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Deutsch-deutscher Literaturaustausch zwischen 1945 und 1972

Eine Rezension von

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Frohn, Julia: Literaturaustausch im geteilten Deutschland. 1945–1972. Berlin: Ch. Links, 2014.

 

Julia Frohn präsentiert in drei Kapiteln wesentliche Elemente des innerdeutschen Literaturaustauschs von der Nachkriegszeit bis zum Abschluss des Grundlagenvertrags im Jahr 1972. Beginnend mit einer Skizze der Buchmärkte und geltenden Regularien beider deutscher Staaten entfaltet sie die Beziehungen, die sich zwischen Verlagen und Autorinnen bzw. Autoren über gemeinsame Buchprojekte entwickelten. Anhand von prominenten Fallballspielen ergibt sich so ein umfassendes Bild nicht nur des Austauschs von Büchern und Lizenzen, sondern auch des ungebrochenen, aber alles andere als reibungslosen Kulturkontakts zwischen West und Ost.



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In ihrem Buch, auf dessen Cover ein Fünfziger-Jahre-Foto der Leipziger Buchmesse – dem Inbegriff des deutsch-deutschen Literaturkontakts – zu sehen ist, hat sich Julia Frohn die gewaltige Aufgabe gestellt, den innerdeutschen Literaturaustausch zwischen 1945 und 1972 zu untersuchen. Mit ihrer an der Humboldt-Universität entstandenen Dissertation bietet sie die bislang vermisste Überblicksdarstellung zu dieser vielschichtigen Gemengelage aus Autoren und Verlagen, Büchern und Lesern, Anordnungen und Hierarchien sowie politischen Machtkämpfen.

 

Vorweggeschickt sei, dass sich diese Studie auf den Literaturaustausch für das Segment Belletristik inklusive Dramatik beschränkt. Sie beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg und schließt mit dem Ende „des gesetzlichen Schwebezustandes“ (S. 11) durch den Grundlagenvertrag von 1972. Um dieses trotzdem überaus umfangreiche Themenfeld auszubreiten, hat sich die Autorin gegen eine chronologische Darstellung entschieden. So gliedert sich das Buch in drei große thematische Kapitel: Im ersten Kapitel erläutert Frohn vor dem Hintergrund der Situation im Verlagswesen, wie sich der deutsch-deutsche Literaturaustausch im untersuchten Zeitraum im Bereich Direktaustausch und Lizenzen entwickelte. Sie hebt hier insbesondere die einschneidende Wirkung des Mauerbaus hervor. Kapitel Zwei widmet sich der westdeutschen Literatur in der DDR, dargestellt am Aufbau-Verlag und am Verlag der Nation. Das dritte Kapitel behandelt die ostdeutsche Literatur in der Bundesrepublik am Beispiel der Verlage Suhrkamp, Rowohlt, Willi Weismann, Klaus Wagenbach, Luchterhand sowie des Autors Johannes Bobrowski – und mit einem Exkurs zu den Tarnverlagen der DDR im Westen wie dem Progress-Verlag Johannes Fladung. Zwischen beiden Kapiteln findet sich ein weiterer Einschub zu den Parallelverlagen, hier vor allem mit Ausführungen über den Insel-Verlag in Leipzig und Wiesbaden bzw. Frankfurt, jeweils mit Ergänzungen zu anderen bekannten namensgleichen Häusern, die sowohl im Westen als auch im Osten existierten. Am Ende der Arbeit steht eine Schlussbetrachtung, gefolgt von einem gut 70 Seiten umfassenden Glossar, das für die Darstellung relevante Institutionen beschreibt, aber auch Verfahrensweisen wie die Druckgenehmigung in der DDR vorstellt.

 

Von nützlich-praktischem Wert ist Kapitel Eins, weil es unter anderem auf verständliche Art und Weise die verschiedenen Arten des direkten Austauschs von Druckerzeugnissen zwischen SBZ/DDR und den Westzonen bzw. der Bundesrepublik erklärt. Das Clearing-Verfahren, der Austausch über Druckauflagen, die besonderen Bestimmungen für den Export von Belletristik, der Unterschied zwischen Sortiments- und Auflagenexport – hier stellt Frohn die wesentlichen Elemente des Literaturaustauschs auf der Basis gesetzlicher Regelungen dar. Allerdings kommen die westdeutschen Kommissionsbuchhandlungen wie KAWE oder Helios erstaunlich kurz. Außerdem fallen bereits hier kleinere verschobene Verhältnismäßigkeiten auf, die der reduzierten Darstellung der Zusammenhänge geschuldet sind und zu Verknappungen und Widersprüchen führen – etwa die Ausführungen zum Direktbezug durch DDR-Kunden. Ohnehin liegt aber der Schwerpunkt der Arbeit auf dem Literaturaustausch über Lizenzvergaben von Ost nach West und umgekehrt. Lizenznahmen setzten sich in den DDR-Verlagen erst ab Mitte der 1960er Jahre gegenüber dem direkten Buchexport unter anderem wegen des allseits einschränkenden Devisenmangels durch.

 

Um den Literaturaustausch von West nach Ost zu analysieren (Kapitel Zwei), entschied sich Frohn einerseits für das allseits bemühte wie verdiente Aushängeschild Aufbau-Verlag, hier insbesondere für die Hermann-Hesse-Ausgaben und das Beispiel Martin Walser; andererseits und erfreulicherweise nimmt sie die Aktivitäten des bisher wenig untersuchten Verlages der Nation als Folie dazu. Da die Fallbeispiele „entsprechend ihrer Eignung für den Sachverhalt“ ausgewählt wurden (S. 11/12), bleibt eine kurze Kontextualisierung des Engagements anderer Häuser wie Reclam oder Volk & Welt in Sachen westdeutsche Literatur über die gewählten Verlage hinaus randständig. Trotzdem kann die Autorin hier anschaulich zeigen, wie Verlagsleiter und Lektoren westdeutsche Buchprojekte förderten und mit welchen ökonomischen Zwängen oder ideologischen Einwänden sie auf ministerieller Ebene zu kämpfen hatten.

 

Breiter findet hingegen der Austausch von Ost nach West Berücksichtigung (Kapitel Drei), wenngleich die Fallauswahl unbegründet bleibt und Verlage, die wie Carl Hanser oder Bertelsmann erst seit den 1960er Jahren DDR-Literatur publizierten, nur am Rande erwähnt werden. Hier trifft man auf die für ihr Engagement für die ostdeutsche Literatur bekannten Akteurinnen und Akteure auf Verleger- oder Lektorenebene, denen in diesem Gebiet eine Pionierfunktion oder Sonderrolle zukam: Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld, Ernst Rowohlt und Fritz Raddatz, Klaus Wagenbach, Elisabeth Borchers sowie Willi Weismann, inklusive neuer Details zum bereits dokumentierten Prozess gegen diesen Münchner Verleger, der wegen des Bezugs staatsgefährdender Schriften angeklagt wurde. Spätestens hier beweist die Autorin schlüssig ihre These, wonach der deutsch-deutsche Literaturaustausch auf einzelnen Akteuren und Akteurinnen und ihren persönlichen Beziehungen beruhte, die teilweise schon seit der Vorkriegszeit bestanden.

 

Insgesamt gelingt Frohn damit eine vielseitige, ausgewogene und zugleich kondensierte Zusammenschau, die das gängige Vorurteil widerlegt, der innerdeutsche Literaturaustausch habe erst seit den 1970er Jahren zu blühen begonnen. Besonders reich wird die Arbeit durch die vielfältige Einbindung von Archiv- und Nachlassmaterial unterschiedlicher Provenienz, das bereits durch die Forschungsliteratur aufgearbeitete Aspekte vertieft. Der Handbuchcharakter der Publikation hätte sich steigern lassen können, indem einfache tabellarische Übersichten zu erschienenen Titeln aufgenommen worden wären, was gleichzeitig den chronologischen Blick auf das Thema gestärkt hätte. Überhaupt fehlen bis auf wenige Anmerkungen Quantifizierungen, die über den Einzelfall hinausreichen und die – ungeachtet des bestehenden Problems, aus dem heterogenen Aktenmaterial vergleichbare und aussagekräftige Zahlen zu erstellen – zumindest für den Bereich des direkten Buchaustauschs statistische Anhaltspunkte geben. Darüber hinaus überrascht die mangelnde Theoretisierung den Leser, zumal das von Christoph Kleßmann vorgeschlagene Konzept der asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte sich für das Thema geradezu aufdrängt. Diese Einwände schmälern jedoch in keiner Weise die Leistung, eine so weitgreifende wie pointierte Darstellung der überaus heterogenen Prozesse und Strukturen des deutsch-deutschen Buchtransfers vorgelegt zu haben, noch dazu in ausgesprochen lesbarer Form.

 

 

Frohn, Julia: Literaturaustausch im geteilten Deutschland. 1945–1972. Berlin: Ch. Links, 2014. 496 Seiten, broschiert, 50 Euro, ISBN: 978-3-86153-807-3.




Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsgegenstand und thematische Eingrenzung ... 9

Gliederung ... 11

Methodischer Ansatz ... 14

Begriffliche Differenzierungen ... 18

Quellen- und Archivlage ... 21

Kapitel I

Ein Buchmarkt trennt sich. Grundlagen und Entwicklungen des deutsch-deutschen Literaturaustauschs 19451972 ... 27

Die Buch- und Verlagswelt im geteilten Deutschland 19451972 ... 27

Die Anfänge: Entwicklungen im Buch- und Verlagswesen 19451949 ... 27

Die deutsche Teilung im Buch- und Verlagswesen nach 1949 ... 34

Die Entwicklung der Verlagslandschaft in der DDR ... 37

Die Entwicklung der Verlagslandschaft in der BRD ... 39

Ökonomische Neuerungen ... 40

Der Direktaustausch von Druckwaren zwischen beiden deutschen Staaten ... 43

Der Interzonenhandel mit Druckwaren vom Kriegsende bis zu den Währungsreformen ... 43

Versuche der interzonalen Zusammenarbeit unter den deutschen Verlegern ... 47

Der innerdeutsche Handel 19481955 ... 51

Der innerdeutsche Handel mit schöner Literatur ab 1955 ... 58

Ausfuhr und Lieferung ... 63

Endabnehmer – der Leser ... 66

Die Entwicklung des deutsch-deutschen Direktaustauschs ab 1957 ... 68

Zensur im direkten deutsch-deutschen Literaturaustausch ... 71

Buchzensur in der DDR ... 71

Buchzensur in der BRD ... 79

Lizenzhandel und direkte Rechtevergabe zwischen beiden deutschen Staaten ... 82

Lizenzhandel und direkte Rechtevergaben 19451961 ... 84

Literatur aus dem Gebiet der BRD im Gebiet der DDR vor 1961 ... 92

Literatur aus dem Gebiet der DDR im Gebiet der BRD vor 1961 ... 97

Grenzüberschreitende Anthologien vor 1961 ... 101

Der deutsch-deutsche Literaturaustausch nach dem 13. August 1961 ... 108

Westdeutsche Literatur in der DDR 1961–1972 ... 110

Ostdeutsche Literatur in der BRD 1961–1972 ... 120

Kapitel II

Westdeutsche Literatur in der DDR ... 139

Der Aufbau-Verlag ... 139

Das Verhältnis des Aufbau-Verlages zum Regierungsapparat der DDR ... 139

Der Aufbau-Verlag und seine Beziehungen zu westdeutschen Verlagen ... 149

Lizenzgeschäfte zwischen Aufbau-Verlag und Suhrkamp Verlag am Beispiel Hermann Hesse ... 159

Die Begutachtung und Herausgabe westdeutscher Literatur im Aufbau-Verlag ... 168

Die Begutachtung westdeutscher Literatur am Beispiel Martin Walser ... 183

Der Verlag der Nation ... 194

Die programmatische und politische Ausrichtung des Verlages der Nation vor 1958 ... 194

Hans von Oeningens »Spielbankaffäre« ... 208

Die Herausgabe westdeutscher Literatur im Verlag der Nation nach 1958 ... 213

Günter Hofe – Leiter des Verlages der Nation ... 221

Exkurs

Die Parallelverlage im geteilten Deutschland ... 235

Kapitel III

Ostdeutsche Literatur in der BRD ... 261

Suhrkamp Verlag »Wir haben keine Differenzen mit der DDR« ... 261

Rowohlt Verlag Ernst Rowohlt, Fritz J. Raddatz und die »Ballonaffäre« ... 284

Exkurs: Die sogenannten Tarn- oder Scheinverlage ... 299

Willi Weismann Verlag vom Scheitern deutsch-deutscher Ambitionen am Paragrafen 93 ... 303

Verlag Klaus Wagenbach und die »Idee, einen Ost-West-Verlag zu machen« ... 320

»VEB« Luchterhand Verlag Anna Seghers, die Mauer und Elisabeth Borchers ... 333

Johannes Bobrowskis »Bemühen um vollkommene Nachbarschaft in der Sprache« ... 346

Schlussbetrachtung ... 371

Glossar ... 381

Anhang ... 459

Abkürzungen ... 459

Literaturverzeichnis ... 462

Quellenverzeichnis ... 485

Personenregister ... 487

Dank ... 495

Die Autorin ... 496

 

 

Literature Exchange Between the Two German States From 1945 to 1972

 

In three chapters, Julia Frohn depicts the essential elements of German domestic literature exchange from the early post-war period to the signing of the basic treaty of 1972. Beginning with an outline of the book markets and the applicable regulations in both German states, she unfolds the relations developed between publishers and authors regarding joint book projects. Based on prominent case studies, a comprehensive image starts to take shape, not only of the exchange of books and licenses, but also of the incessant, anything-but-simple cultural contact between East and West.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online