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Traumatisierte Kindersoldat_innen: Geflüchtet aber nicht in Sicherheit

Eine Rezension von 

 

 

Silke_Jakob_Überlebensgeschichten

Zito, Dima: Überlebensgeschichten. Kindersoldatinnen und –soldaten als Flüchtlinge in Deutschland. Eine Studie zur sequentiellen Traumatisierung. Weinheim: Beltz Juventa, 2015.

 

Die Wirkmächtigkeit traumatischer Erfahrungen auf das Leben von Kindersoldat_innen zeigt sich in Dima Zitos Monographie Überlebensgeschichten. Kindersoldatinnen und –soldaten als Flüchtlinge in Deutschland durch die vielfachen Zitate der traumatisierten Interview-Partner_innen. Die Rahmung der traumatischen Erlebnisse durch wissenschaftliche Erkenntnisse und dessen Ordnung durch das Konzept der sequentiellen Traumatisierung nach Keilson trägt zum Verständnis des Phänomens bei. Die Studie kann damit als ein Versuch gesehen werden, dem übermächtigen Thema des Kriegstraumas durch Strukturierung Herr zu werden. Zudem gelingt im breiten Panorama eine gute Einführung in das komplexe Themenfeld.



> Inhaltsverzeichnis          > English Abstract              

 

 

Das Thema der Traumatisierung steht in der Studie von Dima Zito im Vordergrund. Anhand von biografisch narrativen Interviews, die inhaltsanalytisch ausgewertet werden, erarbeitet Zito Sequenzen von traumatisierten, nach Deutschland  geflüchteten Menschen. Dabei orientiert sie sich am Konzept der sequentiellen Traumatisierung nach Keilson (1979): dadurch würden die Einflüsse der Bedingungen von verschiedenen Lebensphasen oder Sequenzen auf die Verarbeitungspotentiale deutlich werden.

 

Im Zentrum der Studie stehen Kindersoldat_innen bzw. deren Erfahrungen, insgesamt 15 Jugendliche und junge Erwachsene (12 männlich, 3 weiblich), die zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 16 und 27 Jahre alt waren und im Alter von 6 bis 16 Jahren bewaffneten Gruppen angehörten. Ein spezifisches Merkmal der Studie besteht darin, dass das Sample aus Personen aus unterschiedlichen Ländern Afrikas besteht, in welchen sich Zwangsrekrutierungen von Kindersoldat_innen in den 1990er Jahren massiv zuspitzte (442).

 

Die einzelnen Sequenzen, die Zito anhand der Überlebensgeschichten feststellt, werden in weitere Kategorien untergliedert, welche wiederum durch weitere Bedingungen und Informationen ausgestaltet werden. So etwa die zweite traumatische Sequenz (Kapitel 11), die Erfahrungen als Kindersoldat_innen unter anderem anhand der soziodemografischen Merkmale (Kapitel 12), der Rekrutierung selbst (Kapitel 13), der Struktur der Gruppe (Kapitel 14) oder dem eigenen Handeln der Kinder (Kapitel 15) in weiterführenden Kapiteln ausarbeitet und detailreich ausdifferenziert. Erst daraus können Zwischenergebnisse abgeleitet werden, etwa hinsichtlich typischer Verläufe oder spezifischer Bewältigungsformen- bzw. Prozesse. Insgesamt wird das Thema sehr breit, detailliert und mit Blick auf inhaltliche Verästelungen behandelt, wodurch manche Teilbereiche (z.B. ...) jedoch nur kurz aufgenommen und angedeutet werden. Es scheint so, als ob jener Zusammenhang um die traumatisierten Kindersoldat_innen das Potential für gleich mehrere Studien bietet.

 

Wesentlich an Prägnanz gewinnt die Studie sicherlich durch die Vielzahl an Zitaten der ehemaligen Kindersoldat_innen, deren Aussagen innerhalb der theoretischen Rahmung durch die einzelnen Kapitel und Sequenzen besondere Bedeutung beigemessen wird.

 

Die Sequenzierung nach Keilson (1979) zugrunde legend, kann Zito verschiedene zeitliche Sequenzen herausarbeiten (135ff.):

  • die Erfahrung von Krieg und Gewalt vor der Rekrutierung (erste Sequenz, 149ff.)
  • Erfahrung als Kindersoldat_innen (zweite Sequenz, 157ff.)
  • z.T. weitere traumatische Sequenz in der Herkunftsregion durch z.B. Haft oder Situation im Kontext von Krieg bzw. Nachkrieg (dritte Sequenz, 259ff.)
  • Erfahrungen im deutschen Exil im Kontext des Asylsystems (dritte bzw. vierte Sequenz, 295ff.)

 

Damit leitet die letzte Sequenz von den Kriegserlebnissen in Afrika in die Strukturen des deutschen Asylsystems über (296ff.). Das verbindende Element ist in diesem Fall das Trauma der einzelnen Biographieträger_innen. Diese Überführung von Kriegsgeschehen in völlig andere Gesellschaftsstrukturen und Rahmenbedingungen lassen nur erahnen wie multiple Traumata ausgelöst werden können. Zudem vollzieht sich ein Wandel innerhalb der Rollenzuschreibung der interviewten Kinder: aus Kindersoldat_innen werden Flüchtlinge, die perspektivlos in Deutschland Schutz suchen. Jedoch, so zeigt Zito, schließt sich in Deutschland eine erneute Sequenz der Traumatisierung an und es werden Schutzsuchende durch strukturelle Gewalt in der Folge erneut zu Opfern gemacht. Zito verweist durch dieses Kapitel auf jene Ambivalenz, die ein komplexes Asylsystem beinhalten kann. Das Unterstützende, so zeigt die Studie anhand der Interviews, sind im ersten Moment Privatpersonen respektive andere geflüchtete Menschen. Hier setzt dann auch folgerichtig Zitos abschließende Betrachtung an: Die interviewten Kindersoldat_innen werden in ihrer Position als „Flüchtlinge“ adressiert und es wird Kritik an der deutschen bzw. europäischen Flüchtlingspolitik geübt.

 

Zitos Studie empfiehlt sich vor allem für Personen, die nicht nur etwas über Traumatisierung sondern auch über die Lebenssituation von geflüchteten Kindern und Jugendlichen im Krieg, auf der Flucht sowie im Zufluchtsland erfahren wollen. Durch die sehr gute Lesbarkeit der Studie eignet sie sich ebenfalls für Laien, die kaum Kenntnisse der deutschen Asylpolitik, den Kriegsschauplätzen in Afrika oder der Traumatisierung von Kindersoldaten_innen haben. Durch die breite Beschäftigung mit dem Thema der Überlebensgeschichten von geflüchteten Kindersoldat_innen verschafft die Studie einen guten Über- und Einblick in die Situation und Kontextbedingungen von Kindersoldat_innen.

 

 

 

Zito, Dima: Überlebensgeschichten. Kindersoldatinnen und –soldaten als Flüchtlinge in Deutschland. Eine Studie zur sequentiellen Traumatisierung. Weinheim: Beltz Juventa, 2015. 464 Seiten, broschiert, 39,95 Euro. ISBN: 978-3-7799-3328-1


 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort von Michaela Huber ... 10

Vorwort der Autorin ... 14

 

1. Einleitung ... 17

2. Stand der Forschung ... 21

3. KindersoldatInnen als gesellschaftliches Phänomen ... 35

4. Flüchtlinge in Deutschland ... 54

5. Theoretische Rahmung: Trauma und Resilienz ... 71

6. Methodologie: Forschungskonzept und Umsetzung ... 95

7. Hintergrundinformationen ... 113

8. Aufbau des Auswertungsteils, Charakterisierung der traumatischen Sequenzen ... 135

9. Vorbedingungen ... 137

10. erste Traumatische Sequenz – Erfahrungen von Krieg und Gewalt vor der Rekrutierung ... 149

11. Zweite traumatische Sequnez – Erfahrungen als Kindersoldatinnen- und soldaten ... 157

12. Soziodemographische Merkmale ... 158

13. Rekrutierung ... 160

14. Struktur der Gruppe ... 180

15. Eigenes Handeln und die Rolle von Kindern ... 194

16. Bewältigungsprozesse zwischen Anpassung, Verweigerung und Traumatisierung ... 212

17. Form der Beendigung – Ausstieg aus bewaffneten Gruppen ... 245

18. Typische Verläufe ... 252

19. Weiter traumatische Sequnez in der Herkunftsregion ... 259

20. Flucht ... 271

21. Erfahrungen im deutschen Exil (dritte oder vierte traumatische Sequenz) ... 295

22 Belastungserfahrungen im Kontext des Asylsystems ... 296

23. Unterstützungserfahrungen ... 323

24. Lebenslage: Inklusion, Exklusion und Existenzsicherung ... 359

25. Verarbeitung: Belastung und Bewältigung ... 377

26. Zukunftsperspektiven ... 430

27. Abschließende Betrachtungen und Ausblicke ... 437

28. Zusammenfassung ... 442

 

Literatur/ Quellen

 


Traumatized child soldiers: Far away but not yet safe

 

Dima Zito’s monograph Überlebensgeschichten. Kindersoldatinnen und –soldaten als Flüchtlinge in Deutschland demonstrates the significance of the traumatic experiences of child soldiers through excerpts and quotes from the traumatized interviewees. The traumatic experiences are framed by topical elaborations and the concept of sequential traumatization by Keilson. While this study can be seen as an attempt to structure the wide range of topics around the war traumata of children, it also provides, with its broad approach, a good introduction to this complex field of research.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online