenz (2005-07) … 269

Susan Kamel   

Vorsicht: Frisch gestrichen! Museen islamischer Kunst zwischen postkolonialer Kritik und Orientalismus … 291

Maurice Takor Pülm, Lucas Koczor   

Mein Aufbruch! nach Kamerun … 307

Ulfried Reichardt         

Individualismus und kollektive Formen in globalen Medienwelten … 315

Dipesh Chakrabarty    

Postcolonial Studies und die Herausforderung des Klimawandels … 329

Autor_innen … 349

 

 

Media Theory and Post-Colonialism: An Attempt to Converge

 

This volume by Ulrike Bergemann and Nina Heidenreich, encompassing 22 contributions, documents numerous incentives for using the post-colonial critique for contemporary media theory. The four introductory essays in the volume offer theoretical contemplations on the possibility of a convergence between post-colonialism and media theory and practice. The rest of the volume presents different case studies that, while employing insights of post-colonial critique, help develop new interpretations of the media world and deconstruct common paradigms within it. Overall, the volume applies innovative ways of applying post-colonialism for the analysis of media paradigms and tones. Although the volume could have been enriched with notes on the European media landscape, the book nevertheless represents an important contribution, particularly in German media studies, and also in the post-colonial theory within the German context on the whole.

 


© beim Autor und bei KULT_online