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Träume als Formen von (Welt-)Erfahrung: Künstlerischer Trieb und das Spiel mit der Wirklichkeit

Eine Rezension von



Miruna_Bacali_kreuzer_traum_erzaehlen

Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. Paderborn: Wilhelm Fink, 2014.


Stefanie Kreuzers Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst entwirft eine Typologie traumhaften Erzählens im intermedialen Vergleich. Ausgehend von Ergebnissen aus der Fiktionstheorie, sowie aus der Neurobiologie und der experimentellen Traumforschung untersucht die Autorin literarische, bildkünstlerische und filmische Werke systematisch im Hinblick auf Merkmale traumhaften Erzählens. Medienspezifika kommen dabei ebenso zum Vorschein wie die Tatsache, dass Traum und Kunst sich in vielerlei Hinsicht analog verhalten. Es gibt keinen unmittelbaren Zugang zum subjektiven Traumerlebnis und trotzdem können uns künstlerisch erschaffene Phantasiewelten wertvolle Anhaltspunkte dafür liefern, wie das überaus komplexe Phänomen des Träumens funktioniert. 



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Mit David Lynch gesprochen ist der Traum eine „Exklusivvorstellung“, die nur bei dem Träumenden selbst eine „einzigartige, nachhaltige Wirkung“ hinterlässt (Lynch, David: Lynch über Lynch, Frankfurt a. M. 2006, S. 31). Mit anderen Worten können Träume nur von einem subjektiven Ich erlebt und wahrgenommen werden. Damit zeichnet sich bereits das Problem der Vermittelbarkeit von Trauminhalten ab, so betont Kreuzer mehrfach. Wie also lassen sich Träume zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis machen? Ist es überhaupt möglich, allgemeingültige Aussagen darüber zu treffen?

 

Stefanie Kreuzer zeigt in ihrer umfassenden Studie, dass „künstlerische Darstellungen von Träumen und traumähnlichen Zuständen“ (S. 12) als Ausdruck für die Traumerfahrung gesehen werden können. Damit würden zwischen Träumen und imaginären Welten spannende Analogien existieren, die einen genaueren Blick verdienen. Die Wissenschaftlerin postuliert, dass man mittels einer deduktiven Analyse Erkenntnisse über Ähnlichkeiten zwischen Traumdarstellungen und Fiktion/Narration gewinnen kann. Angesichts der Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes bezeichnet ihn Kreuzer als idealtypisch „im Spannungsfeld von Wissen und Nicht-Wissen“ (S. 25).

 

In dieser Hinsicht begibt sich die Autorin auf unsicheres Terrain und liefert zugleich spannende Forschungsergebnisse. Insbesondere die interdisziplinäre Verknüpfung von naturwissenschaftlichen bzw. neurobiologischen Erkenntnissen zum Prozess des Träumens mit kulturwissenschaftlich-narratologischen Ansätzen verdient Beachtung. Ebenso ist die inhaltliche Dichte und Informationsfülle der Studie bemerkenswert.

 

Kreuzers Arbeit ist transmedial angelegt und entwirft eine Typologie traumhaften Erzählens, anhand derer die Spezifika der Traumdarstellung in den verschiedenen medialen Formaten (literarische Texte, bildende Kunst, Film) dargelegt werden sollen.
Vor den tatsächlichen Analysen liefert ihr beträchtlicher theoretischer Teil eine Zusammenfassung der bisherigen wissenschaftlichen Unternehmungen und des Forschungsstandes. Die Leser_innen können sich hieran mit verschiedenen Forschungs- und Deutungsansätzen vertraut machen, die Erklärungen für das Phänomen des Träumens zu liefern versuchen. Von religiösen und mythischen Interpretationsversuchen über die Psychoanalyse bis hin zur experimentellen Traumforschung wurden Träume sehr unterschiedlich bewertet: Während sie in der Aufklärung angesichts ihrer Irrationalität noch als Bedrohung galten, stellte sich in neurophysiologischen Forschungen heraus, dass sie einen positiven Ausgleicheffekt auf menschliche Emotionen haben können. Dieser Exkurs durch die Literatur- und Kulturgeschichte bietet vielfältige Perspektiven auf Träumen und Traumdarstellungen und macht insbesondere auf die philosophischen Zugänge zur Realitätskonstruktion aufmerksam (darunter insbesondere Nelson Goodman mit Ways of Worldmaking und Possible Worlds, Artificial Intelligence, and Narrative Theory von Marie-Laure Ryan). Schließlich weisen genau diese eine starke Ähnlichkeit mit traumhaften Welten auf.

 

Der nachfolgende Teil der Monographie besteht aus Einzelanalysen, die exemplarisch Einblicke in die Merkmale des traumhaften Erzählens anhand von verschiedenen Medien liefern. So prüft Kreuzer literarische Texte, Kunstwerke und Filme aus verschiedenen Epochen auf ihre Beschaffenheit hinsichtlich einer Charakteristik traumhaften Erzählens. Der Begriff des „Traumhaften“ bezieht sich in der Studie sowohl auf tatsächliche Träume, als auch auf traumaffine Zustände bzw. Bewusstseinszustände, die sie zwischen Träumen und Wachsein verortet (Tagträume, Visionen, Halluzinationen). Die Einzelanalysen zeichnen sich insgesamt durch extreme Detailhaftigkeit aus, was teilweise von den gesteckten Forschungszielen ablenkt. An der begrifflichen Präzision gibt es jedoch nichts zu bemängeln: Das theoretische Instrumentarium, bestehend aus drei distinkten Kategorien von Traumdarstellungen, wird konsequent angewendet. Die von Kreuzer vorgeschlagene Einteilung in markierte, unsichere und unmarkierte (autonome) Traumdarstellungen dient zur systematischen Untersuchung medienspezifischer Merkmale des traumhaften Erzählens. Die drei Kategorien werden durch acht verschiedene „Marker“ ergänzt: vier davon auf der inhaltlichen Ebene (wie z.B. Instabilität von Identitäten), die anderen vier auf der formalen/darstellerischen Ebene (z.B. unzuverlässiges und unentscheidbares Erzählen). Die tabellarische Auflistung dieser Merkmale jeweils am Kapitelende bietet einen zusätzlichen Überblick über das Vorkommen medienspezifischer Charakteristika.

 

Der speziellen Beschaffenheit dieses Untersuchungsgegenstandes zum Trotz: Kreuzers Studie beweist, dass sich an Träumen Rückschlüsse auf die Bedingungen von Realitätskonstruktion ziehen lassen. Genauso wie die Erzeugung von Alternativ- und Phantasiewelten, scheint das Träumen eine Art menschlichen Urtriebes darzustellen. Vor diesem Hintergrund kann es nur nachvollziehbar sein, dass uns künstlerische Traumdarstellungen Zugänge zu diesem überaus komplexen Phänomen verschaffen können.

 

 

Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. Paderborn: Wilhelm Fink 2014. Hardcover, 89 Euro, ISBN: 978-3-7705-5673-1



Inhaltsverzeichnis

 

I Wissenschaftliche Traumtheorie und künstlerische Traumdarstellung ... 11

Experimentelle Traumforschung und fiktive Welten ... 27

Fazit: Merkmale und Typologie des Traumhaften fiktiver Welten ... 82

Traum und Kunst oder Traum als Kunst? ... 93

Traumhaftes Erzählen in den Künsten ... 125


II Welt der Träume: Markierte Traumdarstellungen ... 213

Zur (Un-)Möglichkeit von Traumdarstellungen in der bildenden Kunst ... 213

Erzählte Träume ... 225

Filmische Traumwelten als Gegenwelten ... 319

Fazit: Intermedialer Vergleich markierter Traumdarstellungen ... 357


III Unsichere Grenzen: Fiktive Welten zwischen Träumen und Wachen ... 361

Irritierende Bildwelten ... 361

Textwelten zwischen Träumen und Wachen ... 372

Filmerzählungen zwischen Traum- und Wachwelten ... 460

Fazit: Intermedialer Vergleich unsicherer Traumdarstellungen ... 504


IV Traumhafte Welten: unmarkierte, „autonome“ Traumdarstellungen ... 509

Wunderbare Traumbilder im Bild ... 509

Traumhaft strukturierte erzählte Welten ... 523

Mögliche filmische Traumwelten ... 623

Fazit: Intermedialer Vergleich autonomer Traumdarstellungen ... 682


V Typologie und (Be-)Deutung traumhaften Erzählens ... 685

Anhang ... 699

Bibliographie ... 699

Filmographie ... 738

Abbildungsverzeichnis ... 742

Register ... 749

 

 

Dreams as Ways of Experiencing the World: Artistic Drive and the Game of Reality

 

Stefanie Kreuzer’s Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst draws up a typology of dream-like storytelling by means of an intermedial comparison. On the basis of results offered by fictional theory and experimental dream research, she analyses literary texts, artwork, and movies in a systematic manner, aiming at characterizing dream-like storytelling. The specifics of each media type, as well as the fact that dreams and art are similar in many ways, come to light. There is no unmediated access to the subjective dream experience – nevertheless, fantasy worlds created by art can offer us valuable insight into the functioning of this extremely complex phenomenon: dreaming.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online