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Lesen und gelesen werden. Entwürfe des Lesers in der spätantiken lateinischen Dichtung

Eine Rezension von 

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Pelttari, Aaron: The Space that Remains. Reading Latin Poetry in Late Antiquity. Ithaca/London: Cornell University Press, 2014.

 

Die Dissertation The Space that Remains. Reading Latin Poetry in Late Antiquity bietet einen Überblick über verschiedene Leserentwürfe in der lateinischen Dichtung der Spätantike. Unter Einbeziehung moderner Literaturtheorie weist Aaron Pelttari dem Leser eine aktive Rolle bei der Sinnstiftung spätantiker Texte zu. Auf der anderen Seite präsentieren sich spätantike Dichter selbst als Leser klassischer, kaiserzeitlicher und christlicher Literatur.




> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract         

 

 

Spätestens seitdem Roland Barthes den Autor hat sterben lassen, ist der Leser eine zentrale Figur bei der Interpretation von Texten. In der altsprachlichen Forschung bilden rezeptionsästhetische Untersuchungen jedoch immer noch eine Ausnahme. Diesbezüglich nimmt Aaron Pelttaris Dissertation The Space that Remains. Reading Latin Poetry in Late Antiquity in zweifacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Zum einen bietet sie einen überblicksartigen Zugang zur lateinischen Dichtung des 4. Jahrhunderts. Zum anderen tut sie das aus der Perspektive eines aktiv gedachten Lesers und unter Einbeziehung moderner Literaturtheorie. In Anlehnung an den Titel seines Buches ist es demnach treffend zu formulieren, dass Pelttari in eine Lücke der Forschungslandschaft tritt, die noch offen steht.

 

In der Einleitung legt Pelttari dar, dass spätantike Autoren ihren Lesern eine aktive Rolle bei der Interpretation ihrer Texte zuschreiben (vgl. S. 1). Dieses gesteigerte Interesse an der Aktivität des Lesers deutet er als ästhetische Besonderheit spätantiker Poesie (vgl. S. 1). Die Hinwendung zu einer leserorientierten Poetik sieht er in einem größeren literarischen Transformationsprozess, der sich vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. vollzogen habe (vgl. S. 1). Methodisch verfolgt er nicht das Ziel, einen historischen Leser zu rekonstruieren oder die materiellen Gegebenheiten des Lesens darzustellen. Vielmehr geht es Pelttari um unterschiedliche Textformen (Text, Paratext, Intertext und Kommentar) sowie poetische Techniken, die den Leser aktiv in Sinnstiftungsprozesse einbinden (vgl. S. 5). Pelttari hofft, auch über Fachgrenzen hinweg Interesse an der Konzeptualisierung des Lesers zu wecken (vgl. S. 9).

 

Im ersten Kapitel stellt Pelttari unterschiedliche Interpretationskonzepte spätantiker Autoren dar. Sein Untersuchungsgegenstand sind die exegetischen Programme der Kirchenväter Augustinus und Hieronymus sowie Macrobius´ Saturnalia. Laut Pelttari inszenieren sich Hieronymus und Macrobius als Leser der Heiligen Schriften beziehungsweise Vergils. Damit böten sie dem Leser ein Muster, an dem er sich bei der Interpretation ihrer Werke orientieren könne. Augustinus hingegen schriebe den Heiligen Schriften multiple Interpretationsmöglichkeiten zu und sei mehr darum bemüht, theoretische Konzepte zur Interpretation zu entwickeln (vgl. S. 24).

 

Im zweiten Kapitel weist Pelttari Vorreden in spätantiker Dichtung ein enormes Deutungspotential für den Leser zu. In theoretischer Hinsicht bezieht er sich auf Gérard Genettes Arbeit zum Paratext (Seuils. Paris. 1987). Spätantike Vorreden unterscheiden sich nach Pelttari vor allem deswegen von Vorgängertexten, weil in ihnen der Dichter seine eigene Lesart des Werkes präsentiere (vgl. S. 56). Diese Deutung erzeuge eine Distanz zum Narrativ des Haupttextes und erfordere wiederum eine Interpretation des Lesers (vgl. S. 72). Ausführlich bespricht Pelttari die allegorischen Vorreden von Claudians De raptu Proserpinae sowie Prudenz´ Psychomachia. Im Anschluss folgt eine Analyse verschiedener Leserkonzepte in den Prosavorreden des Ausonius.

 

Unter Einbeziehung von Umberto Ecos Konzept des offenen Kunstwerkes (Opera aperta: Forma e indeterminazione nelle poetiche contemporanee. Mailand. 1976) beschreibt Pelttari im dritten Kapitel verschiedene spätantike Texte als „open texts“ (S. 73). Im Vordergrund seiner Untersuchung stehen Optatians figurale und sprachspielerische Texte, Prudenz´ Psychomachia sowie die lateinischen Vergil-Centos. Als Gemeinsamkeit dieser Werke beschreibt Pelttari die Konstruktion unterschiedlicher Ebenen im Text, die jeweils in sich geschlossen sind und ein kohärentes Narrativ bilden. Der Leser käme vor allem bei der Verknüpfung unterschiedlicher Textdimensionen ins Spiel. Er besetze die Lücke, die zwischen den Ebenen entstehe und nehme so an vielfältigen Sinnstiftungsprozessen Teil, die einer vollständigen kohärenten Lektüre des Textes entgegenstünden (vgl. S. 113–114). In diesem Zusammenhang bietet die Arbeit von Karl Olav Sandnes (The Gospel `According to Homer and Virigl´. Cento and Canon. Leiden/Boston. 2011), die Pelttari nicht nennt, weiterführende Überlegungen zum Konzept des open text. Anders als Pelttari beschreibt Sandnes den Umgang der Cento-Autoren mit ihren Referenztexten, vornehmlich Vergil und Homer, als offen (vgl. S. 118). Die Arbeit von Sandnes bietet also ein interessantes Gegenstück auf der Seite der Produktion, schreibt dem Leser bei seiner Interpretation aber ebenfalls den Raum zwischen dem Hypo- und Hypertext zu (vgl. S. 120–121).

 

Im vierten Kapitel geht Pelttari auf unterschiedliche Formen von Intertextualität ein. Seiner Meinung nach nutzten spätantike Autoren verschiedenartige Bezugnahmen auf Referenztexte als spezifische Art der Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition. Nach einer intensiven Diskussion von Forschungsperspektiven bespricht Pelttari verschiedene Formen von Allusionen. Einige dieser Anspielungen verweisen nicht auf ihren ursprünglichen Kontext im Referenztext („Nonreferential Allusions“, S. 131–137). Andere erscheinen als metrisch eingefügte Textbausteine aus Vorgängertexten und zeigen an ihrer Oberfläche die fragmentierte Textstruktur spätantiker Poetik („Juxtaposed Fragments of Classical Poetry“, S. 138–143). Mit diesen Verfahren präsentierten sich spätantike Autoren einerseits als Leser klassischer und kaiserzeitlicher Literatur. Andererseits gäben sie dem Leser Raum für eigene Interpretationen. Diese Form textlicher Fragmentierung macht Pelttari vor allem in Bezug auf wörtliche Zitate stark, die der Leser mit dem neuen Narrativ des Textes zusammenführen müsse (vgl. S. 138).

 

Aaron Pelttaris Dissertation ist in vielerlei Hinsicht ein lesenswertes und innovatives Buch, das einen neuen Zugang zu spätantiker Dichtung bietet. Pelttaris Verknüpfung von moderner Literaturtheorie und antiken Texten erweist sich gerade deshalb als fruchtbar, weil der Leser als präsenter Akteur des Textes gedacht wird. Das Buch richtet sich nicht nur an ein disziplinäres Fachpublikum: In strukturierten Einzelstellenanalysen bekommen auch Forschende, die nicht schwerpunktmäßig mit spätantiker Literatur arbeiten, wertvolle Einblicke in die literarische Lese-Welt des 4. Jahrhunderts. Darüber hinaus bietet die Dissertation zahlreiche Anknüpfungspunkte für weiterführende Studien (vgl. S. 163–164), etwa im Bereich der altertumswissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Forschung. So wird in den Altertumswissenschaften zukünftig zu fragen sein, wie sich die Aktivierung des Lesers einerseits auf Gattungsdiskurse, andererseits auf den kulturellen Kontext des 4. Jahrhunderts beziehen lässt. Im Bereich der Kulturwissenschaften offenbart die Idee eines aktiven Lesers ein gesteigertes Interesse an partizipatorischen Rezeptionsformen. Gerade dann, wenn es um interaktive Textformate geht, steht der Leser im Fokus kulturwissenschaftlicher Untersuchungen.

 

 

Pelttari, Aaron: The Space that Remains. Reading Latin Poetry in Late Antiquity. Ithaca/London: Cornell University Press, 2014. 208 Seiten, Hardcover, 49,50 Euro, ISBN: 978-0-8014-5276-5.




Inhaltsverzeichnis

 

Acknowledgments ... ix

List of Abbreviations ... xi

Introduction: Late Antique Poetry and the Figure of the Reader ... 1

1. Text, Interpretation, and Authority ... 12

2. Prefaces and the Reader´s Approach to the Text ... 45

3. Open Texts and Layers of Meaning ... 73

4. The Presence of the Reader: Allusion in Late Antiquity ... 115

Conclusion ... 161

Reference ... 165

General Index ... 181

Index of Passages Cited ... 187

 

 

 

Reading the Reader: Explorations in Late Latin Poetry

 

The dissertation The Space that Remains. Reading Latin Poetry in Late Antiquity provides an overview of different conceptions of the reader in late Latin poetry. With regard to modern literary theory Aaron Pelttari argues that the reader in late antique poetry actively participates in the literary creation of sense and meaning. On the other hand, late antique poets present themselves as readers of classical, imperial, and Christian literature.



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