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Den „Un-fassbaren“ begreifbar machen: Leopold von Ranke kompakt gedacht

Eine Rezension von 

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Juhnke, Dominik: Leopold Ranke. Biografie eines Geschichtsbesessenen. Berlin: Vergangenheitsverlag, 2015.

 

Dominik Juhnke versucht das Unmögliche und erfasst das Problem schon zu Beginn seiner Biographie: Leopold von Ranke sei "kaum zu fassen" (S. 8), er sei zu abstrakt in seiner Persönlichkeit, als dass er vernünftig einzuordnen wäre. Ob als unzufriedener Oberlehrer in Frankfurt (Oder), als "moderner Wissenschaftspionier des 19. Jahrhunderts" oder "klischeehafter Eigenbrötler" (ebd.). Ranke erscheint dem Leser im ersten Moment als sperrige Persönlichkeit, dessen verschriftlicht hinterlassenes Erbe an seiner eigenen Monumentalität ersticken würde (vgl. S. 7). Trotz dieser Schwierigkeiten gelingt dem Autor eine kompakte Annäherung.



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Als Geschichtswissenschaftler versteht man unter Biografien dicke Bücher mit unzähligen Seiten, deren Autoren in der Regel auf der Grundlage einer breiten Quellenbasis methodisch versuchen, das Leben einer berühmten Persönlichkeit als Abfolge von normativen Ereignissen abzubilden. Dominik Juhnke geht mit seiner Ranke-Biografie einen anderen Weg und versucht in zehn der elf kompakten Kapitel die einzelnen Lebensphasen des berühmten Neuzeithistorikers nachzuzeichnen. Dabei konzentriert sich der Autor auf die wesentlichen Dinge, stellt wie er sagt "die historische Person selbst in den Mittelpunkt des Interesses" und versucht dabei eben nicht ein "übervolles Leben" (beide, S. 10) bis ins kleinste Detail zu analysieren. Vielmehr sind es die charakteristischen und persönlichen Eigenarten Rankes, die Juhnke als Gliederungsschritte wählt, um den "Un-fassbaren" (ebd.) begreifbarer zu machen. So behandelt das Kapitel "Ranke, der Unbeschwerte" als Fallbeispiel die Kindheit, die Schulzeit und die akademische Ausbildung Rankes; oder "Ranke, der Unbeirrbare" als weiteren Abschnitt den Aufstieg zum preußischen Gelehrten. Im letzten Kapitel geht der junge Autor resümierend der Frage nach, was nach Rankes Tod von der Reputation des 'Vaters des Historismus' geblieben ist, was er als historische Figur der Nachwelt offen ließ und was seine historische Lehre auszeichnete. Juhnke versucht hierbei ein breite Leserschaft jenseits des Fachpublikums anzusprechen, indem er nicht neues Quellenmaterial präsentiert, sondern wesentliche Aspekte der bisherigen Forschungen bündelt; zudem fokussiert er die zentralen Werke, Briefe und Aufzeichnungen Rankes. Die Quellen, die Juhnke für seine Biografie nutzt, stammen vorwiegend aus bereits bearbeiteten Editionen. Das bisher noch ungesichtete Material aus Rankes Nachlass bereitet den Historikern und Archivaren auch im Hinblick auf Rankes unleserliche Handschrift bei der Transkription, beim Zusammentragen und bei der methodischen Auswahl große Probleme und wird daher wie Juhnke betont von der Forschung eher gemieden (vgl. S. 7). Aus den genannten Gründen lässt sich die vorliegende Ranke-Biografie sehr gut in das Genre der 'Public History' einordnen.

 

Juhnke verknüpft bereits zu Beginn seiner Arbeit europäische Geschichte mit dem jungen Leben des "Musterschüler[s] Leopold" (S. 16): "[...] während Napoleon Europa erobert, geht Leopold zur Schule" (S. 14). Ranke, geboren am 21. Dezember 1795 in der thüringischen Landstadt Wiehe, wächst in einem bürgerlichen Umfeld auf, das schon früh die Grundlagen für sein späteres Studium der Theologie und Klassischen Philologie in Leipzig schafft. Nach seiner Promotion bei Gottfried Hermann über Thukydides scheitert er aber bereits an seiner ersten großen Arbeit über Luther: "Ranke will zu viel" (S. 18), urteilt Juhnke und unterstreicht, dass die umfangreich konzipierte Quellenarbeit ein "unfertiges Bruchstück" (S. 19) bleibt. Während eines Berlinbesuches lernt er das Großstadtleben kennen. Der spätere Hauptstadtprofessor findet aber zunächst Anstellung als Oberlehrer in Frankfurt an der Oder. Neben dem Schuldienst lernt der "strebsame Eigenbrötler" (S. 25) das gesellschaftliche Leben zu schätzen, begegnet nationalen Persönlichkeiten wie Turnvater Jahn und nutzt die Unterrichtsvorbereitungen für die eigenen historischen Studien. Im Zentrum des zweiten Kapitels steht deshalb Rankes Schrift 'Zur Kritik neuer Geschichtsschreiber' -  eine "Fundamentalkritik" (S. 35) an bewährten Standardwerken des 19. Jahrhunderts, in dem der Geschichtslehrer seine Vorstellungen von Historiographie darlegt. Genau diese Ideale sind es, die ihn als "Unwillkommenen" im Berliner Professorenzirkel im Folgekapitel präsentieren: Juhnke zeichnet hier den "ersten Historikerstreit" (S. 53) zwischen Heinrich Leo und Ranke nach, ein in Postulaten, Rezensionen und Repliken geführter akademischer Schlagabtausch, der sich vor allem an Rankes Werk 'Geschichten der romanischen und germanischen Völker' entlädt. Anschaulich werden hier nicht nur die Werdegänge der Juniorprofessoren verglichen, sondern auch deren Philosophien und Narrative: Rankes Arbeit stützt sich auf die Quellenarbeit, ist epochal gedacht und trachtet nicht nach der großen Universalgeschichte; Leo hingegen "führt den groben Strich, zielt auf einen vermeintlich allgemeinen historischen Prozess als Ganzes ab" (S. 54).

 

Ranke, der, wie Juhnke in den zwei Folgekapiteln darlegt, unter anderem zum Vorsitzenden der historischen Kommission Bayerns ernannt wurde, formuliert sein "Grundgesetz" (S. 134) als Gegenpostulat zur 'Hegeleschen Schule': Der Historiker habe sein Hauptaugenmerk darauf zu richten, wie die Menschen in einer geschichtlichen Periode gedacht und gelebt haben. Zudem habe er die Unterschiede zwischen den einzelnen Epochen wahrzunehmen, um die zeitliche Dichotomie zu erfassen (Vgl. 135). Dieses "eherne Neutralitätsideal" (S. 163) gerät aber in Gefahr, als sich im Zuge der Reichsbildung 1871 die nationalisierende und politisierende Historiographie an den Lehrstühlen durchsetzt. Nachdem seine Ehefrau stirbt und kaum noch Studenten seine Vorlesungen besuchen, zieht er sich nach 87 Semestern aus dem Hochschulbetrieb und dem öffentlichen Leben zurück. Dass Ranke aber auch weiterhin als "unberechenbar" gilt, dokumentiert Juhnke im neunten Kapitel, in dem er Rankes Schaffen in seiner häuslichen Schreibwerkstatt skizziert. Hier blühe er richtig auf: "In Rankes Selbstverständnis widerspricht die Symbiose von Dichtkunst und Geschichtswissenschaft keinesfalls seinem Bemühen um nackte Tatsachen und seiner Ablehnung aller nacherzählenden, spekulierenden Historiographie." (S. 189) - Diese Fähigkeiten gehörten zu einem "fortschrittlichen Historiker" (ebd.), so Juhnke: "Der Geschichtsforscher Ranke versteht sich als Handwerker, der Geschichtsschreiber Ranke als Künstler" (ebd.). Ranke, so Juhnke abschließend, war der nach der vollkommenden Wissenschaft suchenden Historiker und hat sie in der Geschichtswissenschaft des Historismus gefunden.

 

Mit der vorliegenden Ranke-Biographie gelingt Dominik Juhnke eine interessante Annäherung: Auch wenn der Autor bereits in seiner Einleitung kritisch hinterfragt, ob die gewählten Zuschreibungen zu Ranke ausreichen würden, um einen "Un-fassbaren fassbar zu machen" (S. 10), so macht Juhnke ihn zu mindestens für den Leser als historische Person begreifbar. Die Zuschreibungen, die Juhnke zudem als Sinnabschnitte für seine Gliederung wählt, sind sehr schlüssig und inhaltlich ausgewogen. Kein Kapitel dominiert über das andere. Zudem verknüpft der Biograph geschickt historische Persönlichkeiten mit Rankes Werdegang, dafür sind Maximilian I. und sein Kollege Droysen nur einige Beispiele. Kritikwürdig ist allerdings die mancherorts anklingende Überhöhung Rankes: Die "Lichtgestalt" (S. 146) lässt den Leser doch etwas geblendet zurück. Diese Apotheose, die vielleicht unter den 'Ranke-Jüngern' verbreitet war, erscheint ebenso pathetisch wie die Umschreibung des Ablebens des Neuzeithistorikers, das bei Juhnke ein wenig melodramatisch gerät. An manchen Stellen wünscht man sich - ähnlich wie es Juhnke bei Rankes Werk 'Fürsten und Völker von Südeuropa' handhabt - eine kritischere Reflexionen des Autors (vgl. S. 56). Aber dies sind nur Nuancen, die das Erstlingswerk des Autors keinesfalls schmälern, sondern zugleich authentisch wirken lassen. So ist 'Leopold Ranke - Biografie eines Geschichtsbesessenen' ein gelungenes Musterbeispiel auch für nachfolgende Studierende, die sich sowohl mit dem Historismus als auch mit der Biographik näher beschäftigen wollen.  

 

 

Juhnke, Dominik: Leopold Ranke. Biografie eines Geschichtsbesessenen. Berlin: Vergangenheitsverlag, 2015, 291 S., illustriert, 14,90 Euro, ISBN: 978-3864081873.



Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung: Ranke, der Un-fassbare

Zur Biografie eines Säulenheiligen ... 5

1. Ranke, der Unbeschwerte

Jugend- und Lehrjahre in Sachsen ... 11

2. Ranke, der Unzufriedene

Zwischenstation als Lehrer in Frankfurt ... 25

3. Ranke, der Unvollkommene

Kampf um Anerkennung in Berlin ... 43

4. Ranke, der Unparteiische

Scheitern als politischer Publizist ... 59

5. Ranke, der Unbeirrbare

Am Beginn der Karriere ... 77

6. Ranke, der Untertan

Staatshistoriograf und Familienvater in der Revolution ... 95

7. Ranke, der Unermüdliche

Alltagsleben des Berliner Historikers ... 121

8. Ranke, der Unzeitgemäße

Auf dem Rückzug aus dem öffentlichen Leben ... 143

9. Ranke, der Unberechenbare

Arbeitswut und Perfektionismus im Chaos der Schreibwerkstatt ... 167

10. Ranke, der Unvollendete

Weltgeschichte und Lebensabend ... 197

11. Ranke, der Unbestechliche

Vom verzweifelten Suchen einer vollkommenen Wissenschaft ... 225

Anmerkungen ... 255

Abbildungsverzeichnis ... 289

Danksagung ... 291

 

 

 

Making the "inexplicable" understandable: Leopold von Ranke consolidated

 

Dominik Juhnke tries the impossible and detects the problem early in his biography: Leopold Ranke seems "kaum zu fassen" (p.8), he appears too complex in his personality for any attempt to classify: Whether as a dissatisfied teacher in Frankfurt (Oder), as a "moderner Wissenschaftspionier des 19. Jahrhunderts" or "klischeehafter Eigenbrötler" (ibid.). For the reader Ranke appears at first as a bulky personality whose posthumous legacy would suffocate through its own monumentality (see p. 7). Despite these difficulties, the author succeeds with an interesting approach.


 
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