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Wissen im digitalen Zeitalter

Eine Rezension von


 

Said_ElMtouni_digitale_netzwerke

Gutounig, Robert: Wissen in digitalen Netzwerken. Potenziale Neuer Medien für Wissensprozesse. Wiesbaden: Springer, 2015.

 

Mithilfe eines hybriden theoretischen Ansatzes untersucht Robert Gutouing Prozesse der Wissensproduktion und -verwertung in den digitalen Netzwerken. Die verwendeten Erklärungsmodelle werden anhand explorativer Analysen zweier Wissensnetzwerke, der Open-Source-Software-Produktion sowie der Online-Enzyklopädie Wikipedia, veranschaulicht. Die sich ergebenden sozialpolitischen bzw. ethischen Dimensionen werden dabei angemessen berücksichtigt. Das übergeordnete Ziel der Arbeit ist die Re-Aktualisierung der von Jean-François Lyotard aus dem Jahr 1979 aufgeworfene Frage nach dem Zustand des Wissens in den postindustriellen Gesellschaften, die sich in den vergangenen Jahrzehnten zu wissensbasierten Netzwerkgesellschaften entwickelt haben.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract                

 

 

Die Informatisierung und Digitalisierung der modernen Welt ist nicht aufzuhalten. Der Umfang des Wissens und der Informationen ist groß, zugleich zirkulieren sie mit einem atemberaubenden Tempo. Schauplatz dieses Prozesses ist das Internet, wo Technik und Wissen aufeinanderprallen. Robert Gutounig geht in seiner Grazer Dissertation Wissen in digitalen Netzwerken. Potenziale Neuer Medien für Wissensprozesse davon aus, dass eine kritische Analyse jener Phänomene, die mit dem Aufstieg des Internets und Aufkommen der digitalen Netzwerkgesellschaften zusammenhängen, Antworten auf Fragen der Digitalisierung der Wissensgesellschaft geben können (etwa Privatheit, Ethik, Wissensprozesse und die Zukunft des Menschen im digitalen Zeitalter). Ein weiterer thematischer Schwerpunkt der Studie ist das Thema des Wissensmanagements. Wissensmanagement unternimmt den Versuch, so Gutounig, paradoxe Effekte vernetzter Gesellschaften (zum Beispiel ein Überangebot an Informationen), durch Bereitstellung von pragmatischem, handlungsrelevantem Wissen zu kompensieren. So ließen sich für Organisationen Veränderungs- und Innovationskraft ermöglichen, was die Qualität der Entscheidungen erheblich verbessern kann. Die Ideen von Jean-François Lyotard aus dem Jahr 1979 zum Stand des Wissens in den postindustriellen Gesellschaften spielen in diesem Kontext eine zentrale Rolle für Gutounigs Arbeit; er wählte einen interdisziplinären Forschungsansatz, um Ergebnisse aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen zu synthetisieren.

 

Der Einstieg in die Thematik wird durch eine begrifflich-epistemologische Analyse des Lemmas Wissen aus Sicht der pragmatischen Philosophie, der Sprachphilosophie, der Diskurstheorie und aus Sicht anwendungsorientierter Felder der Wissensforschung geschafft. Neben der klassischen Wissensform referiert Gutounig ausführlich über das Konzept des impliziten Wissens von Michael Polanyis. Die beiden Modelle werden schließlich um John Robert Andersons kognitionspsychologische Konzept des deklarativen und prozeduralen Wissens erweitert.

 

Der Autor geht davon aus, dass Wissensprozesse in bestimmten Konstellationen nach Prinzipien der Selbstorganisation gestaltet sind. Dieser hybride Theorieansatz wurde gewählt, weil er eine Verkettung von Systemen und Modellen mithilfe von prozessual-evolutiven Schemata erlaubt, was dem Komplexitätsgrad von vernetzten Umwelten gerecht werde. Wissensprozesse begegneten uns in digitalen Netzwerken in Form von sozialen Interaktionen der Nutzer_innen. Die Systeme seien operational geschlossen aber informationell offen. Dieser Zustand ermögliche, dass ein System seine spezifischen Prozesse zirkulär vernetzt und somit Selbstreferentialität herstellt. Eine Logik des Gebens und des Geschenkes (vgl. Marcel Mauss) prägen die Leistungen, die in der digitalen Welt erbracht werden. Die Gemeinschaft teilt aus Überzeugung ein symbolisches Kapital (vgl. Pierre Bourdieu).

 

Ein gutes Beispiel für gemeinschaftliche und durch solidarische Prozesse gekennzeichnete Wissensproduktion sei schließlich die Herstellung von Open Source. Der Autor erklärt anhand dieses Beispiels wie selbstorganisatorische Strukturen und die Motivationen der Akteur_innen innerhalb von Wissensprozessen zusammenlaufen. Daneben untersucht er die Gründe, warum ein dem Marktmechanismus angeblich enthobener Innovationszyklus überhaupt funktionieren kann. Soziales Kapital in Form von Ansehen und Status spiele dabei eine bedeutende Rolle. Engagierte und erfolgreiche Programmierer_innen genießen innerhalb ihrer Gemeinde hohe Wertschätzung, so Gutounig. Ein weiteres Beispiel für kollaborative Zusammenarbeit sei das Open-Editing-Konzept Wiki. Die Wiki-Philosophie basiert darauf, dass Nutzer_innen frei und unbeschränkt die Seiten anlegen und editieren. Um für Qualitätssicherung zu sorgen werden besondere Rechte für Nutzer_innen vergeben (etwa das Löschen oder Aussperren von Einträgen), wobei alle User_innen diesen Status (als soziales Kapital) erwerben können. Das auf diese Weise angelegte Wissensmanagement führe unter den User_innen zu Wissensdiffusion, Wissensaustausch und Wissensgenerierung. Das Paradebeispiel für den inkrementellen Wissensaufbau ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die in Tradition der aufklärerischen Enzyklopädien steht. Der Autor zeigt in der Folge und anhand einiger Beispiele aus der Wikipedia grundlegende Eigenschaften von Selbstorganisation auf.

 

Zum Schluss greift der Autor auf die Thesen von Jean Lyotard zurück, der zu Beginn der digitalen Revolution auf Vor- und Nachteile der Digitalisierung der Welt hingewiesen hat. Auch wenn manche Aspekte der Theorie von Lyotard nicht mehr aktuell sind, stellt sich die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, also etwa dem Zugang zu Endgeräten und Netzwerken, in besonderer Weise. Dieses Problem ist als Digital Divide bekannt, eine Kluft, die die erste Welt vom Rest der Welt trennt. Der Autor plädiert dafür, dass das Wissen der breiten Öffentlichkeit sicher zur Verfügung gestellt werden soll und fordert, dass Internetgiganten wie Google kein Monopol über das Wissen erlangen dürfen. Er schlägt unter anderem vor, dass die Finanzierung der Forschung und der Forschungsinstitutionen in den Händen des Staates bleibt.

 

Die digitale Revolution die uns umzingelt, hat nicht nur Spuren im Web 2.0 hinterlassen, sondern auch Veränderungsprozesse in der realen Welt in Gang gesetzt. Die digitalen Medienformen und der ubiquitäre Zugang zu Mediensystemen trugen zur Entstehung von Bürgerbeteiligungsbewegungen bei, zum Beispiel „smart mobs“ oder Protestbewegungen wie der sog. arabische Frühling. Um eine nachhaltige Entwicklung der Informationsgesellschaft zu entfalten, schlägt Gutouing vor, die Spannung zwischen durch Technik eröffneten Möglichkeiten und ethischen Prinzipien nicht völlig auszuhöhlen. Dieses Ziel kann nur durch eine Humanisierung des Wissens erreicht werden.

 

Die Studie von Gutounig spricht ein breites Publikum an. Sie ist für alle hilfreich, die sich mit Kommunikationswissenschaft oder Informationswissenschaft beschäftigen (möchten). Sie eignet sich aber auch für Studierende der Soziologie, Politikwissenschaften, Philosophie oder Akteur_innen aus den Bereichen Online-Marketing und Social-Media-Marketing. Auch wenn Gutounig viele Theorieansätze in seiner Analyse verwendet, zieht sich ein roter Faden durch die ganze Arbeit. Die Arbeit ist in sich schlüssig, die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln sind gut ausgearbeitet und die jeweiligen Resümees sind hilfreich. Der Autor bereichert darüber hinaus seine Analysen mit Abbildungen und Fallbeispielen, die das Theoretische fassbar und anschaulich machen.

 

 

Gutounig, Robert: Wissen in digitalen Netzwerken. Potenziale Neuer Medien für Wissensprozesse. Wiesbaden: Springer, 2015. 227 S., broschiert, 39,99 Euro. ISBN 9783658021092



Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort ... 9

 

1 Einleitung ... 11


2 Ziele und Methoden ...17

2.1 Fragestellungen und Ziele ... 17

2.2.1 Disziplinarität – Interdisziplinarität – Transdisziplinarität ... 19

2.2.2 Die Rolle der Philosophie ... 21

2.3 Orientierungswissen ... 23

2.3.1 Orientierungswissen als Hilfestellung zur Problembewältigung ... 23

2.3.2 Orientierungswissen als Handlungsform ... 24

2.4 Resümee 1 ... 25

 

3 Wissen als Gegenstand der Forschung ... 27

3.1 Wissen in der philosophischen Tradition ... 27

3.1.1 Wissen als wahre gerechtfertigte Überzeugung ... 28

3.1.2 Die pragmatische Wissensauffassung in der Philosophie ... 30

3.1.3 Wissen im Machtdiskurs ... 32

3.2 Wissensgesellschaften ... 35

3.2.1 Sozio-ökonomische Aspekte von Wissensgesellschaften ... 38

3.3 Wissen im ökonomischen Kontext ... 42

3.3.1 Wissensmanagement ... 44

3.3.2 Immaterielle Vermögenswerte ... 50

3.3.3 Besonderheiten des Produktionsfaktors Wissen ... 54

3.4 Modelle des Wissens und Wissensprozesse ... 55

3.4.1 Modelle des Wissens ... 56

3.4.2 Wissensprozesse ... 81

3.4.3 Wissenstransfer ... 85

3.4.4 Schlussfolgerungen zum Wissensbegriff ... 91

3.5 Resümee 2 ... 92

 

4. Die Netzwerkgesellschaft ... 95

4.1.1 Mediatisierte Kommunikation in der Netzwerkgesellschaft: Web 2.0 und Social Media ... 98

4.1.2 Die Bedeutung von Netzwerkstrukturen für Wissensprozesse ...103

4.1.3 Kooperation als ein Kernelement der Netzwerkgesellschaft ... 109

4.2 Resümee 3 ... 110

 

5 Sozialdynamische Wissensprozesse in digitalen Netzwerkstrukturen ... 113

5.1 Relevante Theorieansätze ... 114

5.1.1 Relevante Aspekte der Theorie der Selbstorganisation für Wissensprozesse ... 115

5.1.2 Die evolutionäre Dynamik des Wissens ... 124

5. 1. 3 Relevante Aspekte der symbolischen Ökonomie für Wissensprozesse ... 126

5.2 Einfachheit und Komplexität durch Wissensmanagement ... 130

5.3 Collaborative Knowledge Working: Analyse der Open-Source. Vorgehensweise bei der Erstellung freier Software ... 133

5.3.1 Open-Source und freie Software ... 134

5.3.2 Entstehungsprozesse von freier Software und Beteiligte ... 136

5.3.3 Open-Source und symbolisches Kapital ... 138

5.3.4 Phänomene der Selbstorganisation bei der Entwicklung freie Software ... 139

5.4 Wissensplattformen am Beispiel der Wikipedia ... 142

5.4.1 Wikis ... 142

5.4.2 Enzyklopädien im digitalen Zeitalter ... 143

5.4.3 Wikipedia ... 144

5.4.4 Phänomene der Selbstorganisation bei Wikipedia ... 147

5.5 Die Praxis der Multitude: Weitere Beispiele von offenen Wissensprozessen durch digitale Netzwerke ... 160

5.6 Resümee 4 ...161

 

6. Soziale und ethische Implikationen offener Wissensprozesse in der Wissensgesellschaft ... 165

6.1 Das Szenario des postmodernen Wissens aus gegenwärtiger Sicht ... 165

6.1.2 Zum Status des Digital Divide ... 172

6.1.3 Ökonomische Nutzmodelle ... 175

6.1.4 Nicht-hierarchische Netzwerkmodelle von Wissensproduktion ……………………...177

6.1.5 Zugang zu Wissen: Kommerzialisierung und Public Domain ………………………..178

6.2 Soziale und politische Implikationen offener Wissensprozesse ...179

6.2.1 Strukturwandel der Öffentlichkeit: Habermas und der Entscheidungsbildungsprozess im digitalen Zeitalter ... 180

6.2.2 Die Rolle von Netzwerkmedien und Social Media in politischen Veränderungsprozesse ... 185

6.3 Ethische Potenziale der vernetzten Wissensgesellschaft ... 191

6.3.1 Wissen, Gewissen und Humanisierung ... 193

6.3.2 Die mediale Inszenierung des Welt-Ethos im Zeitalter von Social Media ... 197

6.4 Resümee 5 ...198

 

7 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen ... 203

7.1 Zusammenfassung ... 203

7.2 Schlussfolgerungen ... 207

 

Literaturverzeichnis ... 211

Abbildungsverzeichnis ... 227


 

Knowledge in the Digital Age

 

Using a hybrid theoretical approach, Robert Gutouing examines the processes of knowledge production in digital networks. The explanatory models used are illustrated by exploratory analysis of two knowledge networks: open source software production as well as the online encyclopedia, Wikipedia. The socio-political and ethical dimensions that arise are taken into consideration. The overall goal of this article is to re-evaluate the issues raised by the question Jean-François Lyotard posed in 1979, about knowledge in post-industrial societies, which in recent decades evolved into a knowledge-based networking society.

 


© beim Autor und bei KULT_online