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Theatralitäten – Zur Weite eines Begriffs

Eine Rezension von


 

Ulbrecht, Siegfried und Achim Küpper (Hg.): Germanoslavica – Natassa_Siouzouli_germanoslavica1Zeitschrift für germano-slawische Studien, Theatralität in Literatur und Kultur. Prag: Euroslavica, 2014 (25) 2.


Die Ausgabe von Germanoslavica diskutiert verschiedene Aspekte von Theatralität, ohne sich dabei auf eine enge Definition des Begriffs zu beschränken. Indem die Autor_innen aus unterschiedlichen Disziplinen kommen, präsentieren sie ein breites Spektrum an Forschungsgegenständen und beleuchten entsprechend die vielen Facetten des Terminus. Was sich hervorragend zeigt, ist die Art und Weise der jeweiligen – historischen, gattungsspezifischen etc. – Kontextualisierung des Begriffs, der in diesem Sinne zu einem vielschichtigen Analyseinstrument avanciert.



> Inhaltsverzeichnis           > English Abstract            

 

 

Der Begriff der Theatralität ist in den letzten Jahren und ganz besonders im Bereich der Theaterwissenschaft etwas in den Hintergrund geraten; stattdessen fand der Begriff der Performativität umso mehr Beachtung, weil er – sehr allgemein formuliert – den Fokus von der Repräsentation (bzw. der Bedeutung) auf die Präsenz (bzw. das Phänomen) des Bühnenereignisses verschiebt: das Bühnenereignis soll nicht als eine Interpretation bzw. Darstellung eines dramatischen Textes, sondern als ein eigenständiges Phänomen verstanden werden, das seine Wirklichkeit und Bedeutung im Vollzug hervorbringt.

 

Andererseits wohnt dem Theatralitätsbegriff ein gewisses Potential inne, das die Ausgabe der Zeitschrift für germano-slawische Studien Germanoslavica unter dem Titel „Theatralität in Literatur und Kultur“ auf beeindruckende Art und Weise diskutiert und präsentiert. Meines Erachtens als fruchtbare Strategie erweist sich dabei die Tatsache, dass sowohl die Herausgeber als auch die einzelnen Autor_innen auf eine (oder gar mehrere) Definition(en) von Theatralität verzichten. Dies stellt keineswegs ein Defizit der Arbeiten dar, sondern ermöglicht vielmehr eine umfangreiche Anwendung, welche den Begriff reicher werden lässt.

 

So bietet Monika Schmitz-Emans in ihrem Text „Papiertheater. Über Bühnen aus Papier, Bühnen im Buch und Pop-ups“ einen Überblick über Formen des Miniaturtheaters, das sich verschiedenartig auf Papier realisiert. Dabei betont sie den interaktiven Moment zwischen dem Papiertheater und seinem Rezipienten, der als theatraler Moment fungiert und der sich sowohl als eine didaktische als auch als eine spielerische Situation darstellt.

 

Der zweite Teil des Bandes versammelt Artikel zu verschiedenen Artikulationen von Theatralität in literarischen und historiographischen Texten des 18. und 19. Jahrhunderts. Sabine Gruber vergleicht in ihrem überaus interessanten Text „'Nun fiel es mir zum ersten Male ein, die Kirche mit dem Theater zu vergleichen' – Theaterereignisse als säkulare Erweckungserlebnisse in Autobiographik und Dichtung des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts“ die Artikulationen theatraler und religiöser Erfahrungen insbesondere autobiographischer Texte des 18. und 19. Jahrhunderts und erklärt sie historisch-situierend.

 

Achim Küpper führt in seinem für den Band zentralen Text „Der theatrale 'Korridor'. Schrift und Theatralität bei E. T. A. Hoffmann. Vom textuellen Metadrama zur theatralen Narration“ die gelungene Metapher des Zwischenraumes in Gestalt eines Korridors ein. Er interpretiert ihn – ganz speziell im Schreiben E. T. A. Hoffmanns – insofern als einen liminalen Raum von theatraler Qualität, als er stets einen labilen Übergang zwischen Text und Bühne, zwischen einer Pluralität von Stimmen aber auch zwischen Gattungen und Genres darstellt. Das spezifisch Theatrale ist hier das, was zwischen dem Gesagten/ Gezeigten und einem Verborgenen/ Latenten vermittelt.

 

Die Idee des Theaters als Zwischenraum entwickelt auch Katharina Wessely in ihrem Artikel „Die Kunst des Dazwischen. Die Brünner Kleinkunstbühne KIF 1934/35“. Sie präsentiert darin die eher kurze aber prägende Geschichte der deutschsprachigen „Kleinkunstbühne im Freien“ als einen Prozess der Öffnung oder Besetzung eines Raumes, der sich zwischen Genres, zwischen historischen Epochen und zwischen Lebensphasen (der Akteur_innen) etc. verortet. Der konkrete Theaterraum fungiert hier eher als ein Ort, der Begegnung und Interaktion auf verschiedenen Ebenen und durch verschiedene Elemente fördert.

 

Der Band offeriert ein besonders breites Spektrum an Theatralitätsbegriffen: sie umfassen Theatralität als eine bestimmte Eigenschaft von literarischen bzw. dramatischen Texten; Theatralität als Wesen des Theaters (als Theaterraum oder als Theaterspiel verstanden); Theatralität als Kategorie der semiotischen Analyse oder als Erfahrungsdimension. Die Herausgeber betonen in ihrer Einleitung, dass „[u]nter dem Begriff 'Theatralität' […] Dimensionen der Darstellung und Inszenierung verstanden [werden], deren begriffliches Inventar sich zwar aus der Welt des Dramas speist, die sich aber zugleich über dessen Grenzen hinwegsetzen und sowohl die historische Epoche als auch die jeweiligen Sprach- oder Kulturräume überschreiten.“ (S. 3). Die bezweckte Vielfalt, die auf eine produktive Vielstimmigkeit hindeutet, ist in diesem Band bestens gelungen.     

 

 

Ulbrecht, Siegfried und Achim Küpper (Hg.): Germanoslavica – Zeitschrift für germano-slawische Studien, Theatralität in Literatur und Kultur, Prag: Euroslavica, 2014 (25) 2. 215 S., broschiert, ISSN 1210-9029



Inhaltsverzeichnis

 

Theatralität in Literatur und Kultur

Siegfried Ulbrecht – Achim Küpper
Einleitung. Zur Theatralität in Literatur und Kultur ... 3

 

1. Theatralität im Medium des Buchs

Monika Schmitz-Emans
Papiertheater. Über Bühnen aus Papier, Bühnen im Buch und Pop-ups ... 12

 

2. Theatralität in Narration und Historiographie des 18. und 19. Jahrhunderts

Sabine Gruber
"Nun fiel es mir zum ersten Male ein, die Kirche mit dem Theater zu vergleichen" – Theaterereignisse als säkulare Erweckungserlebnisse in Autobiographik und Dichtung des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts ... 32

 

Alexander Jakovljević:
"Eine Würgescene fieng an…": Weltgeschichte als Bühne des Schreckens. Theatralisierung von Gewalt in Schillers Geschichtsdarstellungen ... 43

 

Achim Küpper
Der theatrale "Korridor". Schrift und Theatralität bei E. T. A. Hoffmann. Vom textuellen Metadrama zur theatralen Narration ... 68

 

3. Texttheatralität im zeitgenössischen Drama: Sprachtheorie und Theatersemiotik

Jitka Pavlišová
Texttheatralität als eine Spezifität zeitgenössischer (deutschsprachiger) Dramatik. Paradebeispiel: Ewald Palmetshofers Theatertexte ... 108

 

Herta Schmid
Dichtersprache, Werkanalyse und deutsche Traditionen in Jan Mukařovskýs Strukturalismus – mit einem Blick auf Jiři Veltruskýs Dramen- und Theatertheorie ...132

 

4. Theatralität und Theater: germano-slawische Perspektiven

Markéta Bartoš Tautrmanová
Deutsch-tschechische kulturelle Kontakte unter einem Dach. Ein Beispiel des Kulturtransfers im Ständetheater um die Mitte des 19. Jahrhunderts ... 150

 

Špela Virant
Lichteffekte und Tarockpartien: Zu Alma M. Karlins Stück Die Kringhäusler ... 165

 

Katharina Wessely
Die Kunst des Dazwischen. Die Brünner Kleinkunstbühne KIF 1934/35 ... 180

 

Friedrich Goedeking
Bis zum bitteren Ende
– Die Geschichte des Prager Deutschen Theaters von 1845 bis 1945. Jitka Ludvovás Monographie in einer deutschen Zusammenfassung ... 198

 

Verzeichnis der Mitarbeiter ... 215

 

 

Theatricalities – A Term’s Breadth

 

This volume of Germanoslavica discusses various aspects of theatricality without insisting on a constricted definition of the term. Having different academic backgrounds, the authors present a wide spectrum of research fields, highlighting the many facets of theatricality. What is excellently demonstrated is how the term is contextualized – historically, genre specifically, etc. – in each separate case. Through the selected approach, the term becomes a complex tool for analysis.

 


© bei der Autorin und bei KULT_online